Kassel, 24. September 2003
Waldfriedhof des Klinikums Weilmünster gGmbH wird offizielle Gedenkstätte
Kassel/Weilmünster (lwv): Der Waldfriedhof des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen auf dem Gelände des Klinikums Weilmünster gGmbH ist heute in einer Feierstunde zu einer offiziellen Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie" umgewidmet worden. Der Zeitpunkt der Einweihung der Gedenkstätte ist bewusst gewählt worden: Im September vor 60 Jahren wandte sich der Kaplan Walter Adlhoch öffentlich gegen die Ermordung der Menschen in der damaligen Landesheilanstalt Weilmünster. „Auch wenn der zeitliche Abstand zu den Worten Walter Adlhochs immer größer wird und wir uns heute nicht mehr vorstellen können, dass sich die grauenvollen Ereignisse wiederholen könnten, müssen wir dennoch die Erinnerung wach halten. Es ist gut, dass mit dieser Gedenkstätte die Opfer in Weilmünster nun ihre Namen erhalten und ihre Lebensgeschichte auch für die Nachwelt dokumentiert wird", so LWV-Landesdirektor Lutz Bauer während der Feierstunde.
Der heutige Gedenkfriedhof für die Opfer der NS-„Euthanasie" gehört seit Anbeginn zur Einrichtung in Weilmünster. Bis zum Dezember 1996 wurden hier verstorbene Patientinnen und Patienten noch beerdigt, wenn ihre Angehörigen sie nicht in ihren Heimatgemeinden bestatten ließen. Auch Gräber von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern finden sich auf dem Gelände. Der Friedhof als Gedenkstätte dokumentiert nun die wechselvolle Geschichte des Krankenhauses. Während des Ersten Weltkriegs starben viele Patientinnen und Patienten der Landesheil- und Pflegeanstalt Weilmünster an mangelnder Ernährung, fehlender Beheizung und schlechter Versorgung. Während des Nationalsozialismus gehörten auch psychisch kranke und behinderte Menschen zu den Verfolgten des NS-Regimes. Sie wurden zwangssterilisiert, litten unter Nahrungsentzug, mangelnder Pflege oder auch Überbelegung. In einigen Kriegsjahren starben 40 – 50 % der Patientinnen und Patienten. Im Rahmen der sog. „Aktion T 4" war Weilmünster eine der größten Zwischenanstalten. Von hier aus wurden die Patienten in Bussen gesammelt und in eine der sechs großen Mordanstalten gefahren. Allein von Januar bis August 1941 wurden 2.595 Patientinnen und Patienten aus Weilmünster nach Hadamar „verlegt" und in den Gaskammern umgebracht. Nach dem Ende der „Aktion T 4" hörten die Morde an den kranken und behinderten Bewohnerinnen und Bewohnern der Landesheilanstalt Weilmünster allerdings nicht auf. Die Mittel, die zum Tod der Bewohnerinnen und Bewohner führten, waren u. a. Misshandlungen und todbringende Therapierungen.
Seit 1991 erinnert ein Gedenkstein auf dem Friedhofsgelände an die in Weilmünster ermordeten Opfer der nationalsozialistischen Krankenmordaktionen. Auf Initiative des Klinikum-Arbeitskreises „Geschichte und Aktualität" sind nun auf diesem Friedhof alle Namen der mehr als 3.100 hier beerdigten NS-Opfer dokumentiert. Außerdem sind auf den verschiedenen Gräberfeldern des Friedhofs Tafeln mit den Biografien einiger der Opfer angebracht.
Menschen, die vermuten, dass Angehörige von ihnen auf diesem Friedhof bestattet sind, haben die Möglichkeit, sich an das Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes in Kassel zu wenden und dort nähere Informationen zu erhalten:
LWV Hessen
- Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen –
Kölnische Straße 30
34117 Kassel
Tel.: 05 61 / 10 04 – 22 77
Fax: 05 61 / 10 04 – 12 77
Mit seiner Gründung war die Einrichtung in Weilmünster von 1897 bis 1921 zunächst Heil- und Pflegeanstalt, bis 1933 Sanatorium. Von 1933 bis 1945 war das Klinikum Landesheilanstalt und teilweise Lazarett. Ab 1946 wurde es überwiegend als Kinderkurheim genutzt. Nach der Übernahme durch den LWV richtete der Verband nach umfangreichen Umbauarbeiten 1963 ein Psychiatrisches Krankenhaus ein. 1998 wurde das Klinikum Weilmünster zur gemeinnützigen gGmbH. Zur Einrichtung gehören eine Klinik für Neurologie, eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, eine Klinik für Stimm- und Spracherkrankungen sowie die Heilpädagogische Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung „Walter-Adlhoch-Heim".








