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Kassel, 23. November 2003

LWV-Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie" wird 20 Jahre alt


Kassel/Hadamar (lwv): Vor genau 20 Jahren wurde in Hadamar die erste Ausstellung zu den NS-„Euthanasie"-Morden in der früheren Heilanstalt eröffnet. Daran erinnerte heute eine Feierstunde in der Gedenkstätte, auf der u. a. Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, LWV-Landesdirektor Lutz Bauer und der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten zur NS-Zeit in Hessen, Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar sprachen. In der NS-Zeit wurden in der damaligen Landesheilanstalt Hadamar mehr als 15.000 geistig behinderte und psychisch kranke Menschen durch Gaseinsatz, durch medikamentöse Überdosen, schlechte Ernährung und fehlende medizinische Versorgung getötet.

Durch seine Gedenkstättenarbeit in Hadamar und an anderen Orten habe sich der LWV bereits bei seiner Gründung vor 50 Jahren den grausamen Geschehnissen, die in den Einrichtungen zweier Rechtsvorgänger stattfanden, zugewandt. „Die Gedenkstättenarbeit, wie wir sie an wichtigster Stelle in Hadamar praktizieren, scheint mir die einzig mögliche und vertretbare Form eines aufklärerischen und nach vorne weisenden Umgangs mit unserer deutschen Geschichte zu sein", sagte LWV-Landesdirektor Lutz Bauer in seinem Redebeitrag. Wirkliche Aufklärung könne nur dann glaubwürdig geleistet werden, wenn sie ohne Relativierungen und untaugliche Vergleiche auskomme, stellte Bauer klar.

Zu einer solchen Bewertung kam auch Staatssekretär Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard: „Dass die in den vergangenen 20 Jahren hier in Hadamar organisierte Bildungsarbeit mit Nachdruck fortgesetzt werden muss, dass wir uns das unvorstellbare Leid der Menschen auch 58 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur immer wieder vor Augen führen müssen, das beweisen nicht nur die Bemerkungen gewisser Politiker in unserem Lande in den vergangenen Wochen."

Bauer erinnerte in seinem Beitrag auch an die Gründung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen vor 50 Jahren, dem zahlreiche Aufgaben der „sozialen Fürsorge" übertragen wurden, darunter auch Heilanstalten, die in das menschenverachtende Programm der NS-„Euthanasie"-Morde eingebunden waren. Der LWV habe in dieser Zeit einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes und der Hessischen Verfassung mit Leben zu erfüllen. Die Gründung des LWV 1953 könne auch als Reflex auf diese schreckliche Periode der deutschen Geschichte gesehen werden. Der LWV habe mit seiner Gründung an humane Traditionen in der Fürsorge und Hilfe für behinderte und kranke Menschen angeknüpft, so der LWV-Chef weiter.

Heute halte die Gedenkstätte unter ihrem Leiter, Dr. Georg Lilienthal, eine Vielzahl von zeitgemäßen pädagogischen Angeboten bereit, was durch eine wachsende Anzahl von Besuchern belegt werde: Von 3.600 Besuchern im Jahr 1989 sei die Zahl auf 11.400 Gäste im vergangenen Jahr angestiegen, mehr als 100.000 Menschen seien bisher Gast der Gedenkstätte gewesen. Grund dafür sei unter anderem, dass sich die Gedenkstätte in ihrer Bildungsarbeit wichtigen, auch aktuellen Themen (z. B. Bioethik oder Umgang mit behinderten Menschen heute) wie auch neuen Zielgruppen (Kinder, Menschen mit geistigen Behinderungen) zuwende.

Seinen Dank richtete Bauer an zwei der Gedenkstätte besonders verbundene Institutionen: Der „Verein zur Förderung der Gedenkstätte Hadamar e. V." und die im selben Haus ansässige „Internationale Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte" des Internationalen Bundes (IB) unterstützten und ergänzten die Arbeit der Gedenkstätte in wichtigen Feldern.



Chronologie der Gedenkstätte Hadamar

  • 13. März 1953
    Im Eingang des Hauptgebäudes der damaligen Landesheilanstalt Hadamar enthüllt der Landesrat und spätere Zweite Landesdirektor des LWV, Dr. Friedrich Stöffler, ein Relief zum Gedenken der rund 15.000 Opfer der NS-„Euthanasie"-Morde . Die Gedenktafel gilt als das erste derartige Mahnmal in Deutschland. Mit dieser Enthüllung beginnt in Hadamar das offizielle Gedenken der NS-„Euthanasie"-Opfer.

  • 1964
    Umwandlung des Anstaltsfriedhofs, auf dem die 3.000 – 4.000 Opfer aus der zweiten Mordphase (1942 – 1945) bestattet sind, in eine Gedenkstätte mit Mahnmal und symbolischen Grabsteinen. Der Gedächtnisort wird vom damaligen Kirchenpräsidenten Martin Niemöller eingeweiht.

  • 23. November 1983
    Räume im Keller der früheren Anstalt, die Teil der Tötungsanlage waren, werden für die Öffentlichkeit mit einem Symposium geöffnet. Eine provisorische Ausstellung dokumentiert die grausamen Taten.

  • 1989
    Im Erdgeschoss des ehemaligen Hauptgebäudes werden der Gedenkstätte Hadamar Ausstellungs-, Film- und Seminarräume, Archiv, Bibliothek und Büros zur Verfügung gestellt.

  • 1991
    Die neue Dauerausstellung wird eingeweiht.

  • 1995
    50 Jahre Kriegsende: In der Gedenkstätte kommen Erzählkreise von Zeitzeugen zusammen, amerikanische Dokumentaraufnahmen werden erstmalig vorgeführt.

  • 1997
    Eine große Kulturnacht mit zahlreichen Veranstaltungspartnern würdigt den 59. Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938.

  • 1998
    Schüler lassen 10.073 schwarze Luftballons, die der Anzahl der in der Gasmordphase in Hadamar ermordeten Menschen, entsprechen, in den Himmel aufsteigen.

  • 2000
    Zur Eröffnungswoche der „Karawane 2000", einem internationalen Projekt für Menschen mit und ohne Behinderung, kommen 2.000 Besucher/innen in die Gedenkstätte.

  • 2002
    Als einzigem Archiv in Europa werden dem Archiv des LWV in Hadamar 15 Videobänder mit Interviews überlebender Opfer von NS-Psychiatrie-Verbrechen durch die amerikanische Shoah Foundation des Regisseurs Steven Spielberg übergeben.