Wege und Ziele der Psychiatrie in Marburg an der Lahn
Ausstellung im Zentrum für Soziale Psychiatrie Mittlere Lahn
- Standort Marburg -
Ausstellungstexte mit Kurzbeschreibung der Abbildungen auf den Tafeln
Tafel 1
Wege und Ziele
der Psychiatrie in Marburg an der LahnChronik:
ab 1806: Vergebliche Bemühungen in Kurhessen um Einrichtung einer Irrenheilanstalt
1867 (16. September): Auftrag Preußens nach der Annexion Kurhessens (1866) an den kommunalständischen Verband in Kassel, eine Irrenheilanstalt zu errichten und unterhalten
1871 (4. Juli): Standortbeschluss des Kommunallandtags Kassel zugunsten Marburgs
1872 (15. August): Genehmigung des Bauplans und anschließender Baubeginn
1874 (1. Oktober): Amtsantritt des ersten Direktors, Prof. Dr. Heinrich Cramer (1877 Verbindung von Anstaltsleitung und Professur für Psychiatrie der Universität Marburg)
1876 (7. Juni): Eröffnung der "Irrenheilanstalt Marburg"; Aufnahme der ersten Kranken
1893 (12. Dezember): Amtsantritt des zweiten Direktors, Prof. Dr. Franz Tuczek (offiziell Ernennung am 12. Februar 1894)
1901: Umbenennung in "Landesheilanstalt Marburg"
ab 1905: Erweiterungsphase; Bezug zusätzlicher Gebäude (bis 1910)
1914 (1. Oktober): Amtsantritt des dritten Direktors, Prof. Dr. Maximilian Jahrmärker (offiziell ab 1. April 1915)
1914: nach Beginn des Ersten Weltkriegs Einrichtung eines Reservelazaretts in Anstaltsgebäuden (bis Ende März 1921)
1915 (24. Oktober): Einweihung der neu erbauten evangelischen Anstaltskirche
ab 1915: Hungersterben im Ersten Weltkrieg (deutlich erhöhte Sterberaten bis 1919; Höchststand 1918 mit 15,1 Prozent)
1919 (März): Trennung von Universitätsprofessur und Anstaltsleitung; Übernahme des Ordinariats durch Prof. Dr. Robert Wollenberg
1920: Überlegungen des Trägers zur Anstaltsschließung wegen stark gesunkener Belegung infolge des Hungersterbens
ab 1934: Zwangsweise Sterilisation mehrerer hundert Patientinnen und Patienten aufgrund rassenhygienischer Gesetzgebung im Nationalsozialismus (überwiegend bis 1939; möglicherweise bereits ungesetzliche Sterilisationen ab 1931)
1937 (1. April): Amtsantritt des vierten Direktors, Prof. Dr. Albrecht Langelüddeke
ab 1937: deutliches Ansteigen der Sterblichkeit durch Mangelernährung (1942: Sterberate von 17,8 Prozent); viele Opfer des Hungersterbens
1939 (26. August): Einrichtung eines Wehrmachtslazaretts in Anstaltsgebäuden (bis 1945)
1940 (ab Juni): Erfassung der Patientinnen und Patienten auf Meldebogen für die Krankenmordorganisation "T4" (bis August 1940)
1940 (September): Verlegung der acht jüdischen Patientinnen und Patienten über die Anstalt Gießen zur Ermordung in der Mordanstalt Brandenburg
1940 (November): Einrichtung eines Kriegsgefangenenlagers in Anstaltsgebäuden für ein Arbeitskommando der Dynamit AG Allendorf (bis 15. Juni 1942)
1941 (ab 28. April): Verlegung von 237 Patientinnen und Patienten im Rahmen der NS-Krankenmorde in andere Anstalten (bis 5. September; bis auf 3 wurden alle Verlegten bis Kriegsende Opfer der Mordaktion, 210 von ihnen 1941 in der Gasmordanstalt Hadamar)
1944 (ab 14. Juni): Verlegung von 17 Zwangsarbeitskräften in die Anstalt Hadamar (Verlegungen bis 29. September 1944; Ermordung in Hadamar oder Weiterverlegung mutmaßlich in andere Mordanstalten)
1945: Beschlagnahme der Anstalt zur Einquartierung von US-Truppen (bis Januar 1947)
1946 (7. Januar): Entlassung von Direktor Langelüddeke auf Veranlassung der US-Militärregierung wegen NS-Mitgliedschaften (1949 bis 1954 wieder im Dienst, jedoch nur als leitender Arzt); Gesamtleitung unterdessen durch Verwaltungsdirektor Schneider
1947 (1. Mai): Einrichtung eines Landeserziehungsheims für weibliche Jugendliche in einem Gebäude (bis 18. März 1952)
1947 (2. Juni): Einrichtung einer Landeslungenheilstätte in mehreren Gebäuden (bis 31. März 1951)
1947 (1. Juli): Einrichtung eines Gefangenenhospitals in einem Gebäude (bis 31. Dezember 1952)
1949 (November): Einzug der "Abteilung für klinische Psychiatrie und Konstitutionsforschung" des "Max-Planck-Instituts für Hirnforschung" in einem Gebäude (bis 15. Oktober 1958)
1953: Gründung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (neuer Träger)
1955 (1. Juni): Amtsantritt des fünften Direktors, Prof. Dr. Werner-Joachim Eicke
1957: Umbenennung in "Psychiatrisches Krankenhaus Marburg"
1974: zusätzliche Einrichtung der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Lahnhöhe; Direktor dort Dr. Heinrich Koch (bis 1977)
1976: Amtsantritt des sechsten Direktors (Psychiatrisches Krankenhaus), Prof. Dr. Ernst Walter Fünfgeld
1979 (1. Januar): Amtsantritt der Direktorin (Klinik Lahnhöhe), Prof. Dr. Iris Dauner (bis 1995)
1983 (8. Juni): Beschluss dualer Leitungen; Eintritt des Verwaltungsleiters (später kaufmännischer Direktor) Hans-Dieter Kosinowski in die Betriebsleitungen (Psychiatrisches Krankenhauses und Klinik Lahnhöhe)
1985 (1. Mai): Amtsantritt des siebten ärztlichen Direktors (Psychiatrisches Krankenhaus), Dr. Walter Thomas Kanzow
1989 (1. August): Eintritt des Leiters der Pflegedienstes (ab 1. Februar 1994 Pflegedirektor) in die kollegiale Betriebsleitung: Heinz Becker (Psychiatrisches Krankenhaus, bis 1997), Friedhelm Grosch (Klinik Lahnhöhe, dort bis 1997)
1993 (13. Oktober): Beschluss des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen zur "Enthospitalisierung" (Auflösung von Langzeitbereichen)
1994 (1. Februar): Umgestaltung von Krankenhaus und Klinik Lahnhöhe zu Eigenbetrieben
1995 (19. Juli): Verurteilung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen zur Schmerzensgeldzahlung von 500.000 DM (wegen Freiheitsentziehung/Gesundheitsschäden) an den lange in Marburg untergebrachten Klaus-Peter Löser
1997 (1. September): Amtsantritt von Friedhelm Grosch als Pflegedirektor (Psychiatrisches Krankenhaus, seit 15. Juni 2000 auch Klinik Lahnhöhe)
1998 (28. Juli): Bildung des "Zentrums für Soziale Psychiatrie Marburg-Süd" mit den beiden bisherigen Einrichtungen und dem Wohn- und Pflegeheim (Therapeutischer Leiter Claus Solbach) als Betriebsteilen; Betriebsleiter insgesamt Hans-Dieter Kosinowski
1999 (1. Januar): Amtsantritt des Betriebsleiters und kaufmännischen Direktors Siegfried Hüttenberger
1999 (1. März): Amtsantritt des ärztlichen Direktors (Klinik Lahnhöhe), Dr. Christian Wolf
2001: 125-Jahrfeier der Einrichtung
Die Irrenheilanstalt Marburg war die erste psychiatrische Einrichtung Deutschlands in Pavillonbauweise: Einzelgebäude, Pavillons, verteilten sich in einem Park. Bis dahin bestanden solche Anstalten aus einem Gebäudekomplex - durch Korridore verbunden oder kasernenartig um einen Innenhof angeordnet. Das neue Pavillonsystem imitierte das Ideal der ländlichen Idylle, um so den Patientinnen und Patienten einen heilsamen und erholsamen Aufenthalt zu ermöglichen. Bezug nehmend auf das Konzept der "agricolen Colonie" wird die Bauweise auch als Kolonialstil bezeichnet.
[Abbildung: Zeichnung]
Abbildung der Irrenheilanstalt Marburg aus der Vogelschauperspektive, nach einer 1873/74 durch Baumeister Wilhelm Brüning erstellten Planzeichnung
(Hess. Staatsarchiv Marburg, Slg 7 Meschede d 158)
[Abbildung: Lageplan]
Die Landesheilanstalt Marburg, 1910
(aus: Tuczek, Die Landesheilanstalt Marburg i. H., in: Deutsche Heil- und Pflegeanstalten für Psychischkranke in Wort und Bild, Halle a. S. 1910)
[Abbildung: Lageplan]
Das Zentrum für Soziale Psychiatrie Marburg-Süd, 1999
(Grafik: Prinz und Partner, Marburg)
[blau] Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
[gelb] Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Lahnhöhe
[rot] Wohn- und Pflegeheim für Menschen mit seelischer Behinderung
Heutige Gebäude nach den Bezeichnungen ab 1999:
Haus 1
Neubau. Station Allgemeine Psychiatrie. Vor 1999 (ebenfalls) Gebäude Nr. 1. Teilweise erbaut an der Stelle des ehemaligen Hauses "Männer I", "Abteilung für gesellschaftsfähige und gebildete Kranke" (so genanntes "Pensionat"), dieses erbaut bei der Gründung; im Zweiten Weltkrieg ab 1940 genutzt als Teil des Wehrmachtslazaretts.
Haus 2
Neubau. Allgemeine Psychiatrie, Stationen A bis C. Vor 1999 Gebäude Nr. 14.
Haus 3
Allgemeine Psychiatrie, Tagesklinik und Ambulanz. Vor 1999 Gebäude Nr. 13. Ursprünglich Haus "Frauen I", "Abteilung für gesellschaftsfähige und gebildete Kranke" (so genanntes "Pensionat"), erbaut bei der Gründung.
Haus 4
Abhängigkeitserkrankungen, Station A und B, Tagesklinik und Ambulanz. Vor 1999 Gebäude Nr. 12. Ursprünglich Haus "Frauen II", "Aufnahme und Wachabteilung für Halbruhige", erbaut bei der Gründung, erweitert Anfang des 20. Jahrhunderts.
Haus 5
Betriebsleitung, Verwaltungsdirektion des Zentrums für Soziale Psychiatrie, Verwaltung, Ärztliche Direktion der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Vor 1999 Gebäude Nr. 116. Ursprünglich ebenfalls Verwaltungsgebäude, erbaut bei der Gründung.
Haus 6
Casino, Konferenz. Vor 1999 Gebäude Nr. 117. Ursprünglich Küchengebäude mit Festsaal, erbaut bei der Gründung.
Haus 7
Krankenpflegeschule. Vor 1999 Gebäude Nr. 111. Ursprünglich Haus "Frauen III", "Abteilung für teilweise bettlägerige, nicht wachebedürftige Kranke", erbaut bei der Gründung; ab 1942 genutzt als Teil des Wehrmachtslazaretts.
Haus 8
Vor 1999 Gebäude Nr. 2. Ursprünglich Haus "Männer II", "Aufnahme und Wachabteilung für Halbruhige", erbaut zur Gründungszeit, nach einem Brand (1907) im Jahr 1908 verändert wiederaufgebaut.
Haus 9
Pflegedirektion der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Physiotherapie. Vor 1999 Gebäude Nr. 3. Ursprünglich Haus "Männer VII", "Aufnahme und Wachabteilung für Unruhige", erbaut 1907; 1947 bis 1952 genutzt als "Gefangenenhospital".
Haus 10
Neubau. Ergotherapie. Vor 1999 Gebäude Nr. 118. Erbaut an der Stelle des ehemaligen Hauses "Männer VIII", "Abteilung für teilweise bettlägerige, nicht wachebedürftige Kranke" (mit einem Flügel als "Isolierabteilung für Infektionskrankheiten"), dieses erbaut 1910; 1947 bis 1952 genutzt als Landeserziehungsheim für weibliche Jugendliche.
Haus 11
Teilweise Neubau. Station Neurologische Frührehabilitation, Cafeteria. Vor 1999 Gebäude Nr. 8. Altbauteil war ursprünglich Haus "Männer V", "Abteilung für chronische Kranke (Arbeiterkolonie)", erbaut bei der Gründung; im Zweiten Weltkrieg 1940 bis 1942 genutzt als Kriegsgefangenenlager der Dynamit AG Allendorf, ab 1942 als Teil des Wehrmachtslazaretts; 1949 bis 1958 als Abteilung des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung. Für diese Abteilung wurde auch der Neubauteil des Hauses errichtet.
Haus 12
Gerontopsychiatrie, Tagesklinik und Ambulanz. Vor 1999 Gebäude Nr. 9. Ursprünglich Haus "Frauen V", "Abteilung für Rekonvaleszenten", erbaut bei der Gründung; im Zweiten Weltkrieg 1941 bis 1942 genutzt als Teil des Kriegsgefangenenlagers der Dynamit AG Allendorf, ab 1942 als Teil des Wehrmachtslazaretts, 1947-1951 genutzt als Teil der Landeslungenheilstätte.
Haus 13
Neubau. Station Gerontopsychiatrie. Vor 1999 Gebäude Nr. 15.
Haus 14
Teilweise Neubau. Wohn- und Pflegeheim. Vor 1999 Gebäude Nr. 10. Altbauteil war ursprünglich Haus "Frauen IV", "Abteilung für chronische Kranke (Arbeiterkolonie)", erbaut bei der Gründung.
Haus 15
Teilweise Neubau. Hauptgebäude der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Lahnhöhe, Stationen A, B, C und D. Vor 1999 Gebäude Nr. 101 bzw. Klinik Lahnhöhe, Gebäude P1, P2, P3 und P4. Das heutige Eingangsgebäude war ursprünglich Haus "Frauen VI", "Aufnahme und Wachabteilung für Unruhige", erbaut 1905; 1947-1951 genutzt als Teil der Landeslungenheilstätte. Die heutige Station D war größtenteils ursprünglich Haus "Frauen VII", "Aufnahme und Wachabteilung für Unruhige", erbaut 1907; 1947-1951 ebenfalls genutzt als Teil der Landeslungenheilstätte.
Haus 16
Neubau. Klinik Lahnhöhe, Ärztliche Direktion, Pflegedirektion, Ambulanz. Vor 1999 Gebäude Nr. 136.
"Bauleitung"
Vor 1999 Gebäude Nr. 115. Ursprünglich Teil des Verwaltungsgebäudes.
"Zentrallager"
Vor 1999 Gebäude Nr. 119 (ebenfalls Lagerhaus).
"Kapelle"
Katholische Kapelle. Vor 1999 Gebäude Nr. 120. Ursprünglich Leichenkapelle, mindestens seit 1878 genutzt für katholische Gottesdienste.
"Cappeler Str. 70"
Heute organisatorisch nicht mehr Teil des ZSP Marburg-Süd (seit 1993 verpachtet an den Verein Soziale Hilfe Marburg für das Betreute Wohnen. Zuletzt Gebäude Nr. 4. Ursprünglich "Oberpflegerwohnhaus", dieses erbaut 1907/08.
Gebäude "Schulung"
Vor 1999 Gebäude Nr. 7. Ursprünglich Haus "Männer IV", "Abteilung für Rekonvaleszenten", erbaut bei der Gründung.
"Heizzentrale"
Vor 1999 Gebäude Nr. 124 (ebenfalls Heizzentrale). In den 1960er Jahren erbaut an der Stelle der ursprünglichen "Öconomie"- (Landwirtschafts-) Gebäude.
"Gärtnerei"
An der Stelle der ursprünglichen Gärtnerei.
"Kirche"
Evangelische Kirche. Vor 1999 Gebäude Nr. 126. Als evangelische Anstaltskirche erbaut 1913/14, eingeweiht 1915.
"Personalwohnheim"
Neubau. Früher zum Teil "Schwesternwohnhaus", zum Teil Gebäude Nr. 16.
"Wäscherei"
Vor 1999 Gebäude Nr. 134. Ursprüngliches Waschhaus.
Weitere, auf der Skizze von 1910 aufgeführte Gebäude:
"Directorwohnung"
Existiert nicht mehr. War erbaut bei der Gründung.
"Abth. M VI"
Haus "Männer VI", "Aufnahme und Wachabteilung für Ruhige", erbaut 1908. Lag zwischen den heutigen Häusern "Schulung" und Haus 10, existiert heute nicht mehr; in der Nachkriegszeit während der Beschlagnahme der Anstalt durch die US-Armee angeblich teilweise genutzt als Bordell.
"Beamtenwohnhaus"
Vor 1999 Gebäude Nr. 121.
"Eishaus"
Existiert nicht mehr. Das Gebäude an der Stelle des früheren Eishauses war vor 1999 Gebäude Nr. 122.
"Kegelbahn"
Existiert nicht mehr.
"Kesselhaus"
Existiert nicht mehr. Wurde in den 1960er Jahren ersetzt durch die neue Heizzentrale an anderer Stelle des Geländes.
"Wärterhaus"
Neben dem heutigen Haus 16. Vor 1999 Gebäude Nr. 135.
"Brunnenhaus"
Existiert nicht mehr.
Tafel 2
Gründung
Der Weg bis zur Eröffnung der "Irrenheilanstalt Marburg" (1876) verlief nicht geradlinig. Es bedurfte mehrerer Anläufe, bis die Gründung der Heilanstalt für Menschen mit psychischen Krankheiten gelang.Zur Pflege von Menschen, die dauerhafter Betreuung bedurften, dienten im Kurfürstentum Hessen die Landeshospitäler Haina bei Frankenberg und Merxhausen bei Kassel - beide schon 1533 von Landgraf Philipp dem Großmütigen gestiftet. Aber die Schaffung einer Anstalt zur Heilung psychisch kranker Menschen gelang trotz mehrerer Anläufe nicht. Bereits 1840 war Marburg als Standort im Gespräch, doch es gab auch Gegenstimmen. Nach Streitigkeiten über Ort und Konzeption stand Kurhessen 1866 als einziger deutscher Staat ohne "Irrenheilanstalt" da.
[Abbildung: Stich]
Hospital Haina, Stahlstich von Winkles
(aus: "Das Kurfürstenthum Hessen in malerischen Ansichten", Darmstadt 1850)
[Abbildung: handschriftliches Dokument]
"Keine Irrenheilanstalt in Marburg!", Schreiben des Dr. Rothamel aus Abterode vom 5. August 1840, 1. Abschnitt:
"Gewiss! der Arzt vermag mit seiner Arzenei
Die kranke Seele nicht zu heilen von dem Wahn,
Und tief in ihr verwurzelten Gedanken nicht
Die schwer erkrankten Denkorgane zu befrei'n; -
Denn wo ein krankes, quälendes Gewissen, ach!
Und Leidenschaft, Af[f]ect und krankgeword'ner Trieb [...]"
(Hess. Staatsarchiv Marburg, Bestand 17 i 2412)
1866 wurde Kurhessen von Preußen annektiert und als Regierungsbezirk Kassel in das Königreich integriert. Preußen trieb die Gründung der Heilanstalt voran und beauftragte damit den neugegründeten "kommunalständischen Verband des Regierungsbezirks Kassel". Dieser fand seinen Sitz im Kasseler Ständehaus, ebenso seine Organe: der Kommunallandtag als parlamentarische Vertretung, der ständische Verwaltungsausschuss und der Landesdirektor als Spitze der Verwaltung. Der Landesdirektor favorisierte lange die Ansiedlung der Irrenheilanstalt in seiner unmittelbaren Nähe - in Kassel.
[Abbildung: Stich]
Das "Palais der Stände" (Ständehaus) in Kassel, colorierter Stich, 19. Jahrhundert
(LWV-Archiv-Kartensammlung)
[Abbildung: handschriftliches Dokument]
Protokollauszug der Sitzung des ständischen Verwaltungsausschusses in Kassel vom 27. April 1869: Beschluss, "1. die zur Errichtung einer Irrenanstalt nöthigen Vorarbeiten einer besonderen Commission unter dem Vorsitz des Landesdirektors zu übertragen, welchem die Wahl der Mitglieder aus in diesem Fach bereits erfahrenen Sachverständigen überlaßen wird, 2. bei dem aufzustellenden Plan nur eine Anstalt - nicht eine Hauptanstalt an einem noch zu bestimmenden Orte und eine kleinere Anstalt in der Nähe der Universität - ins Auge zu faßen [...]"
(Hess. Staatsarchiv Marburg, Best. 220 Nr. 377, S. 46)
[Abbildung: handschriftliches Dokument]
Schreiben des Landesdirektors Philipp Freiherr v. Wintzingerode vom 28. April 1870, Abschrift, Auszug:
"Aus folgenden Gründen bin ich für Erbauung der Irrenanstalt in der Nähe von Cassel:
1., weil erfahrungsmäßig große, über gewöhnlichen bäuerlichen und kleinbürgerlichen Verhältnissen stehende, Bauten rascher und billiger in der Nähe einer großen Stadt gefördert werden;
2., weil die erforderlichen besonderen kunstmäßigen Einrichtungen (z. B. Wasserleitungen, Bäder, Aborte, Kloaken, Ventilationen, Luft- und Wasserheizungen, Dampfapparate u. dergl.) bei einer großen Stadt leichter zu beschaffen und was vorzugsweise zu beachten, nur hier auf sachverständige Arbeiter gerechnet werden kann, welche erforderliche Reparaturen gut und schnell vorzunehmen im Stande sind; [...]"
(LWV-Archiv, Bestand 16 Nr. 312)
Die Universität Marburg plädierte engagiert für eine Ansiedlung der "Irrenheilanstalt" in ihrer Nähe. Dieses Votum, das auch die preußische Staatsregierung unterstützte, gab letztlich den Ausschlag für die Ortswahl. Am 4. Juli 1871 beschloss der Kommunallandtag des Regierungsbezirks Kassel die Errichtung der "Irrenheilanstalt" in Marburg an der Lahn. Auch die Stadt Marburg hatte sich bemüht, die Ansiedlung am Ort durch einen Zuschuss von 25.000 Talern zu fördern, was den Widerspruch einiger Bürger hervorrief. Nach langer Suche fiel die Wahl auf ein Grundstück nahe des Glaskopfs im Süden der Stadt, am damaligen "Cappeler Landweg".
[Abbildung: gedrucktes Titelblatt]
"Votum der medicinischen Facultät zu Marburg", Titelseite des Exemplars für Landesdirektor v. Wintzingerode mit dessen Vermerk "15/4 [18]70 von Prorector Prof. Mangold mir übergeben. v[on] W[intzingerode]" sowie Seite 14.
(Hess. Staatsarchiv Marburg, Best. 220 Nr. 377)
[Abbildung: gedrucktes Protokoll]
Verhandlungen des Communallandtags für den Regierungsbezirk Kassel vom 20. Juni bis 8. Juli 1871 (Dritter Communallandtag), Kassel o. J., hier 7. öffentliche Sitzung am 4. Juli 1871.
[Abbildung: Zeitungsausschnitt]
Erlass der Königlichen Regierung von Preußen vom 15. Oktober 1873, mitgeteilt durch den Marburger Oberbürgermeister August Rudolph
(Oberhessische Zeitung vom 24. Oktober 1873, auch in: Hess. Staatsarchiv Marburg, Best. 220 Nr. 402)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Postkartenfoto]
Blick vom Glaskopf ins Lahntal, Fotografie o. J.
(LWV-Archiv-Fotosammlung, Marburg o. S.)
[Abbildung: Stadtplan]
Plan der Stadt Marburg, 1927
(Stadtarchiv Marburg)
Die "Irrenheilanstalt" (inzwischen "Landesheilanstalt") befindet sich am linken (= südlichen) Rand des Planes.
Tafel 3
Heilen - lehren - forschen
Wegen ihrer Spezialisierung auf die Heilung psychischer Krankheiten orientierte sich die Marburger Anstalt explizit an den Konzepten der noch jungen Disziplin Psychiatrie. Die Marburger Universität nutzte die Anstalt als Institution ihrer psychiatrischen Lehre und Forschung.Die Psychiatrie emanzipierte sich erst im 19. Jahrhundert als medizinische Disziplin. Das englische Konzept des "no-restraint" ("kein Zwang") bestimmte den Bau der Marburger Heilanstalt: keine Anstaltsmauern und vergitterten Fenster, keine separaten "Tobsuchtsabteilungen". Der erste Direktor Prof. Dr. Heinrich Cramer nannte die Anstalt die "freieste Anlage in Deutschland". Bereits um 1900 aber rückte sein Nachfolger Prof. Dr. Franz Tuczek von diesen Reformziel ab. Er verstärkte die Überwachung der Kranken und richtete gesonderte "Unruhigenabteilungen" ein.
[Abbildung: gedruckter Text]
Textausschnitt aus: Ludwig Meyer, Das ärztliche System der Marburger Irrenanstalt
(aus: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, 7. Bd. 1876, H. 1, S. 224-230, hier S. 225)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Postkartenfoto (Außenaufnahme)]
Haus "Frauen VII", 1907 erbaut als "Aufnahme und Wachabteilung für Unruhige" (heute Station D im Haus 15 / Klinik Lahnhöhe), Postkarte ca. 1920er Jahre
(LWV-Archiv-Fotosammlung, 016-0031)
Schon die erste Marburger Universitätsklinik verfügte Mitte des 19. Jahrhunderts über zwei "Irrenzimmer", bot aber nur eingeschränkte Möglichkeiten der Therapie. Die 1876 eröffnete Irrenheilanstalt sollte dann ausdrücklich der Behandlung "heilbarer Kranker" gewidmet sein. Die Universität forderte die neue Heilanstalt als Unterrichtsort für ihre Medizinstudenten im Fach Psychiatrie.
[Abbildung: Grundrissskizze]
Ausschnitt (Erdgeschoss) aus einem "Handriß über das Landkrankenhaus zu Marburg", vor 1858
(Hess. Staatsarchiv Marburg, Best. 310 Acc. 1900/34).
Das Landkrankenhaus am Pilgrimstein nahe der Elisabethkirche war zugleich "Akademisches Krankenhaus" und damit die Universitätsklinik. Eingezeichnet sind u. a. die "Irrenzimmer Nr 1." und "Nr 2." im nordöstlichen Bereich (oben links) sowie das "Medizinische Auditorium" (der Hörsaal der Internisten) an der Westseite (unten).
[Abbildung: gedruckter Text]
Beginn der "Verwaltungsordnung für die ständische Irrenheil-Anstalt zu Marburg", 2. Dezember 1875
(Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Cassel, Nr. 49, 11. Dezember 1875)
[Abbildung: gedruckter Text]
"Votum der medicinischen Facultät zu Marburg", o. D. (Anfang 1870), Seite 14
(Hess. Staatsarchiv Marburg, Best. 220 Nr. 377)
Der Anstaltsdirektor war zugleich Psychiatrieprofessor der Universität. Medizinstudenten kamen zum Unterricht in den Hörsaal ("Auditorium") der Anstalt. Direktor Tuczek setzte sich dann erfolgreich für die Einrichtung einer eigenen psychiatrischen Universitätsklinik ein. Mit deren Eröffnung (1919) trennten sich Anstalts- und Universitätspsychiatrie in Marburg institutionell und personell. Direktoren und Ärzte der Landesheilanstalt wirkten aber weiter an Lehre und Forschung in Psychiatrie und Neurologie mit.
[Abbildung: Grundrisszeichnung]
Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes der Landesheilanstalt mit Auditorium und ärztlichen Laboratorien, Ausschnitt aus einer Bauzeichnung um 1873
(LWV-Archiv-Kartensammlung)
[Abbildung: ovales Schwarz-weiß-Porträtfoto]
Professor Dr. Franz Tuczek, 1893/94-1914 Direktor der Marburger Anstalt
(LWV-Archiv-Fotosammlung, Marburg o. S.)
[Abbildung: gedruckte Titelseite]
Rede von Franz Tuczek über "Die wissenschaftliche Stellung der Psychiatrie", Marburg 1906
(LWV-Archiv-Bibliothek)
In diesem Vortrag forderte Tuczek die Schaffung einer eigenen psychiatrischen Klinik der Universität nahe der übrigen medizinischen Institute.
[Abbildung: gedruckte Innentitelseite]
Innentitelseite des Werkes "Die Epilepsie von Charles Féré" in der Übersetzung von Dr. Paul Ebers, Leipzig 1896
(LWV-Archiv-Bibliothek)
Ebers war 1896 Volontärarzt der Irrenheilanstalt Marburg.
Tafel 4
Leitung und Mitarbeiterschaft
In Marburg arbeiteten und arbeiten wie in jeder psychiatrischen Einrichtung Menschen aus verschiedenen Berufsfeldern: aus Medizin, Pflege, Verwaltung und anderen Bereichen. Das Verhältnis der einzelnen Gruppen entwickelt sich tendenziell von der hierarchischen Ordnung zum kollegialen System.Im 19. Jahrhundert wurden viele Heil- und Pflegeanstalten zunächst noch durch Nichtmediziner geleitet. Dagegen hatte die Marburger Einrichtung von Beginn an mit Prof. Dr. Heinrich Cramer einen Arzt als Direktor. Etwa ein Jahrhundert lang nahmen die ärztlichen Direktoren eine dominierende Position in der Einrichtung ein. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wohnten sie auf dem Anstaltsgelände.
[Abbildung: ovales Schwarz-weiß-Porträtfoto]
Professor Dr. Heinrich Cramer, 1874/76-1893 Direktor der Irrenheilanstalt Marburg
(LWV-Archiv-Fotosammlung, Marburg o. S.)
[Abbildung: 2 Grundriss- und 2 Aufrisszeichnungen]
Wohnung des Direktors, Bauzeichnung um 1873
(LWV-Archiv-Kartensammlung)
[Abbildung: gedruckter Text]
§ 3 der "Verwaltungsordnung für die ständische Irrenheil-Anstalt zu Marburg", 2. Dezember 1875
(Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Cassel, Nr. 49, 11. Dezember 1875)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto]
Direktor Max Jahrmärker im Kreis der Belegschaft bei seiner Pensionierung 1937
(LWV-Archiv-Fotosammlung, 016-0260)
Die zahlenmäßig größte Berufsgruppe in allen psychiatrischen Einrichtungen stellen von jeher die Krankenschwestern und -pfleger. Man nannte sie zunächst Wärter/innen, dann Pfleger/innen. Diese waren über Jahrzehnte ausschließlich ungelernte Kräfte. Die Fachkrankenpflege für Psychiatrie als Ausbildungsberuf konnte sich erst im 20. Jahrhundert allmählich herausbilden.
[Abbildung: 2 gedruckte Textseiten]
"Dienst-Instruction für Wärter und Wärterinnen bei der Irrenheil-Anstalt zu Marburg", 5. Mai 1876, mit handschriftlichen Änderungen nach 1900
(LWV-Archiv, Best. 16 Nr. 324)
[Abbildung: handschriftliches Dokument]
Vermerk aus den Verwaltungsakten der Anstalt Marburg:
"Die Wärterin [...] ist mit Einer M[ar]k bestraft wegen Nachlässigkeit bei der Nachtwache u[nd] wird die Kasse ermächtigt den Betrag einzuziehen u[nd] in der Wärterkasse zu vereinnahmen. M[ar]b[ur]g 20/10 [18]81 Der Director: Cramer"
(LWV-Archiv, Best. 16 Nr. 311)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (Gruppenfoto der Absolventinnen)]
Schwesternabschlussprüfung 1956/57
(LWV-Archiv-Fotosammlung, 016-0170)
Verwaltungsbeamte, -angestellte und übrige Beschäftigte waren lange Zeit allein dem ärztlichen Direktor unterstellt. Lediglich in der Zeit nach 1945 musste der bisherige ärztliche Direktor Prof. Dr. Langelüddeke wegen seiner NS-Vergangenheit das Direktorenamt einem "Verwaltungsdirektor" überlassen. In den 1980er Jahren erhielt das Psychiatrische Krankenhaus Marburg eine kollegiale Leitung mit einem ärztlichen, einem kaufmännischen Direktor und später auch einem Pflegedirektor. 1998 trat der kaufmännische Direktor als Betriebsleiter an die Spitze des Zentrums für Soziale Psychiatrie Marburg-Süd mit allen Betriebszweigen, welche in fachlichen Angelegenheiten weiter eigenverantwortlich handeln.
[Abbildung: Ausschnitte aus 2 Briefen]
Briefköpfe von Schreiben des amtsenthobenen Direktors und Landesobermedizinalrats Dr. Langelüddeke, 19. Dezember 1948, und des Verwaltungsdirektors der Landesheilanstalt Marburg, 26. November 1948
(LWV-Archiv, Best. 100/11)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (2 Personen arbeiten an Schreibtischen)]
Angestellte im Verwaltungsbereich des Psychiatrischen Krankenhauses Marburg, Foto um 1965
(LWV-Archiv-Fotosammlung, o. S.)
Tafel 5
Krankheit und Gesellschaft
Gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich auch in der Definition psychischer Krankheiten wider. Seit der Kaiserzeit wies die Gesellschaft der Psychiatrie zunehmend die Aufgabe zu, soziale Probleme der Moderne mit medizinischen Mitteln zu lösen.Seit dem späten 19. Jahrhundert formte sich das zeittypische Krankheitsbild "Nervosität", medizinisch als "Neurasthenie" bezeichnet. Man machte Modernisierung, Technisierung und Beschleunigung des Alltags dafür verantwortlich. Auch die Irrenheilanstalt Marburg behandelte "nervöse" Patientinnen und Patienten. Besonders in den "Pensionaten", den Marburger Abteilungen für zahlende Kranke aus gehobenen Schichten, ließ sich diese Diagnose vermehrt antreffen.
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (mehrere Frauen bei der Arbeit)]
Telefonzentrale mit Handbetrieb in der Post am Kasseler Königsplatz, Foto 1920er Jahre
(Stadtarchiv Kassel)
Unter den Marburger Patientinnen befanden sich auch Telegrafengehilfinnen, bei denen im Dienst erlittene Stromschläge als Krankheitsursache gewertet wurden.
[Abbildung: Schwarz-weiß-Postkartenfoto]
"Damen-Pensionat" (eigentlich Haus "Frauen I", heute Haus 3), Postkarte ca. 1920er Jahre
(LWV-Archiv-Fotosammlung, 016-0034)
Hier wurden Patientinnen der ersten Verpflegungsklasse und "freiwillige Pensionärinnen" untergebracht.
In der gesellschaftlichen Wahrnehmung zählte auch die Alkoholabhängigkeit zu den "Auswüchsen" einer modernen und industrialisierten Welt. Mit der Einweisung alkoholkranker Patientinnen und Patienten wurde der Psychiatrie die Rolle zugewiesen, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Allzu oft aber war diesen Missständen durch psychiatrische Therapien kaum beizukommen. Damals gängige Behandlungsformen wie das "Dauerbad" schienen mitunter eher der sozialen Disziplinierung und Ruhigstellung als der Heilbehandlung zu dienen.
[Abbildung: Krankenblatt mit gedruckten, maschinen- und handschriftlichen Elementen]
Anfang der Krankengeschichte von Ottilie S., 1908, mit Gutachten von Prof. Emil Kraepelin, 30. März 1908
(LWV-Archiv, Best. 16 Nr. K834)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (Innenaufnahme)]
Dauerbad, 1905 eingerichtet im Haus "Frauen II", Fotografie ca. 1920er Jahre
(aus: Jahrmärker, 55 Jahre Landesheilanstalt Marburg, Düsseldorf 1931)
Die Landesheilanstalt Marburg nahm auch so genannte "Fürsorgezöglinge" auf. Die seit 1900 gesetzlich verankerte "Fürsorgeerziehung Minderjähriger" sollte diese Jugendlichen durch Einweisung in Pflegefamilien oder Erziehungsheime vor dem "völligen sittlichen Verderben" schützen. Die Jugendlichen wurden in der Landesheilanstalt Marburg gemeinsam mit den psychisch Kranken untergebracht; Grenzen von Pädagogik und Psychiatrie verwischten sich. Aus ärztlichem Blickwinkel rückten soziale Ursachen in den Hintergrund, während im Sinne der aufkommenden Erblichkeitslehre so genannte krankhafte Veranlagungen in den Vordergrund traten.
[Abbildung: gedruckte Buchdoppelseite]
Ausschnitt aus einem Vortrag von Direktor Franz Tuczek, gehalten in Marburg auf der 34. Hauptversammlung des Hessischen Volksschullehrervereins am 5. Oktober 1909
(aus: Tuczek, Psychopathologie und Pädagogik, Kassel 1910)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Postkartenfoto (Innenaufnahme)]
Tag- und Beschäftigungsraum in Abteilung Frauen II (heute Haus 4), Postkarte ca. 1920er Jahre.
(LWV-Archiv-Fotosammlung, 016-0077)
In dieser Abteilung waren auch die weiblichen Fürsorgezöglinge untergebracht.
[Abbildung: gedruckte Titelseite]
Medizinische Dissertation von Fritz Cropp über Fürsorgezöglinge in der Landesheilanstalt Marburg von 1912
Tafel 6
Erster Weltkrieg und Weimarer Zeit
Die Folgen des Ersten Weltkriegs führten zu einem Hungersterben unter den Kranken und gefährdeten den Fortbestand der Landesheilanstalt. Erst allmählich gelang der Anstalt ein Neuanfang und die Hinwendung zu zeittypischen Therapieformen.Im Ersten Weltkrieg starben in der Landesheilanstalt Marburg sehr viele Menschen an den Folgen von Unterernährung. Die Sterberate lag weit höher als die der Gesamtbevölkerung. Unterdessen nutzte das Militär große Teile der Landesheilanstalt als Reservelazarett. Nach Kriegsende war der Fortbestand der Landesheilanstalt jahrelang unsicher: Durch die stark gesunkene Krankenzahl infolge des Hungersterbens schien die Unterhaltung von drei Heil- oder Pflegeanstalten im Bezirk Kassel nicht mehr rentabel.
[Abbildung: gedruckte Tabelle]
Belegungsstatistik der Landesheilanstalt Marburg, Ausschnitt 1909-1923
(aus: Jahrmärker, 55 Jahre Landesheilanstalt Marburg, Düsseldorf 1931)
[Abbildung: gedruckter Text]
Darstellung über die Landesheilanstalt Marburg im und nach dem Ersten Weltkrieg, Ausschnitt aus der Festschrift zum 55-jährigen Bestehen 1931
(aus: Jahrmärker, 55 Jahre Landesheilanstalt Marburg, Düsseldorf 1931)
Wie kein anderes Direktorat steht das von Prof. Dr. Maximilian Jahrmärker für den Wandel der Zeiten. Seine Amtszeit von 1914 bis 1937 war die längste eines ärztlichen Direktors der Landesheilanstalt. Beginnend noch in der Kaiserzeit, umspannte diese "Ära" die Weimarer Republik und mündete in die Zeit des "Dritten Reiches". 1931 erstellte die Landesheilanstalt anlässlich des 55-jährigen Bestehens eine erste Festschrift zu ihrer Geschichte.
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (Porträt)]
Prof. Dr. Maximilian Jahrmärker, Direktor der Landesheilanstalt Marburg 1914-1937
(LWV-Archiv-Fotosammlung, 016-0291)
[Abbildung: farbige Titelseite (grün/schwarz/gold)]
Titelblatt der Festschrift zum 55. Gründungsjubiläum 1931
(Jahrmärker, 55 Jahre Landesheilanstalt Marburg, Düsseldorf 1931)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Luftbildfoto]
Luftbildaufnahme der Landesheilanstalt, um 1930
(aus: Jahrmärker, 55 Jahre Landesheilanstalt Marburg, Düsseldorf 1931)
Die Landesheilanstalt Marburg fügte sich in die jeweiligen psychiatrischen Strömungen ein. Während der zwanziger Jahre vollzog sie den zeittypischen Ausbau der Arbeits- und Beschäftigungstherapie mit. Direktor Jahrmärker mahnte aber an, diese Therapieform müsse tatsächlich die Kranken fördern. Es dürfe nicht der wirtschaftliche Nutzen der Arbeit von Patientinnen und Patienten für die Anstalt im Vordergrund stehen.
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (5 Personen bei der Arbeit)]
Buchbinderei der Anstalt in Haus "Männer I", Fotografie ca. 1920er Jahre.
Das nicht mehr existierende Gebäude stand an der Stelle des heutigen Hauses 1
(LWV-Archiv-Fotosammlung, 016-0262)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (mehrere Personen bei der Arbeit)]
Roggenernte der Landesheilanstalt, im Hintergrund die Stadt Marburg an der Lahn
(aus: Jahrmärker: 55 Jahre Landesheilanstalt Marburg, Düsseldorf 1931)
Tafel 7
Rassenhygiene und Massenmord
Patientinnen und Patienten der Landesheilanstalt Marburg wurden im Nationalsozialismus Opfer der Verbrechen an kranken und behinderten Menschen. Die Einrichtung beteiligte sich an den Zwangssterilisationen. Mehr als 250 Menschen wurden von der Landesheilanstalt aus verlegt und dann ermordet. In der Anstalt Marburg selbst starben bis 1945 viele Menschen infolge mangelnder Versorgung.Der NS-Staat ermöglichte ab 1934 die Zwangssterilisation von Menschen mit bestimmten "erblichen" Krankheiten oder Behinderungen. Im "Dritten Reich" wurden etwa 400.000 Betroffene gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht. Die Landesheilanstalt leistete ihren Beitrag hierzu: Sie zeigte "erbkranke" Patientinnen und Patienten beim Erbgesundheitsgericht Marburg an, das über die Unfruchtbarmachung entschied. Teilweise führte die Anstalt die Operationen selbst durch. Mehrere hundert ihrer Patientinnen und Patienten mussten die Zwangssterilisation und deren Folgen erleiden.
[Abbildung: maschinenschriftliches Dokument (angegeben: 617 Sterilisationsanzeigen und 78 Sterilisationen im Zeitraum 01.01.1934-31.03.1935)]
Übersicht über die Zahl der Sterilisationsanzeigen der Landesheilanstalt und der durchgeführten Zwangssterilisationen an Patientinnen und Patienten der Einrichtung in den ersten 15 Monaten der Geltung des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", Dokument o. D. (ca. September 1935)
(LWV-Archiv, Best. 16 Nr. 82)
Ab 1940 war die Landesheilanstalt Marburg in das nationalsozialistische Krankenmordprogramm einbezogen. Direktor Prof. Dr. Albrecht Langelüddeke meldete 1940 weisungsgemäß die Patientinnen und Patienten nach Berlin. Daraufhin verlegte die zentrale Mordorganisation im September 1940 zunächst acht jüdische Kranke aus der Anstalt zur Ermordung in Brandenburg. Zwischen April und September 1941 wurden 237 nichtjüdische Patientinnen und Patienten aus der Landesheilanstalt Marburg wegverlegt, zunächst in so genannte "Zwischenanstalten" wie Herborn oder Scheuern. 234 der Verlegten wurden im Rahmen der so genannten "Euthanasie"-Aktion ermordet, die meisten von ihnen 1941 in der Gaskammer der Mordanstalt Hadamar. Die Toten wurden in Hadamar im Krematorium verbrannt; die Organisatoren täuschten die Angehörigen mit falschen Angaben in so genannten "Trostbriefen".
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (Person im Arztkittel am Schreibtisch sitzend)]
Prof. Dr. Albrecht Langelüddeke, Direktor der Landesheilanstalt Marburg 1937-1946 und leitender Arzt 1949-1954, Foto undatiert
(LWV-Archiv-Fotosammlung, Marburg o. S.)
[Abbildung: maschinenschriftliches Dokument (3 Seiten)]
Verlegungsaufforderung des Bezirksverbandes Hessen, gez. Provinzialverwaltungsrat Rücker, an die drei Landesheilanstalten im Bezirk Kassel, 20. Mai 1941, mit der ersten Seite der beigefügten Verlegungsliste I/8
(LWV-Archiv, Best. 16 Nr. 806)
Den Anstaltsleitern war die Zurückstellung von Patientinnen und Patienten (beispielsweise als "gute Arbeiter") erlaubt; die Namen der 1941 nicht Verlegten sind in der Liste durchgestrichen. Die anderen Genannten wurden am 11. Juni 1941 von Marburg nach Herborn, am 4. Juli 1941 weiter nach Hadamar verlegt und dort am selben Tag ermordet.
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto]
Die Landesheilanstalt Hadamar mit rauchendem Schornstein zur Zeit der Krankenmorde, heimlich aufgenommenes Foto 1941
(LWV-Archiv-Fotosammlung, Hadamar o. S.)
[Abbildung: maschinenschriftliches Dokument (Absenderangabe: "Heil- und Pflegeanstalt Bernburg")]
Mitteilung aus Bernburg über den Tod von Ilse K., datiert 13. Juli 1941
(aus: M. Klüppel, "Euthanasie" und Lebensvernichtung am Beispiel der Landesheilanstalten Haina und Merxhausen, Kassel, 3. Aufl. 1985)
Tatsächlich wurde Ilse K. am 1. Juli 1941 in der Hadamarer Gaskammer ermordet. Bis 12. Juni 1941 war sie Patientin der Landesheilanstalt Marburg gewesen.
Auch nach der ersten Phase der Morde 1941 konnten die Patientinnen und Patienten in Marburg ihres Lebens nicht sicher sein. Eine große Anzahl von ihnen starb bis 1945 an den Folgen mangelnder Lebensmittelversorgung. Eine weitere Mordaktion betraf 1944 ausländische Zwangsarbeitskräfte, die wegen Erkrankungen in der Marburger Anstalt untergebracht waren. Wie angeordnet verlegte die Direktion 17 von ihnen in die Mordanstalt Hadamar. Einige der Betroffenen wurden dort mit Spritzen ermordet, die übrigen von Hadamar aus mit ungewissem Ziel weiterverlegt. Zwei Ermittlungsverfahren nach 1945 gegen Direktor Langelüddeke wegen möglicher Mitschuld an den "Euthanasie"-Verbrechen stellte die Justiz ein.
[Abbildung: maschinenschriftliches Dokument (2 Seiten, unterzeichnet durch Landesrat Bernotat, Wiesbaden)]
Aufforderung des Bezirksverbandes Nassau an die Landesheilanstalt Marburg über die Verlegung von Zwangsarbeiter/inne/n von Marburg nach Hadamar, 1. Juni 1944
(LWV-Archiv, Best. 16 Nr. 806)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Fotos (2 Brustbilder der Person mit unbekleidetem Oberkörper, seitlich und frontal)]
Nikolaus K., als sowjetischer Zwangsarbeiter 1944 Patient der Landesheilanstalt Marburg, nach der Verlegung 1944 in der Anstalt Hadamar ermordet
(LWV-Archiv, Best. 12 Nr. K379)
Tafel 8
Fremdnutzungen des Klinikraums
Zwischen 1939 und 1952 nutzten verschiedenste nicht psychiatrische Institutionen in umfangreichem Maße Räumlichkeiten der Landesheilanstalt. Häufig wurde den psychisch kranken Menschen der notwendige Platz genommen und ihren Erfordernissen erst zuletzt Beachtung geschenkt.Die Lebensbedingungen der psychisch kranken Menschen verschlechterten sich seit Beginn des Zweiten Weltkriegs auch durch die Zweckentfremdung von Anstaltsraum. Seit 1939 nutzte die Wehrmacht mehrere Gebäude als Lazarett. Anstaltsdirektor Langelüddeke übernahm zusätzlich die Lazarettleitung. Ab November 1940 befand sich zudem ein Kriegsgefangenenlager in Teilen der Anstalt. Dessen Insassen dienten dem Sprengstoffwerk "Dynamit AG" (Allendorf) als Arbeitskommando. Auch die Landesheilanstalt selbst setzte ausländische Zwangsarbeitskräfte ein.
[Abbildung: maschinenschriftliches Dokument]
Vertrag zur Aufnahme von Soldaten in der Landesheilanstalt Marburg zwischen der Wehrmacht und dem Bezirksverband Hessen von Juni/Juli 1938, erste Seite
(LWV-Archiv, Best. 16 Nr. 29)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (Außenaufnahme)]
Das Haus "Frauen V" (heute Haus 12), 1941/42 Teil des Kriegsgefangenenlagers der Dynamit AG Allendorf (heute Stadtallendorf), ab 1942 Teil des Wehrmachtslazaretts, Foto ca. 1960er Jahre
(LWV-Archiv-Fotosammlung, 016-0033)
Auch nach Ende der NS-Herrschaft kam es zu umfangreichen Zweckentfremdungen. 1945 beschlagnahmte die US-Militärregierung das Anstaltsgelände zwecks Truppenunterbringung. Nur wenige Menschen mit psychischen Krankheiten verblieben in der Einrichtung. Nach Auszug der US-Soldaten 1947 beherbergten die Gebäude bis 1951/52 außerdem ein "Landeserziehungsheim" für weibliche Jugendliche, ein Gefangenenhospital des hessischen Justizministeriums und eine Landeslungenheilstätte. Sowohl die "Nachkriegsverhältnisse" als auch das enge Nebeneinander mehrerer Einrichtungen führten mitunter zu Problemen.
[Abbildung: Farbfoto (leicht bekleidete Tänzerin und Comic-Ente)]
Wandgemälde im Obergeschoss des Verwaltungsgebäudes, entstanden während der US-amerikanischen Beschlagnahme der Landesheilanstalt als Ausmalung des damaligen "Clubraums", ca. 1945/46, Foto 1988
(LWV-Archiv-Fotosammlung, 016-0117)
[Abbildung: maschinenschriftliche Dokument (2 Seiten)]
Schreiben des Landeshauptmanns Georg Häring, Kassel, an die [US-amerikanische] Militärregierung in Marburg, 28. November 1947, hier Abschrift für das Landeserziehungsheim Marburg
(LWV-Archiv, Best. 16 Nr. 874)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (Außenaufnahme)]
Gebäude des Gefangenenhospitals, ursprünglich Haus "Männer VII" (heute Haus 9), Foto undatiert
(LWV-Archiv-Fotosammlung, 016-0256)
[Abbildung: maschinenschriftliches Dokument]
Vertrag zwischen dem hessischen Minister der Justiz und der Kommunalverwaltung des Regierungsbezirks Kassel vom 27. Oktober 1947 über die Einrichtung des Gefangenenhospitals.
(LWV-Archiv, Best. 1 Nr. 270)
Auf die Nutzung der Männer-Gebäude IV und VI wurde schließlich mangels Bedarf verzichtet.
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (Außenaufnahme)]
Ein Gebäude der Landeslungenheilstätte (heute integriert in das Haus 15 / Klinik Lahnhöhe), Foto Januar 1949
(LWV-Archiv-Fotosammlung, Ordner "Januar 1949")
[Abbildung: gedrucktes Rechnungsformular (farbig) mit handschriftlichen Eintragungen]
Rechnung der Süd-Apotheke Marburg an die Landeslungenheilstätte Marburg, 2. Ausfertigung, 19. März 1948:
"Rechnung:
300 Ampullen Labor-Milz-Extrakt
150.-"
"Herrn Verwalt. Direktor Schneider
Die Medikamente sind nicht durch mich bestellt. Auf Rückfrage stellte es sich heraus, daß sie von der Lungenheilstätte telephonisch bestellt wurden und direkt an diese geliefert wurden.
M[ar]b[ur]g. 31. III. 48 Dr[.]Jaschke."
"An mich wurden 200 Amp. von der Lungenheilstätte abgegeben
Müller"
(LWV-Archiv, Best. 16 Nr. 881)
Tafel 9
In bundesrepublikanischer Zeit
In der Bundesrepublik bedurfte es grundlegender Wandlungen der Psychiatrie, die lange von ihrer eigenen Vergangenheit überschattet wurde. Die Suche nach dem richtigen Weg in der Psychiatrie soll und muss heute dem Ziel dienen, die Würde jedes Menschen zu achten.Die Schatten der Vergangenheit waren in den 1950er Jahren noch präsent. Darauf verweist die Ansiedlung einer Abteilung des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in einem Gebäude der Landesheilanstalt Marburg ab 1949. Als "Kaiser-Wilhelm-Institut" hatte die Einrichtung in der NS-Zeit die Krankenmorde für Forschungen an Gehirnen der Opfer in Berlin/Brandenburg genutzt. Auch die Frühphase der Karriere von Prof. Dr. Werner-Joachim Eicke, seit 1939 Assistent am Institut, stand mit derartigen NS-Forschungen in Verbindung. Von 1955 bis 1974 leitete Direktor Eicke das Psychiatrische Krankenhaus Marburg.
[Abbildung: Farbfoto (Porträt)]
Professor Dr. Werner Eicke, 1955-1974 Direktor des Psychiatrischen Krankenhauses Marburg
(LWV-Archiv-Fotosammlung, Marburg o. S.)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (Außenaufnahme)]
Anbau an das Haus "Männer V" (heute Teil des Hauses 11), errichtet in den 1950er Jahren als Erweiterungsbau für die Abteilung des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, Foto März 1967
(LWV-Archiv-Fotosammlung, 016-0047)
In den 1950er Jahren begann der Siegeszug der Psychopharmaka. Segen oder Fluch? - Die Meinungen dazu prallten in den folgenden Jahrzehnten vielfach aufeinander. Prof. Dr. Ernst Walter Fünfgeld, seit 1976 Direktor des Psychiatrischen Krankenhauses, setzte große Hoffnungen in die Psychopharmakotherapie.
[Abbildung: Säulendiagramm (Medizinfläschchen statt Säulen) mit der Überschrift "Psychiatrisches Krankenhaus Marburg - Entwicklung der Arzneimittelkosten - Ansätze je Bett und Tag in D-Mark" (Werte von 0,06 Mark für 1925 bis 0,33 D-Mark für 1957)]
Schaubild zur zunehmenden Verwendung von Medikamenten in der Marburger Einrichtung, 1957
(aus: Friedrich Stöffler: Die Psychiatrischen Krankenhäuser des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Kassel 1957)
[Abbildung: Zeitschriftenbeitrag unter der Überschrift "PKH Marburg vor neuen Aufgaben", mit Schwarz-weiß-Foto (darauf der Erste Beigeordnete des LWV Hessen, Willi Eiermann, und Prof. Dr. Ernst Fünfgeld)]
Rede des ärztlichen Leiters Prof. Dr. Ernst Fünfgeld (links im Bild) anlässlich seiner Amtseinführung
(aus: LWV-Nachrichten, Jg. 1976, Heft 2)
1974 entstand die "Klinik Lahnhöhe" als zweite Einrichtung auf dem Gelände neben dem Psychiatrischen Krankenhaus Marburg. Diese Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie ging aus einer bisherigen Kinderstation des Krankenhauses hervor. Seit 1999 ist die "Lahnhöhe" als "Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters" ein Betriebsteil des Zentrums für Soziale Psychiatrie in Marburg.
[Abbildung: Zeitungsartikel unter der Überschrift "Kinder- und Jugendpsychiatrie 'Lahnhöhe'", mit 2 Schwarz-weiß-Fotos (1 Innen- und 1 Außenaufnahme der Klinikgebäude)]
Bericht über die Eröffnung der Klinik Lahnhöhe
(Oberhessische Presse, Marburg, 8. Februar 1975)
[Abbildung: Schwarz-weiß-Foto (spielende Kinder im Raum)]
Spiel- und Gruppenraum in der Klinik Lahnhöhe, Foto nach 1974
(LWV-Archiv-Fotosammlung, Marburg o. S.)
Die jüngere Vergangenheit seit den Reformimpulsen der 1970er Jahren ist gekennzeichnet vom Streben nach einer menschenwürdigen Psychiatrie. Ein Mahnzeichen stellte die Verurteilung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen als Träger der Marburger Einrichtung zur Schmerzensgeldzahlung an einen ehemaligen Patienten dar. Durch neue Angebote wie das einer interkulturellen Therapie stellt sich die Psychiatrie in Marburg neuen Herausforderungen. Langzeitstationen wurden im Sinne der "Enthospitalisierung" aufgelöst. Ziel ist der Abbau früherer Bevormundungen und die Wertschätzung gegenüber der "Kundschaft" des Zentrums für Soziale Psychiatrie.
[Abbildung: Zeitungsartikel unter der Überschrift "Neun Jahr Psychiatrie. 500000 Mark Schmerzensgeld"]
Zeitungsartikel über das Prozessende im "Fall Löser" 1995
(HNA/Hessische Allgemeine, 20. Juli 1995)
[Abbildung: Zeitschriftenbeitrag mit Schwarz-weiß-Foto (darauf der türkische Psychiater Prof. Metin Özek und der Marburger Arzt Dr. Eckhardt Koch)]
Notiz zu Kontakten zwischen dem Psychiatrischen Krankenhauses Marburg und der Psychiatrie in der Türkei
(aus: Info - Bericht - Nachricht, hg. v. Landeswohlfahrtsverband Hessen, 1/1993)
[Abbildung: Farbfoto (Klinikflur mit bunten Stühlen)]
Tagesklinik/Ambulanz der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Haus 3, Foto 2001
(Aufnahme: Frank Mihm)
Autor der Ausstellung: Peter Sandner, 2001








