Ein Schlüssel zu mehr Selbstständigkeit
LANDESWOHLFAHRTSVERBAND HESSEN
Erfahrungen im Betreuten Wohnen für Menschen mit Behinderung in Hessen
Impressum
Herausgeber:
Landeswohlfahrtsverband Hessen
Öffentlichkeitsarbeit
Ständeplatz 6–10,
34117 Kassel
Tel.: 0561/1004-2536
Fax: 0561/1004-2640
pressestelle@lwv-hessen.de
www.lwv-hessen.de
Redaktion:
Jörg Daniel (verantwortl.)
Rose-Marie von Krauss
Walter Horstmann-Cholibois
Heike Meßmer-Villain
Christiane Müller
Ruth Reis
Texte:
Stella Dammbach
Rose-Marie von Krauss
Gundula Zeitz
Fotos:
Sabine Kobler Uwe Zucchi
Gestaltung:
Grunewald GmbH
Digital- und Printmedien
www.grunewaldkassel.de
Druck:
Druckerei Plag gGmbH
www.plagdruck.de
2. Auflage Januar 2009
Wir danken allen beteiligten Anbietern des Betreuten Wohnens, den Betreuern und vor allem den porträtierten Klienten für die nette und unkomplizierte Zusammenarbeit. Ohne sie hätte diese Broschüre nicht entstehen können.
Vorwort
„Treten Sie ein“,
so möchten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, herzlich einladen! Schauen Sie in dieser Broschüre in die vier Wände von Menschen, die ihre Türen geöffnet haben, um Ihnen einen Einblick ins Betreute Wohnen für Menschen mit Behinderung in Hessen zu geben. Dabei werden Sie feststellen, wie verschieden deren Bewohner 1, ihr Weg ins Betreute Wohnen und deren Lebenssituationen sind. Die Beiträge zeigen Ihnen offen und ehrlich, dass der Weg ins Betreute Wohnen nicht immer einfach ist. Ängste und Unsicherheit gehören auch dazu. Sie sehen aber auch, dass die Menschen im Betreuten Wohnen nicht alleine sind. Wir zeigen Ihnen hier beispielhaft, wie die Hilfe und Unterstützung aussehen kann.
Vor allem aber möchten wir Ihnen zeigen, wie lohnenswert für jeden einzelnen der Weg in die eigene Wohnung sein kann. Denn hier bietet sich die Möglichkeit, selbstständig und selbstbestimmt zu leben, eigene Stärken zu erkennen und auszubauen und damit die Lebensqualität zu erhöhen. Und wenn es dann nicht gleich so klappt wie erhofft, wird die Hilfe im Alltag an den Hilfebedarf angepasst und es besteht auch jederzeit die Möglichkeit, in andere Wohnformen zu wechseln. Das Betreute Wohnen ist keine Einbahnstraße, sondern ist eingebunden in ein durchlässiges System verschiedener Angebote mit unterschiedlichen Betreuungsintensitäten.
Der Landeswohlfahrtsverband als Planer, Organisator und Kostenträger des Betreuten Wohnens in Hessen unterstützt seit langem Menschen, die weitgehend selbstständig leben wollen. 1986 eingeführt, standen vor 20 Jahren 373 Plätze im Betreuten Wohnen zur Verfügung. Seither wurde diese Betreuungsform stetig ausgebaut. Heute gibt es über 9.400 Plätze, um allein, zu zweit oder in einer Gruppe im Betreuten Wohnen zu leben. Und die Qualität der verschiedenen Träger des Betreuten Wohnens in Hessen hat der LWV ebenfalls im Blick. So gibt es in ganz Hessen, von Nord bis Süd, einen gleich hohen Qualitätsstandard.
Um das selbstbestimmte Leben für Menschen mit Behinderungen zu fördern, wollen wir beim Landeswohlfahrtsverband das Betreute Wohnen noch weiter ausbauen.
Lassen Sie sich beim Lesen der Broschüre anstecken vom Mut und der Freude der Menschen, die uns ihre Türen geöffnet haben! Könnte das Betreute Wohnen für Menschen mit Behinderung auch für Sie selbst, Angehörige oder Freunde von Ihnen eine mögliche Wohnform sein? Dann informieren Sie sich und rufen uns einfach an. Oder sind Sie in einer Beratungsstelle tätig und kennen jemanden, der fit fürs Leben im Betreuten Wohnen ist? Empfehlen Sie ihm ein persönliches Informationsgespräch bei uns. Die Adressen finden Sie im hinteren Teil des Heftes.
Ihr
Uwe Brückmann
Landesdirektor
Ihre
Evelin Schönhut-Keil
Erste Beigeordnete
1 Zur besseren Lesbarkeit wird überwiegend die männliche Form verwendet. Sie soll grundsätzlich für die weibliche und männliche Form zugleich gelten.
Inhalt
„Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt“
Einleitung zum Betreuten Wohnen für Menschen mit Behinderung in Hessen
Betreutes Wohnen – was bedeutet das genau?
Betreutes Wohnen – an wen wende ich mich?
Betreutes Wohnen – wie finde ich meinen Hilfebedarf heraus?
Betreutes Wohnen – wer bezahlt denn das alles?
„Du kannst alles machen, egal wann“
Sevim Amidi sammelte Erfahrungen im Betreuten Wohnen für Menschen mit geistiger Behinderung
Kindheitstraum: Wohngemeinschaft
Harald Wick blickt zufrieden auf seine Männer-WG des Betreuten Wohnens für Menschen mit seelischer Behinderung
„Mitleid – Das kann ich gar nicht gebrauchen“
Stephan Lohr hat eine körperliche Behinderung und lebt selbstständig im Betreuten Wohnen
Raus aus der Sucht, hin zum selbstbestimmten Leben
Katrin Schmidt freut sich an ihrer neuen Wohnung im Rahmen des Betreuten Wohnens
Ein eingespieltes Paar
Heidi Lummel und Bernd Dreher – ein Paar mit geistiger Behinderung, das im Betreuten Wohnen den Alltag gemeinsam bewältigt
„In meiner Wohnung fühle ich mich sauwohl“
Marianne Vukovic kommt mit ihrer körperlichen Behinderung gut im Betreuten Wohnen klar
Kontakte
Hier finden Sie die Ansprechpartner des LWV für das Betreute Wohnen
Impressum
Nachweis aller, die am Entstehen der Broschüre beteiligt waren
„Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt“
Laotse
Diese Broschüre soll Ihnen einen Einblick in das Betreute Wohnen für Menschen mit Behinderung in Hessen verschaffen. So können Sie prüfen, ob das Betreute Wohnen auch für Sie, einen Ihrer Angehörigen oder einen von Ihnen betreuten Menschen in Frage kommen könnte. Im Folgenden beantworten wir Ihnen die rechtlichen und organisatorischen Fragen, die auf dem Weg ins Betreute Wohnen wichtig sind. Danach machen wir Sie mit Menschen bekannt, die im Betreuten Wohnen leben und die ganz unterschiedliche Hilfe und Unterstützung im Alltag erhalten. Am Ende der Broschüre nennen wir Ihnen die wichtigen Adressen der Ansprechpartner für das Betreute Wohnen in Hessen.
Betreutes Wohnen – was bedeutet das genau?
Als Mensch mit einer Behinderung haben Sie auch in Hessen einen Anspruch auf Hilfe beim Wohnen. Je nachdem, wie viel Hilfe Sie benötigen und wie Sie leben möchten, können Sie in eine eigene Wohnung ziehen – allein, als Paar oder als Gruppe in einer Wohngemeinschaft. Das ist ein ambulantes Hilfeangebot, das Betreute Wohnen. Angeboten wird das Betreute Wohnen in Hessen zum Beispiel von der Diakonie, der Lebenshilfe oder auch anderen Trägern. Eine eigene Wohnung, deren Mieter Sie selbst sind, hat für Sie den Vorteil, dass Sie viele Dinge Ihres Tagesablaufes selbst bestimmen können. Trotzdem müssen Sie nicht auf Unterstützung im Alltag verzichten. Wann und wie wird gewaschen, geputzt und eingekauft? Diese Entscheidungen liegen nun in Ihrer Hand. Je nachdem, wie viel Hilfe Sie bei welchen Aufgaben benötigen, kommen ein oder mehrmals wöchentlich Fachkräfte zu Ihnen und unterstützen Sie. Die Fachkräfte stehen Ihnen zur Seite, damit Sie Ihren Alltag meistern können. Sie greifen Ihnen unter die Arme, wenn Sie sich Hilfe im Haushalt, für den Arztbesuch oder beim Umgang mit Behörden organisieren wollen. Wenn Sie etwa ergänzende Hilfen wie eine Haushaltshilfe oder eine Pfl egekraft benötigen, hilft Ihre Fachkraft bei der Suche und Auswahl. Sie ist aber auch da, wenn etwa Konfl ikte in der Wohngemeinschaft, mit Nachbarn oder Probleme im Arbeitsumfeld auftreten.
Betreutes Wohnen – an wen wende ich mich?
Sie leben allein in einer Wohnung und fühlen sich wegen Ihrer Behinderung überfordert, täglich Ihren Alltag allein zu meistern? Sie brauchen Hilfe und denken, dass das Betreute Wohnen für Sie das Richtige ist? Dann rufen Sie einen Anbieter des Betreuten Wohnens in Ihrer Nähe an. Wenn Sie keinen kennen, rufen Sie bei einer Beratungsstelle oder beim Landeswohlfahrtsverband in Kassel, Darmstadt oder Wiesbaden an. Die Telefonnummern fi nden Sie am Ende dieser Broschüre. Dort nennt man Ihnen einen Anbieter des Betreuten Wohnens in Ihrer Region. Sie können aber auch in Ihrem Rathaus nachfragen. In vielen hessischen Gemeinden gibt es beim Gesundheitsamt oder Sozialamt Stellen, die Ihnen weiterhelfen. Sie leben in einem Wohnheim und möchten ins Betreute Wohnen umziehen? Dann sprechen Sie Ihren Wohnheimleiter an und fragen ihn, ob die Einrichtung selbst Betreutes Wohnen anbietet oder er einen Anbieter des Betreuten Wohnens kennt.
Betreutes Wohnen – wie finde ich meinen Hilfebedarf heraus?
Wenn Sie einen Anbieter des Betreuten Wohnens gefunden haben, machen Sie einen Termin aus, bei dem Sie zusammen mit einer Fachkraft einen Individuellen Hilfeplan erarbeiten. Gleichzeitig stellen Sie einen Antrag auf Sozialleistungen. Diese Unterlagen werden dann dem Sozialamt Ihrer Stadt oder Ihres Landkreises und dem Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) übersandt. Dann werden Sie entweder zum Amtsarzt des Gesundheitsamtes eingeladen oder Sie legen ein fachärztliches Gutachten vor. Wenn alle Unterlagen vorliegen, fi ndet eine Beratung in der Hilfeplankonferenz statt. Hier besprechen Sie mit den Fachleuten Einzelheiten, beispielsweise wie viel Stunden Unterstützungsbedarf Sie in welchen Bereichen haben. Oder wie barrierefrei Ihr Wohnraum sein muss. Natürlich kann Sie bei allen Schritten ins Betreute Wohnen ein Familienangehöriger oder ein gesetzlicher Betreuer begleiten.
Betreutes Wohnen – wer bezahlt denn das alles?
Wenn Ihr Antrag auf Leistungen im Betreuten Wohnen bewilligt und Wohnraum für Sie gefunden ist, wird der LWV und - wenn nötig - das örtliche Sozialamt die Kosten übernehmen. Der LWV zahlt die Kosten für die Betreuung in Ihrer Wohnung, wird also die Kosten für die Fachkräfte in der Zeit bezahlen, die für Ihre Betreuung vereinbart worden ist. Beim Sozialamt beantragen Sie zum Beispiel finanzielle Unterstützung für den Lebensunterhalt wie Essen, Kleidung oder Wohngeld. Wenn Sie selbst oder ein Angehöriger, der für Ihren Unterhalt zuständig ist, Geld verdienen oder über Vermögen verfügen, müssen Sie dies angeben und sich vielleicht an den Kosten im Betreuten Wohnen beteiligen. Dafür gibt es gesetzlich vorgegebene Grenzen. Diese prüfen die Sachbearbeiter beim LWV und beim örtlichen Sozialamt genau in jedem Einzelfall und besprechen eventuelle Zahlungen mit Ihnen. Dabei brauchen Sie keine Angst zu haben, dass Ihnen oder Ihren Angehörigen zuviel zugemutet würde. Sprechen Sie das Thema einfach an.
Weitergehende Informationen für Angehörige und Betreuer
Ziele des Betreuten Wohnens:
Die Hauptziele des Betreuten Wohnens für Menschen mit Behinderung sind: Selbstbestimmung, Eigenverantwortlichkeit, Partizipation und Integration.
Betreuungsangebote
Eine Soziale Landkarte, die Sie auf der Homepage des LWV finden – www.lwv-hessen.de – gibt Auskunft über die regionalen vollstationären, teilstationären und ambulanten Angebote für Menschen mit Behinderung – gegliedert nach Kreisen und Leistungsarten.
Finanzierungsgrundlagen
Die Finanzierung beruht auf verschiedenen gesetzlichen Grundlagen. Vorrangig ist es das SGB XII (Eingliederungshilfe). Auch können Leistungen des SGB XI (Leistungen der Pflegeversicherung) und im Einzelfall des SGB V (Krankenversicherung) hinzu kommen. Die Details dazu können Sie bei den Sachbearbeitern des LWV, der Sozialämter und der Krankenbzw. Pfl egekassen erfragen.
Hilfepläne
In Hessen werden Hilfepläne zur Ermittlung des individuellen Bedarfs an Unterstützung verwandt. Gemeinsam mit dem Klienten wird mittels eines Hilfeplanes seine persönliche Lebenssituation betrachtet, vorhandene Fähigkeiten und aktuelle Problemlagen beleuchtet sowie an dem individuellen Einzelfall orientiert Ziele definiert und die notwendigen Maßnahmen geklärt.
Hilfeplankonferenzen
An den Hilfeplankonferenzen nehmen grundsätzlich ein Vertreter des örtlichen Sozial- oder/und Gesundheitsamtes, des LWV, der Anbieter von betreuten Wohnmöglichkeiten, der Klient und auf Wunsch der Betreuer teil.
Sevim Amidi (28) im Betreuten Wohnen der Diakonie Wohnstätten gGmbH Kassel:
„Du kannst alles machen, egal wann“
Unterstützung für ein möglichst eigenständiges LebenIns Kino gehen, Freunde besuchen oder zu sich nach Hause einladen, gemeinsam kochen, Karten spielen, fernsehen. Ins Schwimmbad gehen oder zum Minigolf, shoppen, spazieren gehen, durch die Stadt bummeln: „Du kannst das alles machen, wenn du willst, egal wann. Du musst niemanden fragen, das ist toll“, sagt Sevim Amidi. Lebensfreude pur strahlt die 28-Jährige aus, ein Energiebündel voller Selbstbewusstsein. „Ich bin glücklich, seit ich hier wohne“, sagt die junge Frau, die ursprünglich aus Mazedonien stammt, aber seit einigen Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit hat.
Gerade 23 Jahre war sie, als sie in ihre jetzige Wohnung in der Geibelstraße in Kassel eingezogen ist. Sie teilt sich eine gemütliche Zweizimmerwohnung mit Balkon, Bad und großer Wohnküche mit einer Freundin. In dem Jugendstilhaus der Diakonie Wohnstätten gGmbH gibt es – neben zwei Krankengymnastikpraxen und Wohnungen für nichtbehinderte Menschen – auch mehrere Wohnungen für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung. „Es sind Menschen, die nicht die Betreuungsstrukturen eines Wohnheimes benötigen, aber dennoch Unterstützung brauchen, um ein möglichst eigenständiges Leben führen zu können“, erklärt Bernd Sprenger, der das Haus leitet. Dieses Haus ist Teil eines Konzeptes „Wohnen im Verbund“, welches die Diakonie Wohnstätten mit dem Fachbereich für Menschen mit geistiger Behinderung im Landeswohlfahrtsverband Hessen umgesetzt haben.
Wer hier wohnt, kann je nach Bedarf auf verschiedene Hilfen und Angebote zurückgreifen. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter unterstützen die Bewohnerinnen und Bewohner zum Beispiel dabei, den Alltag zu planen und zu strukturieren, sie helfen dabei, den Haushalt zu führen, sie beraten bei Problemen am Arbeitsplatz, beim Umgang mit Geld oder auch bei Behördengängen und Arztbesuchen – je nachdem, was die Klienten gerade brauchen. Freizeitangebote gibt es übrigens auch: Die Bewohnerinnen und Bewohner der Geibelstraße gehen gemeinsam Kegeln, zum „Stammtisch“ oder Tanzen, sie unternehmen Ausfl üge, besuchen das Theater oder andere kulturelle Veranstaltungen – und sie unternehmen gemeinsam die von den Diakonie Wohnstätten angebotenen Reisen.
„Wir waren schon in Tunesien und in der Türkei, das war cool“, erzählt Sevim Amidi, während sie in der Küche einen großen Topf mit Nudeln aufsetzt: „Das wird Nudelauflauf mit Thunfisch“, erklärt sie, „mein Freund ist zu Besuch und nachher kommt meine Schwester“. Sie erzählt, dass sie viel Besuch bekomme, regelmäßig von ihrem Freund zum Beispiel, der wie sie im Betreuten Wohnen lebt, allerdings in einer anderen Stadt. „Wir hoffen, dass wir irgendwann mal zusammenziehen können“, sagt sie und rührt die Nudeln um. „Übrigens, ich koche gerne“, meint sie dann.
„Salat, Milchshakes, Frikadellen“
Kochen, das kann Sevim Amidi gut. Schließlich arbeitet sie in der Kasseler Werkstatt der Sozialgruppe Kassel e. V. in der Küche. Die Kasseler Werkstatt bietet Menschen, die aufgrund einer geistigen oder körperlichen Behinderung dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht oder noch nicht wieder zur Verfügung stehen, berufl iche Bildung und eine ihren Fähigkeiten und ihrem Leistungsvermögen entsprechende Beschäftigung an. „Denn zur Würde des Menschen gehört auch das Gefühl, gebraucht zu werden und eine sinnvolle Arbeit verrichten zu können“, heißt es auf der Internetseite der Kasseler Werkstatt.
„Ich gehe total gerne arbeiten“, sagt Sevim Amidi. Mit leuchtenden Augen erzählt sie, was in der Küche der Werkstatt zu ihren Aufgaben gehört: Schnippeln, Salat vorbereiten, Milchshakes machen, Frikadellen braten, die Automaten auffüllen. „Um halb acht stehe ich auf der Matte, um 15.20 Uhr ist Feierabend“. Und dann? „Dann freue ich mich auf meine Wohnung“, sagt sie. „Und ich freue mich, wenn Ellen kommt.“ Ellen, das ist Ellen Koch, die Betreuerin. Zwei mal in der Woche kommt die Sozialpädagogin zu Sevim Amidi, immer dienstags und donnerstags. Zusätzlich hat die 28-Jährige, die Anspruch auf 120 Fachleistungsstunden hat, noch eine amtliche Betreuerin, die sich um ihre finanziellen Angelegenheiten kümmert. Einmal pro Woche holt sie sich dort das Geld, das sie für diese Woche benötigt. Ellen Koch hilft ihr dann, wenn etwas mit Behörden zu regeln ist, sie kümmert sich um Arzttermine und geht auch mal mit, wenn es sein muss. „Wir besprechen einfach alles – und wir gehen zusammen einkaufen, Klamotten zum Beispiel, oder Möbel“, erklärt Sevim Amidi.
Ein Schrank mit blauen Türen, blaue Bettwäsche, blaue Kissen: Ihr Zimmer hat die 28-Jährige ganz in ihrer Lieblingsfarbe eingerichtet. An den Wänden hängen neben Postern von Jeanette Biedermann und anderen Stars auch viele Fotos. „Selbst geknipst“, sagt die junge Frau. „Ich habe mir mit Ellen zusammen eine Digitalkamera gekauft, ich fotografiere gerne“.
Und sie malt gerne: In der Begegnungsstätte für behinderte und nicht behinderte Menschen „amos“ der Diakonie Wohnstätten sind etliche ihrer Bilder entstanden, sie hat sogar schon einige verkauft und an Ausstellungen teilgenommen. „Kreativ sein, das zählt“, meint sie und lacht. „Aber jetzt Schluss: ich muss kochen, sonst ist der Aufl auf nicht fertig, wenn mein Besuch kommt!“
Harald Wick (57) im Betreuten Wohnen des Sozialpsychiatrischen Vereins Darmstadt:
Kindheitstraum: Wohngemeinschaft
Die WG gibt mir GeborgenheitHarald Wicks Blick wandert zum Fenster hinaus und hinüber zur Kuppel des Hundertwasserhauses. Der 57-Jährige lebt seit drei Jahren hier in dieser Wohngemeinschaft mitten in Darmstadt und freut sich, wenn Besucher fasziniert und staunend auf diese Kuppel schauen. Mit drei Männern, die wie er vom Sozialpsychiatrischen Verein Darmstadt betreut werden, teilt er sich die Wohnung. Jeder hat sein eigenes Zimmer. Küche, Wohn- Esszimmer, Loggia und Bad teilen sie sich. „Mit dieser Wohngemeinschaft habe ich mir einen Kindheitstraum erfüllt“, lächelt Harald Wick. Andere Träume, wie zum Beispiel der, eine eigene Familie zu gründen, sind an seiner Krankheit gescheitert. Er leidet seit seiner Jugend an einer chronischen Psychose.
Immer wieder plagen ihn Depressionen, dann wieder manische Phasen. Irgendwann kommt er deshalb erstmals zur Behandlung ins Elisabethenstift. „Danach hätte ich zu meinem Vater ziehen können, aber wir haben uns nicht gut verstanden“, erzählt Wick. Alleine in eine eigene Wohnung ziehen? Das habe er sich nicht zugetraut. Denn besonders in Krisenzeiten braucht er jemanden, mit dem er sich austauschen kann und der notfalls Hilfe holt. Und so haben ihn andere Patienten auf das damalige Modellprojekt des Sozialpsychiatrischen Vereins hingewiesen und gefragt, ob er nicht mit ihnen gemeinsam in eine betreute Wohngemeinschaft ziehen wolle. Wie er damals den Platz bekommen hat, weiß er gar nicht mehr. Auch Diplom- Sozialarbeiterin Elke Altwein vom Sozialpsychiatrischen Verein kann nur Vermutungen anstellen. 25 Jahre sind seither vergangen. Wer heute in eine betreute WG einziehen möchte, muss zunächst einen Antrag beim Sozialpsychiatrischen Verein stellen und ein Attest seines behandelnden Psychiaters vorlegen. Dann wird die Situation des Antragsstellers geprüft und ermittelt, welches Maß an Hilfe und Unterstützung nötig ist. Erst wenn feststeht, dass diese Form des Betreuten Wohnens zur Situation des Antragstellers passt, wird seinem Wunsch entsprochen. Reicht das eigene Einkommen nicht aus, um die Kosten zu tragen, werden Leistungen der Eingliederungshilfe beim Landeswohlfahrtsverband beantragt.
Seine Miete bezahlt Wick selbst, auch seinen Lebensunterhalt bestreitet er von seinem Gehalt. Der 57-Jährige ist gelernter Bürokaufmann. Doch seine Krankheit hat ihm auch zu Beginn seines Berufslebens immer wieder geschadet. „Ich habe Ausbildungen abgebrochen, Arbeitsstellen aufgegeben“, erzählt er. Seine Eltern haben damals den evangelischen Pfarrer um Hilfe gebeten, der ihre Kirchengemeinde betreute und selbst eine behinderte Tochter hatte. Der besorgte Harald Wick einen Arbeitsplatz bei der evangelischen Kirchenverwaltung in Darmstadt. Angefangen hat er als Bürobote, heute arbeitet er dort im Archiv. „Ich habe gerade meine 30-jährige Betriebszugehörigkeit gefeiert“, sagt er stolz. „Das habe ich auch dem Betreuten Wohnen hier zu verdanken“, ist er sicher. Heutzutage, räumt Elke Altwein ein, ist es ungleich schwieriger, für seelisch kranke Menschen einen Arbeitsplatz zu finden.
Die Wohngemeinschaft gibt Geborgenheit
„Die WG gibt mir Geborgenheit. Hier kann ich über meine Probleme und über meine Gefühle sprechen“, beschreibt er die Vorzüge dieser Wohnform. Die Mitbewohner, die Diplom-Sozialarbeiterin, sein Chef – alle haben sie ein Auge auf ihn, sprechen ihn an, wenn sie das Gefühl haben, dass seine Krankheit sich wieder bemerkbar macht oder er seine Medikamente nicht regelmäßig nimmt. „Und dann muss ich eben wieder für einige Zeit in die Klinik“, sagt Harald Wick schulterzuckend. Der letzte Krankenhausaufenthalt ist fünf Jahre her. Inzwischen bemerkt er häufi g selbst, wenn sich eine Krise anbahnt und holt sich rechtzeitig Unterstützung. „Auch dabei helfen mir die regelmäßigen Therapiegespräche“, unterstreicht er. Alle zwei Wochen führt er mit seiner Betreuerin ein Einzelgespräch, in der Woche dazwischen nimmt er am Gruppengespräch teil. Das zählt alles zu den Betreuungsstunden, die Harald Wick zustehen. Manchmal braucht Wick aber auch eine Pause. „Diese Gespräche sind sehr anstrengend, das kostet viel Kraft. Schließlich sprechen wir da über meine Gefühle, meine Ängste“, schildert Harald Wick. Zurzeit sucht er wieder das Gespräch. „Ich weiß im Moment nicht so recht, wie ich mir meine Zukunft vorstelle, wie es bei mir weitergehen soll“, sagt er mit einem Hilfe suchenden Blick zu Elke Altwein. Regelmäßig erstellen die beiden gemeinsam einen Hilfeplan. Darin werden neue Ziele festgelegt, Wicks Wünsche festgehalten und natürlich auch, welches Maß an Hilfe nötig ist. Wenn es doch einmal Probleme gibt mit Behörden oder dem Arbeitgeber unterstützt Elke Altwein ihn, begleitet ihn im Zweifel auch. Die Kosten für diese Betreuung trägt der Landeswohlfahrtsverband.
Jeden Samstag gemeinsames Frühstück
„Ich bin viel allein, aber das ist selbst gewählt. Denn Gespräche strengen mich sehr an. Das liegt an meiner Krankheit“, schildert er seinen Alltag. Dann geht er spazieren, setzt sich auch mal in ein Café oder besucht ein Konzert. Jeden Samstag ist gemeinsames Frühstück der vier WG-Bewohner, alle im Alter zwischen Anfang 40 und Ende 50. Jeder erzählt, was ihn beschäftigt, Witze werden gerissen – „Wir lachen viel“. Einkaufen, kochen oder sich sein Abendbrot zubereiten – das macht jeder auf eigene Faust. „Aber wenn jemand beim Essen sitzt, kann sich jeder dazu setzen, der Lust hat“, fügt Wick hinzu. Das passiert auch öfter. Wer hingegen seine Ruhe haben möchte, zieht sich in sein Zimmer zurück. Den Putzdienst – immer samstags – haben die Männer selbst organisiert. Immer zwei übernehmen diesen Job, wechseln sich mit den anderen beiden ab. „Anfangs hatte ich ja die Befürchtung, dass das nur eine Chaoten-WG werden kann, wenn hier nur Männer leben“, schmunzelt Wick. Doch von Chaos ist nichts zu spüren und das Zusammenleben sei wesentlich entspannter als in seiner vorhergehenden WG, in der auch Frauen lebten. „Hier ist es richtig stressfrei, weil es zwischen uns keine Eifersüchteleien gibt und jeder den anderen so lässt, wie er ist“, ergänzt der 57-Jährige.
Das Zusammensein mit anderen, die selbst seelisch erkrankt sind, hilft ihm, weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben und ihm deshalb mit mehr Verständnis begegnen. „Das Leben mit einer solchen Erkrankung ist kein Zuckerschlecken, und es fällt unglaublich schwer, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die keine Erfahrung mit psychischen Krankheiten haben. Noch schwerer ist es, solche Kontakte zu halten“, zieht er Bilanz. Trotzdem ist ihm das geglückt: Er pfl egt seine Freundschaften mit Schulkameraden. Gerade erst hat ihm einer aus den USA eine Postkarte geschickt – und schon mal angekündigt, dass er nach seiner Rückkehr Harald Wick ausführlich von seinen Erlebnissen jenseits des Atlantiks erzählen wird. Dennoch fühlt er sich in dieser Hinsicht unsicher, braucht die Bestätigung seiner Betreuerin, dass sein Verhalten richtig ist, er sich niemandem aufdrängt. „Auch dass dies funktioniert, habe ich Ihrer Hilfe zu verdanken“, wendet er sich an Elke Altwein. Sie schaut ihn ernst an und sagt: „Es stimmt, wir unterstützen Sie, wo es nötig ist. Aber das und vieles andere in Ihrem Leben haben Sie ganz alleine geschafft. Darauf können Sie stolz sein.“
Stephan Lohr (39) im Betreuten Wohnen des EVIM Wiesbaden:
„Mitleid – Das kann ich gar nicht gebrauchen“
Ein Interview mit Stephan LohrStephan Lohr hat kürzlich seinen 39. Geburtstag gefeiert. „Ich bin ein ganz schön alter Knacker“, sagt er mit einem leichten Anflug von Ironie und einem direkten Blick in die Augen seines Gesprächspartners. Was er von den Menschen in seiner Umgebung erwartet, macht er schnell klar: Aufmerksamkeit, Ernsthaftigkeit und – soweit möglich – Normalität. Was er auf gar keinen Fall möchte: „Mitleid. Das kann ich gar nicht gebrauchen. Das hilft mir nicht weiter.“ Stephan Lohr leidet an einer angeborenen Muskelerkrankung, einer Muskeldystrophie nach Duchenne, die mit zunehmendem Alter fortschreitet. Bei den meisten Betroffenen macht sich diese Krankheit schon im Kindesalter bemerkbar, die Lebenserwartung liegt bei einem Alter von etwa Ende 30. Betroffen sind alle Muskeln, auch die Atemmuskulatur. Daher ist Stephan Lohr einige Stunden am Tag auf Beatmung angewiesen. Lohr, der nur noch seine Hände bewegen kann, sitzt in einem elektrischen Rollstuhl, den er geschickt durch seine Wohnung in einem Gebäude manövriert, in dem der Evangelische Verein für Innere Mission in Nassau (EVIM) nahe Wiesbaden Wohnungen anbietet. Seit April 2007 lebt er hier. Derzeit sucht er Arbeit. Dabei und bei vielen anderen Dingen, die für einen Menschen mit dieser Behinderung nur schwer zu bewältigen sind, unterstützt ihn Diplom-Sozialarbeiterin Christine Schmidt von EVIM.
Herr Lohr, wie sieht Ihr Alltag aus?
Stephan Lohr: Morgens um sieben kommt der Pflegedienst zu mir und erledigt die Grundpflege. Das dauert bis kurz nach acht. Inzwischen bleibe ich morgens meist im Bett, sehe fern oder höre Musik. Denn ich kann nicht mehr so lange sitzen, weil die Rückenmuskeln nicht mehr richtig mitmachen wegen meiner Erkrankung. In dieser Zeit lasse ich mich auch an das Beatmungsgerät anhängen. Ansonsten sitze ich viel am PC, eine wichtige Verbindung zur Außenwelt. Ich kann E-Mails schreiben, im Internet surfen... Ich hoffe, ich muss hier nie wieder weg.
Was gefällt Ihnen denn hier so gut?
Stephan Lohr: Die Ruhe finde ich schön. Ich kann tun und lassen, was ich will. Und gleichzeitig – das ist für mich ganz besonders wichtig – bekomme ich hier die notwendige Unterstützung, wenn ich etwas unternehmen möchte oder neue Ideen habe.
Wie sieht diese Unterstützung konkret aus?
Stephan Lohr: Na, zum Beispiel wurde meine Wohnung umgebaut, damit ich sie alleine verlassen kann und auch alleine wieder hier reinkomme. Dafür haben sich die Verantwortlichen hier stark gemacht. Die Kosten hat zum Teil die Pfl egekasse getragen. Den Rest hat das Sozialamt übernommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn das sichert mir das Höchstmaß an Selbstständigkeit, das jemandem mit meiner Behinderung möglich ist.
Christine Schmidt: Dabei muss sich Herr Lohr so oft in Geduld üben... Wenn ihm niemand das Licht einschaltet, muss er eben im Dunkeln sitzen, weil er die Hand nicht zum Schalter ausstrecken kann. Sein Alltag stellt ihn dauernd vor solche Geduldsproben. Das fi nde ich sehr bewundernswert.
Und was strapaziert derzeit Ihre Geduld?
Stephan Lohr (seufzt): Die Arbeitssuche. Seit drei Jahren bin ich ohne Arbeit. Und seit sechs Monaten suchen wir wieder richtig intensiv. Jetzt sind die ersten Schritte gemacht. Fahrdienst, Praktikum, das gestaltet sich alles schwierig. Das sind Dinge, die Frau Schmidt für mich organisieren muss. Dabei habe ich in München schon über eine Werkstatt für behinderte Menschen Aufträge für eine Bank abgewickelt. Und auch hier im Rhein-Main-Gebiet hatte ich eine Zeitlang über die Werkstatt für Behinderte einen Außenarbeitsplatz bei einem Kreditinstitut. Aber ich bin nicht mehr der Jüngste, da zählt jede Woche, jeder Tag...
Christine Schmidt: Die Arbeit muss auch zu Herrn Lohr passen. Er braucht viel Unterstützung. Es ist eine enorme Spanne – einerseits die starke körperliche Behinderung, die seine Möglichkeiten ganz entscheidend begrenzt, andererseits seine großen intellektuellen Fähigkeiten. Da etwas Passendes zu fi nden, ist schwierig.
Warum ist Ihnen die Arbeit so wichtig?
Stephan Lohr: Ich muss mehr unter Menschen und brauche einen strukturierten Tagesablauf. Es ist zermürbend, wenn man nur herum gammelt. Klar, ich versuche schon, meinen Alltag sinnvoll zu gestalten. Ich berate beispielsweise in Zusammenarbeit mit einem Sanitätshaus behinderte Kinder und Jugendliche im Hinblick auf Hilfsmittel – ehrenamtlich. Aber so viele Aufträge fallen da nicht an. Und ich bin ein sehr kommunikativer Mensch.
Wie sind Sie an diese Wohnung gekommen?
Stephan Lohr: Ich habe in der Zeitung davon gelesen. Außerdem hat mir der Leiter des Wohnpfl egehauses in Wiesbaden, der auch im Arbeitskreis der Behindertenverbände sitzt, davon erzählt. Und der für mich zuständige Sachbearbeiter beim Sozialamt. Dann ging alles seinen Gang. Ich habe einen Antrag gestellt, wurde zum Erstgespräch eingeladen. Dann haben wir einen Hilfeplan erstellt, über den bei der Hilfeplankonferenz beraten wurde. Da geht es zur Sache, da wird die Person vorgestellt, über den benötigten Umfang der Betreuung gesprochen und darüber, welche Kosten anfallen und wer sie trägt. Und wenn alles passt, bekommt man das Okay.
Wie hoch ist Ihr Bedarf an Hilfe und wer trägt die Kosten?
Stephan Lohr: Derzeit sieht der Hilfeplan 147 Stunden pro Jahr vor, das entspricht etwa drei Stunden pro Woche, die vom LWV finanziert werden. Das sind die Aufgaben, die Frau Schmidt erledigt. Der Pfl egedienst und die Hilfe im Haushalt zählen da nicht dazu. Ich beziehe Erwerbsunfähigkeitsrente. Nur für die Pflege bekomme ich zusätzliche Hilfe vom Sozialamt.
Was macht Sie hier zufrieden?
Stephan Lohr (lacht): Oh, mit Frau Schmidt habe ich schon sehr schöne Ausflüge unternommen, zum Beispiel nach Frankfurt. Ohne ihre Hilfe wäre das undenkbar. Dort habe ich ihr meinen ehemaligen Arbeitsplatz gezeigt. Natürlich haben wir auch die eine oder andere Auseinandersetzung, da reden wir durchaus auch mal Klartext miteinander. Aber das schätze ich an Frau Schmidt. Dass sie sich mit mir auch mal streitet, zeigt mir, dass ich ihr nicht gleichgültig bin. Ich fühle mich ernst genommen. Außerdem bin ich mit einigen „Normalos“ befreundet, die mich regelmäßig besuchen. Wenn es das Wetter zulässt, bin ich oft auf dem Golfplatz nebenan, schließe dort Bekanntschaften...
Und was bereitet Ihnen Kopfzerbrechen?
Stephan Lohr: Die Frage, wie lange ich hier bleiben kann. Noch bin ich nicht den ganzen Tag auf Beatmung angewiesen. Wenn es mehr als 16 Stunden pro Tag werden, wird es kritisch. Aber schon jetzt wird mir Kälte beim Atmen gefährlich. Außerdem sind hier die Stromkosten sehr hoch, weil auch für die Warmwasserbereitung Strom benötigt wird. Ich bekomme zwar einen Zuschuss, weil einige Geräte, die für meine Behandlung nötig sind, richtig Strom fressen, aber was ich selbst bezahlen muss, ist nicht wenig.
Christine Schmidt: Uns beiden ist bewusst, dass Herr Lohr irgendwann in die stationäre Betreuung muss, aber wir schauen natürlich, dass er möglichst lange hier bleiben kann. Und jetzt kümmern wir uns erst einmal wieder um eine Arbeitsstelle für Herrn Lohr. Da gibt es heute noch einiges zu besprechen...
Katrin Schmidt (24) im Betreuten Wohnen des Suchthilfezentrums Wildhof Offenbach:
Raus aus der Sucht, hin zum selbstbestimmten Leben
Eigene Wohnung und ein AusbildungsplatzKatrin Schmidt kann ihr Glück kaum fassen. „Ich habe die Zusage für einen Ausbildungsplatz“, platzt sie heraus, als Jessica Daum vom Wildhof in Offenbach bei ihr zur Tür herein kommt. Es hat sich viel getan in Katrin Schmidts jungem Leben: Die 24-Jährige, die seit 2005 wegen ihrer Suchterkrankung vom Wildhof betreut wird, hat vor drei Monaten ihre eigene Wohnung bezogen. Hier lebt sie nun mit Katze „Chico“ in einem hellen Ein-Zimmer-Appartement mit Balkon und einem kleinen Bad. Betreutes Einzelwohnen heißt das im Fachjargon. Es ist heiß an diesem Tag, ein großer Ventilator bringt wenigstens ein bisschen Bewegung in die warme Luft, alle Fenster stehen offen, die Gardinen bewegen sich sanft. „Das ist einer der wenigen Nachteile dieser Wohnung, sie heizt sich unglaublich schnell auf“, sagt die junge Frau lächelnd. Trotzdem fühlt sie sich hier wohl. „Ich habe sie meinen Bedürfnissen entsprechend gemütlich eingerichtet“, fügt sie hinzu.
Erste Ziele: Wohnung und Ausbildungsplatz
Die Wohnung und der Ausbildungsplatz sind erste wichtige Schritte auf ihrem Weg zu ihrem großen Ziel: Irgendwann ihr Leben wieder alleine in den Griff zu bekommen. Das sind ihre Glücksmomente und sie weiß, dass sie ohne Unterstützung vom Wildhof und dem Betreuten Wohnen kaum Chancen hätte, sich diesen Traum zu verwirklichen. „Wer süchtig war und eine Therapie gemacht hat, der weiß, dass man Hilfe braucht in dieser Situation“, betont sie.
Im Alter von knapp 16 Jahren ist sie das erste Mal bei einer Drogenberatungsstelle. „Meine Eltern haben mich dorthin geschleppt, ich sollte in Therapie, aber ich kam gar nicht zurecht“, blickt die junge Frau zurück. 2005 ist schließlich der Punkt erreicht, an dem sie einsieht, dass sie Stück für Stück ihr Leben zerstört, wenn sich nicht radikal etwas ändert. Sie absolviert eine stationäre Therapie, kommt dann zum Wildhof. Danach fühlt sie sich stark genug, um ins Betreute Wohnen zu wechseln. „Meine alte Wohnung hatte ich noch, deshalb bin ich nach Mühlheim zurück“, erzählt sie. Ein Fehler, wie sie inzwischen einräumt. „Klar, sagen sie dir in der Therapie, dass du deine Freunde, dein soziales Umfeld aufgeben musst, nicht zurück sollst. Aber es gab da einen Mann...“ Es dauert einige Zeit, aber irgendwann ist ihre Kraft aufgebraucht. Durch ihren Freund kommt sie wieder mit dem alten Umfeld in Kontakt, jenem Freundeskreis, in dem es normal ist, zu Suchtmitteln zu greifen, in dem sie sich mit ihrem „Nein“ ausgrenzt. Statt zu illegalen Drogen greift sie nun zu Alkohol, jeden Tag ein bisschen mehr. Katrin Schmidt wird unzuverlässig, hält ihre Termine mit ihrer Betreuerin nicht mehr ein, öffnet die Tür nicht, wenn Jessica Daum zum Hausbesuch vorbei kommt. Die merkt schnell, dass Katrin Schmidt wieder in den alten Teufelskreis gerät. Sie bietet Hilfen an, die jedoch zunächst nicht angenommen werden.
Trotzdem kommt die junge Frau schließlich aus dem Schlamassel wieder heraus: „Jeder, der von sich aus eine Therapie gemacht hat, weiß, dass er an das glauben muss, was er gelernt hat. Du musst deine Wünsche und Ziele im Auge behalten und du weißt, wie du mit dir wieder ins Reine kommen kannst.“ Als sie merkt, dass sie sich immer mehr von ihren Träumen entfernt, zieht sie die Notbremse, kehrt zunächst auf den Wildhof zurück und wechselt danach in eine Art betreute Wohngemeinschaft, in der jeder sein eigenes Zimmer hat, aber in engem Kontakt mit seinem Betreuer langsam lernt, den streng regulierten Rahmen der Therapie zu verlassen und seinen Tag selbst zu strukturieren. Sie nimmt an einer Weiterbildungsmaßnahme des Arbeitsamtes teil, die speziell für Frauen unter 25 Jahren konzipiert ist. Irgendwann fühlt sie sich wieder stark genug für ein Leben in den eigenen vier Wänden, „aber ganz sicher weit weg von meinem alten Freundeskreis“.
Unterstützung ist jederzeit möglich
Die kleine Wohnung hat sie sich selbst gesucht. Finanziell unterstützt wird sie dabei vom Arbeitsamt. „Ich versuche, meine Dinge so weit es geht, selbst zu regeln. Aber ich weiß auch, dass ich mir jederzeit Unterstützung holen kann, wenn ich Hilfe brauche, zum Beispiel im Umgang mit Ämtern, der Schule oder meinen Eltern“, unterstreicht Schmidt. Inzwischen kann sie die Hilfe, die ihr das Betreute Wohnen bietet, auch annehmen: „Ich weiß jetzt einfach, dass ich jederzeit anrufen kann, dass immer jemand für mich da ist.“ Das sehr offene Hilfekonzept kommt ihr sehr entgegen. Wenn es ihr gut geht, sind die Abstände zwischen den Terminen mit ihrer Betreuerin größer. Macht sich eine Krise bemerkbar oder spitzt sich gar zu, kann sie ganz kurzfristig Unterstützung bekommen. „Wir sind immer erreichbar, und wir kommen auch ganz schnell zum Hausbesuch vorbei, wenn akuter Handlungsbedarf besteht“, betont Jessica Daum. Dennoch, das sagt Daum auch, Hilfe ist kein Selbstläufer: „Die Klienten müssen unsere Hilfe annehmen wollen und können. Sie müssen offen darüber reden, wenn es ihnen nicht gut geht.“
Katrin Schmidt und Jessica Daum beraten in regelmäßigen Abständen, welche Hilfe die 24-Jährige benötigt, ob eventuell eine Verringerung der Unterstützung möglich ist. In der Regel, so erklärt Daum, werde der Integrierte Behandlungs- und Rehabilitationsplan zunächst auf ein Jahr festgelegt. Darin wird deutlich formuliert, auf welchen Gebieten der jeweilige Klient Probleme hat, woran er arbeiten muss. In der regionalen Hilfeplankonferenz beraten dann in jedem einzelnen Fall Fachleute des betreuenden Dienstes, von weiteren Leistungsanbietern, vom örtlichen Gesundheitsamt und vom Landeswohlfahrtsverband als zuständigem Kostenträger des Betreuten Wohnens, ob die Hilfe sinnvoll ist.
Termine und Gespräche geben Sicherheit
Nach sechs Monaten wird überprüft, was erreicht wurde, welche Unterstützung weiterhin notwendig ist oder ob das Hilfeangebot an eine veränderte Situation angepasst werden muss. „Manche Klienten machen sehr schnell Fortschritte, andere können sich gar nicht trennen und bekommen es mit der Angst, wenn man ihnen sagt, dass sie bald aus der Betreuung ausscheiden“, erläutert Daum. Denn die regelmäßigen Termine und die intensiven Gespräche geben den Betroffenen Sicherheit. Schließlich wissen sie, dass ihre Veranlagung, sich in eine Abhängigkeit zu fl üchten, auch nach ihrer Rückkehr ins normale Leben bestehen bleibt. Wie real diese Gefahr ist, weiß Daum aus ihrem Berufsalltag: „Ich hatte bislang noch keinen Klienten, der ohne Brüche in ein suchtfreies Leben zurückgefunden hat. Manche bewältigen einen Rückfall leichter, andere brauchen intensivere Hilfe in dieser Zeit. Aber ich kenne keinen, der diesen Weg ohne Schwierigkeiten geschafft hat.“
Katrin Schmidt hofft nun, dass sie die dunklen Zeiten hinter sich hat und stark und selbstbewusst in ihr drogenfreies Leben starten kann. „Ich habe mir fest vorgenommen, diesmal durchzuhalten, mich bei meinem Arbeitgeber zu entschuldigen, wenn es tatsächlich einmal gar nicht gehen sollte, und mich rechtzeitig bei Frau Daum zu melden, wenn sich eine Krise ankündigt“, sagt sie entschlossen. Beide hoffen, dass auch für Katrin Schmidt irgendwann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem sie bei der Beratung des Hilfeplans feststellen, dass die junge Frau es geschafft hat und die Hilfestellung durch das Betreute Wohnen für sie nicht mehr notwendig ist.
Heidi Lummel (30) und Bernd Dreher (32) im Betreuten Wohnen des WfB Rhein-Main e. V.:
Ein eingespieltes Paar
Was alltäglich klingt, ist nicht selbstverständlichHeidi Lummel und ihr Lebensgefährte Bernd Dreher aus Rüsselsheim stehen am Fenster und warten auf ihren Besuch. Der Tisch in ihrem Wohnzimmer ist gedeckt, der Kaffee duftet, das Gebäck verlockt zum Zugreifen. Besuch bekommen, Gespräche führen, neue Menschen kennenlernen, das ist immer eine willkommene Abwechslung für das Paar. Ihr Alltag unterscheidet sich kaum von dem ihrer Nachbarn: Sie gehen morgens in der Frühe zur Arbeit. Danach steht der Haushalt auf dem Programm. Wenn dann noch Zeit ist, gehen sie ihren Hobbys nach. Heidi Lummel liebt Handarbeiten aller Art, das macht sich im Wohnzimmer bemerkbar. Am Wochenende sind sie öfter mit dem Fahrrad unterwegs, besuchen häufi g Bernd Drehers Eltern, die ebenfalls in Rüsselsheim wohnen.
Was so alltäglich klingt, ist keinesfalls selbstverständlich. Denn beide sind aufgrund einer frühkindlichen Geburtsschädigung geistig behindert. Sie haben sich nach und nach mühsam all die Fähigkeiten erarbeitet, die sie beherrschen müssen, um in ihren eigenen vier Wänden gut leben zu können. „Ich war lange im Wohnheim. Dort habe ich gelernt, wie man sich und seinen Haushalt versorgt“, erzählt Heidi Lummel. Noch immer haben die beiden zweimal pro Woche Betreuungszeit. „Da besprechen und üben wir Dinge, die noch nicht so gut funktionieren. Und da lernen wir immer wieder etwas dazu“, berichtet die 30-Jährige weiter. Unterstützt werden sie dabei von Mitarbeitern eines Teams sozial- und heilpädagogischer Fachkräfte des Bereichs Betreutes Wohnen der Werkstätten für Behinderte Rhein-Main. Die Kosten dafür trägt der Landeswohlfahrtsverband Hessen. „Wenn es nach mir ginge, könnten wir ruhig dreimal pro Woche Betreuungszeit haben, ich habe nämlich gerne Besuch“, lacht Heidi Lummel. „Hey, wir wollen nicht mit euch hier Kaffee trinken, wir wollen euch bei dem unterstützen, was ihr nicht alleine schafft“, mahnt Verena Wedel, die Leiterin des Betreuten Wohnens, schmunzelnd.
Routine-Hausarbeit und Einkäufe selbstständig erledigen
Seit drei Jahren lebt das Paar in der eigenen Wohnung und kommt immer besser eigenständig zurecht. Im Wohnheim hat Heidi Lummel waschen und bügeln gelernt, kochen und putzen. Danach hat sie in einer Zweier-Wohngemeinschaft mit einer anderen Frau erprobt, ob sie diese Dinge auch meistert, wenn ihr nicht ständig jemand dabei hilft. Erst danach hat sie sich auf das Wagnis einer gemeinsamen Wohnung mit ihrem Lebensgefährten eingelassen. Inzwischen erledigt sie außer der Routine-Hausarbeit auch die meisten Einkäufe selbstständig. „Inzwischen weiß ich, dass ich immer im Hinterkopf haben muss, was ich brauche, wieviel Geld ich zur Verfügung habe und was ich dann tatsächlich kaufen kann“, berichtet sie. Anfangs war hier Begleitung notwendig, die sie dabei beraten hat. Mehr und mehr übernimmt seit einiger Zeit ihr 32-jähriger Partner den Wocheneinkauf. „Er kann eben nicht so gut putzen, das hat er zu Hause nicht gelernt, also putzt er ein bisschen weniger und kauft statt dessen ein“, ergänzt Heidi Lummel. In diesem Sommer ist das Paar mit der Lebenshilfe zum ersten Mal in Urlaub gefahren. „Wir waren in der Lüneburger Heide, das war schön“, schwärmen sie.
Dass sie sich solche „Extratouren“ leisten können, ist ihr Verdienst. Dank ihres besonnenen Umgangs mit Geld können sie sich auch mal einen Sonderwunsch erfüllen. Dazu trägt ihre Arbeit bei. Heidi Lummel arbeitet in einer Schule für praktisch bildbare Menschen, hält dort die Küche sauber, trocknet ab, übernimmt das Waschen, Mangeln und Bügeln der Wäsche. „Das macht Spaß und ist das große Los. Denn dadurch kann ich auch immer mal ein bisschen Geld zurücklegen“, berichtet sie. Bernd Dreher arbeitet in der Näherei der Werkstatt für Behinderte und fertigt Sicherungsgurte für die Luftfracht.
Ihre Wohnung haben sie selbst gemietet. Weil ihr Einkommen dafür nicht ausreichen würde, erhalten sie ergänzend Leistungen zur Grundsicherung, die in regelmäßigen Abständen von ihrem gesetzlichen Betreuer beantragt werden müssen. Ihr gesetzlicher Betreuer verwaltet auch das Geld, das den beiden zusteht. Sie erhalten jeweils eine festgelegte Summe, die für den Kauf von Dingen des täglichen Bedarfs gedacht ist, und zusätzlich ein fixes Taschengeld. Was davon übrig bleibt, können sie beiseite legen. „Auf diese Weise habe ich mir zum Beispiel das Geld für mein Fahrrad zusammengespart“, erklärt die 30-Jährige.
Platz für Gefühle
Bei der Wohnungssuche hat Verena Wedel, die das Betreute Wohnen leitet, das Paar unterstützt. „Das lag aber daran, dass Heidi schon vorher bei uns im Betreuten Wohnen war und es sich um einen Wohnungswechsel handelte“, ergänzt Verena Wedel. Den Umzug selbst und das Streichen der Wohnung hat Bernd Drehers Vater übernommen. Auch der gesetzliche Betreuer hat das Paar beim Umzug unterstützt. „Und er hilft mir auch manchmal, wenn ich mal nicht so ganz klar komme mit meinen Gefühlen“, sagt Heidi Lummel selbstkritisch. So zum Beispiel, als sie sich eine neue Küche für die neue Wohnung wünschte, die alte aber durchaus noch funktionsfähig war. „Da habe ich vor Enttäuschung geweint, weil das Geld nicht reichte, aber wir haben dann doch die alte Küche behalten und erst später aus einer Wohnungsaufl ösung einen schöneren Küchenschrank bekommen“, erzählt sie.
Trauer und Wut - damit kommt Heidi Lummel nicht immer alleine zurecht. „Auch das gehört zu den Dingen, bei denen wir Hilfestellung leisten“, erklärt Verena Wedel. Und sie fügt hinzu: „Aber die beiden haben schwere Jahre hinter sich mit Trauerfällen in der Familie. Und in diesen Fällen haben die Angehörigen sich immer auf unsere Vermittlung verlassen.“ Da kann es schon vorkommen, dass Heidi Lummel so sehr von ihren Gefühlen gepeinigt wird, dass sie davon läuft, durch die Stadt irrt, um über Schmerz und Trauer Herr zu werden. „Und da kann es dann auch passieren, dass ich hinterher sprinte und am Ende völlig außer Puste bin“, sagt Verena Wedel und schenkt Heidi ein tröstendes Lächeln.
Dennoch ist Heidi Lummel in den Augen Verena Wedels das Paradebeispiel dafür, wie Betreutes Wohnen für geistig behinderte Menschen gelingen kann: „Heidi weiß ganz genau, was sie kann und was sie nicht kann. Und sie hat gelernt, uns deutlich zu sagen, wo sie unsere Hilfe braucht und wie wir ihr helfen können.“ Davon profi tieren alle.
Heidi Lummel und Bernd Dreher ergänzen sich ideal. Er ist ruhiger und besonnener und hat schon allein wegen der räumlichen Nähe eine engere Bindung an seine Familie. Die gibt den beiden den notwendigen Halt. Seine Lebensgefährtin wiederum meistert die praktischen Dinge des Haushalts besser, ist sehr fröhlich und schafft es spielend, auf andere Menschen zuzugehen. Die beiden wissen durchaus, dass Bernds Eltern anfangs skeptisch waren angesichts der Pläne, eine eigene Wohnung zu beziehen. „Bernd hat sich gar nicht getraut, sie zu fragen. Das habe ich gemacht. Heute wissen sie, dass es funktioniert“, erzählt Heidi Lummel und beide strahlen sich an. „Dazu muss man vielleicht wissen, dass Bernd noch einen Zwillingsbruder hat, der ebenfalls geistig behindert ist“, ergänzt Verena Wedel. Bernd Dreher und Heidi Lummel lernen immer mehr dazu, je länger sie gemeinsam hier leben. Sie genießen es, selbst etwas für ihre Wohnung zu tun und packen tatkräftig mit an. Und sie sind sicher: „Hier fühlen wir uns wohl und hier bringt uns keiner mehr weg.“
Marianne Vukovic (50) im Betreuten Wohnen der Ambulanten Dienste Nordhessen von Lichtenau e. V. mit Sitz in Kassel
„In meiner Wohnung fühle ich mich sauwohl“
Schritt ins Betreute Wohnen nie bereutEs traf sie völlig unerwartet. Marianne Vukovic war gerade 40 Jahre alt, Inhaberin einer Dorfkneipe in einem kleinen Ort bei Fritzlar und „Gastwirtin mit Leib und Seele“, als sie im Mai 1998 einen Hirnschlag erlitt. Acht Monate lang lag die Mutter zweier inzwischen erwachsener Söhne im Wachkoma. „Da ist eine große Lücke: Meine Erinnerung setzt erst in der Zeit ein, als ich anfi ng, wieder ganz langsam sprechen zu lernen“, sagt die heute 50-Jährige, deren rechte Körperhälfte seit dem Hirnschlag gelähmt ist.
Eine mühsame Zeit mit vielen Operationen und Reha-Aufenthalten begann, nachdem sie aus dem Koma erwacht war. Immer wieder gab es bittere Rückschläge, Zeiten voller Trauer, Verzweifl ung, Wut – aber auch voller Hoffnung. Marianne Vukovic ließ sich nicht unterkriegen – heute strahlt sie trotz des schweren Schicksalsschlages Zufriedenheit, Kraft, Selbstbewusstsein und viel Humor aus.
Nach dem Koma wohnte sie zunächst im Pflegezentrum Fürstenhagen bei Hessisch Lichtenau, später in einer Wohngemeinschaft mit enger Anbindung an das Pfl egeheim. Dass sie jemals wieder in ihren eigenen vier Wänden würde leben können, hätte in den ersten schweren Jahren nach dem Hirnschlag niemand gedacht. „Ich konnte mir das selbst nicht vorstellen“, sagt sie, „als ich zum ersten Mal vom Betreuten Wohnen gehört habe, da dachte ich, das klappt doch nie“.
Es klappt. Sehr gut sogar: Kurz vor Weihnachten im Jahr 2007 zog Marianne Vukovic in eine geräumige Zwei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock eines barrierefreien Hauses der Altstadt von Hessisch Lichtenau bei Kassel. Seit kurzem hat sie einen Mitbewohner: Fips, den Wellensittich. Den hat sie zusammen mit Erni Klemme in Kassel gekauft. Erni Klemme ist ihre Betreuerin und bei den Ambulanten Diensten Nordhessen von Lichtenau e. V. beschäftigt. Die ambulanten Dienste bieten neben Persönlicher Assistenz auch einen Pflegedienst, Schulassistenz, eine Beratungsstelle für Eltern und Angehörige, die mit Kindern oder Jugendlichen mit Behinderungen zusammenleben, familienentlastende Hilfen, Ferien und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen – und Betreutes Wohnen an.
„Hier ist jeden Tag was los“
Betreutes Wohnen, das bedeutet für Marianne Vukovic, dass sie vielfältige Unterstützung bekommt – damit sie ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen kann. Täglich morgens und abends kommt der Pfl egedienst, hilft beim Waschen und An- beziehungsweise Umziehen, was die 50-jährige wegen ihrer Lähmung nicht alleine kann. „Hier ist jeden Tag was los“, schmunzelt sie: Jeweils einmal pro Woche kommen eine Putzfrau, eine Ergotherapeutin – und Erni Klemme. Sie sei „Ansprechpartnerin für alle Lebensfragen“, erklärt die Pädagogin, die Marianne Vukovic zum Beispiel beim Schriftverkehr mit Behörden hilft – oder auch bei besonderen Anschaffungen, wie Fips einer ist: „Den hätte ich ja alleine hier gar nicht herbekommen“, sagt die 50-Jährige, die Anspruch auf 147 Fachleistungsstunden im Jahr hat. Finanziert werden diese Stunden vom Landeswohlfahrtsverband Hessen.
Allein unterwegs
Die meisten Lebensmittel und Dinge für den täglichen Bedarf kauft Marianne Vukovic selber ein: Gleich um die Ecke sind mehrere Geschäfte. Überhaupt ist sie gerne unterwegs, mit ihrem Elektrorollstuhl. „Ich fahre dreimal in der Woche zur Krankengymnastik, dann auch oft noch in den Park oder ich treffe mich mit Freunden und Bekannten“. Zu den Hausbewohnern habe sie guten Kontakt, „wir trinken manchmal Kaffee zusammen – also Langeweile habe ich keine“, erzählt sie und lacht. Dennoch würde sie am liebsten wieder wenigstens stundenweise arbeiten. „Auf dem Arbeitsmarkt fi nde ich natürlich nichts und in einer Werkstatt für Behinderte bekomme ich auch keinen Platz – aber ich könnte mir vorstellen, ehrenamtlich etwas zu tun, zum Beispiel im Pfl egezentrum Fürstenhagen, Bewohner besuchen, ihnen beim Essen helfen oder etwas vorlesen, mal sehen, ob sich da etwas organisieren lässt“, sagt die selbst schwerbehinderte Frau.
Besonders freut sie sich immer auf den Dienstag. Da fährt Marianne Vukovic – alleine – mit der Straßenbahn von Hessisch Lichtenau nach Kassel in die Geschäftsstelle von Lichtenau e. V. Dort ist, zwischen 9.00 Uhr und 16.30 Uhr die „Begegnungsstätte Eldorado“ geöffnet, die Erni Klemme leitet und ein weiteres Angebot von Lichtenau e. V. neben dem Betreuten Wohnen ist. Regelmäßig treffen sich hier Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zum Austausch. „Wir unterhalten uns, unternehmen etwas zusammen – bekommen aber auch ganz praktische Tipps“, erzählt Marianne Vukovic, „zum Beispiel den: Wenn man Bratkartoffeln machen will und die Kartoffeln mit einer Hand nicht in Scheiben schneiden kann, kann man sie erst kochen und dann einen Eierschneider benutzen“.
Fest steht: Marianne Vukovic bereut den Schritt ins Betreute Wohnen nicht. „Es gibt einem ein Stück Unabhängigkeit zurück“, sagt sie, „Ich kann hier tun und lassen, was ich will. Ich fühle mich in meinen eigenen vier Wänden sauwohl!“
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Ansprechpartner des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen zum Betreuten WohnenFür Menschen mit körperlicher oder Sinnesbehinderung
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Ansprechpartner des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen zum Betreuten WohnenFür Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen
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LWV Hessen – sozialer Dienstleister für Hessen
Der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) wird als landesweiter Kommunalverband getragen von den Landkreisen und kreisfreien Städten. Er versteht sich als sozialer und bürgernaher Dienstleister für behinderte und kranke Menschen. Der LWV ist heute:
- überörtlicher Sozialhilfeträger
- Integrationsamt für behinderte Menschen im Beruf
- Träger der Kriegsopferfürsorge
- Alleingesellschafter der LWV-Gesundheitsmanagement GmbH mit mehr als 30 fachlich eigenständigen Kliniken, Wohn- und Pflegeheimen sowie Heilpädagogischen Einrichtungen
- Träger von Schulen und weiteren Einrichtungen
Der LWV ist an drei Standorten in Hessen mit seinen Dienstleistungen präsent: in Kassel mit seiner Haupt- und Regionalverwaltung sowie mit Regionalverwaltungen in Darmstadt und Wiesbaden. In über 55.000 Fällen erhalten Menschen mit Behinderungen bedarfsgerechte Hilfen zur gesellschaftlichen Teilhabe.
AKTUALISIERUNG
Aufgrund gesetzlicher Änderungen haben wir in dieser Broschüre auf Seite 7 folgende Aktualisierungen vorgenommen:
Betreutes Wohnen – wie finde ich meinen Hilfebedarf heraus?
Wenn Sie einen Anbieter des Betreuten Wohnens gefunden haben, machen Sie einen Termin aus, bei dem Sie zusammen mit einer Fachkraft einen Individuellen Hilfeplan erarbeiten. Gleichzeitig stellen Sie einen Antrag auf Sozialleistungen. Diese Unterlagen werden dann dem Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) übersandt. Dann werden Sie entweder zum Amtsarzt des Gesundheitsamtes eingeladen oder Sie legen ein fachärztliches Gutachten vor. Wenn alle Unterlagen vorliegen, findet eine Beratung in der Hilfeplankonferenz statt. Hier besprechen Sie mit den Fachleuten Einzelheiten, beispielsweise wie viel Unterstützungsbedarf Sie in welchen Bereichen haben. Oder wie barrierefrei Ihr Wohnraum sein muss. Natürlich kann Sie bei allen Schritten ins Betreute Wohnen ein Familienangehöriger oder ein gesetzlicher Betreuer begleiten.
Hilfeplankonferenzen:
An den Hilfeplankonferenzen nehmen Vertreter des LWV, der Anbieter von betreuten Wohnmöglichkeiten sowie des örtlichen Sozial- oder/und Gesundheitsamtes, der Klient und auf Wunsch der Betreuer teil.








