Soteria-Konzepte in LWV-Kliniken
In der Serie "Was ist das?" erklärt LWV-Info leicht verständlich wichtige psychiatrische Krankheitsbilder und Themen aus einem psychiatrischen Kontext. Zuletzt erschien im Heft Nr. 2/2004 ein Artikel zum Thema "Schizophrenie". (jda)
"Soteria heißt Zuflucht, Rettung, Geborgenheit", erklärt Dr. Verena Bonnet, Oberärztin am LWV-Zentrum für Soziale Psychiatrie Mittlere Lahn in Gießen. Soteria in Reinkultur, das heißt: die Behandlung von Psychose-Patienten ohne Medikamente in einer engen und stützenden Beziehung zum ärztlichen und pflegerischen Personal. Denn der Soteria-Gedanke fasst die Psychose nicht nur als Erkrankung auf, die mit allen Mitteln bekämpft werden muss, sondern auch als Möglichkeit zur menschlichen Reifung, die durch die elementaren Erlebnisse in einer psychotischen Phase eingeleitet wird. Soteria ermöglicht es dem Patienten, wieder an seine Selbstheilungskräfte anzuknüpfen, indem ihm ein schützendes, gewährendes und akzeptierendes Milieu angeboten wird. Außerdem wird der Patient vor schädlichen Umweltreizen abgeschirmt, die seiner Psychose weitere Nahrung bieten würden. Der Soteria-Gedanke akzeptiert die Erfahrung der Patienten als deren ganz eigene Realität. Mit dieser Erkenntnis übernehmen die Therapeuten stützende und begleitende Funktionen.
Soteria – eine Idee aus Kalifornien und Bern
Entstanden ist die Soteria Anfang der 70-er Jahre in Kalifornien, wo Loren Mosher das erste Soteria-Haus gründete. Seine Idee war, Psychose-Patienten in einem möglichst normalen Haus und in einer kleinen Gruppe von nicht mehr als zehn Menschen zu behandeln. Das Haus sollte Sicherheit, Ruhe und Stabilität vermitteln. Die Brücke zur Realität waren die Mitarbeiter, die zu den Patienten eine offene und möglichst gleichberechtigte Beziehung eingehen sollten. 1984 wurde in Bern ein weiteres Soteria-Haus eingerichtet, das sich am amerikanischen Konzept orientierte und lange Jahre von Luc Ciompi geleitet wurde. Er legte seinem Behandlungskonzept jedoch ein anderes Verständnis von Schizophrenie zugrunde. Beide Soteria-Häuser, von Mosher und Ciompi, waren gleichzeitig auch Forschungsprojekte. Sie zeigten, dass bei vielen Patienten in einer Soteria-Umgebung ohne Psychopharmaka die selben Behandlungserfolge erzielt werden können wie in einer normalen psychiatrischen Klinik. Die Soteria-Behandlung war demnach der konventionellen Behandlung also nicht unterlegen. Bessere Therapieerfolge konnte sie jedoch nicht erzielen. Auch war die Rückfallhäufigkeit nicht geringer als bei einer medikamentösen Therapie bei allerdings gleichzeitig deutlich längerer Behandlungszeit. Deshalb werden heute in der Soteria, auch in Bern, Medikamente in Absprache mit den Patienten in möglichst geringer Dosis verabreicht und nicht mehr völlig abgelehnt.
Soteria beim LWV Hessen
Soteria-Stationen beim LWV Hessen gibt es heute im Zentrum für Soziale Psychiatrie Mittlere Lahn in Gießen und im Bürgerhospital Friedberg, an dessen Trägergesellschaft der LWV beteiligt ist. Den Anfang machten die Gießener Ende der 80-er Jahre, beeinflusst durch die psychoanalytische Schule an der Universität Gießen. Dort wurde in den 70-er und 80-er Jahren ein psychodynamisch geprägtes Bild der schizophrenen Psychose gelehrt. Aus diesem Verständnis heraus wurden schon damals viele Behandlungsgrundsätze in Gießen eingeführt, die in anderen Kliniken erst später etabliert wurden. Dazu gehören die Bezugspflege, regelmäßige psychotherapeutische Einzel- und Gruppengespräche, Behandlerkonstanz, Arbeit in multiprofessionellen Teams und Supervision.
Trotz günstiger Rahmenbedingungen für einen psychodynamischen und beziehungsorientierten Ansatz blieb die Qualität der Psychosebehandlung für die Gießener in der Anfangsphase unbefriedigend. "Wir waren ständig mit der psychotischen Symptomatik beschäftigt, das Erleben der Patienten in der akuten Psychose blieb aber außen vor", so Bonnet.
Bei der Suche nach Lösungsmöglichkeiten stießen die Gießener Ärzte auf das Soteria-Behandlungskonzept, wie es in Bern weiterentwickelt worden war. "Wir haben unser Setting ein Stück weit an der Soteria Bern orientiert", fügt die Gießener Oberärztin hinzu. 1987 hospitierte ein Mitarbeiter des ZSP, der heutige Stationspsychologe des Hauses 9, in der Soteria Bern und brachte von dort viele wichtige Anregungen mit. Das Ergebnis beschreibt Bonnet wie folgt: "Wir setzen Elemente des Soteria-Konzeptes auf einer normalen akutpsychiatrischen Station um." Die Soteria in Gießen ist also keine reine Soteria, sondern verbindet die klassischen Therapieverfahren einer Akutstation mit den Soteria-Ideen. Die in Gießen entwickelte Praxis war lange Zeit Gegenstand der Diskussion in der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Soteria, dessen Mitglied die Gießener Klinik ist. Denn eine psychiatrische Akutstation hat mit einem wohnlichen Haus wenig zu tun. Außerdem lassen sich Alltäglichkeiten wie Einkaufen, Kochen und Hausarbeit nur schwer in die Abläufe einer Akutstation integrieren. Dennoch hat das Gießener Behandlungskonzept gezeigt, dass es möglich ist, einen schützenden Raum im Sinne der Soteria einzurichten, in dem die Patienten ihre akute psychotische Krise durchleben können.
Abweichend vom eigentlichen Soteria-Konzept werden in Gießen nicht nur Menschen mit Psychosen, sondern auch gelegentlich Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen, akuten Belastungsreaktionen sowie Anpassungsstörungen behandelt. Die Patienten sind zwischen 18 und 60 Jahre alt und werden durchschnittlich vier bis fünf Wochen behandelt. Nicht alle sind freiwillig auf der Station, denn es werden auch psychisch Kranke im Rahmen einer Zwangsunterbringung therapiert. Im Gegensatz zu anderen Soteria-Einrichtungen außerhalb Gießens werden alle Patienten angenommen und nicht nach besonderen Kriterien ausgewählt. In Zeiten knapper Kassen sind Kosten natürlich ein wichtiger Punkt. Schon manch eine Soteria-Einrichtung musste aus finanziellen Gründen geschlossen werden. In Gießen ist die Kostenstruktur für eine Soteria-Behandlung vorteilhaft: Medikamente werden weniger verbraucht, auch ist die Verweildauer nicht länger als auf einer normalen Akutstation.
Umsetzung in Gießen und Friedberg
Wie sieht nun eine Soteria-Behandlung in Gießen praktisch aus? Die Behandlung ist räumlich und zeitlich in zwei Phasen gegliedert. In der ersten Phase der Behandlung arbeitet das Soteria-Team unter anderem auch mit dem weichen Zimmer, einem reizarmen Raum. "Hier steht die haltende Begleitung durch die akute Krise, das Aufnehmen, Verstehen und Integrieren psychotischer Symptome und der Aufbau einer therapeutischen Beziehung im Vordergrund", sagt Dr. Verena Bonnet. Wenn die Patienten stabilisiert sind, ziehen sie in das obere Stockwerk um, wo ein aktivierendes Milieu angeboten und das eigenverantwortliche Miteinander zwischen den Patienten gefördert wird. Die Patienten tauschen sich wieder verbal und emotional untereinander aus. Anschließend versuchen die Patienten mit Hilfe der Therapeuten, sich sozial und beruflich zu reintegrieren. Oft ist dies eine große Herausforderung.
Seit einem Jahr gibt es auch am Bürgerhospital Friedberg, wo der LWV als Mitgesellschafter des Klinikums die psychiatrische Abteilung betreibt, eine Station, die mit Soteria-Elementen arbeitet.
Wie in Gießen bietet man den Patienten im "weichen Zimmer" einen Rückzugsraum ohne belastende Außenreize. Besonders gute Erfahrungen hat man mit der offenen Tür gemacht. "Trotz Zwangsunterbringung verlässt kaum ein Patient die Station. Sollte ein Patient dies dennoch wünschen, sagen wir einfach, gut, Sie können gehen, aber dann rufen wir die Polizei. Danach bleiben fast alle zwangsuntergebrachten Patienten auf der Station", erklärt Dr. Michael Putzke, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Bürgerhospital Friedberg. Da man hier davon ausgeht, dass bei der Schizophrenie zunächst Gefühle und Empfindungen des Betroffenen sich von der Realität entfernen und anschließend ein schizophrener Zustand entsteht, werden vor allem Medikamente verabreicht, die die Gefühle beeinflussen und weniger Neuroleptika, die auf die Gedanken wirken. Auch die neue Generation der Psychopharmaka, die atypischen Neuroleptika, sind für Dr. Michael Putzke kein Allheilmittel, denn auch sie sind nicht ohne Nebenwirkungen, zumal sie bei 20 bis 30 % der Patienten nicht wirken. Gerade für Patienten, die unter den Nebenwirkungen leiden oder bei denen Medikamente keine Wirkung zeigen, ist eine Soteria-Behandlung eine echte Alternative. "Unser Prinzip könnte heißen: Wir ersetzen den Schlüssel durch Beziehung", sagt Putzke und verweist dabei auf die "Bezugspflege", wo jeder Patient zu Beginn der Behandlung eine feste Bezugsperson erhält. Durch die Beziehungsarbeit falle es den Patienten leichter, sich auf die Behandlung einzulassen. Dies ermögliche auch die offene Stationstür. Erfolge könne die Soteria vor allem erzielen, indem sie auf die gesunden Anteile des Patienten setze, die hier besonders gefördert würden.
So wurden in Gießen und am Bürgerhospital Friedberg in den letzten Jahren mit den Soteria-Stationen beachtliche Fortschritte im Sinne der Patienten gemacht. Doch Schwerpunkt der Behandlung bleibt natürlich immer die langjährige ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Therapie. Denn ein stationärer Aufenthalt sollte immer nur von kurzer Dauer sein.
Dr. Constantin Gora/(jda)
Gießener Soteria-Haus modernisiert
Nach rund 15-monatiger Renovierungszeit war es so weit: Im September wurde das Haus 9, das Soteria-Haus des ZSP Mittlere Lahn in Gießen, mit einem Festakt, zu dem Vorträge und Führungen gehörten, wieder in Betrieb genommen. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude wurde funktional für Psychosebehandlungen mit Elementen des Soteria-Konzeptes ausgestattet. Dazu wurde das Haus vollständig entkernt und brandschutzgerecht ausgebaut. Der Anbau des Gebäudes wurde aufgestockt. Die Patientenzimmer sind nun barrierefrei erreichbar und verfügen über ein eigenes Bad. Zusätzlich entstanden neue Therapieräume. Auch wurden die Außenanlagen neu gestaltet. LWV-Landesdirektor Lutz Bauer und der Ärztliche Direktor der Gießener Klinik, Prof. Dr. Helmut Woelk, waren sich bei der Einweihung sicher, dass nun die Idee des Soteria-Konzeptes, gezielt die Selbstheilungskräfte der Patienten zu mobilisieren, durch die günstigeren räumlichen Bedingungen noch besser umsetzbar seien. Die Kosten der Baumaßnahme beliefen sich auf rund 1,74 Mio. Euro und wurden aus Krankenhausmitteln des Landes Hessen finanziert. (rvk/jda)
Begründer des Soteriakonzeptes verstorben
Weniger als andere Therapiekonzepte vertraut das Soteria-Konzept auf die Wirksamkeit von Psychopharmaka und setzt mehr auf individuelle Ressourcen der Patienten. Im Laufe seiner beruflichen Laufbahn wurden die Vorbehalte, die der Begründer der Soteria, Loren Mosher, gegenüber einem extensi-ven Medikamenteneinsatz hatte, größer, auch weil der US-amerikanische Psychiater eine "unheilige Allianz" zwischen der Psychiatrie und den großen Pharma-Unternehmen sah. Damit begründete er 1998 seinen Austritt aus der einflussreichen Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung. Im Juni ist Loren Mosher im Alter von 70 Jahren verstorben. Seinem Lebenswerk war im November in Hamburg eine Tagung gewidmet, auf der auch Dr. Verena Bonnet referierte. (jda)








