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Ausgebrannt durchs Helfen
Burnout-Syndrom



Vor fünfzehn Jahren: Die Ausbildung zur Altenpflegerin hat Anja Fischer*) gerade erfolgreich beendet, der neue Job in einem Pflegeheim ist beschlossene Sache. Begeistert geht die 25jährige an die Arbeit. Einfühlsam kümmert sich die junge Frau um die älteren Menschen und wird für viele zu einem vertrauten Ansprechpartner. Ihre eigenen Ziele steckt die Altenpflegerin hoch: Sie will im Heim einiges verändern, etwas erreichen, vielen Menschen helfen.

Heute: Anja Fischer schleppt sich zur Arbeit. Jeden Morgen fühlt sie sich müde, ausgepowert, antriebslos. Der Job im Pflegeheim ist für sie zu einer Last geworden. Ihre Patienten nerven sie, sie ist reizbar und reagiert aggressiv. Einer alten Frau, die wie üblich bei der Körperpflege nicht mitmacht, schmeißt Anja Fischer eines Tages die Sachen vor die Füße. Mit den Worten, sie solle doch selber sehen, wie sie klarkomme, verlässt sie fluchtartig das Zimmer. Hinterher fühlt sie sich unwohl und schuldig, obwohl ihr "im Grunde alles zuwider" war. Kollegen und Bekannte fragen sich, was aus der sonst so fürsorglichen Person geworden ist. Schließlich sucht die 40jährige therapeutische Hilfe. Diagnostiziert wird ein "psycho-physischer Erschöpfungszustand". Anja Fischer schildert verschiedene depressive Symptome: Sie fühlt sich als Versagerin und zweifelt an sich selbst. Am liebsten möchte sie ihren ehemaligen Traumjob an den Nagel hängen.

"Wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt"

"In psychosozialen Berufen gibt es nicht wenige Menschen, denen es so ergeht wie Frau Fischer", sagt Norbert Ewering, Dipl.-Psychologe und Referent im Landessozialamt in der Hauptverwaltung des LWV in Kassel. "Sie fühlen sich wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt. Die vorhandene Substanz wird aufgezehrt, ohne dass in gleichem Maße neue Energie nachkommt", so beschreibt er dieses Gefühl. Ähnlich wie das Wachs der Kerze langsam verbrennt, so geht es auch Anja Fischer: sie fühlt sich völlig ausgebrannt.

Bild und Beschreibung vom "Ausgebranntsein" haben Psychologen in ihren Sprachgebrauch übernommen. Sie bezeichnen diesen Erschöpfungszustand als "Burnout-Syndrom" (englisch: to burn out = ausbrennen). Damit meinen sie ein häufig auftretendes psychisches Problem - vorwiegend von Personen, die mit anderen Menschen arbeiten - ganz besonders also Personen in psychosozialen Berufen wie Pfleger, Therapeuten, Sozialarbeiter, aber auch Krankenschwestern und Lehrer.

Wenn Ziele zu hoch gesteckt werden

Grund: Menschen in helfenden Berufen müssen mehr Rückschläge als Personen in anderen Jobs hinnehmen. Z. B. in Suchtkliniken, erklärt Norbert Ewering, müssten Therapeutinnen und Therapeuten fast täglich mit Niederlagen und Misserfolgen umgehen. Hier seien positive Ergebnisse oftmals nur Schritt für Schritt zu sehen - oder blieben lange Zeit völlig aus. Denn mit einem Patienten, der trotz aufwändiger Behandlung rückfällig wird, muss ein Therapeut wieder von vorn anfangen, erklärt Ewering. Ähnlich erschöpfend sei die Arbeit in Pflegeheimen, wie sie Anja Fischer erlebte. "In jeder Therapie ist der Mensch das wesentliche Instrument der Veränderung", so der Psychologe. "Nutzen sich bei einem Handwerker Werkzeug und Maschinen ab, so ist es in psychosozialen Berufen eben Körper und Geist."

Typisch für Menschen in solchen Jobs sei es, mit großem Elan und viel Engagement an die Arbeit zu gehen, sagt er. Ziele werden dabei meistens hoch gesteckt. Und genau das ist nach Meinung von Norbert Ewering ein wichtiger Auslöser für das Burnout-Syndrom: "Therapeuten, die trotz Anstrengung ihrer Meinung nach erfolglos bleiben, beginnen an sich selbst zu zweifeln." Es fällt ihnen immer schwerer, realistisch einzuschätzen, was sie erreichen wollen und tatsächlich bewältigen können. Es fehlen Erfolgserlebnisse, das Lob und die Anerkennung von Kollegen oder Vorgesetzten bleiben aus. Menschen in psychosozialen Berufen geben und bekommen oft wenig zurück. Die Folge: Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit, Selbstbeschuldigung.

Ein Gefühl der Leere

Das Burnout-Syndrom äußert sich in Kreislaufbeschwerden, Schlaflosigkeit sowie Kopf- und Rückenschmerzen. Sogar zu Magengeschwüren kann es kommen. Das Gefühl der Leere, das die Ausgebrannten schließlich erleben, wird häufig etwa mit Alkohol oder Süßigkeiten gefüllt und kann die Patientinnen und Patienten bis hin zu Selbstmordgedanken treiben. Warum diese Symptome vor allem diejenigen plagen, die einst mit großer Begeisterung an ihre Aufgaben gingen, erklärt Ewering so: "Wer Feuer und Flamme für seinen Beruf, seine Aufgabe, ist, will mehr erreichen als jemand, der seinen Job nur herunterspult." Besonders gefährdet seien deshalb auch Berufsanfängerinnen und -anfänger, erklärt der Psychologe.

Zuerst in den siebziger Jahren in den USA beschrieben, ist das Burnout-Syndrom heute nach seinen Angaben auch in Deutschland ein viel diskutiertes Thema: "Man wird damit in der Psychotherapie häufiger konfrontiert." Wie viele Menschen derzeit unter der psychischen Krankheit leiden, steht nicht fest. Grund dafür ist laut Ewering, dass das Krankheitsbild nicht genau abgegrenzt ist und viele Menschen ihre berufliche Erschöpfung nicht als Burnout deuten.

Auffälligerweise seien mehr Frauen als Männer vom Burnout betroffen. Untersuchungen zeigen, dass die Bewältigungsstrategien von Frauen und Männern unterschiedlich sind. Männer scheinen eher stresshafte Elemente zu ignorieren und weniger darüber zu reden. Frauen dagegen benutzen stärker soziale Unterstützungssysteme. Sie seien mehr als Männer auf der Suche nach Harmonie und Bestätigung, auch für die eigene Person.

Therapie gegen das "verbissene Engagement"

Eine allgemein gültige Therapie für ausgebrannte Menschen gibt es nach Angaben Ewerings nicht. Patienten und Patientinnen, die unter dem Burnout-Syndrom leiden, werden in Gruppen und Einzeltherapien psychotherapeutisch ganz individuell behandelt, zum Beispiel auch in verschiedenen Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie des LWV.

Auch Anja Fischer nahm an solchen Therapien teil. "Endlich konnte die Patientin von ihrem verbissenem Engagement Abstand nehmen und akzeptieren, dass nicht alles im Altenheim von ihr abhing", berichtet der Psychologe. Während der krankheitsbedingten Arbeitspause hatte Anja Fischer Gelegenheit, ihre Situation aus der Distanz heraus zu betrachten. Allein das hatte einen deutlich entlastenden Effekt. Nach langen Überlegungen entschied sich Anja Fischer schließlich, ihren Beruf zu wechseln und sich weiterzuqualifizieren. Endlich nahm die Patientin wieder Aktivitäten und Kontakte auf, die ihr vor der Krankheit wichtig gewesen waren. "Am Ende der Therapie hatte sie wieder viel mehr Ähnlichkeit mit der Person, die man früher kannte und schätzte", betont der Burnout-Kenner.

Die Situation der ehemaligen Altenpflegerin hatte auch Konsequenzen für die Einrichtung, in der sie gearbeitet hatte: Da es andere problematische Entwicklungen in dem Heim gab, war die Betriebsleitung ausgewechselt worden. "Ein glücklicher Umstand, denn der neue frische Wind konnte für einen Prozess der Organisationsentwicklung genutzt werden, in dem auch Bedingungen verändert wurden, die einer Burnout-Entstehung zukünftig vorbeugen", erinnert sich Ewering. Seiner Meinung nach ist es ganz besonders wichtig, dass die Leiterinnen und Leiter von psychosozialen Einrichtungen mit den Symptomen des Burnouts vertraut sind und ihre Mitarbeiter/innen entsprechend unterstützen. Um dem Ausgebranntsein vorzubeugen, empfiehlt er in diesen Einrichtungen außerdem ein Rotationssystem: "Kein Therapeut sollte ständig auf der selben Station mit den selben Menschen zu tun haben". Unterschiedliche Tätigkeiten können den Beruf abwechslungsreicher und spannender gestalten und somit einer Burnout-Gefährdung entgegenwirken.

Ausbrennen als Selbsterfahrung

Anja Fischer glaubt heute, dass die schlimme Erfahrung mit dem Burnout sie weitergebracht habe. Sie ist sich sicher, in einer neuen Berufssituation so etwas nicht noch einmal zu erleben. Und das ist sehr wichtig, damit der Therapieerfolg auch in andere Situationen übertragen wird. Sonst droht beim neuen Arbeitsplatz, dass sich das Burnout-Syndrom wiederholt.

Ewering selbst sieht das Ausgebranntsein als Selbsterfahrung und Wachstumsprozess an. Vor allem Berufsanfänger müssten einfach lernen, wo die eigenen Grenzen gesetzt sind und welche Ziele unerreichbar bleiben. "Das gehört zur Ausbildung und zum Selbstmanagement dazu", meint er. Wer einmal das Burnout überstanden hat, führt meist ein zufriedeneres Leben als zuvor.

Dr. Matthias Burisch, Dozent für Psychologie an der Universität Hamburg, hat ein Buch über das Burnout-Syndrom geschrieben. Er vergleicht die Krankheit mit einem schleifenden Fahrrad: Wer dabei ist, auszubrennen, tritt meistens um so fester in die Pedale, um das angestrebte Ziel noch zu erreichen. Viel vernünftiger dagegen wäre nur eins: Rechtzeitig absteigen und prüfen, wo der Fehler steckt.

Beate Philipp

*) Name von der Redaktion geändert.