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Mit dem Schneiden kommt die Ruhe
Selbstverletzung - was ist das?


Nachdenklich starrt der junge Mann ins Leere. Die blassen Lippen kneift er fest zusammen, das hagere Gesicht ist angespannt. Eine Binde verdeckt das rechte Ohr. Ganz still sitzt er da, im grünen Mantel und mit Wollmütze auf dem Kopf: Vincent van Gogh. So malte sich der holländische Impressionist in dem weltberühmten "Selbstbildnis mit verbundenem Ohr". Die Leinwand, stummer Zeuge eines unruhigen Künstlerlebens, dokumentiert van Goghs körperliche und geistige Zerrissenheit. Im Alter von 35 Jahren schnitt sich der verkannte Maler einen Teil seines Ohres ab. Wegen Epilepsie, Trunksucht und Schizophrenie wurde er daraufhin in eine südfranzösische Heilanstalt eingewiesen.

"Ein so extremes selbstverletzendes Verhalten kommt bei schizophrenen Patienten nicht selten vor", sagt Dr. Michael Knoll, Dezernent für Psychiatrieplanung und Krankenhäuser in der Kasseler Hauptverwaltung des LWV Hessen. "Allerdings sind solche schweren Verstümmelungen bei den meisten Menschen, die sich selbst verletzen, eher unüblich", so der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie weiter. Denn viele Personen, die sich an allen möglichen Körperteilen Schmerzen zufügen, seien nicht schizophren. Sie kämpfen vielmehr mit einem Trauma, das als schwere seelische Erschütterung in ihrem Unterbewusstsein wirkt. Dazu gehören zum Beispiel sexuelle Misshandlung oder Vernachlässigung in der Kindheit.

Verletzungen mit Scherben und Feuer

Die meisten dieser Patienten schneiden sich nach Angaben Knolls mit Rasierklingen, Messern und Scherben an Armen, Beinen oder dem Bauch. Das Schneiden ist die häufigste Form des selbstverletzenden Verhaltens. Doch auch Hautverbrennungen mit Feuerzeugen und Zigaretten sind in der Praxis nicht selten.

In psychiatrischen und psychotherapeutischen Einrichtungen sei derzeit von hundert mindestens jedes zweite bis dritte Bett von einem Patienten belegt, der sich an seinem Körper Schmerz zufügt, erklärt der Göttinger Psychologe Professor Ulrich Sachsse.

Dabei handele es sich vor allem um Frauen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren, ergänzt Knoll. Nur jeder achte Betroffene sei männlich. "Mädchen haben in aller Regel häufiger mit einem Trauma zu kämpfen als Jungen, also sind Frauen für selbstverletzendes Verhalten auch empfänglicher als Männer", folgert der Psychiatrieplaner. Studien haben gezeigt, dass in westlichen Nationen jede vierte bis fünfte Frau wenigstens einmal vor Vollendung ihres 16. Lebensjahres sexuell missbraucht wird. Neben Selbstverletzung leiden die meisten dieser Patientinnen gleichzeitig unter Essstörungen wie Anorexie - auch bekannt als Magersucht - oder Bulimie, einem stets wiederkehrenden Heißhunger mit anschließend herbeigeführtem Erbrechen.

Nicht Selbstvernichtung, sondern "Reparationsversuch"

Seit rund zehn Jahren befasst sich der Kasseler LWV-Dezernent mit dem Phänomen. In selbstverletzendem Verhalten sieht er keine Form von Masochismus oder Selbstvernichtung, sondern versteht die Handlungen vielmehr als "Reparationsversuche". Knoll: "Patienten mit selbstverletzendem Verhalten spüren sich nicht mehr selbst. Fast ständig plagt sie eine innere Spannung, sie haben Angst. Doch mit dem Schneiden kommt plötzlich die Ruhe und sie fühlen sich wohl." Das Verletzen der Haut wirke auf die Frauen und Männer beruhigend, das Blut gebe ihnen das Gefühl von Wärme und Lebendigkeit. Der Körper sei dabei für die Patienten ein stets zur Verfügung stehendes Objekt. Eine offene Wunde, die versorgt werden müsse, lenke sie für kurze Zeit von anderen Gedanken ab. Doch schon bald danach trete die alte Situation mit allen Ängsten und der gewohnten Gefühllosigkeit wieder ein, berichtet der Fachmann. "Es ist, als befürchte man den Boden unter den Füßen und seine Selbstwahrnehmung zu verlieren", so Knoll. "Wir alle kennen das: Dann muss man sich erst mal kräftig kneifen, um zu wissen, ob man tatsächlich in der Realität steht."

Dass sich Patienten mit ihren Wunden interessant machen oder die Aufmerksamkeit ihrer Therapeuten auf sich ziehen wollen, verneint der Dezernent. Menschen, die sich nach einem traumatischen Kindheitserlebnis selbst misshandeln, sind keine Simulanten. Ihnen geht es nicht darum, durch Selbstverletzung bzw. -verstümmelung Rentenansprüche oder andere Sozialleistungen zu erschwindeln oder sich zum Beispiel vom Wehrdienst befreien zu lassen - was gesetzlich sogar strafbar ist. "Die meisten selbstverletzenden Handlungen sind ganz spontane und ungeplante Aktionen von traumatisierten Menschen", fasst Dr. Knoll zusammen.

Behandlung in jeder Psychiatrischen Klinik

Die Psychotherapie hat selbstverletzendes Verhalten nach traumatischen Erlebnissen schon um die Jahrhundertwende erkannt. Einer der wichtigsten Forscher sei dabei der bekannte französische Psychiater Janet gewesen, erklärt Knoll. Doch erst seit etwa 15 Jahren werde das Thema "wirklich heiß diskutiert" und erforscht.

"Die Krankheitszustände der Selbstverletzung gehören inzwischen zur Pflichtbehandlung in jeder Psychiatrischen Klinik", sagt Martin von Hagen, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Am Meißner. Deshalb verfüge auch jede Psychiatrische Klinik des LWV über ein stationäres psychotherapeutisches Angebot für sich selbstverletzende Menschen. Besonders die LWV-Klinik in Gießen arbeite sehr intensiv auf diesem Gebiet. Wie viele Frauen und Männer mit selbstverletzendem Verhalten derzeit in LWV-Einrichtungen betreut werden, ist nicht genau bekannt. Von Hagen schätzt, dass in den einzelnen Bereichen "etwa ein gutes Drittel" der an Persönlichkeitsstörungen, Neurosen und Süchten leidenden Patientinnen sich selbst Schmerzen zufügten. In den letzten Jahren hätten die stationären Aufnahmen deutlich zugenommen. Grund: Heute sei man in der Lage, selbstverletzende Tendenzen besser zu erkennen und zu diagnostizieren. Außerdem sei die Forschung an posttraumatischen Schädigungen, wie sie nicht nur durch Misshandlung, sondern zum Beispiel auch durch die beiden Weltkriege oder den Holocaust entstanden sind, "enorm gestiegen".

Unterschiedliche Therapiemethoden

Eine Patientin des Klinik-Direktors Am Meißner ist Sabine Lang*). Die als Kind vergewaltigte Frau leidet unter Anorexie und schneidet sich seit einigen Jahren mit scharfen Gegenständen in ihre Haut. Vier Monate lang wurde sie in der LWV-Einrichtung wegen des Schneidens stationär, dann schließlich längere Zeit ambulant behandelt. "Für Selbstverletzung gibt es selten eine endgültige Heilung", erläutert von Hagen. "Deshalb bestand unser erstes Ziel darin, Frau Lang in ihrer Persönlichkeit zu stärken, sie an andere Verhaltensweisen heranzuführen und dadurch ihre Schnitte zu reduzieren."

Bereits in den zwanziger Jahren hat die Psychoanalyse nach Angaben von Hagens stationäre Behandlungsgruppen für selbstverletzende Patienten geschaffen. Heute gibt es unterschiedliche Therapiemethoden. Sie alle, betont Knoll, hätten fest strukturierte Programme, die die Patientinnen und Patienten vor Beginn der Therapie genau kennen lernten. "Es ist sehr wichtig, dass sich die Patienten wohl und geborgen fühlen", sagt Dr. Knoll.

In der Praxis unterscheidet man laut Knoll zwei verschiedene Richtungen. Einige Analytiker versuchten, mit ihrem Patienten oder ihrer Patientin über jede einzelne selbstverletzende Handlung zu sprechen. "Dadurch soll Nähe entstehen und der Grund für die selbstverletzende Handlung genau sichtbar werden."

Andere Ärzte dagegen verfolgten eine ganz andere, verhaltenstherapeutische Richtung: "Sie machen kein großes Aufheben um die Selbstverletzung, versorgen die frische Wunde und reden nicht darüber." Sie wollten ihre Patienten nicht frustrieren oder immer wieder fragen, warum er oder sie sich erneut weh getan habe. Welche der beiden Richtungen besser oder effektiver ist, liegt nach Knoll einzig im Ermessen und Können der Therapeuten.

Schneiden als persönliche Kompetenz verstehen

Sabine Lang nahm während ihrer Behandlung in der Klinik Am Meißner an Gesprächstherapien mit Therapeuten und der Familie teil. Wichtig sei es dabei stets gewesen, ihre Selbstverletzung "nicht durch Interventionen zu verurteilen, sondern sie als einen anerkennenswerten und verzweifelt unbewussten Lösungsversuch in sehr schwieriger existentieller Lebenssituation zu sehen", meint der Ärztliche Direktor von Hagen. Das Schneiden ermögliche ihr - ähnlich wie eine Selbsthypnose - keinen Schmerz zu spüren. "Das muss man auch als persönliche Kompetenz verstehen", so der Krankenhausleiter. Zwei Jahre lang wurde die junge Frau insgesamt behandelt. Mittlerweile hat sich nach Angaben des Klinik-Direktors ihr selbstverletzendes Verhalten deutlich verbessert und sie schneidet sich viel weniger in ihre Haut. "Wir haben unser Ziel erreicht", stellt von Hagen zufrieden fest.

"Die Forschung auf dem Gebiet der Traumafolgen und der traumazentrierten Psychotherapie boomt gegenwärtig", meint auch der Göttinger Psychologe Sachsse. Mit neuen Ergebnissen und Therapiemethoden sei ständig zu rechnen.

Beate Philipp

*) Name von der Redaktion geändert.