PTSD - was ist das?
Mittwoch, 3. Juni 1998. Der ICE 884 "Wilhelm-Conrad-Röntgen" zerschellt an einer Brücke bei Eschede, 100 Menschen sterben, 60 werden verletzt.
Freitag, 17. Juli 1998. Durch ein Erdbeben dringt Wasser in einen Stollen der Grube Lassing in Österreich. 10 Männer sterben bei dem Versuch, ihren verschütteten Kumpel zu bergen. Der 24-jährige Georg Hainzl überlebt als einziger - körperlich nahezu unversehrt.
Freitag, 7. August 1998. In Nairobi und Daressalam detonieren zwei Autobomben, die mehrere Gebäude stark beschädigen, 250 Menschen sterben, mehr als 1.000 werden verletzt.
Das sind drei medienwirksame Beispiele für Katastrophen der vergangenen sechs Monate, bei denen Menschen überlebten und - wie man gemeinhin sagt - "Glück" hatten. Ist das wirklich so? Oder trügt der Schein? Wie gehen Überlebende - körperlich verletzt oder unverletzt - mit solchen katastrophalen Ereignissen um, wie verkraften sie ihr "Glück"?
Glück - eine schwere Last
Sehr oft entwickeln die Opfer posttraumatische Stresssymptome (PTSD - Post Traumatic Stress Disorder). Dabei kommt es jedoch nicht auf das Ausmaß der Katastrophe an, die Auslöser sind durchaus vielschichtig. Auch "alltägliche" Katastrophen wie AutounfälIe, Vergewaltigungen und Brände können diesen Effekt haben.
Ebenso vielschichtig wie die Auslöser sind auch die Symptome dieser Krankheit, die erst seit kurzem in die Fachliteratur über psychische Krankheiten Einzug gehalten hat. "Das Problem des PTSD ist, dass relativ bunte Bilder auftreten", meint auch Dr. Hartmut Berger, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Riedstadt. "Es treten Symptome wie Depressionen, Schlaflosigkeit, Abbruch der sozialen Kontakte bis hin zu Suizidversuchen auf." Denn außergewöhnliche Belastungen verursachen Stress durch die Überforderung von Körper und Seele.
Nichts ist mehr so wie vorher
"Nichts ist mehr so, wie es vorher war", hört man deshalb häufig von Überlebenden und Opfern von Gewalttaten. Denn so etwas trifft den Menschen unvorbereitet von einer Sekunde zur nächsten. Auch im Zug zwischen Hamburg und Hannover, der in Eschede sein jähes Ende fand, saßen Menschen, die noch kurz vor dem Unglück vielleicht einen Kaffee tranken, in ihr Brot bissen oder ihr Baby wickelten. Das lebensverändernde Trauma kann dann zu Symptomen wie emotionale Kälte, Verlust der gewohnten Interessen und eine negative Sicht auf die Zukunft führen. Typisch für PTSD ist auch, dass die Opfer das traumatische Ereignis permanent wiedererleben, sei es in Tag- und Alpträumen oder in bewusstem Durchspielen der Szenen.
Kein Wunder, denn einschneidende Erlebnisse lassen sich nicht so einfach aus dem Kopf verbannen. Häufig kommt es auch zu regelrechten Schuldgefühlen, weil man im Gegensatz zu vielen anderen überlebt hat. Mit Fragen wie "Warum hatte gerade ich so ein Glück?" mussten sich beispielsweise schon die Seelsorger in Eschede auseinandersetzen. Und auch Georg Hainzl wird sich immer wieder vor Augen halten, dass sich zehn Kumpel für ihn opferten - und er muss den Angehörigen dieser Kumpel gegenübertreten. Wer möchte in seiner Haut stecken?
Individuell verschieden
"Entscheidend für die Ausprägung posttraumatischer Stresssymptome ist der prätraumatische individuelle Erlebnisbereich jedes einzelnen", betont Dr. Berger in der Sprache der Mediziner. Das bedeutet, dass ein stabiles Umfeld, eine intakte Familie und liebevolle Unterstützung schon vor dem Unglück PTSD weniger wahrscheinlich ausbrechen lassen. Auf der anderen Seite können gerade schon vorher existierende psychische Krankheiten wie Depressionen oder ein instabiles Umfeld zu einer stärkeren Reaktion auf ein Trauma führen.
Auch die Art des Ereignisses kann für die Reaktion bedeutend sein. "Liegt ein kurzzeitiges, starkes Erlebnis vor, reagiert das Opfer mit z. B. Hyperaktivität, ist der Zeitraum zur Wiederherstellung kürzer", so Dr. Berger. Im Gegenzug können länger andauernde Ereignisse wie chronischer sexueller Missbrauch zu Veränderungen der Persönlichkeit führen, und der Widerstand gegen die Behandlung kann wachsen. Das leuchtet ein: Wird ein Kind über Jahre hinweg vom Vater geschlagen, kann dieses Trauma sicher nicht innerhalb weniger Tage aus der Welt geschafft werden.
So individuell die Symptome sind, so verschieden verläuft auch die Krankheit bei jedem Einzelnen. Deshalb sieht es Dr. Berger auch nicht als sinnvoll an, den Verlauf in Phasen einzuteilen: "PTSD kann nach Stunden, Tagen oder Wochen auftreten und die Entwicklung stark schwanken."
Nicht jeder entwickelt PTSD
Der Ursprung für die Behandlung dieses Phänomens liegt in den U.S.A., die es an den Veteranen des Vietnamkrieges wahrnahmen. Doch schon vorher wurde vereinzelt über Schockreaktionen von Soldaten berichtet, die zu Kriegszeiten oder direkt danach plötzlich taubstumm oder gelähmt wurden, ohne dass organische Ursachen vorlagen. Der Begriff PTSD stammt allerdings erst aus den 80er Jahren. Doch bis heute ist durch die schlechte Datenlage immer noch unklar, wie groß der Anteil derer ist, die PTSD entwickeln. "Zu viele Faktoren spielen dabei eine Rolle", vermutet Dr. Berger. In der Literatur zu diesem Thema werden jedoch Werte von rd. 25 Prozent angegeben. Eines steht für Berger aber fest: "Nicht jeder, der eine Katastrophe miterlebt, entwickelt PTSD." Stellt man sich allerdings einen Familienvater vor, der bei einem Autounfall die ganze Familie verliert, während er selbst überlebt, ist es unwahrscheinlich, dass er keine psychischen Störungen davonträgt. Und ebenso unwahrscheinlich scheint es bei dem Beispiel des Bergmanns Georg Hainzl zu sein, der viele Tage in der verschütteten Grube überlebte. Die größte Gefahr ist jedoch immer, dass das Trauma nicht rechtzeitig behandelt und dadurch chronisch wird. Das aktuelle Paradebeispiel für Berger ist der Fall eines Polizisten, der als Beifahrer einen Unfall im Polizeiwagen erlebt hat, den der Fahrer nicht überlebte. Statt Hilfestellung entbrannte ein Streit über die Dienstunfähigkeit des Beamten, die Dr. Berger jetzt als Gutachter beurteilen soll. "Dieser ganze Streit führte bei diesem Mann zu chronischem PTSD", bedauert er. "Hätte er frühzeitig psychische Unterstützung bekommen, wäre ihm das womöglich erspart geblieben."
Harter und weicher Zement
Auf jeden Fall sollte also immer das frische Trauma behandelt werden, denn nach dieser sensiblen Phase setzen sich mitunter Verhaltensweisen fest, die später nicht mehr auszubügeln sind. In der Fachliteratur wird der Behandlungszeitpunkt teilweise mit dem einleuchtenden Bild des Zements verglichen, bei dem der Therapeut in den ersten Tagen noch seine Fingerabdrücke hinterlassen kann, während das Material im Laufe der Zeit immer härter und damit die Behandlung immer mühseliger wird. Das vorrangige Ziel ist, möglichst Langzeitfolgen und damit eine dauerhafte Beeinträchtigung des Lebens zu vermeiden.
Das Zauberwort hierbei heißt "Krisenintervention", die ursprünglich für Helfer bei Katastrophen entwickelt wurde. Es besteht die Hoffnung, dass zwei Drittel der Menschen durch schnelle Hilfe von ihrem Trauma befreit werden können, wobei ein Zeitraum von drei Tagen ideal zu sein scheint. Dazu müssen die Opfer aber selbst erkennen, dass sie krank sind und Hilfe brauchen. Und genau das ist in den Augen des Experten das größte Problem: "Wer kommt schon von alleine auf die Idee, zum Psychiater zu gehen." Denn die psychiatrische Behandlung ist auch in solchen Fällen immer noch stark mit Vorurteilen behaftet. "Die wenigsten Patienten kommen direkt nach der Katastrophe", bedauert der Arzt. Für Dr. Berger ist das kein Wunder: "Es passiert ein Unfall, alle, bis auf einen, sind tot. Dieser eine bekommt höchstens ein Beruhigungsmittel und wird nach Hause geschickt. Das war's."
Opfer und Helfer - beide brauchen Hilfe
Ob Opfer, Retter oder unfreiwilliger Verursacher - die Reaktionen auf Katastrophen können durchaus dieselben sein. Doch in der Öffentlichkeit wird häufig übersehen, dass auch die Helfer großem psychischen Druck ausgesetzt sind. Ein trauriges Beispiel ist einer der Retter von Eschede: Er unternahm im August einen Selbstmordversuch, weil er die psychische Belastung nicht mehr aushalten konnte. Hier, wie bei anderen Katastrophen, sind die Helfer dem Anblick verletzter, verstümmelter oder toter Menschen ausgesetzt. Auch Kinder saßen in dem Unglückszug von Eschede. Bei ihnen treten meistens noch heftigere Reaktionen auf, weil ihr psychischer Apparat noch nicht ausgereift ist und sie ihre seelischen Leiden nicht in Worte fassen können. Manchmal wird auch einfach vergessen, dass gerade Kinder Hilfe bei der Bewältigung schlimmer Ereignisse brauchen. Die Eltern kümmern sich beispielsweise um den Wiederaufbau ihres abgebrannten Hauses - und die Kinder müssen den Stress irgendwie alleine bewältigen, meistens mehr schlecht als recht.
Aktive Psychotherapie
Dr. Berger und viele seiner Kollegen setzen in der Behandlung von PTSD auf aktive Psychotherapie, die im Gegensatz zu der reinen analytischen Therapieform steht. "Gemeinsam mit den Patienten werden Lösungsvorschläge erarbeitet, die in konkrete Handlung umgesetzt werden", beschreibt er diesen Vorgang. Also: Wie soll es jetzt weitergehen? Was ist mein Ziel? sind die zentralen Fragen für die Zukunft. Außerdem sollte der Patient das Gefühl haben, verstanden und mit seinen Gefühlen ernst genommen zu werden. "Wichtig ist, dass der Zusammenhang zwischen den Reaktionen und der Katastrophe deutlich wird", so Berger. Dabei geht es vor allem um das subjektive Empfinden der Betroffenen und die Darstellung der Ereignisse in ihren eigenen Worten. Äußert ein Familienvater, der seine Frau bei einem Autounfall verlor, es sei das Schlimmste, dass der Wagen kaputt sei, sollte der Therapeut nicht schockiert reagieren - es könnte eine traumatische Schutzreaktion sein. Ebenso ist es denkbar, dass für den geretteten Bergmann von Lassing das Schlimmste ist, nicht mehr in seiner Grube arbeiten zu können. Oder für einen Überlebenden von Eschede der verpasste Termin in Hamburg.
Als "ökonomischste Form der Therapie" bezeichnet Dr. Berger die Gruppentherapie, die er persönlich allerdings nicht als Königsweg ansieht. Trotzdem scheint es hilfreich zu sein, von anderen zu lernen, die ebenfalls betroffen sind. Gute Erfahrungen mit Gruppentherapien machen vor allem Organisationen wie das Rote Kreuz, aber auch die Feuerwehr und Bundeswehr. Außerdem werden Angehörige solcher Berufsgruppen inzwischen besser als früher auf ihre Aufgaben vorbereitet, um die Stressreaktionen zu minimieren. Sind von einer Katastrophe nur Einzelne betroffen - und das ist in vielen Fällen so - macht Gruppentherapie natürlich keinen Sinn. In Ausnahmefällen können auch Medikamente zur Behandlung von PTSD eingesetzt werden. "Mittel gegen Depressionen oder Schlaflosigkeit können die Therapie durchaus unterstützen", bemerkt Berger. "Doch sie können sie nicht ersetzen."
Nach 10 Sitzungen alles vorbei?
Wie lange wird es dauern, bis Georg Hainzl wieder normal leben kann, ohne ständig an sein "Glück" denken zu müssen? Wann können die Mitarbeiter der US-Botschaften in Nairobi und Daressalam wieder im Ausland arbeiten? Wann die Überlebenden von Eschede wieder in einen ICE einsteigen? Über die Dauer der Behandlung ist nach Aussage von Dr. Berger ein Streit der Gelehrten ausgebrochen. Er persönlich spricht sich für ein neues amerikanisches Modell aus, welches davon ausgeht, dass in der Regel nach zehn Sitzungen der aktuelle Konflikt bewältigt ist.
Schwierig wird es dann, wenn das PTSD nicht offensichtlich ist, wenn andere psychische oder organische Krankheiten erst einmal diagnostisch "abgeklopft" werden müssen. Ein Sonderfall sind auch Menschen, die vorher beispielsweise eine Psychose hatten, die durch ein traumatisches Ereignis erneut auftritt. Denn dann kann die Behandlung kompliziert werden. "Schwer ist aber auch die Grenzziehung zwischen PTSD und "normaler Trauer", bemerkt Dr. Berger. Trauern müssen auch die Betroffenen von Eschede, Lassing, Daressalam und Nairobi: Trauern um Mitarbeiter/Kollegen, Freunde und Angehörige, Trauern um das eigene Schicksal. Und lernen, irgendwie damit zu leben.
Anja Kassubek








