- reicht das?
WASCHZWANG - WAS IST DAS?
Nacht für Nacht irrt Lady Macbeth durch ihr Schloss in Schottland. Schlafwandelnd reibt sie verzweifelt ihre Hände, wäscht zwanghaft Blut von ihnen ab, das eigentlich an den Händen ihres Gatten klebt, des zum Mörder gewordenen Königs Macbeth. "Das ist ihre gewöhnliche Gebärde", erklärt die Kammerfrau, "dass sie tut, als wüsche sie sich die Hände; ich habe wohl gesehen, dass sie es eine Viertelstunde tat." Und Lady Macbeth, dem Wahnsinn nah, klagt in Shakespeares Drama "wollen diese Hände denn nie rein werden?"
Es muss kein Mord in der Umgebung geschehen sein, um Menschen zu zwanghaften Waschriten zu bringen. Über mehr als zwanzig Jahre hinweg brauchte die 47-jährige Brigitte mehrmals täglich zwei bis drei Stunden, um sich zu duschen. Immer wenn eine Liebesbeziehung zu Ende ging, steigerte sich der Waschzwang. Psychische und körperliche Probleme nahmen zu. Erst eine intensive, langjährige Therapie konnte Brigitte helfen. Aber in Stresssituationen bleibt sie auch heute noch eine halbe Stunde oder länger unter der Dusche.
Ein solcher Waschzwang gehört zu den so genannten Zwangshandlungen. Fünfmal täglich duschen genügt nicht, um sich sauber zu fühlen. Zwanghaft waschen Betroffene immer wieder ihre Hände, reinigen ihr Geschirr doppelt und dreifach, wischen und waschen alles in ihrer Umgebung, benutzen scharfe Reinigungsmittel und desinfizieren Gegenstände, die mit Schmutzigem in Berührung gekommen sein könnten. Ein erleichterndes Gefühl der Sauberkeit stellt sich dennoch gar nicht oder nur kurzfristig ein.
Zwänge sollen schützen
Auch Kontrollzwänge, Zählzwänge, Ordnungszwänge, Sammel- oder Wiederholungszwänge gehören zu diesem Muster. Sie werden oft ausgeführt, um sich oder andere vor einer vermeintlich drohenden Gefahr zu schützen, Ängste zu bekämpfen oder drohendes Unheil zu verhindern, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen. Kurzfristig könne man Angst, Zweifel, Unruhe oder Depressionen so bekämpfen, aber die negativen Gefühle kehrten meist rasch zurück. Versuche der Patient etwa, den Zwangshandlungen zu widerstehen, würden Angst und Spannung so unerträglich, dass er schnell wieder auf die Rituale zurückgreife. Daraus entsteht ein Teufelskreis aus Angst, Unruhe und Zwang, der von Erschöpfung und Selbstzweifeln begleitet ist.
Verschiedene Erklärungen
Bis heute gibt es keine eindeutige und umfassende Erklärung für die Entstehung solcher Zwänge. In der Psychiatrie hilft man sich deshalb mit unterschiedlichen Erklärungsmustern, erläutert der Psychiater und Diplom-Psychologe, Dr. Hans-Peter Hartmann, Ärztlicher Direktor des Psychiatrischen Krankenhauses Heppenheim des LWV. Da ist einmal der psychoanalytische Erklärungsansatz, nach dem Zwangsgedanken, die sich Menschen immer wieder aufdrängen, verbotene Impulse ausdrücken, während die Zwangshandlungen ein Versuch sind, diese Impulse zu kontrollieren oder abzuwehren. Oft seien es "verbotene sexuelle oder aggressive Impulse", von denen man sich auf diese Weise rein waschen wolle, meint Hartmann, der diesen Erklärungsansatz dennoch häufig für "zu simpel" hält.
In der Verhaltenstherapie geht man laut Hartmann davon aus, dass Zwangshandlungen mit einem übermäßig besorgten, kontrollierenden Erziehungsstil der Eltern zu tun haben. Wer sich nicht aus der elterlichen Überfürsorglichkeit und Ängstlichkeit befreien könne, neige eher als andere zur Entwicklung eines Zwangs. Kontrollzwänge dagegen, eine andere Art der Reaktion, bei der beispielsweise zwanghaft immer wieder kontrolliert werden muss, ob die Herdplatte ausgeschaltet oder die Haustür auch wirklich geschlossen ist, verweisen eher auf eine überkritische Erziehung mit überhöhten Erwartungen an das Kind, die sich dann in Selbstzweifeln entladen.
Schließlich verweist Hartmann auf die kognitive Verhaltenstherapie, die davon ausgeht, dass jeder Mensch zudringlichen Gedanken unterworfen ist, aber unterschiedlich darauf reagiert. Wer Schuld und Verantwortung für diese automatischen Gedanken empfinde, reagiere eher mit Zwangshandlungen als andere, die sich für diese Gedanken nicht verantwortlich fühlen und sich leichter von ihnen abwenden können.
Beispiel: Putzfimmel
Da gibt es den Putzfimmel oder Ordnungszwang, ein in unserer Kultur durchaus akzeptiertes, in manchen Berufen sogar gefordertes Verhalten, mit dem man zwanghaft Ordnung schaffen und sich das befürchtete Chaos vom Leib halten kann. Gelingt diese Ordnung nicht, kommen die betroffenen Menschen nach Hartmanns Erfahrungen in größte Schwierigkeiten: Panik, Angst, Hektik, Selbstzweifel bis hin zu schweren Depressionen sind die Folgen der Unfähigkeit, die gewohnte Ordnung aufrecht zu erhalten. Der klassische Fall sei die Hausfrau in der Lebensmitte und im höheren Lebensalter, deren Leben aus den Fugen zu geraten droht, wenn die tägliche Sorge um die Kinder abnimmt und die Frauen gleichsam in ein tiefes Loch fallen. Mit penibler Haushaltsführung und Putzorgien, die den ganzen Tag bestimmen, versuchen solche Frauen, ihr Dasein zu rechtfertigen und ihren Tag zu strukturieren. Wenn dies nicht mehr gelingt, können Depressionen manifest werden.
Männer und Frauen gleich betroffen
Zwangserkrankungen treffen aber keineswegs nur oder überwiegend Frauen. Nach neuen Statistiken sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen. Gut die Hälfte der Patienten allerdings ist unverheiratet. "Wie immer man das bewerten mag", schmunzelt Hartmann. Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung leiden unter einem krankhaften Zwang. Kleine Zwangshandlungen, wie sie bei jedem Kind auftreten, seien dagegen nicht Besorgnis erregend. Jeder kennt diese kleinen Rituale, etwa bei Hüpfkästchen spielen nicht auf die Rillen im Pflaster zu treten, an jedem Jägerzaun die Stangen zum Klirren zu bringen oder grundsätzlich mit einem Fuß im Rinnstein zu laufen. Auch Erwachsene würden in Situationen großer Verunsicherung immer wieder einmal mit Zwängen reagieren, die dann eine gewisse Beruhigung und Sicherheit vermitteln. "Kein Problem", meint Dr. Hartmann, solange die Erscheinungen auch wieder verschwinden.
Bei echten Zwangshandlungen liegen die Ursachen tiefer. Der eigentliche Waschzwang etwa spiegelt vor allem die Angst vor jedweder Kontamination wider. Der Betroffene fühlt sich nicht nur schmutzig, sondern ist von der Angst besessen, durch die Berührung mit bestimmten Gegenständen oder in bestimmten Situationen, verseucht oder verunreinigt zu werden. Aus der Angst vor Schmutz, AIDS-Viren, Bakterien, Fäkalien, Schweiß oder vielem anderen erwachsen Zwangshandlungen bis hin zu stundenlangen Waschungen, täglich mehrstündigem Duschen oder dem Sterilisieren und Desinfizieren der gesamten Umgebung.
Die Haut leidet mit
Dabei leidet nicht nur die Seele, auch die Haut wird krank. Denn gerade der Waschzwang macht zusätzliche Probleme, da keine Haut die massive Bearbeitung durch Wasser und chemische Mittel lange aushält: Eine Zerstörung der Säureschutzschicht der Haut ist die unvermeidliche Folge. Die Haut wird, wie Dermatologen berichten, sehr trocken, teilweise rissig und rau. Rötungen, Entzündungen schuppende Haut und starke Austrockungsekzeme sind die Folge. Die so vorgeschädigte Haut entwickelt schließlich weitere Probleme wie allergische Hautreaktionen. Vor allem aber steigt das Risiko für infektiöse Erkrankungen: Pilzkrankheiten, bakterielle Infektionen der Haut oder eine tiefere Infektion mitsamt der Weichteile sind zu erwarten, warnen die Hautärzte. Spätestens sie also sollten den Psychotherapeuten hinzuziehen, wenn Patienten mit Waschzwang in ihre Praxis kommen.
Zwischen Symptom und Ursache unterscheiden
Therapien gehören in diesen Fällen zur kassenärztlichen Leistung. Auch mehrjährige Behandlungen dürften also nicht an den Kosten scheitern. Der Therapeut muss zunächst einmal zwischen Symptom und Ursache trennen. Denn abhängig davon, wie gefestigt ein Patient in seiner Persönlichkeit ist, hat ein Symptom wie der Waschzwang unterschiedliche Bedeutung. So können etwa Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung solange nicht psychotisch krank erscheinen, solange ihnen die Zwänge helfen, sich selbst zu stabilisieren. Kontrollierbare Handlungen haben hier eine gewisse selbstheilende Funktion und können die nötige Sicherheit geben, ohne die Betroffene in die Schizophrenie abgleiten würden. Ihnen zum Beispiel das Zwangssymptom zu nehmen, könne äußerst problematisch werden, warnt Dr. Hartmann aus Heppenheim. Auch bei depressiven Menschen hat die Zwangshandlung oft eine ähnliche Funktion, kann vor einem realen oder gedanklichen Verlusterleben bewahren, indem sie Kontrolle und "Festhalten" ermöglicht.
Waschzwang kommt nicht von allein
Deshalb müsse der Therapeut immer prüfen, mit welcher anderen Störung zusammen das Zwangssymptom auftritt. Depressionen, Schizophrenien, neurotische Störungen, aber auch biologische Grundlagen, etwa ein Mangel an Neurotransmittern im Gehirn, können in Zusammenhang mit dem Waschzwang stehen. Je nach Ausgangslage sind unterschiedliche Behandlungskonzepte erforderlich. Neben Medikamenten, die zum Beispiel gegen die Depressionen helfen oder den Neurotransmittermangel im Hirn beheben sollen, sind Verhaltenstherapie oder Psychoanalyse die Mittel erster Wahl bei Zwangspatienten. In der Verhaltenstherapie wird der Auslöser für die Zwangshandlung gesucht und der Patient damit konfrontiert. Gleichzeitig versucht der Therapeut, die Wasch- und Reinigungsrituale zu unterbinden. Ein Behandlungsprogramm kann dann so aussehen: Zunächst wird der Patient mit der Angst auslösenden Situation - z. B. dem Schmutz - konfrontiert. ln der Vorstellungsphase soll er die Situation der Verunreinigung und ihre Konsequenzen geistig durchspielen und schließlich die Zwangshandlung unterlassen.
Hände waschen verboten
Das heißt für den vom Waschzwang Betroffenen: Der Patient darf in der ersten Woche grundsätzlich nicht die Hände waschen und sich nur zwei Mal in der Woche zehn Minuten duschen. Unmittelbar danach sollte er sich wieder mit dem den Zwang auslösenden Dreck verschmutzen. Eine andere Berührung mit Wasser ist nicht erlaubt. In der zweiten Woche sind zweimal täglich 30 Sekunden Händewaschen erlaubt, aber nicht nach der Toilette, und jeden zweiten Tag eine Zehn-Minuten-Dusche, wiederum mit anschließender "Kontamination". In der dritten Woche dann darf der Patient fünfmal täglich kurz die Hände waschen, aber nie nach dem Berühren eines Gegenstandes, von dem "Verseuchung" droht, und nie nach dem Benutzen der Toilette.
Kein Allheilmittel
Solche harten Methoden beurteilt der Psychoanalytiker Hartmann eher skeptisch: Nach seiner Erfahrung können die Patienten ihre Reaktionen oft sehr lange zurückhalten, erliegen dann aber doch rasch wieder ihrem Zwang und leben ihn zum Teil heftiger aus als vorher. So scheitere diese Behandlung oft daran, dass die Patienten rückfällig werden oder dass es ihnen gelingt, die Verhinderung zu unterlaufen. Die Heilungsrate schätzt Hartmann auf höchstens 30 bis 50 Prozent.
Auch die analytische Psychotherapie sieht Hartmann nicht als Allheilmittel an, obwohl er selbst Psychoanalytiker ist: "Die Behandlung eines Waschzwangs ist sehr langwierig und oft von zweifelhaftem Erfolg", weiß der Experte. "Versuchen sollte man es aber trotzdem." Patienten, die die Behandlung wagen, müssen sich auf drei bis fünf Jahre Dauer einstellen und "mindestens zwei Stunden pro Woche" zu ihrem Therapeuten gehen, meint Hartmann. "Sonst kommt man nicht an die Gefühlsebene heran. Und nur dann kann man etwas bewirken." Wichtig ist ihm vor allem die Stärkung des Selbstbewusstseins, denn "Zwangserkrankungen sind immer Zeichen von größter Selbstunsicherheit". Man müsse versuchen, die Patienten so stark zu machen, "dass das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben, wieder da ist". Dabei helfe die in der Psychoanalyse unabdingbare vertrauensvolle und stützende Beziehung zum Therapeuten, da sie auch das Vertrauen in sich selbst stärke, hebt Hartmann hervor. Einen dauerhafteren Erfolg dieser Methode hält Hartmann für möglich, empirisch beweisen lasse sich seine These allerdings nicht.
Doris Wiese-Gutheil








