WAS IST DAS?
Der Kampf um jedes Gramm
Vor ungefähr zwei Jahren begann die sechzehnjährige Katrin*) mit ihrer ersten Diät. Damals - sie wog 51 kg bei einer Größe von 1,65 m - wollte sie "nur unter die 50 kommen". "Mein Vater sagte immer zu mir, dass ich bloß niemals so fett wie meine Mutter werden sollte. Irgendwann habe ich mich dann entschlossen, eben einfach abzunehmen."
Bald verlor Katrin ein Kilo nach dem anderen. Kaum war sie unter der 50-kg-Grenze angelangt, peilte sie schon ein neues Ziel an: Sie wollte nur noch 40 kg wiegen. "Ich konnte einfach nichts mehr essen. Hungern war fast eine Art Droge für mich geworden", erklärt die Schülerin offen.
Zwei zuckerfreie Müsliriegel am Tag, mehr aß sie nicht. Ab und zu gönnte sich Katrin noch ein zuckerfreies Kaugummi, doch selbst das wurde bald vom "schlechten Gewissen" verdrängt. "Ich trank fünf Flaschen Wasser am Tag, weil ich mir einbildete, dass dadurch Kalorien aus meinem Körper geschwemmt würden. Einen Lippenstift zu nehmen, habe ich mich bald überhaupt nicht mehr getraut - da ist ja Fett drin." Das Essen war eine Bedrohung für sie geworden, allein der Geruch ekelte sie an.
Auf 36 kg schließlich abgemagert, begann Katrin vor 13 Monaten eine Therapie in der LWV-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie "Lahnhöhe" in Marburg.
Hilferuf der Seele
"Essstörungen haben in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen", erklärt der Ärztliche Direktor der Klinik "Lahnhöhe", Dr. Dietmar Seehuber. Nach seinen Angaben leiden etwa ein Prozent aller 15- bis 25-jährigen Frauen wie Katrin an "Anorexie", auch bekannt als "Anorexia nervosa" oder "Magersucht". Bei diesem Krankheitsbild kommt es durch Essensverweigerung oder chronischem Erbrechen zu einer hochgradigen Abmagerung. "Mindestens 15 Prozent des normalen Körpergewichts werden dabei abgenommen", so der Psychotherapeut. Vor allem in westlichen Industrieländern und dort in überwiegend höheren Sozialschichten kommt diese Erkrankung vor. Nur etwa 5 bis 10 Prozent der Betroffenen sind männlich.
"Die Ursachen für eine Anorexie sind vielfältig und gleichzeitig sehr verschieden", führt Dr. Seehuber aus. "Zu Beginn der Erkrankung steht fast immer eine Krisensituation - überwiegend eine bestimmte Entwicklungsphase wie die Pubertät, die den Jugendlichen mit Fragen und Entscheidungen konfrontiert. Scheitert der oder die Betroffene an diesen Anforderungen wie z. B. der Ablösung von der Familie, so ist die Anorexie ein nicht selten gewählter 'Ausweg'. Vor allem Mädchen im 14. und 18. Lebensjahr sind daher gefährdet."
Schlankheit - ein Schönheitsideal, das in westlichen Gesellschaften nicht nur Attraktivität bedeutet, sondern auch einen selbstbewussten und erfolgreichen Lebensstil signalisiert, ist oftmals das erste Motiv für eine Anorexie. Die Betroffenen vermeiden fast jedes kalorienreiche Essen, nicht selten erbrechen sie oder nehmen gar Abführmittel und Appetitzügler. Außerdem treiben die meisten Anorektiker außerordentlich viel Sport und sind sehr aktiv. "Als ich gehungert habe", erinnert sich Katrin, "bin ich so viele Umwege wie nur möglich gelaufen. Bald habe ich mich nicht einmal mehr getraut, zu sitzen. Selbst beim Lesen oder Telefonieren habe ich aufrecht gestanden, um nur Kalorien zu verbrennen."
Kennzeichnend für magersüchtige Mädchen ist auch ein gestörtes Körperschema: Sie halten sich sogar dann noch für zu dick, wenn sie fast bis auf die Knochen abgemagert sind oder fürchten, bei Nahrungsaufnahme sofort dick zu werden. Jeder Gedanke dreht sich nur noch um Essen und Lebensmittel. Mit diesen Mitteln des Lebens kommen Anorektikerinnen nicht mehr zurecht.
Ein Weg zurück in das Kindsein
Doch neben dem "Schlankheitswahn" sieht Dr. Seehuber eine zweite und bedeutendere Ursache für eine Anorexie in der Verweigerung und Abneigung von Mädchen gegenüber weiblichen Formen und somit ihrer Sexualität. "Die Magersucht ist ein Weg zurück in das Kindsein", erklärt der Ärztliche Direktor. "Die Hormone von anorektischen Jugendlichen entsprechen in etwa denen eines Kindes." Junge Erwachsene, so der Therapeut, würden sich häufig enger an ihre Familie binden und durch ihre Magersucht wie ein kleines Kind ganz bewusst alle Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen.
Beim zwanghaften Abnehmen spielen auch körperliche Faktoren eine große Rolle. "Für eine Magersüchtige ist der Körper psychologisch gesehen der einzige Bereich, über den sie selbst verfügen kann. Hungern vermittelt ihr ein gutes Gefühl, da sie der Versuchung 'Essen' widersteht. So erlebt die Betroffene Autonomie und erfährt ihre eigene Stärke", sagt Dr. Seehuber. Auch Katrin erinnert sich gut an dieses Gefühl: "Ich habe mich stark gefühlt, wenn ich gehungert habe."
Die Therapie - eine "erzwungene Freiwilligkeit"
Derzeit werden fünf magersüchtige Mädchen in der Klinik "Lahnhöhe" behandelt. Katrin und Anne') stehen bereits am Ende ihrer Therapie und werden bald entlassen. Anne - fünfzehn Jahre alt und 1,70 m groß - hungerte sich von 63,5 kg auf 45 kg herunter und bat schließlich selbst um therapeutische Hilfe. Heute, fast fünf Monate später, bringt sie schon wieder 56 kg auf die Waage. Manchmal, so erzählt sie, denke sie schon hin und wieder mal daran, abzunehmen. "Früher hat mir immer eine Stimme gesagt, ich sei zu dick. Ab und zu taucht diese Stimme jetzt wieder auf, wenn ich selbstkritisch vor dem Spiegel stehe." Auch Katrin hat inzwischen wieder etwas zugenommen und wiegt 41 kg - damit liegt sie noch immer um 6 kg unter dem mit den Ärzten vereinbarten Gewicht. "Aber mehr will ich auf keinen Fall zunehmen", sagt sie ernst.
Etwa 2.500 Kalorien müssen die Mädchen täglich essen. Am Anfang, sagen sie, hätten sie sich davor geekelt und Bauchkrämpfe bekommen. "Die Einwilligung der Patientinnen zu einem aufgestellten Essensplan ist gleichsam eine erzwungene Freiwilligkeit. Aber nur sie bietet die Basis für eine erfolgreiche Therapie", erklärt Dr. Seehuber. "Es ist ein schwieriger Kampf um den richtigen Weg."
Kilos bringen zwar den Körper wieder ins Gleichgewicht, die Heilung der Psyche jedoch ist meist ein langwieriger Prozess. Ein stationärer Aufenthalt ist daher nach Ansicht Dr. Seehubers unerlässlich, denn "rund 10 Prozent aller Magersüchtigen hungern sich zu Tode".
Erfolgt nach einem ambulanten Gespräch mit der Patientin und ihrer Familie eine stationäre Aufnahme in der Jugendlichenstation der "Lahnhöhe", stehen Einzel- und Familiengespräche im Mittelpunkt der Behandlung. Außerdem nehmen die Mädchen an Krankengymnastik, Ergotherapie und anderen Angeboten teil.
Auf dem Gelände der Klinik gehen Katrin und Anne zur Schule. Ihr Ausgang richtet sich nach ihrem Gewicht: "Pro Kilo, das man zunimmt, hat man eine zusätzliche Stunde frei", sagt Katrin.
Nach ihrer Entlassung können die Mädchen in der Klinik noch weiter ambulant betreut werden. "Ab und an kann ich sogar jetzt schon wieder ein Stück Schokolade essen", sagt Anne mit einem stolzen Lächeln."
Beate Philipp
*) Namen von der Redaktion geändert








