Landeswohlfahrtsverband HessenLogo Landeswohlfahrtsverband Hessen
Home Newsletter Kontakt Links Impressum Sitemap Textversion

|
Schriftgröße A | A | A
Home Was ist das?


HÖHENFLUG UND STEILER FALL
MANISCH-DEPRESSIV - WAS IST DAS?


Vor mehr als zehn Jahren geschah es zum ersten Mal. "Ich kam aus einem super Italien-Urlaub zurück", sagt Martin Krüger*). "Zuvor hatte ich ständig unter Druck gestanden - und plötzlich war es, als wenn man eine Glocke weggenommen hatte. Ich war total euphorisch." Doch in die Euphorie mischten sich bald merkwürdige Verhaltensweisen: "Auf der Rückfahrt im Zug hatte ich Halluzinationen. Und daheim konnte ich nicht mehr schlafen: Ich lief nächtelang im Wald umher. Und glaubte sogar, ich sei Jesus. Es war, als hätte ich Drogen genommen." Doch es waren keine Drogen, die Martin Krüger so veränderten. Es war seine Krankheit. Denn der gelernte Werkzeugmacher ist manisch-depressiv. Heute weiß er, dass er damals, nach dem Italien-Urlaub, seine erste manische Phase hatte.

"Ich war völlig von den Socken"

Doch es dauerte einige Zeit, bis diese Erkenntnis reifen konnte. "Ich war völlig von den Socken, als ich hörte, dass ich DAS haben soll." Seine Mutter war es, die ihn zum Arzt brachte, denn die Schlafstörungen ihres Sohnes beunruhigten sie. Martin Krüger ging mit, doch er wehrte sich zunächst gegen eine Behandlung. Weil die Schlafstörungen blieben, begab er sich auf eine Odyssee von einem Nervenarzt zum anderen. Unterbrochen wurde die Irrfahrt erst von Dr. Rolf Günther, dem leitenden Arzt der Abteilung für ambulante und teilstationäre Psychiatrie in der Kasseler Außenstelle des Psychiatrischen Krankenhauses Merxhausen des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV). Dr. Günther wies Martin Krüger sofort ins Krankenhaus ein. Drei Monate dauerte die manische Phase, dann folgte die Depression. "Da hatte ich ständig so ein schwammiges, unangenehmes Gefühl im Bauch. So, als wenn da was fehlt. Und in meinem Kopf waren nur schwarze Gedanken: Ich steigerte mich in einen Schuldwahn hinein und fühlte mich schließlich wie ein Verbrecher."

"Jesus" und "Verbrecher" in einer Person - extreme Schwankungen in der Gefühls- und Gedankenwelt sind typisch für Menschen, die manisch-depressiv sind. "Man kann sich das wie einen Raum vorstellen, in dem der Heizungsthermostat nicht mehr oder nur stark verzögert reagiert", erklärt Dr. Günther. "Die Heizung arbeitet und arbeitet, bis die Heizkörper glühen. Die Stimmungsregulationsprozesse sind gestört. Die Gegensteuerung setzt, wenn überhaupt, erst viel zu spät ein. Und dann geht die Temperatur in den Keller." Wie die Gefühlswelt von Martin Krüger: Die Spannweite reichte von Höhenflügen bis zum steilen Fall. "Ich dachte auch an Selbstmord."

Familiäre Disposition

Die Ursache dieser Krankheit ist nach heutigem Kenntnisstand der Medizin eine neurobiologische: Die Freisetzung der für die Funktion des Nervensystems so wichtigen Transmitter kann im so genannten limbischen System nicht richtig reguliert werden. "Die Forschung hat bisher keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass psychische und soziale Faktoren ursächlich sind. Wohl können sie aber den Ausbruch der Krankheit beeinflussen." Stattdessen hat man festgestellt, dass die Erkrankung familiär gehäuft auftritt: "Wenn Sie Patienten danach befragen, dann stellt sich meist - wenn auch keineswegs immer - heraus, dass es im näheren oder weiteren Umfeld auch schon mal jemand gab, der depressiv oder manisch war. Das müssen nicht immer die Eltern sein: Auch Cousins oder Cousinen kommen da in Frage." Die Krankheit gilt deshalb unter Fachleuten als diejenige mit dem höchsten genetischen Anteil: "Für Kinder von manisch-depressiven Menschen liegt die Wahrscheinlichkeit, selbst zu erkranken, laut Statistik immerhin bei 30 Prozent. Bei Schizophrenie sind es nur zehn Prozent."

Erkennen lässt sich die Disposition indes nicht. „Man merkt den Menschen nicht vorher an, ob sie eines Tages manisch-depressiv sein werden", betont Dr. Günther. Lediglich rückblickend, nach dem Ausbruch, habe man feststellen können, dass vor allem zwei Persönlichkeitstypen unter den Erkrankten zu finden seien: "Die so genannten hyperthymen Persönlichkeiten, die als euphorisch, laut, spontan, kontaktfreudig, ideenreich und unterhaltsam zu charakterisieren sind (im Volksmund heißen sie die rheinischen Frohnaturen), und die dysthymen Typen: Das sind - plakativ beschrieben - die Missmutigen, leicht Depressiven, Stillen, Ernsten und Gewissenhaften." Bei denjenigen Patienten, bei denen man keinen Hinweis auf eine familiäre Disposition findet, vermutet die Wissenschaft andere, ebenfalls biologische Ursachen: "Seit zwei Jahren diskutiert man in der Fachwelt darüber, ob die so genannten Borna-Disease-Viren die Erkrankung verursachen können. Für den Ausbruch verantwortlich sind in manchen Fällen möglicherweise auch ein Schädel-Hirn-Trauma oder Hirnschwund", so Dr. Günther.

Ausgelöst durch einschneidende Erlebnisse

Doch auch wenn die Basis der Erkrankung nach Erkenntnis der Psychiatrie im neurobiologischen und keineswegs in sozialen und psychischen Voraussetzungen zu suchen ist - als Auslöser spielt das Umfeld in den meisten Fällen durchaus eine Rolle. Intensive Gefühlserlebnisse können offenbar den Ausbruch der Krankheit begünstigen: "In dem halben oder auch ganzen Jahr vor der ersten Phase finden sich fast immer signifikante Lebensereignisse in der Biographie manisch-depressiver Menschen", erläutert Dr. Günther. "Der Verlust des Partners steht laut Statistik ganz obenan. Gefolgt vom Tod eines anderen nahen Angehörigen, vom Verlust des Arbeitsplatzes und einer hohen Schuldenlast." Doch auch positive Erlebnisse wie eine Heirat oder - wie bei Martin Krüger - eine ausgesprochen intensiv erlebte Urlaubsreise können den Ausbruch der Krankheit provozieren. "Bei manchen Menschen sind es sogar äußerlich vergleichsweise nichtige Ereignisse wie der Verlust eines Schlüssels oder ein Wohnungswechsel", fügt Dr. Günther hinzu. Auf die persönliche Bedeutung komme es an.

All diese auslösenden Faktoren können indes nur die erste Phase einleiten. "Danach verläuft die Krankheit nach ihren eigenen, aber durchaus individuell unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten." Das kann bedeuten, dass die manischen und depressiven Phasen in jedem Jahr wiederkehren. Oder im täglichen Wechsel. Die Kurve verläuft dabei auf sehr unterschiedlichem Level: Es gibt Menschen, bei denen sie wesentlich stärker im Bereich der Manie ausschlägt als im Bereich der Depression und umgekehrt. "Strittig sind Fälle, in denen nur manische Phasen erkennbar werden, ohne dass es zu depressiven Krankheitsphasen kommt." Doch während dies aus Sicht mancher Mediziner rein hypothetisch bleibt, ist etwas anderes für die meisten der Fachärzte unumstößliche Gewissheit: "Wenn man manisch-depressive Menschen einfach ihrer Krankheit überlässt, dann bedeutet das eine stetige Verschlimmerung mit immer häufigeren und immer schwereren Phasen", erklärt Dr. Günther. "Eine Behandlung hingegen kann den Prozess aufhalten oder sogar umkehren."

Erfolgreiche Prophylaxe

Die Psychiatrie setzt dabei auf drei verschiedenen Ebenen an. "Von großer Bedeutung ist die Prophylaxe", so der Facharzt. "Immerhin 80 Prozent der Erkrankten sprechen auf Lithium an. Etwa die Hälfte der Patienten ist bei regelmäßiger Einnahme frei von manischen und depressiven Phasen. Das heißt, diese Menschen sind von Gesunden nicht zu unterscheiden. Bei rund 30 Prozent beobachtet man nur noch milde Phasen. Die übrigen 20 Prozent sprechen auf das Medikament überhaupt nicht an oder leiden unter starken Nebenwirkungen." Doch auch in diesen Fällen gibt es meist Hilfe durch alternative Medikamente. "Und in einer Phase unterstützen wir die Patienten in der Regel zudem mit Neuroleptika oder Antidepressiva."

Zweites wichtiges Standbein der Behandlung ist die Psychotherapie. Mit ihrer Hilfe lässt sich die Erkrankung zwar nicht heilen, wie Dr. Günther betont. "Doch Konflikte, die den Fortgang negativ beeinflussen würden, werden hier bearbeitet." Darüber hinaus helfen die Psychiatrischen Krankenhäuser, die Tageskliniken und Institutsambulanzen bei der sozialen Reintegration der psychisch Erkrankten. Sei es durch die Vermittlung in Förderprogramme der Arbeitsämter oder durch den Hinweis auf Hilfsangebote, die einer Vereinsamung der psychisch kranken Menschen entgegenwirken. Wichtig ist zudem die Aufklärung oder - im Fachjargon - Psychoedukation der Patienten: "Wir versuchen, sie zu eigenen Spezialisten ihrer Erkrankung zu machen." Nicht zuletzt, um die Einsicht zu fördern, dass sie auch in manischen oder hypomanischen Phasen (der Vorstufe zur Manie) die Medikamente einnehmen müssen. Denn bisweilen erleben sie die manische Phase und ihre von Euphorie getragenen Vorboten gar nicht als negativ. Da erfordert es schon einige Disziplin, das Lithium dennoch wie gewohnt zu schlucken.

Leben nach der inneren Uhr

Therapeutisch wichtig ist es auch, die "innere Uhr" zu beachten, vor allem den Tag-Nacht-Rhythmus. "Wechselschicht ist für diese Menschen Gift", wie Dr. Günther sagt. "Und ein Jetlag kann sogar eine Manie produzieren." Der Grund: Schlafstörungen sind ein typisches Merkmal der Erkrankung. "Wenn ich in der Manie bin, will ich nicht schlafen", hat Martin Krüger erkannt. "Und wenn ich depressiv bin, kann ich nicht schlafen." Schlafentzug aber fördert die Manie, Schlaf die Depression: "Meist sind die Patienten dann um zwei Uhr wieder wach und grübeln. Therapeutisch haben wir uns diese Erkenntnis durchaus zunutze gemacht: Maniker müssen Schlafentzug unbedingt vermeiden, bei Menschen in der depressiven Phase kann er sich durchaus positiv auswirken." Martin Krüger weiß das. Seit zehn Jahren beachtet er die Verhaltensregeln seines Arztes, nimmt regelmäßig seine Medikamente. Mit dem Erfolg, dass die Amplitude seiner Phasenkurve immer flacher wurde. Und damit immer erträglicher. "Ich kann meinem Alltag meistern, helfe meinen Eltern viel. Ich bin in einen ruhigeren Pol gekommen", schildert der 52-jährige. Nur anfangs durchlitt er pro Jahr zwei Krankheitsphasen. Mit allen Begleiterscheinungen. "In der Manie gibt man zum Beispiel viel Geld aus, man handelt ja sehr spontan, unkontrolliert, wie ferngesteuert." Seine spontanen Einfälle bescherten ihm erhebliche Schulden und einen Motorradunfall. "Phantastisch war es schon - aber ich möchte es nicht mehr."

Elke Bockhorst

*) Name von der Redaktion geändert.