Vorbehalte von Außenstehenden sind nicht selten: "Ach, habt ihr wieder Eure Quasselgruppe, und das während der Arbeitszeit. Also damit müsste ich meinem Chef mal kommen," musste sich etwa eine Krankenschwester, die in einem Psychiatrischen Krankenhaus des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV) beschäftigt ist, schon von fachfremden Freunden anhören. Das, worüber sie sich so abfällig äußerten, nennt sich "Supervision" und ist eine spezifische Form von Beratung, die Veränderungen und Entwicklungen in Organisationen und Institutionen begleitet und damit der beruflichen Qualifizierung der Mitarbeiter dient.
Supervision, die nach 1945 aus den USA nach Deutschland "importiert" und zunächst als so genannte Personalberatung von den Freien Wohlfahrtsverbänden aufgegriffen wurde, wird zunehmend in den unterschiedlichsten Berufsbereichen angewandt - Manager nutzen sie ebenso wie Kindergärtnerinnen, ganze Lehrerkollegien ebenso wie Abteilungsleiter in Großunternehmen. Es gibt Einzelsupervision, die etwa leitende Mitarbeiter/innen oder auch Selbstständige anwenden, um im Kontakt mit dem Supervisor berufliche Probleme kontinuierlich zu reflektieren, sie besser zu verstehen und neue Handlungsmöglichkeiten zu finden. Auch Gruppensupervision gemeinsam für Mitarbeiter/ innen aus verschiedenen Berufen wird angeboten. Eine der häufigsten Formen der Supervision ist die "Teamsupervision" in Organisationen. Vor allem in vielen Bereichen des Gesundheitswesens ist Supervision längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden: Auch in den 17 Psychiatrischen Krankenhäusern des LWV treffen sich die Mitarbeiter/innen vieler Stationen, die "Stationsteams", mit einem Supervisor zur Teamsupervision. Und zwar Ärzte und Pflegepersonal gemeinsam. Denn ein wichtiger Gedanke der Supervision ist, dass in den Sitzungen die Hierarchien aufgehoben sind: Jeder soll gleichberechtigt alles sagen können, was er möchte.
Die Themen solcher 90-minütigen Sitzungen, die zumeist über einen begrenzten Zeitraum in zwei- oder vierwöchigen Abständen stattfinden, sind unterschiedlich - es kann über alles gesprochen werden, was irgendwie mit der Arbeit im Zusammenhang steht. Da geht es etwa um Kooperation und Kommunikation auf der gleichen und auf unterschiedlichen hierarchischen Ebenen, um Kollegialität und Konkurrenz oder um die Qualität der Arbeit. Aber auch um die starken Belastungen der Mitarbeiter/innen in den Psychiatrischen Krankenhäusern, die ständig mit Krankheit und Leid umgehen müssen, die gewissermaßen dauerhaft emotionalen Überdosen ausgesetzt sind - und die ihre eigene psychische und physische Erschöpfung nach außen nicht sichtbar werden lassen wollen oder können.
Entwicklungshilfe für Stationsteams
"Supervision ist eine Art Entwicklungshilfe für die Teams einer Station", sagt Dr. Michael Knoll, Dezernent für Krankenhäuser und Psychiatrieplanung beim LWV. Der Arzt und Psychotherapeut war zuvor selbst jahrelang als Supervisor tätig. Für Dr. Knoll ist Supervision gerade für die Mitarbeiter/innen der Psychiatrischen Krankenhäuser eine notwendige Weiterbildungsmaßnahme, bei der der Einzelne lernen kann, berufliche Szenen mit einem professionell-distanzierten Blick zu betrachten und - ohne den Handlungsdruck der alltäglichen Praxis - Lösungen zu finden. "Die Stationsteams sind, wie jedes Team, dem ja auch ganz ungewohnte Qualifikationen wie etwa Dialog- und Kommunikationsbereitschaft abverlangt werden, hochgradig leistungsfähige Organismen", sagt Dr. Knoll, "Teams können Unglaubliches leisten, aber sie stehen auch ständig in der Gefahr, ineffektiv zu werden - etwa durch Kommunikationsprobleme oder Animositäten zwischen einzelnen Mitarbeitern. Ziel der Supervision ist, die potentielle Leistungsfähigkeit dieser Organismen aus den Fesseln solcher Versandungsprozesse und Reibungsverluste zu befreien."
Das gelingt leichter mit Hilfe eines Außenstehenden, der zwar die Materie kennt, im Team aber keine Funktion hat: "Innerhalb eines Teams gibt es immer Solidaritätseffekte, Verkettungseffekte, Kollegialeffekte - da fehlt die Neutralität. Und so ist etwa Kritik für jemanden aus dem Team sehr schwer zu formulieren. Deshalb ist es gut, wenn ein Supervisor einen Blick darauf wirft, was da eigentlich passiert in dem Organismus Team - wo bekriegen sich die Mitarbeiter und warum, wo sind sie sehr produktiv, kooperativ, wo gibt es Tabus, über die nicht geredet wird". Diese Verhältnisse aufzuschlüsseln, um negative Effekte zu beseitigen und damit letztlich die Qualität der Arbeit zu erhöhen, sei ein Ziel der Supervision.
Es gibt ein weiteres Ziel: Den Druck abzubauen, dem viele Mitarbeiter/innen im Gesundheitswesen ausgesetzt sind. Denn der Alltag derjenigen, die beispielsweise mit Sterbenden zu tun haben, die auf Intensivstationen arbeiten oder auch die - wie in den Psychiatrischen Krankenhäusern - mit sehr komplizierten oder sogar aggressiven Patienten zu tun haben, "ist hartes Brot, das verdaut werden muss", sagt Dr. Knoll. Hier habe die Supervision den zusätzlichen Effekt, dass sich die Mitarbeiter, "mal den Magen reinigen, sich befreien können". Supervision habe auch die Funktion, dass die Teammitarbeiter "mal richtig schimpfen dürfen". Zum Beispiel auch auf die Leitung, weshalb nach Auffassung von Dr. Knoll der Oberarzt oder Chef nur in Ausnahmefällen an den Sitzungen teilnehmen sollte. Denn sei der Chef dabei, setzten häufig natürliche Unterwerfungsmechanismen ein. Und man muss auch mal über den Patienten schimpfen können, was die Mitarbeiter ja im normalen Alltag nicht tun würden. In den Supervisionssitzungen können sie Tacheles reden, ohne dass da gleich jemand sagt, Moment, das geht nicht, das sind doch kranke Menschen und wir sind doch Ärzte". Ein wichtiger Aspekt: Wenn die Mitarbeiter/innen der Stationsteams in den Supervisionssitzungen ungebremst auch aggressive Impulse ausdrücken, bekommen die Patienten diese nicht zu spüren. "Wenn Ärzte und Pflegepersonal ihren gelegentlichen Ärger, ihre negativen Gefühle nie aussprechen, dann ist die Gefahr, dass es doch mal den Patienten trifft, sehr groß", sagt Dr. Knoll.
Supervision - ein Qualitätsmerkmal
Der Experte hat die Erfahrung gemacht, dass auf Stationen, die Supervision durchführen, sogar der Krankenstand der Mitarbeiter/innen sinkt. Seiner Meinung nach sollte es auf jeder Station mindestens zehn Supervisionssitzungen im Jahr geben: "Das wird auch versucht. Seit etwa zehn Jahren ist Supervision in unseren Einrichtungen Thema. Heute hat jedes unserer Psychiatrischen Krankenhäuser Supervision - in unterschiedlicher Ausprägung. Supervision ist aus unserer Sicht im Grunde ein Qualitätsmerkmal. Doch manchmal ist es schwer, das Geld dafür ins Budget zu bekommen."
Für 90 Minuten Supervision erhält der Supervisor 300 bis 400 Mark einschließlich Fahrtpauschale. Pro Station fallen da für zehn Stunden 4000 bis 5000 Mark an, für ein Krankenhaus mit acht Stationen ist immerhin mit 30.000 bis 40.000 Mark zu rechnen, doch "es wäre unsinnig gerade an dieser Stelle zu sparen", meint Dr. Knoll. Allerdings: Supervision sollte seiner Auffassung nach auch nicht "ewig dauern". Es sei gut, die Zahl der Sitzungen zu begrenzen, danach auch mal zu pausieren und dann etwa mit einem neuen Supervisor wieder anzufangen. Denn "so wie sich eine Persönlichkeit schubweise entwickelt, so entwickelt sich auch ein Team. Die Teams sollen - schon aus pädagogischen Gründen - merken, was sie selber können", sagt Dr. Knoll. Bei Teams, die kontinuierlich über Jahre hinweg denselben Supervisor ins Haus holten, könnten sogar "Suchteffekte" entstehen. Es gäbe in Bezug auf die Dauer der Supervision allerdings auch andere Ansätze, erklärt Dr. Knoll. Das werde in den Einrichtungen des LWV unterschiedlich gehandhabt.
Der Experte bedauert im Übrigen, dass oft erst an Supervision gedacht wird, wenn es bereits eine Krisensituation gibt: "Manchmal kommen Teams erst, wenn sie schon so heillos zerstritten sind, auf die Idee, dass sie Supervision haben möchten - quasi als Krisenmanagement". Doch das sei nicht Aufgabe der Supervision. Ideal wäre es, meint Dr. Knoll, "wenn ein Team zu einem Zeitpunkt einen Supervisor ins Haus holt, zu dem alle eigentlich das Gefühl haben, es laufe ganz gut. Denn es gibt nichts, was nicht noch besser laufen könnte".
Die Teilnahme an Supervision ist freiwillig: "Kein Supervisor wird Leute in die Supervisionsgruppe holen, die dann nur bockig 'rumsitzen und böse in die Luft gucken. Es bleibt eine freiwillige Veranstaltung, weil immer auch ein bisschen Selbstvertrauen dazu gehört, an solchen Sitzungen teilzunehmen. Dazu kann man als Arbeitgeber niemanden verdonnern. Doch wenn die Notwendigkeit für diese Form der Weiterbildung erkannt worden ist, dann sollten auch alle mitmachen", so der Appell des Experten.
Gundula Zeitz








