WER 5 X NACH DEM BÜGELEISEN SIEHT?
ZWANGSSTÖRUNGEN - WAS IST DAS?
Auf dem Weg in den Urlaub schon eine gute Stunde auf der Autobahn - und dann kommt der Gedanke an die Kaffeemaschine. Ist sie auch wirklich ausgeschaltet? Zurückfahren, nachsehen. Obwohl der Beifahrer versichert, er hätte den entsprechenden Knopf ganz bestimmt gedrückt. Oder doch nicht? Zurückfahren, nachsehen. Wer kennt das nicht? Die Angst, ein Fenster nicht geschlossen, ein Bügeleisen nicht abgestellt zu haben. Und fast jeder kann darüber lachen - hinterher, wenn sich herausstellt, dass alles in Ordnung war. Oder gerade noch rechtzeitig in Ordnung gebracht werden konnte.
Doch es gibt Menschen, bei denen geht das nicht so einfach. Manche leiden ständig unter der Angst, sie könnten etwas übersehen haben. Ständig kommen ihnen Gedanken, sie hätten irgendeine Handlung nicht korrekt ausgeführt. Oder sie KÖNNTEN etwas Schreckliches tun, jemanden verletzen beispielsweise.
Es sind Gedanken außerhalb jeder Realität und Relation, die plötzlich einfach im Kopf sind, begleitet von Gefühlen der Angst, Unruhe und Schuld. Gedanken, die die Betroffenen als äußerst unangenehm empfinden, die sie im alltäglichen Leben stark einschränken. Da hilft der aufmunternde Hinweis von wohlmeinenden Mitmenschen, man solle sich doch nicht immer solche Sorgen machen, nicht mehr: Die Gedanken sind da und kommen wieder. Die Betroffenen leiden möglicherweise unter einer Zwangsstörung.
Therapeuten unterscheiden zwischen "Zwangsgedanken" und "Zwangshandlungen". Unter Zwangsgedanken werden Ideen, Gedanken, Bilder oder Impulse verstanden, die von den Betroffenen als unsinnig erlebt werden, gegen die sie aber nichts tun können. Zwangshandlungen sind zumeist Rituale, die beobachtbar ablaufen. Rituale, die die Betroffenen in starrer, regelhafter Form wiederholen. Die Patienten sind sich im Prinzip der Sinnlosigkeit ihres Handelns bewusst, können aber nichts dagegen tun.
"Zwangsstörungen sind nicht isoliert zu sehen: Es sind Störungen, mit denen - unbewusst - etwas anderes, tief im Inneren des Patienten kompensiert wird. Fehlende Geborgenheit, Isolation, fehlendes Identitätsgefühl. Zwang steht für Unsicherheitsgefühle in der Tiefenpersönlichkeit", erklärt Dr. Michael Knoll, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiter des Dezernates "Psychiatrieplanung/Krankenhäuser" beim Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV).
Ursachen für diese Störungen könne es viele geben, sagt Dr. Sabine Velthaus. Die Ärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie ist Bereichsleiterin "Allgemeinpsychiatrie I" im Psychiatrischen Krankenhaus (PKH) des LWV in Heppenheim, in dem auch Zwangspatienten behandelt werden. Nach der analytischen Theorie, erklärt Dr. Velthaus, liegen Zwangsstörungen bewusstseinsinterne Konflikte zugrunde: "Solche ambivalenten Konflikte können beispielsweise entstehen, wenn man sich etwas wünscht, das verboten ist. Etwa ein verheirateter Mann, der unbewusst Wünsche nach einer Beziehung mit einer anderen Frau hat. Diese unbewussten Wünsche rufen das Gefühl hervor, sich damit schuldig zu machen. Und das kann sich dann im Waschzwang äußern", sagt Sabine Velthaus.
"Andere Theorien sehen Zwangshandlungen als eine Art 'Spannungsabfuhr'. Patienten, die etwa Zählzwänge haben, die immer wieder bestimmte Zahlenreihen oder Beschwörungsformeln aufsagen, um sich von viel beängstigeren Gedanken abzulenken, um sich zu konzentrieren. Ihre Zwangshandlungen dienen als 'Entspannungsmethode'", erklärt die Expertin.
Auch biologische Ursachen werden inzwischen für möglich gehalten: seit man Hirnuntersuchungen vornehmen kann, hat man auch feststellen können, dass es bei Zwangspatienten Veränderungen in bestimmten Gehirnregionen gibt - wobei noch nicht klar ist, ob diese Veränderungen Ursache oder Wirkung sind.
Therapeuten kennen unterschiedlichste Zwangshandlungen. Es gibt etwa Patienten, die stundenlange Waschrituale durchführen, die sich mehrfach am Tag duschen oder reinigen, um sich von vermeintlich schmutzigen Dingen, von Ansteckung zu befreien. Es gibt Betroffene, die Türen, Elektrogeräte oder andere Dinge immer wieder kontrollieren, um eine befürchtete Katastrophe zu verhindern. Oder Patienten, die etwa Küchengeräte, Schreibutensilien oder Bilder ordnen müssen, bevor sie die alltägliche Arbeit in Angriff nehmen können.
Manchmal äußert sich die Störung schon im Kindesalter, manchmal auch erst viel später. Zwangsstörungen können schleichend, aber auch ganz plötzlich auftreten - meist aber in Belastungssituationen, bei beruflichen Umstellungen etwa, in Situationen von Leistungsdruck oder bei Konflikten.
"Häufig hatten die Betroffenen belastende Erlebnisse in der Vergangenheit, die zu Angst- oder Schreckreaktionen, Schuldgefühlen o. Ä. führten", sagt Hildegard Muchowski, Stationsärztin der Psychotherapiestation im PKH Merxhausen des LWV. Die Verknüpfung von Schmutz mit dem Gefühl, etwas Unrechtes getan zu haben, kann nun dazu führen, dass bereits der Anblick von Schmutz allein oder nur der Gedanke daran zu unangenehmen Gefühlen z. B. Schuldgefühlen führt. Wenn sich ein Waschritual entwickelt, wird damit das Auftreten solcher unangenehmer Gefühle vermieden. "Mit den Zwangsritualen nehmen die Betroffenen gewissermaßen Situationen vorweg, indem antizipierte Folgen scheinbar durch eine Zwangshandlung verhindert werden. Jedem, der befürchtet, dass Konflikte entstehen könnten, bereitet dies ein unangenehmes Gefühl. Zwangspatienten versuchen, durch Zwangsrituale unangenehme Gefühle gar nicht erst aufkommen zu lassen, sie zu vermeiden", so Muchowski.
Menschen, die unter Zwangsstörungen leiden, verheimlichen ihre Zwänge oft über Jahre und begeben sich erst dann in Behandlung, wenn ihr ganzes Leben vollkommen beeinträchtigt wird. Viele Patienten haben größte Schwierigkeiten, selbst alltägliche und einfache Entscheidungen zu treffen, sie holen sich Beruhigung und Unterstützung von den Personen in ihrer nächsten Umgebung. Andere Menschen mit Zwängen sind durchaus zu einem "normalen" Leben im beruflichen, familiären und Freizeitbereich in der Lage.
"Zwangspatienten ist gemeinsam, dass sie sowohl das Risiko einer Katastrophe als auch die damit verbundenen Folgen extrem überschätzen", sagt Hildegard Muchowski. "Viele kommen erst sehr spät zur Therapie - oft erst auf Wunsch der Angehörigen."
Dabei sind Zwangsstörungen durchaus therapierbar - wenngleich der Weg in vielen Fällen nicht einfach ist. Auf der Psychotherapiestation des PKH Merxhausen wird Verhaltenstherapie angewandt, die eine ausführliche Verhaltensanalyse beinhaltet. Verhaltenstherapeutisches Vorgehen bedeutet, den Patienten mit den auslösenden Situationen zu konfrontieren und dann die damit verbundenen Rituale zu verhindern", sagt Muchowski. Konkret heißt das, dass erarbeitet wird, in welchen Situationen es zu Zwangsritualen kommt. Mit dem Einverständnis des Patienten wird dann die Reaktionsverhinderung durchgeführt, d. h. es wird verhindert, dass das übliche Vermeidungsritual ausgeführt wird. Zu Beginn der Behandlung bedarf es eines erhöhten Aufwandes durch den Therapeuten. Bei Fortschreiten der Therapie wird die Kontrolle immer mehr dem Patienten überlassen, der die Fähigkeit zur Selbstregulation zurückgewinnt.
"Die Patienten lernen im Verlauf der Therapie, dass das, was sie befürchten, nicht eintritt. D. h., dass die Patienten eine Reduktion ihrer Angst oder Unruhe erlernen werden - ohne dass sie ihre Rituale durchgeführt haben", erklärt Hildegard Muchowski.
"Für viele Patienten ist eine stationäre Therapie sinnvoll. Die kann in jedem Psychiatrischen Krankenhaus des LWV, das über eine Psychotherapiestation verfügt, durchgeführt werden", sagt Dr. Knoll. Psychotherapiestationen gibt es in den LWV-Krankenhäusern in Merxhausen, Heppenheim, Herborn, Marburg, Gießen, Weilmünster und Riedstadt. Aber auch in den Tageskliniken und Ambulanzen der LWV-Krankenhäuser ist eine Therapie möglich.
In der Regel bleiben die Patienten mindestens fünf bis sechs Wochen, manche auch bis zu drei Monaten. Anschließend sollte die Therapie ambulant weitergeführt werden. Die Betroffenen nehmen an Einzel- und Gruppentherapiestunden teil. Gestaltungstherapeutische Elemente gehören ebenso zum Konzept wie das Erlernen von Entspannungstechniken. Allerdings wirkt die Psychotherapie nicht immer. "Inzwischen hat man festgestellt, dass in einigen Fällen Medikamente, etwa Antidepressiva, recht erfolgreich sind", ergänzt Sabine Velthaus. "Auch wenn es nicht einfach ist, die Patienten können doch lernen, ihre Zwangsstörung in den Griff zu bekommen", so die Expertin.
Gundula Zeitz/Dr. Gisela Heimbach








