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BORDERLINE-SYNDROM - WAS IST DAS?

Auf der Grenze leben


"Da gibt es die Parabel von den Stachelschweinen", sagt Dr. Franz Plaum, Psychotherapeut und Psychoanalytiker, auf die Frage, was typisch ist beim "Borderline-Syndrom". Der Ärztliche Leiter des Funktionsbereichs Psychotherapie im Psychiatrischen Krankenhaus (PKH) Gießen des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV) erklärt: "Stellen Sie sich zwei Stachelschweine vor, jedes sitzt allein in seiner Ecke. Und weil es dort kalt und leer ist, suchen sie die Nähe des anderen - und bewegen sich aufeinander zu. So stürmisch, dass sie sich beim Zusammentreffen die Nasen blutig stechen. Und vor lauter Schreck und Schmerz zieht sich jedes sofort wieder in seine Ecke zurück. Und dort ist es dann erneut kalt und leer."

So ähnlich sei das bei Borderline-Patienten: "Sie erleben eine große innere Zerrissenheit, Spannungen, Gefühle, mit denen sie nicht umgehen können. Sie suchen Nähe, sehnen sich nach intensiver Liebe, die sie aber gleichzeitig nicht ertragen können, weil ihr eigenes 'Ich' so schwach ist. Und deshalb empfinden sie die Vertrautheit, die sie so sehr gesucht haben, schnell und plötzlich als tiefe Bedrohung. Sie distanzieren sich dann abrupt, strahlen Feindseligkeit aus - und zerstören damit die gerade begonnene Beziehung. Doch das Gefühl der 'Befreiung' hält nicht lange an. Sie sehen alsbald wieder nichts als Kälte, Hoffnungslosigkeit und Leere - und sie suchen wieder neuen Halt", beschreibt Plaum.

Stabil ist gerade das Instabile: Die Partnerbeziehungen von Menschen mit Borderline-Syndrom sind intensiv, aber durch das ständige "Wechselbad der Gefühle" stets gefährdet. Emotionale Krisen sind an der Tagesordnung - ein "Dauerstress, der für die Betroffenen ebenso schwer zu ertragen ist wie für ihre Angehörigen, die durch die unberechenbare Vielgesichtigkeit der Borderline-Patienten oft an ihre Grenzen gebracht werden", sagt Plaum. "Zugleich geht von Ihnen eine Anziehung aus. Sie sind lebendig und kreativ. Sie können originelle Einsichten vermitteln und dadurch faszinieren. Liebenswerte und erschreckende Seiten liegen somit dicht beieinander. Das macht es so schwierig mit ihnen", so Plaum weiter.

Sigmund Freud war der erste, der in den 20er Jahren den Begriff "Borderline-Syndrom" verwandte - für Menschen, die sich auf der "Borderline", der "Grenze" bewegten zwischen verschiedenen, damals bekannten psychischen Störungen. Patienten also, deren Symptome "irgendwo" dazwischenlagen. Der Begriff wurde früher in Lehrbüchern nur selten beschrieben. Und wenn "Borderline" diagnostiziert wurde, sagte das lange Zeit mehr über die Unsicherheit des Therapeuten als über den Zustand des Patienten aus. Doch in den vergangenen 20 Jahren befasste sich die Forschung zunehmend mit diesen "Grenzfällen". Heute gilt das Borderline-Syndrom als eine Persönlichkeitsstörung, die im Grenzbereich zwischen Neurose und Psychose einzuordnen ist. Dessen sind sich die Betroffenen durchaus bewusst, aber sie können nichts dafür. "Denn die Ursachen", so erklärt Plaum, "liegen in einer Beeinträchtigung der Entwicklung der ersten beiden Lebensjahre, wenn Halt und Ruhe fehlten, so dass sich kein fester 'lch-Kern' bilden konnte. Die Patienten haben es schwer, ein Identitätsgefühl zu entwickeln - es fehlt ihnen ein roter Faden, sie finden ihre Mitte nicht".

Dr. Hans-Peter Hartmann, Nervenarzt und Psychoanalytiker, ergänzt: "Bei Borderline-Patienten ist die frühe Entwicklung zur Selbstständigkeit, die Loslösung von den Eltern nicht gelungen". Die Patienten hätten zu wenig erlebt, dass die "primären Bezugspersonen" ihre innere Welt teilten, sagt der stellvertretende Ärztliche Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Krankenhaus Weilmünster. "Sie haben erfahren, dass ihre erste Bezugsperson mehr mit eigenen Dingen beschäftigt war", so Hartmann. "Nehmen wir zum Beispiel ein 15 Monate altes Mädchen, es spielt ganz ungezwungen mit einem Ball, wirft ihn weg, läuft hinterher. Die Mutter beobachtet dies - und sie kommt schwer damit klar, dass das Kind sich nicht mit ihr beschäftigt. Sie nimmt ihrer Tochter den Ball weg und fuchtelt mit einer Puppe vor ihr herum. Das Kind kommt zur Mutter, aber es weint, spürt, dass die Mutter 'böse' ist, aber es versteht nicht, warum - und keiner ist zufrieden. Das Kind hat erlebt, dass es mit seinen eigenen Vorstellungen nicht weiterkam, dass es quasi 'überfahren' wurde. Und dieses Phänomen der 'klammernden Reizbarkeit' erleben die Therapeuten später bei den Patienten wieder. Sie suchen Nähe, signalisieren aber gleichzeitig Gereiztheit und Aggressivität".

Und noch eine andere Ursache kann es geben: mindestens die Hälfte der Borderline-Patienten, so vermutet Hartmann, sind in ihrer frühen Kindheit körperlich oder sexuell missbraucht worden. Traumatische Erfahrungen, an die sie sich oft zunächst gar nicht erinnern können. Denn, so sagt Hartmann, "diese schlimmen Erlebnisse sind über Bilder, Prozeduren und Episoden im Gedächtnis gespeichert, weil das Kind für das, was geschehen ist, ja noch gar keine Worte hat. Daher kommen die Schwierigkeiten, das Geschehene zu verarbeiten".

Viele Menschen leiden unter einem Borderline-Syndrom - mehr oder weniger stark. Experten gehen sogar davon aus, dass von dieser Störung fünf Prozent der Bevölkerung betroffen sind - und dass das Phänomen zunehmen wird, weil es heutzutage immer weniger intakte Familien gibt, weil oft die "Nestwärme" fehlt. "So sind die Borderliner auch ein Spiegel der Grundkonflikte der heutigen Gesellschaft", meint Plaum.

Manche der Betroffenen leben gut "damit", über Jahre hinweg - und manche zeigen Zwangssymptome, Depressionen, sexuelles Fehlverhalten, selbstbeschädigendes Verhalten, Selbstmordtendenzen. Viele haben extreme, unkonkrete, unkontrollierbare, in vieler Hinsicht lähmende Ängste. Ängste, die oft zu Suchtverhalten führen - unter den Borderline-Patienten sind viele, die etwa Alkohol als eine Art "Selbsttherapie" einsetzen, um gegen die oft kaum zu ertragenden Panikanfälle anzugehen.

"Borderline-Patienten", sagt Hartmann, "fällt es schwer, ihre ständige 'Hab-Acht-Stellung' aufzugeben und ein gewisses Urvertrauen zu entwickeln. Sie glauben nicht, dass andere in der Lage sind, das, was bei ihnen im Kopf vorgeht, zu begleiten und zu verstehen."

Doch die Experten beim LWV wollen den Betroffenen durchaus Mut machen: "Das Borderline-Syndrom ist therapeutisch beeinflussbar", sagt Plaum. "Die Patienten müssen allerdings von selbst den Wunsch haben, etwas verändern zu wollen." Eine ambulante Therapie ist möglich, mindestens zweimal in der Woche müssen diejenigen, die sich dafür entscheiden, ihren Therapeuten aufsuchen. Aber manchmal gibt erst eine analytisch-stationäre Psychotherapie den nötigen Halt - als erste "Kriseninterventionsbehandlung", bei der die Patienten zunächst zur Ruhe kommen können. Plaum erklärt, wie so eine stationäre Therapie, die in der Regel bis zu sechs Monaten dauert und deren Kosten die Krankenkassen übernehmen, im PKH in Gießen vor sich geht: Die Betroffenen sind in eine Patientengruppe integriert, die gemeinsam an einer analytischen Gruppentherapie, an der Gestaltungs- und Bewegungstherapie teilnimmt. Daneben gibt es analytische Einzelgespräche und ärztliche Visiten. "Doch nicht nur das umfassende Therapieprogramm hilft den Patienten", erklärt Plaum, "sondern auch das Zusammensein mit anderen Betroffenen, die lebendige Hausgemeinschaft, die viel miteinander 'abmacht'. Wir fördern dieses Selbsthilfepotential der Patienten gezielt".

Das PKH in Gießen ist die einzige Einrichtung in Hessen, die über eine psychotherapeutische Abteilung verfügt - analytisch-stationäre Psychotherapie war hier schon Mitte der 70er Jahre möglich. "Inzwischen haben auch die LWV-Krankenhäuser in Weilmünster, Herborn, Heppenheim, Merxhausen und am Meißner in ihren psychiatrischen Abteilungen entsprechende psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten", sagt Dr. Michael Knoll, Arzt, Psychotherapeut und Dezernent des LWV-Dezernates "Psychiatrieplanung/Krankenhäuser".

Der Mediziner, der selbst jahrelang mit Borderline-Patienten zu tun hatte, fügt etwas hinzu, das wohl nur auf den ersten Blick hart klingt: "Ich denke, das Borderline-Syndrom liegt an der Grenze zur seelischen Behinderung", meint Knoll. "Ich würde mir sogar wünschen, dass die Betroffenen es selbst so sehen könnten. Denn jemand, der etwa körperbehindert ist, vielleicht blind, kann auch, sagen wir mal, Richter am Oberlandesgericht werden - wenn er seine Behinderung akzeptiert und lernt, damit umzugehen. Und ein Borderline-Patient kann auch lernen, mit dem Syndrom umzugehen, ein weitgehend normales Leben zu führen - wenn er seine seelische Störung akzeptiert. Und das ist zu schaffen".

Gundula Zeitz