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D E P R E S S I O N


Eine Prominentenkrankheit?


Hat unsere Gesellschaft Berührungsängste gegenüber psychischen Erkrankungen? Im Prinzip ja, es sei denn, prominente Persönlichkeiten sind betroffen. Eine Krankheit, welche vor allem die Boulevardpresse zur ausladenden, manchmal reißerischen Berichterstattung über Stars und Prominente animiert heißt "Depression". Oftmals eine Medien-Diagnose für zeitweilige Frustration mit sporadischen Alkoholexzessen, die steigende Zahl einsamer Spaziergänge oder die Verweigerung jeglicher Interviews nach einem Kritiker-Verriss. Oftmals aber auch keine journalistische Verlegenheitsdiagnose, sondern bittere Wahrheit für die Betroffenen und ihre Familie, was die Medien allerdings auch nicht davon abhält, die vermeintlichen Hintergründe für einen Selbstmord oder einen Selbstmordversuch prominenter Persönlichkeiten in akribischer Weise zu recherchieren und vor der Öffentlichkeit auszubreiten. Die Lebens- und Leidensgeschichten von Marilyn Monroe, James Dean und Romy Schneider, die posthum für eine Millionen-Leserschaft aufbereitet wurden, stehen hierfür. Jüngst war es der vermeintliche Selbstmordversuch der Schauspielerin Maria Schell, der unter den Gazetten einen Wettstreit um die Aufdeckung der genauen Gründe entfachte. Über die (mangelnde) Sensibilität der Regenbogen-Berichterstattung gegenüber Maria Schell und ihrer Familie lässt sich für wahr (nicht) streiten. Doch immerhin lässt sich das Bemühen der Medien - wenn auch legitimerweise unter Auflage erhöhenden Gesichtspunkten - erkennen, das tragische Ereignis und seine Vorgeschichte im Leben der beliebten Schauspielerin zu "nutzen", um über die Krankheit Depression aufzuklären und über die Identifikationsfigur Maria Schell Verständnis für depressive Menschen zu wecken. Denn es sind nicht nur einige wenige von dieser Krankheit betroffen. Um diese Aufklärung bemühte sich z. B. der "stern" (Nr. 19, 2.5.91) in seinem Anschlussbericht "Schwarze Löcher im Gemüt".

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation leidet jeder Dritte bis Vierte in Deutschland zumindest zeitweise unter Schwermut, Selbstzweifeln und Schuldgefühlen. Frauen sind weitaus häufiger betroffen als Männer, was nicht nur mit naturgemäßen Schwankungen im Hormonhaushalt (Wochenbett- und Klimakterium-Depressionen) korrespondiert, sondern auch damit zusammenhängt, dass Frauen ihre Gefühle und Stimmungen eher eingestehen als Männer. Und es sind nicht immer die zurückgezogen lebenden, introvertiert wirkenden Menschen die erkranken. Es sind sehr oft diejenigen, die Heiterkeit, Glück und Optimismus ausstrahlen, die für andere stets ein offenes Ohr haben und sich vom Leben augenscheinlich nicht unterkriegen lassen. Über die Ursachen der Depression, warum jener erkrankt und der andere nicht, weiß man nur sehr wenig. Einig sind sich die Mediziner darüber, dass die Anfälligkeit für Depressionen erblich bedingt ist; auch fehlende oder fehlgesteuerte biochemische Prozesse im Gehirn werden als Ursache vermutet. Über die Symptome, die zur Diagnose Depression führen, weiß man indes sehr viel mehr: bleierne Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Pessimismus und Versagensängste. Im Wesentlichen sind es zwei Formen der Depression, die diese Symptome hervorbringen: die exogene Depression als Reaktion auf ein tragisches Ereignis wie den Verlust eines nahestehenden Menschen oder die endogene Depression, die ohne erkennbaren äußeren Anlass von innen kommt. Die Selbsterkenntnis, unter einer Depression zu leiden, dauert meist sehr lange, da die Krankheit schleichend und in Phasen verläuft. In der Regel entschließen sich depressive Menschen oft erst durch die Unterstützung der Familie zu einer ambulanten Behandlung. In schweren Krisen jedoch, z. B. bei Selbstmordgefährdung, ist eine stationäre psychiatrische Behandlung notwendig. Oft sehen sich Angehörige und Ärzte zur Veranlassung einer Zwangseinweisung genötigt, wenn der Betroffene kein Einsehen in die Schwere seiner Krankheit hat. Auch in den Psychiatrischen Krankenhäusern des LWV werden Menschen in schweren depressiven Krisen aufgenommen. Über die stationäre Behandlung bei Depressionen sprachen wir mit Dr. Rolf Speier, Ärztlicher Direktor unseres Psychiatrischen Krankenhauses in Haina.

LWV-Info: In der Regel werden Depressionen - wenn auch meist zu spät erkannt - ambulant behandelt durch niedergelassene Nervenärzte und Psychiater. Betroffene in schweren depressiven Phasen z. B. bei akuter Selbstmordgefährdung müssen jedoch stationär behandelt werden. Was unterscheidet die stationäre von der ambulanten Therapie? Wie bauen sich die Therapieschritte auf und wie lange dauert eine Behandlung im Schnitt?

Dr. Rolf Speier: Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass der Patient sich bei stationärer Behandlung "rund um die Uhr" in einem therapeutischen Milieu befindet, was eine wesentlich intensivere therapeutische Arbeit unter Beteiligung der unterschiedlichen Professionen möglich macht.

Für die Angehörigen eines schwer depressiv Erkrankten bedeutet die stationäre Behandlungsform zudem meist eine enorme Entlastung, nachdem sie vorher einerseits wegen Suizidgefahr oft wochenlang Überwachungsfunktionen übernehmen mussten, andererseits durch die häufig schwierige Interaktion mit dem depressiven Familienangehörigen psychisch hohen Anforderungen ausgesetzt waren. Die einzelnen Schritte sehen so aus, dass zunächst eine exakte Diagnostik betrieben wird, um Klarheit zu gewinnen, welche der verschiedenen Depressionsformen vorliegt, welche Faktoren im Einzelfall für das Entstehen des depressiven Syndroms verantwortlich zu machen sind. Dafür ist neben der unabdingbaren psychiatrisch-neurologischen auch ein gehöriges Maß internistische Kompetenz erforderlich.

Bei der Behandlung werden Patienten mit schwerer Depression nicht sofort zu "aktiver" Behandlung herangezogen. Regressionstendenzen werden zugelassen, d. h. die Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, sich versorgen zu lassen, werden akzeptiert. Der Patient bekommt zunächst Zuwendung, stützende Gespräche und bei bestimmten Depressionsformen antidepressive Medikamente.

Nach dieser "dosierten" Regression werden in den nächsten Therapieschritten dem Patienten zunehmend wieder Verantwortlichkeiten für sich selbst zurückgegeben. Der Therapeut führt den Patienten behutsam in kleinen Schritten zu aktiven Bewältigungsstrategien. Psychotherapeutisch wird unter anderem angestrebt, kognitive Umstrukturierungen zu erreichen, d. h. die Wahrnehmung des Patienten soll dahingehend verändert werden, dass er bestimmte Situationen nicht mehr depressionserzeugend oder depressionsverstärkend erlebt. Vereinfacht könnte man sagen, dass der Depressive ein halbes Glas Wasser als halb leer erlebt, während psychotherapeutisch angestrebt wird, dass er es als halb voll empfindet. Die stationäre Behandlungsdauer beträgt in der Regel etwa 4 - 8 Wochen. Sobald wie möglich wird zur ambulanten Behandlung übergegangen.

LWV-Info: Wie wirkt eine stationäre Behandlungssituation auf depressive Patienten? Bedeutet es für sie eine Entlastung, dass sie jetzt an einem Ort sind, wo man ihre Krankheit akzeptiert, wo sie sich nicht verbergen müssen? Oder tritt eher das Gegenteil ein, dass sie sich ihrer Krankheit erst so richtig bewusst werden und sich ihr seelischer und körperlicher Zustand verschlechtert?

Dr. Rolf Speier: Beide Erlebnisweisen treten auf; anfänglich wird die stationäre Behandlung von dem Patienten selbst und gelegentlich auch von den Angehörigen oft als "Kränkung" erlebt, etwa in dem Sinne: "Soweit ist es nun mit mir gekommen, dass ich in die Nervenklinik muss". Sobald diese Kränkung bearbeitet ist, wird die stationäre Behandlung von dem Patienten und von den Angehörigen meist als Entlastung angenommen.

LWV-Info: In der Regenbogenpresse wurde zum "Fall Maria Schell" immer wieder die Frage gestellt: "Muss sie für immer in die Nervenklinik?" Eine stationäre Behandlung wird offensichtlich eher als Horror, denn als Hilfe gesehen. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für ein solches Bild?

Dr. Rolf Speier: Die Gründe dafür liegen sicher in der langen Zeit, die chronisch psychisch kranke Patienten, insbesondere schizophrene Patienten, früher in Psychiatrischen Krankenhäusern verbrachten. Depressive Patienten waren von diesen langen Verweildauern jedoch auch früher schon weniger betroffen, weil wegen des phasischen Verlaufs bestimmter Depressionsformen die psychischen Beschwerden nach einiger Zeit abklangen und somit keine Unterbringungsnotwendigkeit mehr bestand. Heute ist die stationäre psychiatrische Behandlung nur ein Element in der Gesamtpalette von ambulanten, teilstationären und stationären Behandlungsmöglichkeiten. Sie kommt nur dann zum Einsatz, wenn zwingende Gründe dafür sprechen, zum Beispiel akute Suizidgefahr. Dann ist sie allerdings auch derzeit durch nichts zu ersetzen. Sie bleibt aber wegen des Wesens der Erkrankung immer befristet; sobald wie möglich wird teilstationär oder ambulant weiterbehandelt.

LWV-Info: Die Krankheit Depression ist heilbar, so steht es in den medizinischen Lehrbüchern. Gibt es dennoch Patienten, die unheilbar an Depression erkranken, die nicht mehr alleine oder in der Familie leben können?

Dr. Rolf Speier: Prinzipiell sprechen depressive Beschwerdebilder gut auf eine multidimensionale Behandlung mit Psychotherapie, Medikamenten und soziotherapeutischen Elementen - wie z. B. Angehörigenarbeit - an, auch wenn die Behandlung mitunter langwierig und schwierig ist. Diese guten Behandlungsmöglichkeiten kontrastieren oft in paradoxer Weise zur völligen Hoffnungslosigkeit der betroffenen Patienten, besonders in der Anfangsphase ihrer Behandlung. Allerdings können Depressionen zeitlich begrenzt tatsächlich einen Schweregrad erreichen, wo der Patient sich nicht mehr allein versorgen kann; auch solche schweren Zustände bilden sich jedoch zurück, so dass der Patient letztendlich seine Selbstständigkeit wiedererlangt.

LWV-Info: Wie viele Patienten und Patientinnen kommen durch die Unterstützung ihrer Familie freiwillig zur stationären Behandlung in das Psychiatrische Krankenhaus Haina und wie viele werden aufgrund ihrer Eigengefährdung zwangsweise eingewiesen? Wie hoch ist jeweils der Anteil der Frauen und Männer?

Dr. Rolf Speier: Depressive Patienten kommen ganz überwiegend freiwillig in stationäre Behandlung, da ein massiver Leidensdruck besteht. Der Anteil der gegen eigenen Willen untergebrachten Patienten bei Depressionen ist eher gering und dann meist durch massive Selbstmordgefährdung bedingt. Hinsichtlich des Geschlechts überwiegen bei stationärer Depressionsbehandlung leicht die Frauen.

LWV-Info: Inwieweit werden bei der stationären Behandlung die Angehörigen miteinbezogen? Wie sieht es mit der Nachsorge nach einer Krankenhausbehandlung aus?

Dr. Rolf Speier: Angehörigenarbeit ist ein wichtiger Teilaspekt der Behandlung depressiver Patienten. Der Umgang mit einem depressiven Familienangehörigen erzeugt in betroffenen Familien häufig Konflikte. Die Haltung der Angehörigen depressiven Familienmitgliedern gegenüber erstreckt sich von Bevormundung und entmündigender Überversorgung auf der einen Seite bis hin zu drastischen Appellen wie "Reiß' dich doch endlich mal zusammen" auf der anderen. Beide Extrempole des Verhaltens sind für den Patienten wenig hilfreich. Nach anfänglichem Verständnis wecken zahlreiche Depressive, wenn sich die Beschwerden nach längerer Zeit nicht bessern, bei Familienangehörigen aggressive Impulse, die dadurch bedingt sind, dass der Depressive als 'undankbar' erlebt wird, weil sich sein Zustand trotz aller Fürsorge nicht bessert. An all diesen Punkten bieten sich wichtige Ansätze zur Angehörigenarbeit. Eine qualifizierte Nachsorge ist nach der stationären Behandlung immer erforderlich, da die stationäre Behandlung ja nur den ersten therapeutischen Schritt im Rahmen eines Gesamtkonzepts darstellt. Wenn schon eine tragfähige Beziehung zu einem niedergelassenen Therapeuten besteht, sollte auch dort die Weiterbehandlung erfolgen. Wir haben allerdings auch selbst bei Bedarf die Möglichkeit, über unsere Institutsambulanz die Weiterbehandlung durchzuführen.

LWV-Info: Herr Dr. Speier, Sie haben den Vorschlag gemacht, im Psychiatrischen Krankenhaus Haina eine Spezialabteilung zur Behandlung depressiver Patienten und Patientinnen einzurichten. Was ist der Grund für diesen Vorschlag und was versprechen Sie sich davon?

Dr. Rolf Speier: Die Behandlung depressiver Patienten muss multidimensional mit jeweils unterschiedlicher Schwerpunktsetzung im Einzelfall erfolgen; d. h. nicht jeder depressive Patient profitiert gleichermaßen von allen zur Verfügung stehenden therapeutischen Interventionsmöglichkeiten.

Mal stehen psychotherapeutische Methoden der kognitiven Umstrukturierung im Vordergrund der Behandlung, mal gelingt es besser, den Patienten mit körperbezogener Arbeit zu erreichen. In anderen Fällen stehen hingegen somatische Therapieansätze im Vordergrund. Somit benötigt ein Behandlungsteam sehr viele spezielle Erfahrungen in unterschiedlichen diagnostischen und therapeutischen Teilbereichen; eine hohe Bedeutung kommt z. B. der Einschätzung verborgener Selbstmordgefährdung zu. Von daher erscheint es mir wenig sinnvoll, depressive Patienten gleichmäßig über die verschiedenen Stationen eines Psychiatrischen Krankenhauses zu verteilen, denn nicht überall sind diese Spezialkenntnisse in ausreichendem Maß verfügbar.

Demgegenüber ermöglichen spezialisierte Depressionsstationen gezielte und einheitliche therapeutische Gesamtstrategien. Es gibt damit vielfältige positive Erfahrungen, z. B. im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Weissenau oder in der Schweiz (Kielholz).

LWV-Info: Aber so idyllisch und romantisch Haina auch gelegen sein mag, birgt dieser Ort - insbesondere in den Herbst- und Wintermonaten - nicht auch die Gefahr in sich, Melancholie zu begünstigen? Sollte eine solche Spezialabteilung nicht besser in einem Psychiatrischen Krankenhaus in der Stadt eingerichtet werden?

Dr. Rolf Speier: Aus vielfältigen eigenen therapeutischen Erfahrungen kann ich sagen, dass viele depressive Patienten das "pulsierende Leben" im städtischen Milieu eher als belastend erleben, da es zu ihrer inneren Befindlichkeit in totalem Widerspruch steht. Ähnlich erklärt sich ja auch das vermehrte Auftreten von Suiziden in den "freundlichen" Jahreszeiten (Frühling, Sommer). Von daher glaube ich, dass die beschauliche Hainaer Umgebung der Behandlung solcher Patienten sehr entgegenkommt; nach der stationären Behandlungsphase sollte der Patient dann selbstverständlich dosiert und schrittweise wieder in seiner "normalen" Umgebung verankert werden.

LWV-Info: Wir danken für das Gespräch.




Was ist das?

DEPRESSION

Trauer und Niedergeschlagenheit gehören wie Freude und Euphorie zu den normalen Variationen des menschlichen Seelenlebens. Sind diese Gefühle jedoch besonders ausgeprägt und halten ohne erkennbaren Grund auffallend lange an, dann steckt eine Krankheit dahinter. Viel häufiger als unnormal gehobene Stimmung (Manie) ist die krankhafte Schwermut und Antriebslosigkeit. Die medizinische Bezeichnung heißt Depression. Im Wesentlichen unterscheidet man die endogene und die exogene Form.

Endogene Depression bedeutet, dass die Krankheit von innen kommt - ohne erkennbare äußere Ursache. Endogene Depression wird auch als Melancholie bezeichnet. Sie äußert sich in Niedergeschlagenheit, Schuld- oder Minderwertigkeitsgefühlen, Appetitlosigkeit, Kopfschmerz, Schlafstörungen und Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Angst bis hin zu Selbstmordgedanken. Die Dinge des täglichen Alltags erscheinen unüberwindlich, alles scheint über den Kopf zu wachsen, die Welt ist grau in grau. Die Dauer einer solchen Melancholie ist unterschiedlich, zwischen wenigen Tagen bis zu Jahren. Die Krankheit verläuft phasisch und ist alters- und geschlechtsunabhängig, wobei jedoch Frauen und alte Menschen häufiger betroffen sind. Das größte Handicap zur Behandlung einer endogenen Depression ist die fehlende Einsicht des Betroffenen, krank zu sein. Zu den Behandlungsmethoden zählen: Psychotherapie, kognitive- und Gruppentherapie, Schlafentzug und Medikamente, so genannte Antidepressiva, die stimmungsaufhellend, aktivierend und beruhigend zugleich wirken. Die Dosierung der Medikamente verlangt von den behandelnden Ärzten Fingerspitzengefühl, nicht nur wegen den Nebenwirkungen, sondern auch den Auswirkungen auf das Verhalten der Patienten. In schweren depressiven Phasen, z. B. wenn sich der Betroffene in einem selbstmordgefährdeten Zustand befindet, ist meist ein Krankenhausaufenthalt notwendig.

Exogene Depression bedeutet, eine Reaktion auf eine schwere seelische Belastung, auf einen Schicksalsschlag, z. B. den Tod eines Kindes. Deshalb sagt man auch reaktive Depression. Trauer über den Verlust eines nahestehenden Menschen ist jedoch für sich genommen noch keine Depression. Erst wenn der Betroffene die Trauer aus eigener Kraft nicht überwindet und die seelische Widerstandskraft auf Dauer geschwächt bzw. erschöpft ist, spricht man von einer reaktiven Depression. Die Symptome sind im Wesentlichen die gleichen wie bei der endogenen Depression. Charakteristisch für die reaktive Form ist das Fehlen von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen. Depressive Reaktionen dauern in der Regel nur kurze Zeit. Sie sind durch die Bezugsmöglichkeit auf eine nachvollziehbare seelische Belastung leichter zu behandeln als endogene Depressionen. Es gibt aber auch Formen der Depression, die durch körperliche Erkrankung, durch den Einfluss von Hormonen und Medikamenten provoziert werden. Hier spricht man von somatogenen Depressionen. Auch psychische Erkrankungen wie Neurosen, die sich im Kindesalter entwickelt haben, können depressive Züge tragen, die sich insbesondere im Alter zur Melancholie entwickeln.

Über die Ursachen der Depression weiß die Wissenschaft bis heute ebenso wenig wie über die genauen Wirkungsmechanismen der Antidepressiva im Zentralen Nervensystem. Depressionen sind heilbar, doch erfordern eine oft Jahre dauernde oder auch ständige Behandlung. Es ist nicht nur für den Betroffenen schwer, seine Krankheit zu erkennen, sondern auch für die Familie, die Krankheit zu akzeptieren und den Betroffenen zu unterstützen. Angehörige neigen oft dazu, das Verhalten des Erkrankten als Vernachlässigung, Desinteresse und mangelnde Liebesfähigkeit zu werten und auf sich zu beziehen. Daher ist es wichtig, dass der behandelnde Arzt die Angehörigen in die Therapie des Patienten miteinbezieht.