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Schulphobie - viel mehr als nur "Schule schwänzen"

„Bei schulphobischen Kindern müssen wir die Nabelschnur oft ein zweites Mal durchtrennen“, sagt Dr. Dieter Becker-Heinen. Er leitet die Ambulanz der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Kassel. Schulphobische Kinder wollen, können aber nicht zur Schule gehen. Doch Schulverweigerung kann verschiedene Ursachen haben, kann nicht immer als psychische Krankheit behandelt werden: Oft haben Kinder und Jugendliche, die den Schulbesuch verweigern, einfach keine Lust auf Schule, spielen lieber mit dem „game-boy“ im Kaufhaus und geben damit einer lustbetonten Tätigkeit den Vorzug vor der Schule, meist in Unwissenheit der Eltern. Dann gibt es noch die Schulangst, die den Schulgang erschwert. Diese hat meist einen konkreten Grund: Überforderung, Mobbing, Probleme mit einem bestimmten Lehrer und Vieles mehr. Häufig kann die Schulangst durch einen Wechsel der Schule behoben werden. Problematisch wird sie dann, wenn die betroffenen Kinder durch ihr Verhalten von der „Norm“ abweichen, so dass sich ihre Umgebung grundsätzlich an ihnen stört und auch ein Wechsel der Schule keine Besserung bringt.

Schulphobie ist Trennungsangst

Schulphobie ist die dritte Möglichkeit und ihre Ursachen liegen tiefer: Trennungsangst. „Diese Kinder haben grundsätzlich Probleme, das Elternhaus zu verlassen, sei es, um in die Schule zu gehen, sei es, um bei Freunden zu übernachten. Manche Kinder sind sogar nur noch zu Hause“, erklärt Dr. Christian Wolf, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Lahnhöhe. Der Name Schulphobie ist deshalb irreführend, weil die Kinder keine Angst vorm Lernen haben, im Gegenteil: Meist sind die Kinder durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent und haben eine hohe Lernmotivation. Die Bezeichnung Trennungsangst wäre deshalb passender. „Doch nicht nur die Kinder können sich nicht von den Eltern trennen, häufig gilt das auch umgekehrt“, sagt der Marburger Kinderpsychiater. Deshalb muss man die Eltern in die Therapie mit einbeziehen, nicht nur mit intensiver Beratung, sondern oft auch durch Familientherapie.

Doch ist es häufig nicht leicht, eine solche Phobie zu diagnostizieren: Oft werden zunächst lediglich somatische Symptome wie Bauch- und Kopfschmerzen oder sogar Fieber festgestellt. Dies alles verschwindet plötzlich, wenn den Kindern der Gang zur Schule erspart wird. Gerade diese körperlichen Symptome sind es auch, die eine korrekte und frühzeitige Diagnose erschweren. Meist vermuten die behandelnden Ärzte zunächst eine „normale“ Erkrankung und schicken die Kinder erst sehr spät zum Psychiater. Dabei ist eine frühzeitige Behandlung wichtig für eine erfolgreiche Therapie. Ist nach einer oft langen Odyssee bei verschiedenen Fachärzten die Diagnose Schulphobie endlich gestellt, kann die Therapie beginnen. Voraussetzung dafür ist jedoch die Kooperation der Eltern mit dem Therapeuten. Diese ist nicht selbstverständlich, denn häufig fehlt die Akzeptanz, dass eine psychische Erkrankung vorliegt und es kommt deshalb immer wieder zu Therapieabbrüchen. Die Behandlung selbst beruht auf klassischer Konfrontationstherapie, d. h. die Kinder werden genau mit ihrer Trennungsangst konfrontiert. Sind sie von ihren Eltern getrennt, stellen sie fest, dass eigentlich gar nichts passiert und die Angst nachlässt, wenn sie am größten ist. Diese altbewährte Konfrontationstherapie wird durch Psychotherapie und eventuell durch Antidepressiva unterstützt und kann je nach Schwere der Erkrankung ambulant, teilstationär oder vollstationär erfolgen.

Bei einer ambulanten Therapie ist es wichtig, dass die Kinder weiter zur Schule gehen und nicht den ganzen Tag im Elternhaus verbleiben. Dies wäre ein Behandlungsfehler, denn jeder Tag, den die Kinder nicht zur Schule gehen, macht die Schulphobie nur noch größer. Die Kinder dazu zu bringen, das schützende Elternhaus zu verlassen, ist das Hauptproblem bei der Behandlung. Begegnen kann man diesem Problem, indem die Mutter das Kind zur Schule bringt und dort mit ihm verbleibt, um es dann schrittweise immer früher allein zu lassen. Auch ist es möglich, das Kind zum Beispiel bei den Großeltern übernachten zu lassen, um es von dort den Schulgang antreten zu lassen.

Wenn die Angst unüberwindbar scheint

Sind die Kinder überhaupt nicht mehr dazu zu bewegen, zur Schule zu gehen, kann die Behandlung auch teilstationär, also in einer Tagesklinik, oder sogar vollstationär erfolgen. Hier ist eine vollstationäre Behandlung zunächst oft die bessere Alternative, denn bei einer teilstationären Behandlung haben die Kinder jeden Morgen erneut die Trennungsängste zu überwinden. Doch vor der Aufnahme auf die Station spielen sich häufig kleine und große Dramen ab. Häufig erscheint zum Aufnahmetermin nur ein Elternteil, während der andere zu Hause bei dem kleinen Patienten ist und ihn tröstet. „Manchmal gibt es heftige Abwehrreaktionen der jungen Patienten“, erklärt Becker- Heinen. Ist die Aufnahme schließlich geschafft, müssen auch die Eltern stark bleiben und die Station verlassen. Jetzt wird eine zeitlich befristete Kontaktsperre zwischen Kind und Eltern verhängt und schrittweise durch kurze und gelegentliche Telefonkontakte unterbrochen. Damit die Kinder nicht den Anschluss an die Schule verlieren und um die Behandlung zu unterstützen, stehen für die Behandlungsdauer Klinikschulen zur Verfügung, die mit den Heimatschulen kooperieren. Von der Klinikschule aus zur Heimatschule zu gehen, ist für die Kinder dann oft kein Problem mehr. Wenn sich aber dieser Schritt als (noch) zu groß erweist, könne von der Klinik aus zunächst eine öffentliche Schule als Zwischenstation besucht werden. Ist die stationäre Behandlung erfolgreich verlaufen, kann sich noch eine teilstationäre Phase anschließen, in der Eltern und Kind stufenweise wieder stärker belastet werden.

Die eigentliche Nagelprobe ist die Rückkehr in den Alltag, denn es besteht Rückfallgefahr. Besonders häufig sind Rückfälle bei einem Schulwechsel, aber auch nach den langen Ferien. Insgesamt ist die Prognose der Kinder jedoch günstig, vorausgesetzt die Erkrankung wurde rechtzeitig erkannt. Es gilt also hier wie für viele andere psychische Erkrankungen: Richtig behandelt ist die Schulphobie nur eine punktuelle Krise, die im späteren Leben keine Rolle mehr spielen muss. Ursache der Schulphobie ist oft ein überfürsorglicher Erziehungsstil, aber auch eine ängstlich, unsichere Familienstruktur kann der Ausgangspunkt sein. „Die Auslöser sind oft geringfügig, oft ist es einfach eine verhauene Mathe-Arbeit“, meint Becker-Heinen. Betroffen von der Schulphobie, die eine Form der Angsterkrankung im Kindesalter ist, sind etwa ein bis zwei Prozent der Schulkinder. Die Häufigkeitsgipfel liegen hier bei den Neun- bis Zehnjährigen und den 13- bis 15- Jährigen. „Immerhin ein Drittel der Patienten auf der Warteliste der Kinderpsychiatrie in Kassel sind Schulverweigerer“, so der Kasseler Oberarzt. Das ist auch gleichzeitig der Wermutstropfen in der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen beim LWV: Noch immer gibt es in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wartelisten für stationäre und tagesklinische Behandlungen. (cgy)/(jda)

Nicht viel darüber nachdenken

Der folgende Brief einer kleinen Patientin richtet sich an ihre behandelnde Ärztin und ist als Aufmunterung für Kinder und Jugendliche gedacht, die ebenfalls unter einer Schulphobie leiden:

Hallo !!!
Ich bin Simone*, 12 Jahre alt und bin 1,64 m groß. Ich möchte Dir gerne erzählen, wie es mir während der Schulphobie gegangen ist und was ich dagegen mache und gemacht habe. Bei mir ist sie noch nicht ganz weg, es fehlt der sogenannte Feinschliff. Dann fange ich mal an, Dir alles zu erzählen:

Bei mir hat es so angefangen, dass ich am Dienstag in der 6. Stunde 20 Minuten früher nach Hause gegangen bin (natürlich hat der Lehrer mir das erlaubt). Auf diesem Schulweg musste ich weinen, warum weiß ich nicht. Als ich zu Hause ankam, fragten mich meine Eltern, was los ist und ich wusste es ja nicht. Mir war einfach nur schlecht. Dann meinte meine Mutter, dass es was mit der Pubertät zu tun hat oder ich hatte Streit in der Schule usw. Dann machten meine Mutter und ich etwas aus: Sie besorgt mir einen Arzttermin und ich versuche, in die Schule zu gehen. Ich dachte mir nämlich, ich habe die Schule mal so gemocht und das kann nicht sein, dass ich sie jetzt nicht mehr mag. Am Dienstag machte meine Mutter einen Arzttermin für Freitag aus. Und ich bemühte mich, in die Schule zu gehen. Mittwoch kam ich zur 4. Stunde nach Hause, obwohl ich 6. Stunde hatte. Am Donnerstag war ich nur 3 Stunden da. Am Freitag bin ich zwar in die Schule, aber gleich wieder nach Hause. Am Freitag sind wir dann auch noch zu der Ärztin gefahren. Sie untersuchte mich und nahm mir Blut ab usw. Aber sie wusste nicht, was es war (weil sie ja auch meine Kinderärztin ist). Ich sollte erst mal eine Woche zu Hause bleiben. Nach der Woche ging es mir auch nicht besser. Also sollte ich noch eine Woche zu Hause bleiben. Dann fingen gleich die Ferien an. Also war ich zusammen 5 Wochen nicht in der Schule. In den 5 Wochen hatte ich nichts gegen die Angst getan, also wurde es nicht besser.

Dann fuhren wir in die Ambulanz der Kinderpsychiatrie nach Eltville. Die Ärztin dort lernte mich kennen und erklärte mir Einiges. Dann fanden wir gemeinsam eine Lösung: Meine Mutter ging eine Woche mit in die Schule und blieb den ganzen Schultag und ging dann wieder nach Hause mit mir. Und dann ist sie immer früher nach Hause gegangen. Ich gehe zwar jetzt alleine in die Schule, aber die Angst ist ab und zu da. Aber Du darfst nicht viel darüber nachdenken, sondern einfach in die Schule gehen. Du meinst bestimmt, dass die Kinderpsychiatrie Dir nichts Gutes möchte, aber das stimmt nicht. Sie hat mir und bestimmt auch Anderen geholfen, warum dann auch nicht Dir? Noch was, Du musst immer denken: Nach dem Regen kommt auch Sonnenschein!
Tschüss und viel Glück
Simone

*Name geändert


Zur Verfügung gestellt von Klinik Rheinhöhe, Eltville