"Auf Mallorca den Mond beobachten" - das war der Wunsch von Bernd Uhlendorf*), immer wenn die Rede auf der Deutschen liebste Ferieninsel kam. Nach Mallorca, da wollte er auch mal hin, in der Sonne sitzen, am Strand bummeln, ein Straßencafe besuchen und eben "den Mond beobachten". Doch der Wunsch von Bernd Uhlendorf; den sich jedes Jahr Millionen Touristen erfüllen, schien kaum zu realisieren. Seit vielen Jahren lebt Bernd Uhlendorf im Wohn- und Pflegeheim des Zentrums für Soziale Psychiatrie Rheinblick in Eltville. Doch der Sozialpädagogin Daniela Mies und dem Kunsttherapeuten und Sozialpädagogen Alfred Niedecken ließ der Wunsch ihres Patienten keine Ruhe. Warum sollte ihm nicht möglich sein, was anderen selbstverständlich ist? "Urlaubsreisen für chronisch psychisch Kranke sind bei uns schon lange nichts Besonderes mehr", hebt Gabriela Deutschle, die Leiterin des Wohn- und Pflegeheims des Zentrums für Soziale Psychiatrie Rheinblick des LWV in Eltville, hervor. Nun aber sollte es zum ersten Mal für eine Woche ins Ausland gehen, nach Mallorca eben. Die erste Reisegruppe startete im Herbst vergangenen Jahres, die zweite im Frühjahr dieses Jahres und die dritte wird in wenigen Wochen aufbrechen. Wir berichten von den ersten Erfahrungen.
Soziotherapie bezieht den Alltag ein
Die Reise sollte, wie viele andere Therapieangebote im Rheinblick; unter dem Stichwort "Soziotherapie" laufen. Das ist eine Therapieform, die den Alltag einbezieht, wie Deutschle erläutert. "Hier sollen die Patienten nicht im künstlichen Raum, sondern mitten im Leben eine Therapie erfahren," Nicht in gestellten Situationen, sondern unter echten, aktuellen Bedingungen sollen sie sich selbst ausprobieren können. "Wir haben festgestellt, dass die Patienten, die in betreuten Wohnungen leben und nicht im Heim, viel schneller Fortschritte machen als unter künstlichen, allein vom Therapeuten gestellten Bedingungen", beschreibt Deutschle ihre Erfahrungen mit der Soziotherapie. "Gerade so ein Urlaub, dieses in die Ferne reisen und sich mit fremden Situationen auseinandersetzen ist eine ungeheure Herausforderung für die Patienten und Patientinnen." Soziotherapie bietet chronisch psychisch Kranken eine begleitende Unterstützung und Handlungsanleitung. Soziale Ängste sollen überwunden, die Integration in das soziale Umfeld verbessert werden.
Schon die Reiseplanung war Therapie pur
So gehörte schon die lange Vorbereitungszeit auf die Mallorca-Reise zu dem besonderen therapeutischen Ansatz der Soziotherapie. "Die Planung der Reise, die Bereitstellung der finanziellen Mittel, zu dem die Teilnehmer ihren Anteil beisteuern sollten, das Buchen eines Hotels, all das war Therapie pur", sagt Alfred Niedecken in der Erinnerung. Schließlich sei gerade bei Menschen, die unter schweren chronischen schizophrenen Erkrankungen leiden, die persönliche Beziehung zu den Therapeuten von entscheidender Bedeutung. So bildeten die regelmäßigen Treffen in der Vorbereitungsphase die Vertrauensbasis zwischen den künftigen Urlaubern und ihren Begleitern. Vertrauensvolle persönliche Gespräche wurden möglich, in der "heilsamen Atmosphäre", so Niedecken, konnten Wünsche und Ängste besprochen, aber auch neue Lebensziele geäußert werden.
"Bei psychisch Kranken ist viel Angst da", weiß Gabriela Deutschle aus langer Erfahrung, "sie können sich auf ihre eigene Erfahrung nicht mehr verlassen und fürchten sich daher davor. - sich auf Neues einzulassen." Menschen mit Schizophrenien, Depressionen, geistigen Behinderungen fanden sich in dieser Vorbereitungsphase zu einem "tollen Team"; wie es Deutschle formuliert. Auch beim Wohnen in größtmöglicher Selbstständigkeit profitierten viele Patienten von der Soziotherapie. In "ganz normalen Häusern und Wohnungen", losgekoppelt von den oft entmündigenden Institutionen, könnten die Menschen viel mehr selbst machen. "Das sind ganz banale Dinge wie Wäsche waschen, den Essensplan erstellen, einkaufen und kochen, aber da hängt so viel dran", beschreibt Deutschle den Ansatz der Soziotherapie. In der Klinik komme das Mittagessen pünktlich und wie von Zauberhand bereitet auf den Tisch, doch in der eigenen Wohnung müsse man sich erst einmal Gedanken darüber machen, was möchte ich essen, wie kriege ich das hin. Diese Fähigkeit, Wünsche zu entwickeln und schließlich zu realisieren, sei den meisten Patienten über die Jahre hinweg völlig abhanden gekommen.
Der Deutschen liebste Ferieninsel als ideales Ziel
Nicht so Bernd Uhlendorf: Er hatte den Wunsch geäußert, nach Mallorca zu reisen und die Therapeuten schließlich vom Nutzen einer solchen Urlaubsreise überzeugt. "Mallorca eignet sich natürlich auch besonders gut, weil dort viel Deutsch gesprochen wird", erinnert sich Niedecken an die ersten Überlegungen. "Die Patienten können sich dort relativ locker bewegen, können zum Beispiel ihr Essen selbst bestellen." Außerdem seien Südländer erfahrungsgemäß psychisch Kranken gegenüber toleranter als andere. Wichtig war den Organisatoren auch, dass der Urlaub "therapiefrei" war: "Gerade das war ja die Therapie."
Dafür sorgten schon die vielen neuen Eindrücke, die vom ersten Moment an auf die Urlauber niederprasselten. Da war die Erfahrung, zum ersten Mal im Flugzeug zu reisen, in einem Hotel zu wohnen, das Meer zu sehen und darin zu baden, eine andere Sprache zu hören, nicht zu verstehen und auch selbst nicht verstanden zu werden, mit dem Auto die Insel zu erkunden, draußen zu picknicken, Geld umzutauschen. Den Mitreisenden sei dabei immer wieder die Erinnerung an ihr Leben vor der Erkrankung bewusst geworden, "und damit auch an das, was sie damals alles leisten konnten".
Die Erinnerung an eine Zeit, in der ihnen vieles gelang, versetzte die chronisch Kranken zum Teil wieder in die Lage, kleinere Probleme selbst zu lösen und etwa eigenständig einzukaufen oder in ein Restaurant zu gehen, erinnern sich die Betreuer. Das habe immer auch zu mehr Selbstvertrauen geführt. "Für die Planung ihres künftigen Lebens war es eine wichtige Erfahrung, dass sie trotz ihrer schweren psychischen Erkrankungen diese Reise nicht nur aktiv mitgestaltet hatten, sondern sie auch genießen konnten," nennt Niedecken als eines der wichtigsten Ziele der Mallorca-Reise.
Auf eigene Faust etwas unternehmen
Bemerkenswert war nach den Erkenntnissen der Therapeuten auch die aktive Freizeitgestaltung, zu der die Gruppe selbstständig gelangte. Während in den Wohngruppen täglich viele Stunden der Fernseher zur Unterhaltung herhalten muss, erkundeten die Urlauber auf Mallorca auf eigene Faust die Hotelanlage, die nähere Umgebung und äußerten konkrete Vorschläge zur gemeinsamen Tages- und Wochenplanung. Die Erfahrungen, da sind sich Mies und Niedecken einig, führten zu einer Stärkung des Selbstwertgefühls, zu einer Steigerung oder gar zum Wiederzulassen einer verloren geglaubten Genussfähigkeit und zu einer Stärkung des sozialen Verhaltens in der Gruppe. So sei es plötzlich selbstverständlich gewesen, sich gegenseitig zu helfen, sich zu verabreden, den anderen Essen oder Getränke mitzubringen.
Einer der Reisenden, berichtet Niedecken, habe sich sogar seiner Spanischkenntnisse erinnert, etwa um den Kellner zu rufen oder eine örtliche Tageszeitung zu studieren. Er habe plötzlich wieder Initiativen entwickelt und sich viel mehr zugetraut als daheim in der Wohngruppe. Scheinbare Kleinigkeiten zeigten die großen Fortschritte, die der Patient auf Mallorca gemacht hatte: So dachte er auf einmal von allein daran, seine Medizin einzunehmen, sich zu waschen oder regelmäßig zu frühstücken. Auch Michael Baumann*), ein langjähriger Patient aus Eltville, habe plötzlich ausgleichend und ruhig auf die Gruppe einwirken können. "Auch bei ihm war eine entspannte Mimik wahrzunehmen, ungewohnt häufiges Erzählen, humorvolle Äußerungen und perspektives Planen für das kommende Jahr", sagen die Reisebegleiter. Ein anderer musste sich oft in Geduld üben und diese Spannung auch aushalten, ohne sich in sein gewohntes Zimmer zurückziehen zu können. Eigene Bedürfnisse zu erfüllen und sich doch der Gruppe und den Reisebedingungen anzupassen, war eine seiner größten Leistungen.
Zum Gelingen des Urlaubs trug aber auch bei, dass das Personal im Hotel und in den Restaurants und Läden die ungewöhnlichen Gäste ganz und gar selbstverständlich behandelte. Auch die anderen Gäste hätten sich nie gestört gefühlt oder von der Gruppe abgewandt, versichert Niedecken.
Über Mallorca ist der Mond so rund
Noch nach vielen Wochen sei bei den Urlaubern zu Hause deutlich zu spüren gewesen, "dass sie nicht nur schöne und fremde Landschaften gesehen haben, sondern dass sie noch von dem Schatz zehren, sich als kompetente, die neue Situation meisternde Menschen erlebt zu haben", freut sich Heimleiterin Gabriela Deutschle. Und Bernd Uhlendorf erinnert sich immer noch an den großen runden Mond über Mallorca.
Seit gut zehn Jahren gibt es Soziotherapie als eine Zusatzausbildung zu anderen Therapieformen. Seit 1995 erprobten auch die Krankenkassen soziotherapeutische Maßnahmen als Leistung zur ambulanten Rehabilitation psychisch Kranker, die allerdings sehr viel weniger aufwendig sind als eine solche Mallorca-Reise. In der ambulanten Versorgung werden überwiegend therapeutische Hilfen angeboten, die stabilisierend wirken sollen und im konkreten Umfeld der Kranken wirksam werden. Als Ergänzung zur medizinischen Versorgung beim niedergelassenen Arzt soll hier vor allem verhindert werden, dass die Patienten als so genannte "Drehtürfälle" schnell wieder in der stationären Versorgung landen.
Doris Wiese-Gutheil
*)Namen von der Redaktion geändert








