Flugangst – was ist das?
”Fliegen? Nein danke. Mein erster Flug war der letzte. Der reinste Horrortrip. Eingepfercht in diesem engen Sessel, um mich herum überall Menschen. Als das Flugzeug abhob, fühlte ich, wie ich den Boden unter den Füßen verlor und damit meinen Mut. Mein Herz fing an zu rasen. Es schlug mir bis zum Hals. Meine Hände klammerten sich an die Lehne und schwitzten. Ich zitterte am ganzen Körper bei dem Gedanken, dem Piloten ausgeliefert zu sein, nichts tun zu können. Das Schlimmste aber war die Höhe. Ich saß direkt am Fenster, wagte kaum, hinaus zu sehen. Ich konnte nicht essen, nicht lesen, nicht schlafen. Nur ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: ‘Du musst hier raus!‘”
Während Christina Graf *) von ihren Erlebnissen im Flugzeug nach London spricht, wirkt die sonst so selbstbewusste junge Frau eingeschüchtert. Ihr Gesicht ist angespannt. Mit beiden Händen hält sie ihre Kaffeetasse fest umschlungen, klammert sich an das Porzellan wie an die Armlehne im Flugzeug. ”Niemals wieder will ich den Boden unter den Füßen verlieren,” sagt die 27jährige mit einem tiefen Zug aus ihrer Zigarette.
Über den Wolken...
...Wo für die einen die Freiheit wohl grenzenlos sein muss, ist für die anderen die Angst allgegenwärtig. Für sie ist der Traum vom Fliegen ein Alptraum. Das Reisen im luftigen Element beherbergt für sie unkalkulierbare Risiken. Die einen fürchten die Höhe, die anderen die Enge, wieder andere die Schnelligkeit oder das Gefühl, eingesperrt zu sein. Einige fürchten sich vor alledem.
Die Angst vor dem Fliegen hat einen Namen: Aviophobie. Internationalen Studien zufolge leidet unter den Symptomen der Flugangst annähernd die Hälfte aller Passagiere. Der amerikanische Flugzeugbauer Boeing schätzt die finanziellen Einbußen durch Tickets, die wegen Flugangst nicht verkauft werden, auf zwei Milliarden Dollar jährlich – und das allein in den USA.
”Bei der Flugangst oder Aviophobie handelt es sich um eine massive Angst, die sich wider bessere Einsicht festsetzt. Menschen, die Angst vorm Fliegen haben, wissen meistens, dass ihre Furcht unberechtigt ist. Trotzdem werden sie das ungute Gefühl nicht los”, erklärt Dr. Gerald Schiller, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Soziale Psychiatrie Hochtaunus gGmbH in Friedrichsdorf.
Die Angst vorm Fliegen ist genau wie die Angst vor Spinnen oder Gewittern eine irrationale, krankhafte Angst: eine ”Phobie”. Dieser Ausdruck geht auf den griechischen Gott ”Phobos” zurück, dem Inbegriff für Angst und Schrecken. Eine Phobie bezeichnet eine übermäßige Angst vor bestimmten Situationen, welche die Betroffenen so gut wie möglich vermeiden möchten. Flugängstliche Personen setzen meist alles daran, nicht fliegen zu müssen. Zusammen mit den Zwangsstörungen gehören Angststörungen nach Angaben Dr. Schillers zu den häufigsten psychischen Störungen.
Schlüsselerlebnis
Wenn Christina Graf an ”die fliegenden Klapperkisten” denkt, spielen sich in ihrer Phantasie Horror-Szenarien ab: Die Maschine beginnt zu brennen, der Flieger trudelt, stürzt ins Nichts. Im Kopf tauchen immer wieder die gleichen Bilder auf: Wrackteile, verbrannte Leichen, Asche.
Dabei weiß die Physiklehrerin, dass das Flugzeug eines der sichersten Verkehrsmittel überhaupt ist. Statistisch gesehen ist das Flugrisiko 4000 Mal geringer als die Gefahr, an den Folgen des Rauchens zu sterben. Die Zahl der Verkehrstoten auf den Straßen übersteigt die Opfer von Flugzeugabstürzen um ein Vielfaches.
Trotzdem zittern der jungen Frau bereits die Knie, wenn sie nur daran denkt, noch einmal fliegen zu müssen. “Diese Turbulenzen kurz vor der Landung – einfach schrecklich war das. Es ging rauf und runter wie auf der Achterbahn. Alle sagten, dass das völlig normal sei. Ich aber dachte, mein letztes Stündchen hätte geschlagen. Selbst die Stewardessen wirkten auf mich nervös. Von da an hatte ich Panik vor dem Rückflug”, berichtet die Pädagogin.
Schlüsselerlebnisse beim Starten oder Landen eines Flugzeuges sind nach Angaben Dr. Schillers bei manchen Menschen der Grund für die Angst vor zukünftigen Flügen. ”Die Erwartungshaltung, dass beim Fliegen ein Unglück passieren könnte, spielt dabei eine große Rolle”, sagt der Ärztliche Direktor. ”Bei den meisten Flugängstlichen ist es jedoch weitgehend unbekannt, woher ihre Angst kommt. Es handelt sich häufig um unbewusste, innere Ängste und Konflikte, die dem Bewusstsein nicht zugänglich sind. Deshalb sind Korrekturen auch nicht leicht möglich”, so Dr. Schiller. Nicht einmal der genaue Name für das Unwohlsein beim Fliegen sei den meisten Betroffenen bekannt. ”Die Angst ist einfach da”, betont der Arzt.
Flugangst gibt es, seit Fliegen zum Massenphänomen geworden ist, erklärt er. Das begann vor allem mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg, der das Reisen rund um den Globus ermöglichte. Spätestens seit dieser Zeit ist die Flugangst in der Psychiatrie bekannt.
Stress pur
Die Symptome der Aviophobie erleben laut Dr. Schiller Männer und Frauen gleichermaßen. Dabei sind alle Altersgruppen betroffen, vor allem jedoch die 20- bis 50jährigen, die am häufigsten in der Luft unterwegs sind.
Flugangst macht sich körperlich, gedanklich und im Verhalten bemerkbar. Unangenehme körperliche Empfindungen, wie sie die junge Lehrerin beschreibt, stehen im Zentrum des Erlebens. In den Nächten vor dem geplanten Flug leiden Phobiker häufig an Schlafstörungen. Immer öfter raubt der Gedanke an das bevorstehende Ereignis die Konzentration. Manch einer kehrt kurz vor dem Einstieg in die Maschine um.
Im Flugzeugsessel ergreift einige Phobiker die Panik. Ihre Atmung wird schneller und tiefer. Der Puls erhöht sich um bis zu 40 Schläge pro Minute. Ein Schwindelgefühl macht sich breit. Die gesamte Muskulatur verspannt sich. Der Körper beginnt zu zittern. Es kommt zu Schweißausbrüchen.
Angst löst im Körper eine Stressreaktion aus. Weil der Fluggast Turbulenzen und andere Unannehmlichkeiten an Bord als gefährlich einstuft, versetzt der Hypothalamus – ein Teil des Zwischenhirns – den Körper in Alarmbereitschaft. Darauf reagiert das vegetative Nervensystem, das vom Willen unabhängige Körperfunktionen steuert: Der Körper muß flucht- und kampfbereit gemacht werden, damit er auf die drohende Gefahr schnell und sicher reagieren kann. Dabei wird das körpereigene Hormon Adrenalin ausgeschüttet. Gegen die Turbulenzen beim Fliegen ist der Passagier jedoch machtlos. Er kämpft vergeblich gegen sie an. Die bereitgestellte Energie wird nicht abgerufen, sondern löst eine innere Unruhe aus.
Diese Anspannung können negative Gedanken noch verstärken. Wer die freie Zeit im Flugzeug dazu nutzt, sich über etwas Sorgen zu machen, sorgt sich leicht über das Fliegen selbst. Halten die Tragflächen? Sind alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden? Ist die Crew ausgeruht? Wird der Pilot sicher landen? Solche Gedanken steigern die körperliche Erregung zusätzlich.
Auch im Verhalten machen sich ängstliche Erregungen im Flugzeug bemerkbar. Kritische Äußerungen über das schlechte Essen, den unzureichenden Service oder die nicht gelungene Landung können in manchen Fällen auf eine versteckte Flugangst des Passagiers hinweisen. Viele Betroffene bemühen sich, ihre Angst hinter der Fassade einer scheinbaren Gelöstheit zu verbergen. Das allerdings kostet noch mehr Nerven und Energie. ”Geschäftsleute und andere Vielreisende versuchen häufig, ihre Angst vor dem Fliegen zu verdrängen. Dies klappt häufig mit Beruhigungstabletten und Alkohol”, erklärt der Krankenhausdirektor. ”Das aber”, sagt er, ”ist der falsche Weg."
Therapie statt Drogen
Medikamente eignen sich nicht als Dauerlösung für die Aviophobie. Der wiederholte Versuch, die Angst mit Tranquilizern oder Alkohol zu bewältigen, kann zur Sucht führen, warnt der erfahrene Arzt. Statt zu versuchen, die Angst zu betäuben, sollte man sich bemühen, die Angst zu verringern.
Das beste sei es, sich bei den ersten Anzeichen von Flugangst einem Therapeuten anzuvertrauen, sagt Dr. Schiller. Nur wer die Ursachen seiner Angst kennt, sei in der Lage, sie langfristig zu überwinden. ”Je früher sich die Angst manifestiert, desto größer ist die Gefahr, daß sie chronisch wird. Deshalb: früh rangehen”, rät Dr. Schiller.
Dabei helfen seinen Angaben nach vor allem zwei verschiedene Methoden aus der Verhaltenstherapie. Hervorragende Erfolge habe das ”Flooding” erzielt. Bei dieser Konfrontationsmethode wird der Patient mit dem maximalen Reiz seiner Angst schockartig ”überflutet”. Ohne Vorbereitung nehmen die Betroffenen in Begleitung eines Therapeuten an Flügen teil. Oft erlebten die Patienten schon nach Minuten, wie sich ihre Angst reduziert, berichtet der Krankenhausleiter. Dafür reiche in den meisten Fällen schon eine Sitzung.
Allerdings ist es aufwendig, therapeutische Flüge durchzuführen. Deshalb werden alternativ oftmals Flugsimulatoren eingesetzt, mit denen theoretische Flüge beliebiger Länge und Qualität vorgetäuscht werden.
Doch auch ohne Reizüberflutung könne der Flugangst wirksam begegnet werden, sagt Dr. Schiller. Beim ”Desensibilisieren” wird der oder die Betroffene in entspannter Atmosphäre nach und nach mit der Angst konfrontiert. Hier kann der Patient im Gespräch die gefürchtete Situation in seiner Phantasie immer wieder durchleben und verarbeiten, bis das Trauma sich auflöst. Der Betroffene sieht Bilder von dem ihn ängstigenden Gegenstand, erlebt kleine Ausschnitte der sonst gemiedenen Situation. Schließlich wird die angstbesetzte Situation selbst "live" angegangen. Diese Methode ist nach Angaben des Therapeuten ähnlich effektiv wie das ”Flooding”. Nur koste sie mehr Zeit: Acht bis zwölf Sitzungen sind beim Desensibilisieren nötig.
Seminare gegen die Angst
Auch Flugunternehmen haben die Angst vorm Fliegen als zusätzliche Einnahmequelle erkannt. Zum Beispiel veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Lufthansa eine Münchner Agentur ”Seminare für entspanntes Fliegen”.
In den vergangenen 20 Jahren haben insgesamt mehr als 8000 Personen an den rund 860 Seminaren teilgenommen. 57 Prozent sind Frauen. Die Mehrheit der Teilnehmer ist vor dem Seminar zwischen einem und 20 Mal geflogen. Das zeigt, so deutet die Agentur, dass die Angst vor dem Fliegen nicht unbedingt mit der Erfahrung abnimmt.
In zweitägigen Seminaren soll Passagieren und denen, die es werden wollen, mit Entspannungsübungen und Anleitungen zur Selbstkontrolle die Angst vorm Fliegen genommen werden. Etwas mehr als tausend Mark inklusive Abschlußflug kostet die Veranstaltung. Einige Krankenkassen erkennen das Seminar als Therapie an und beteiligen sich an den Kosten.
”Solche Seminare sind eine gute Idee”, lobt auch Dr. Schiller.
Christina Graf jedoch ist skeptisch. "Ob mir ein so teures Seminar helfen würde, weiß ich nicht. Ich kann aufs Fliegen ja zum Glück verzichten und auf meinen Traumurlaub in Australien wohl oder übel auch."
Beate Philipp
*) Name von der Redaktion geändert








