Amoklauf - Warum?
Amoklauf - wir sehen ihn in Kinofilmen, lesen darüber in den Zeitungen. Vor allem aus den USA schwappen immer wieder Schlagzeilen über diese Form der Gewalt nach Europa. Zum Beispiel: Schlagzeilen aus Jonesboro oder Littleton. Teenager rasten aus, schießen an ihren Schulen wild um sich, töten Lehrer und Mitschüler. Aber so etwas in Deutschland?
Die grausame Tat von Bad Reichenhall hat ungläubiges Entsetzen und Ratlosigkeit allerorten ausgelöst. Und überall die Frage: "Warum?"
Sara Gonzalez Cabeza, Ärztliche Leiterin der Außenstelle Gießen der LWV-Klinik für Forensische Psychiatrie Haina, hat einige Antworten auf die Frage, warum Menschen plötzlich "rot" sehen.
Bad Reichenhall: !m November vergangenen Jahres wird der Kurort zum Tatort. Ein 16jähriger Schlosserlehrling richtet eine großkalibrige Waffe auf die Passanten in der Straße. Wahllos schießt er aus dem Fenster der elterlichen Etagenwohnung. Er zielt auf alles, was sich bewegt: Spaziergänger, Autos, Besucher und Patienten des gegenüberliegenden Krankenhauses. Vier Menschen sterben, acht werden verletzt. Der Junge erschießt seine ältere Schwester, zerfetzt die Familienkatze. Dann legt er sich in die Badewanne, schiebt sich den Doppellauf einer Schrotflinte in den Mund und drückt ab. Plötzlich herrscht Totenstille am Nachmittag von Allerheiligen.
Psychischer Ausnahmezustand
Was der Junge in Bad Reichenhall tat, nennen die Medien grausam, brutal, furchtbar. Diese Worte beschreiben sein Handeln nur, doch sie erklären es nicht.
"Tatsächlich gibt es keine allgemeingültige Antwort darauf, warum Menschen so etwas tun", sagt Sara Gonzales Cabeza. Die Ärztliche Leiterin hat sich mit der blindwütigen Aggression von Menschen wie in Bad Reichenhall befasst: dem Amoklauf.
"Das Motiv liegt immer in der jeweiligen Persönlichkeit des Täters", sagt sie. Wenn sich Angst, Hass, Eifersucht, Scham oder Demütigung lange in einem Menschen aufstauten, könne die daraus entstehende Wut für sie unbeherrschbar werden. "Da fehlt nur noch eine kleine Krise oder Kränkung, ja, manchmal eine Bagatelle, bis es zu diesem psychischen Ausnahmezustand kommt. Das heißt, bei einem Amokläufer muss nicht zwingend eine chronische psychische Erkrankung vorliegen", erklärt Gonzalez Cabeza.
Der Begriff "Amok" stammt aus der malaiischen Sprache und bedeutet "Wut" oder "wütend". Im malaiischen Raum sahen Wissenschaftler die ersten Fälle von plötzlich auftretenden psychischen Störungen, denen ein aggressiver Aktionsdrang folgte. Die Betroffenen zogen unvermittelt den Dolch und stachen im Laufen auf andere ein, bis sie selbst zusammenbrachen. Im Malaiischen beschreibt "Amok" außerdem einen Zustand großer Demütigung und kennzeichnet so einen Gesichtsverlust, der zur Wahnsinnstat treiben kann.
Ein Amokläufer handelt meist spontan, im Affekt. "Wenn es auch keine konkrete Planung gibt, so hat sich ein Amokläufer vermutlich in den meisten Fällen seine Tat doch schon öfter in der Phantasie ausgemalt", erklärt die Psychiaterin. "Denn so etwas geschieht nicht aus heiterem Himmel."
Mal ernstgenommen werden
So könnte es auch bei dem jungen Amokschützen von Bad Reichenhall gewesen sein. Immer und überall nur Ablehnung, Spott und Hohn. Ein Außenseiter. Irgendwann hat er genug von diesem Leben. Diese Erkenntnis kommt nicht plötzlich. Sie hat sich schon lange in ihm breit gemacht, sich in seinen Gedanken festgesetzt. So kann es, muss es aber nicht gewesen sein.
Dann der letzte Streit mit der Familie. Die Eltern besuchen an Allerheiligen traditionsgemäß das Grab des Großvaters, der Junge will sie nicht begleiten.
Als er endlich allein ist, bricht er den Waffenschrank seines Vaters auf. Obwohl er seinen Selbstmord planmäßig vorbereitet hat, handelt er nicht im vollen Bewusstsein. Ein Zustand, den die Ärztliche Leiterin so beschreibt: "Selbst wenn ein Amokläufer während seiner Tat geordnet handelt - er also in der Lage ist, perfekt auf Menschen zu zielen und sich zur Wehr zu setzen - so befindet er sich doch in einer akut krankhaften Veränderung des Bewusstseins. Sein Gedächtnis ist gestört. Nach der Tat kann er sich meist an nichts mehr erinnern - wie man von überlebenden Amokläufern weiß."
Jetzt ist es soweit. Zu fürchten gibt es nichts mehr, weil es nichts mehr zu hoffen gibt. Der Schütze spürt die Macht seines großen Verbrechens. Als er durch das Fenster schießt, genießt er das Gefühl, seine Außenwelt zu zerstören und sie dadurch nach seinem Willen zu verändern. Zum ersten Mal, das weiß der Junge, wird er wahr- und ernstgenommen werden. Er steht nicht mehr am Rande der Gesellschaft, sondern hält die Fäden des Geschehens selbst in der Hand.
Unscheinbar vor dem Ausbruch
So könnte es gewesen sein oder aber vielleicht auch ganz anders. Weitere denkbare Gründe bei Amokläufern sind auch Rache, Vergeltung, "Heimzahlen". Doch alles bleibt Spekulation. Denn wie es wirklich war, ist ein Geheimnis, das der Junge und alle toten Amokläufer mit ins Grab nehmen.
Nachdem sich der Amokschütze selbst gerichtet hat, wird der Tatort weiträumig abgesperrt. Ein Großaufgebot der Polizei rückt an: Sondereinsatzkommando, Bereitschaftspolizei, Psychologen. Eine dichte Menschenmenge sammelt sich am Straßenrand. Schaulustige, Journalisten, auch ehemalige Mitschüler des jugendlichen Waffenliebhabers sind darunter. Sie nennen den Jungen leise und introvertiert.
Gemunkelt wird, der Junge sei rechtsradikal gewesen. Mitschüler berichten, er habe Hakenkreuze in seine Mappen und Ordner gemalt. Ein Polizeisprecher berichtigt jedoch später, für eine rechtsextremistische Gesinnung fehlten Beweise. Gemunkelt wird ferner, die Familie habe nicht in den besten Verhältnissen gelebt. Alkohol soll im Leben des Vaters eine zu große Rolle gespielt haben. Aber selbst das ist kein Grund, warum der Sohn plötzlich wild um sich schießt.
Ein Mitschüler hat ein Klassenfoto dabei. Keine drei Monate ist die Aufnahme alt. Rechts unten am Bildrand hockt ein Junge mit kurzen blonden Haaren. Er lächelt schüchtern in die Kamera, trägt Sweat-Shirt und Turnschuhe. Ein ganz normaler Jugendlicher eben.
"Der Tathergang sagt nichts über die Person aus, die dahintersteckt", so die Klinikleiterin. Nach ihren Worten sind Amokläufer häufig Menschen, die in ihrem Leben vor der entsetzlichen Tat nie oder kaum auffällig geworden sind, sondern "völlig unbescholten lebten und keinerlei Zeichen von Aggressivität zeigten."
Die Unscheinbarkeit der potentiellen Täter und die Unvorhersehbarkeit des Ausbruchs der Aggression ist ihrer Meinung nach das, was einen "klassischen Amoklauf" ausmacht und was Amokläufer auf der ganz Welt miteinander zu verbinden scheint.
"Allerdings sind nicht alle Amokläufer introvertiert, schüchtern und verschlossen. Das ist ein mögliches Charakterbild, aber nicht das einzig gültige für einen Amokläufer." Dabei erinnert sie an den Börsenspekulanten von Atlanta, der nach erheblichen Verlusten seine beiden Kinder, vier Händler und fünf Angestellte einer Investmentfirma im Amoklauf erschoss. "Dieser Mann war in seinem Job wahrscheinlich kein introvertierter Außenseiter", sagt die Expertin.
Aggression gegen andere und gegen sich selbst
Welche Motive zu dem plötzlichen Gewaltausbruch bei einem Amoklauf führen, das sei oft nicht festzustellen, sagt die Ärztin. Denn die meisten Täter bringen sich nach ihrem Amoklauf selbst um oder kommen beim Polizeieinsatz ums Leben. "Amok bedeutet Aggression gegen andere und gegen sich selbst. Die eigene Tötung wird dabei meistens mit einkalkuliert", erklärt sie. Deshalb sei der "finale Selbstmord eine folgerichtige Handlung", die sowohl mit Lebensmüdigkeit als auch mit dem Schrecken vor der eigenen Tat zu tun habe.
Dass die meisten Amokläufer nach ihrem Verbrechen nicht mehr befragt werden können - weil sie tot sind oder hinsichtlich des Geschehenen eine Amnesie oder Teilamnesie besteht - ist einer der wichtigsten Gründe, warum Experten bei der Erforschung des Phänomens noch weitgehend im Dunkeln tappen Außerdem sind diese Taten - seien sie oftmals auch noch so spektakulär - im Vergleich zu anderen Delikten relativ selten. "Nur die Medien vermitteln den Eindruck, dass die Fälle in letzten Jahren erheblich zugenommen haben, Das stimmt wahrscheinlich nicht. Es wird einfach nur mehr darüber berichtet", sagt die Ärztin.
Über das Erscheinungsbild von Amokläufern weiß Sara Gonzalez Cabeza, dass es sich in den meisten Fällen um Männer mittleren Alters handelt, die mit unbewältigten psychischen Problemen zu kämpfen haben. Frauen wüssten Konflikte eher ohne Gewalt zu lösen. "Sie neigen im Allgemeinen weniger zu Aggressionen und verarbeiten schwierige Situationen anders“, sagt die Expertin. Dass Jugendliche Amok laufen, sei "zwar selten und vielleicht neu, aber keinesfalls auszuschließen", betont die Klinikleiterin.
Gewaltvideos als Basis für Phantasien
Auf wen ein Amokläufer seine Wut projizieren wird, weiß er vorher meistens selbst nicht genau. Aber häufig, so Gonzalez Cabeza, "kann innerhalb der Ziellosigkeit eine Vorauswahl der Opfer getroffen werden." Manche Täter suchten dann gezielt die Menschen auf, von denen sie gekränkt wurden oder sich schlecht behandelt fühlen. Bei einer Kündigung seien es Arbeitskollegen oder Vorgesetzte, bei familiären Problemen eben die Angehörigen.
Bei der Ursachenforschung von Amokläufen geraten immer wieder die Medien in die Kritik, allen voran das Fernsehen. Gewaltfilme gelten oftmals als Vorbild für die blutigen Taten, insbesondere bei Jugendlichen, weil Kinder häufig nicht in der Lage sind, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Auch nach Ansicht der Ärztin können Gewaltvideos eine Basis schaffen, auf der Menschen Verbrechen phantasieren. Allein ursächlich sind solche brutalen Videos jedoch wahrscheinlich nicht.
Schärfere Waffengesetze?
Was also ist zu tun? Helfen schärfere Waffengesetze? Sara Gonzalez Cabeza relativiert. "Das wird einen Amoklauf nicht wirklich verhindern können, aber die Zahl der Opfer geringer halten. Ein Amokläufer nimmt immer die Waffen, die er gerade zur Hand hat. Wenn es keine Gewehre oder Pistolen sind, führt er seine Tat eben mit einem Messer, Hammer oder einer Keule durch. Oder er legt Feuer. Wie soll man das alles verbieten?"
Eine pragmatische Lösung gibt es nach Ansicht der Ärztlichen Leiterin nicht, um Amokläufe zu verhindern. "Man muss bei den Jugendlichen anfangen: ihnen mehr Chancen geben, sich ihren Problemen und Sorgen annehmen, wacher sein, eine Umgebung für sie bereitstellen ohne Gewalt, Feindseligkeit. Junge Leute, die eine Perspektive und eine 'Heimat' haben, sind weniger gefährdet, zum Amokläufer zu werden." Obwohl die meisten Kinder heutzutage materiell gut versorgt seien, fehle ihnen "das Behütende", sagt die Fachärztin. Sie seien viel allein, schauten unbeaufsichtigt Gewaltfilme im Fernsehen, würden ohne "Werte" aufwachsen. Das könne man ändern.
Völlig ausschließen könne man Amokläufe jedoch in keiner Gesellschaft, warnt Gonzalez Cabeza. "Jeder Mensch trägt ein Aggressionspotential in sich. Deshalb gibt es Amokläufe überall dort, wo Menschen leben, in allen Kulturen."
Und so machen Amokläufe auch in Deutschland Schlagzeilen. Zum Beispiel: Bad Reichenhall, ein Ort, so unscheinbar wie der Mensch, der "hinter dieser Meldung steht."
Beate Philipp/hei








