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Internet-Sucht



Beate H. kann's einfach nicht lassen: Kaum ist die 44-Jährige morgens am Arbeitsplatz, loggt sie sich gleich an ihrem Computer ein und surft erst einmal durch's Netz. Als Computerexpertin muss sie das tun, interessante Informationen, die für ihren Job wichtig sind, findet sie immer irgendwo. Aber inzwischen hat das Internet-Surfen so viel Raum eingenommen, dass andere Arbeit liegen bleibt. Längst sind es nicht mehr nur die für die Arbeit relevanten Seiten, die Beate H. aufruft: Da muss schnell nach einem Schnäppchen im Internet-Shop gefahndet werden, da sind doch so viele interessante Seiten, die es anzuklicken lohnt, da werden Informationen zu allen möglichen und unmöglichen Themen abgerufen, da ist der Gedankenaustausch mit Kollegen längst verdrängt vom Chat mit Dutzenden Unbekannten. Und zu Hause geht's genauso weiter: Kaum hat Beate H. die Haustür hinter sich geschlossen, setzt sie sich an den heimischen PC und schaut nach, was das Internet so zu bieten hat. Der Kontakt mit Freunden geht verloren, ihr Mann schaut dem Treiben fassungslos zu. Schließlich merkt auch Beate H. selbst, dass ihr Verhalten nicht mehr normal ist, dass das Verlangen, immer wieder nach Mails oder in den Chat zu schauen überhand nimmt und sie sich immer mehr von der realen Außenwelt abschottet. Sie fragt einen befreundeten Psychologen um Rat und dessen Diagnose ist schnell klar: Die 44-Jährige leidet unter Internet-Sucht.

Das Phänomen Internet-Sucht ist so jung wie das Medium selbst: Erst 1995 hat der New Yorker Psychiater Ivan Goldberg den Begriff eingeführt und die Abhängigkeit als psychisch beschrieben. In den USA, einem Land, das Europa in Sachen Internet immer noch gut zwei Jahre voraus ist, wird die Zahl der Internet-Süchtigen auf rund sieben Prozent der www.Surfer geschätzt. Für Europa gibt es noch keine umfassenden statistischen Daten. Doch auch hier gehen Kenner der Szene davon aus, dass etwa vier Prozent der rund 30 Millionen deutschen Internet-Nutzer das neue Medium in problematischer Weise brauchen. Ein erheblicher Teil der regelmäßigen Internet-Nutzer surft demnach suchtartig und erlebt rauschähnliche Zustände beim Chatten oder Surfen.

Nicht jedes neue Medium gleich verteufeln

Für den leitenden Psychologen der Suchtabteilung in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Gießen des LWV, Jörg Fischer-Pleil, ist die Definition dennoch eine Gratwanderung. Einerseits, weiß der Diplom-Psychologe, gibt es ernst zu nehmendes Suchtverhalten bei den Internet-Nutzern, andererseits sei es "auch ein bisschen modern, bei jedem neuen Medium mit neuen Reizen gleich den Teufel an die Wand zu malen". Gleichwohl kann, darüber lässt Fischer-Pleil keinen Zweifel, "prinzipiell jedes Verhalten süchtig entarten".

Die Fachleute unterscheiden bei jedem Suchtverhalten zwischen den klassischen stoffgebundenen Süchten – etwa Alkohol und Drogen – und den stoffungebundenen Süchten. Zu diesen viel schwerer zu fassenden Abhängigkeiten gehören bestimmte Verhaltensweisen wie Spiel- oder Kaufsucht, aber auch übertriebener TV-Konsum, die immerwährende Gier nach Videos, das krankhafte Verlangen nach käuflichem Sex oder die selbstquälerische Abhängigkeit von einem geliebten Menschen und sogar die häufig bei Managern, den so genannten Workaholics, diagnostizierte Arbeitsgier. "Es gibt also auch Süchte mit positivem Image", hebt Fischer-Pleil hervor.

Nicht jeder www.Surfer wird süchtig

"So kann man auch im Internet bestimmt der großen Faszination des Mediums erliegen", betont Jörg Fischer-Pleil. Der normale Gebrauch könne dann durchaus zum Missbrauch entarten. Das ist allerdings keineswegs eine zwangsläufige Folge, der alle www.Surfer erliegen müssen. Um süchtig zu werden, muss man schon gewisse psychische Voraussetzungen mitbringen. Schließlich wird auch nicht jeder, der Alkohol trinkt, automatisch zum Alkoholiker. Aber es gebe nun mal Persönlichkeiten, die eher zu einem unkontrollierten Konsum neigen. Wer immer Probleme damit hat, bei einem netten Fest rechtzeitig nach Hause zu gehen, wenig zu trinken, angemessen zu arbeiten, wer also ganz generell dazu neigt, Grenzen nicht einhalten zu können, der wird eher zu süchtigem Verhalten neigen als jemand, der solche Betäubungen nicht braucht.

Und das Netz bietet ja auch unbestritten viele Möglichkeiten. Berufliche Kontakte können schneller und gezielter geknüpft werden, zu nahezu jedem Thema gibt es seriöse Informationen im World Wide Web, Stellenbörsen, Versteigerungshäuser und Banken bieten ungeahnte Möglichkeiten zu realen Geschäften im virtuellen Raum. Aber wer die Grenzen des Mediums nicht erkennt, unseriöse Angebote nicht einschätzen kann und den Kontakt zur Wirklichkeit verliert, für den ist das Medium durchaus eine Gefahr.

In einer Online-Umfrage wurden einmal die sieben Kernfragen gestellt, die den normalen Zugang vom missbräuchlichen Nutzen unterscheiden können. Demnach braucht es für suchtartiges Verhalten

  1. den unwiderstehlichen Zwang zum Einloggen


  2. Schuldgefühle wegen zu langer Online-Zeiten


  3. Häufige Rügen von unmittelbaren Bezugspersonen


  4. Nachlassende Arbeitsleistung


  5. Mehrmalige vergebliche Versuche der Einschränkung


  6. Verheimlichung der Online-Aktivitäten vor der Umwelt


  7. Entzugserscheinungen wie Unruhe und Nervosität, wenn man am Zugang gehindert wird.


Alarmzeichen ist, wenn Dosis steigt

Auch für Fischer-Pleil ist es ein Alarmzeichen, wenn als normal geltende Internet-Zeiten überschritten werden, die tägliche Dosis sozusagen immer mehr gesteigert werden muss, wenn sich ein Kontrollverlust einstellt, ein innerer Zwang, sich immer wieder an den Computer zu setzen und man bei einer Unterbrechung Unwohlsein, also Entzugserscheinungen, verspürt. "Das Surfen kann zur Droge werden." Eine Reihe massiver Schäden können die Folge dieser Abhängigkeit sein. So gibt es körperliche Schäden wie Übermüdung und Konzentrationsmangel, aber auch Verspannungen oder Wirbelsäulen- und Genickschäden aufgrund einer verkrampften Sitzhaltung vor dem Computer. Kopfschmerzen und Sehstörungen durch das lange, ununterbrochene Starren auf den Bildschirm können ebenso wie Kreislauf- und Gewichtsprobleme auftreten. Aber auch Schäden im sozialen Netz treten bei Internet-Süchtigen massiv auf: Sie ziehen sich von der realen Umwelt zurück, verlieren den Bezug zur Außenwelt, zu Freunden und Partnern, pflegen keine anderen Interessen und Hobbies mehr. In den Anfangsjahren des World Wide Web konnte immerhin noch der finanzielle Aspekt so manchen Gefährdeten stoppen. Doch die Angebote der Internet-Anbieter werden hier immer umfassender. So genannte Flatrates und Internetzugänge für ein paar Cent haben die Zugangsschwelle weiter gesenkt. Das Surfen ist – zumindest unmittelbar – nicht mehr Anlass für einen möglichen finanziellen Ruin.

Wirklich schlimm aber ist die Abschottung von der Außenwelt. Ein Online-Süchtiger beschreibt die Gefahren sehr anschaulich im Internet: "Nach zehn Stunden ‚on‘ pro Tag ist es meist nicht mehr möglich, auch noch die Leistungen im realen Leben zu erbringen. Menschen, die nächtelang surfen, sind nach kurzer Zeit im Job nicht mehr belastbar und riskieren hier den finanziellen Ruin. Auch zerbrechen Familien, wenn sich ein Mitglied ins Web verabschiedet und nicht mehr am Familienleben teilnimmt. Es gibt Kinder, die nur noch online Freunde finden, Jugendliche, die im realen Leben keinerlei Kontakte nach außen haben und ihre Ausbildung vernachlässigen."


Innerer Zwang ersetzt gepflegten Konsum

Wenn ein Medium nur kurzzeitig missbraucht wird, ist das für den Psychologen Fischer-Pleil noch kein Problem. Damit können die meisten Menschen seiner Erfahrung nach durchaus umgehen. Eine Grenze sei aber dann erreicht, wenn der Betroffene selbst merkt, wie schädlich sein Verhalten ist, dass er mehr Schaden als Gewinn aus dem Internet-Surfen zieht, das Verhalten aber trotzdem nicht stoppen kann. "Wenn Kontrollverlust die Fähigkeit zum so genannten gepflegten Konsum ersetzt, wenn ein innerer Zwang mich an den Computer treibt, dann müssen wir von Sucht sprechen." Dann schließe sich der Kreis von süchtigem Verhalten, Schuldgefühlen und Realitätsflucht wie bei jeder klassischen Sucht.

Was das Internet so attraktiv macht, sind Fischer-Pleil zufolge Machtgefühle, Realitätsflucht und das Experimentieren mit der eigenen Identität. Wer im Internet surft, erhält die Belohnung auf Knopfdruck. Mit jedem Klick befördert er sich weiter in die virtuelle Welt. Er kann in andere Welten wegtauchen, sich aus der vermeintlich düsteren Wirklichkeit stehlen und sich in den unendlichen Weiten des Cyber-Raums, "wo alles locker und easy ist", verlieren. Und er erlebt einen ungeheuren Machtzuwachs, ist doch scheinbar der Zugriff auf alles möglich, was nur vorstellbar ist. Die Illusion ist da, man sei wirklich interaktiv tätig, könnte mitmischen in den weltweiten Tiefen, in den Chats Kontakte knüpfen, ohne wirklich mit jemandem in Kontakt zu treten. Man muss seine Identität nicht preisgeben, sondern kann das Intimste von sich verraten, ohne sich zeigen zu müssen, kann selbst wiederum das Private anderer Menschen ausloten, ohne persönlich greifbar zu sein, bei allem und jedem zugucken, ohne selbst gesehen zu werden. Da lassen sich die eigenen Probleme in der als ärmlich empfundenen Realität auf vielfältige Weise zumindest vordergründig kompensieren. "Das sind schon eine Menge sehr attraktiver Gründe, sich im Netz zu verlieren", fasst Fischer-Pleil zusammen.

Verleugnen gehört zur Sucht

Gegen ein solches Suchtverhalten anzugehen, erfordert enorme Anstrengung. Denn auch im Erkennen der eigenen Suchtgefährdung sieht der Gießener Psychologe viele Ähnlichkeiten zu den klassischen Süchten. Um sein Verhalten wirklich ändern zu können, brauche der Süchtige die Bereitschaft zur Ehrlichkeit. Wenn der Leidensdruck erst einmal da ist, muss der Süchtige bereit sein, seinen Konsum kritisch zu analysieren und auch vor sich und anderen einzugestehen. "Aber das Verleugnen gehört zur Sucht", sagt Fischer-Pleil ohne Illusionen. Auch bei den Alkohol- und Drogenabhängigen seiner Abteilung zeige sich immer wieder, wie schwer es ist, an Süchtige heranzukommen. Wer sich (noch) keine Sorgen um sich selbst mache, werde auch von den wohlmeinendsten Angehörigen und professionellsten Therapeuten nicht erreicht. "Wir versuchen das bei uns in der Klinik mit einer Mischung aus Konfrontation und Werbung", beschreibt Fischer-Pleil seinen Ansatz. Wenn man einem Süchtigen signalisiere, dass man seine Not versteht, die Qual, die ihm seine Schuldgefühle bereiten, dann könne man ihn vielleicht erreichen. Doch entscheidend sei auch da immer, an welchem Punkt der Suchtkarriere sich der Betroffene gerade befindet. "Wenn man den richtigen Punkt verpasst, kann sich schon wieder ein Panzer aus Abwehr und Verleugnung aufgebaut haben."

Wie allen Süchtigen empfiehlt Fischer-Pleil auch den grenzenlosen www.Surfern eine Selbsthilfegruppe: "Auch eine Therapie kann einen Menschen nicht auf den Kopf stellen. Die süchtigen Verhaltensweisen werden immer in der Schublade bleiben", warnt der Psychologe. Ohne Selbsthilfegruppe hätten diese Menschen keine Chance. "Nur der eiserne Wille selbst, die Sucht zu überwinden, reicht erfahrungsgemäß nicht", betont Fischer. "Man braucht die Unterstützung von anderen und muss das Bewusstsein wach halten, süchtig zu sein und die Gefahr sehen, jederzeit wieder in die alten Verhaltensmuster zurückfallen zu können."

Noch hat Fischer-Pleil allerdings keinen Internet-Süchtigen in seiner Praxis gehabt. Noch gilt das Phänomen auch nicht als seriöse Krankheit, deren Behandlung von den Krankenkassen bezahlt wird. Meist müsse man bei diesen Verhaltensweisen ähnlich wie bei den anderen nicht stoffgebundenen Süchten zusätzlich andere psychische Erkrankungen diagnostizieren, um eine Kostenübernahme zu ermöglichen. Dennoch gibt es bereits Anlaufstellen mit therapeutischen Hilfen. Etwa eine Online-Beratung im Internet unter www.onlinesucht.de. Die Betreiber gestehen zwar selbst zu, dass es paradox klingt, Hilfe für Internet-Süchtige im Internet anzubieten. "Das ist so, als versuche man, einen Alkoholabhängigen in einer Kneipe bei einem Glas Wein vom Alkoholtrinken abzubringen." Aber sie haben dennoch die Erfahrung gemacht, dass das Internet nun mal erster Anlaufpunkt für Internet-Süchtige ist, da sie ja zur reellen Außenwelt fast keine Kontakte mehr haben.

Doris Wiese-Gutheil