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Sehnsucht nach dem Risiko


Eine junge Frau auf dem Hamburger Fernsehturm. Angespannte Muskeln. Zittrige Knie. Rasender Pulsschlag. Ein Gummiseil schnürt die Beine fest zusammen. Der Körper steckt in einem Schutzanzug. Sie blickt sich um. Unter ihr: 130 Meter. Vor ihr: Die Absprungstelle. Hinter ihr: ein Mann mit ermutigenden Worten.

Nur noch wenige Sekunden bis zum freien Fall. Letzte Bedenken: "Warum dieser Wahnsinn?" Die Worte des Mannes in ihrem Rücken nimmt sie kaum noch wahr. Sie denkt an nichts mehr. Nur an die Tiefe vor ihren Füßen. Dann hebt sie die Arme über den Kopf, schließt die Augen und lässt sich fallen. "Als ich wohlbehalten unten landete, war ich total aufgekratzt, gleichzeitig aber fix und fertig", berichtet Henriette Kuse. Ihre Glieder zitterten, das Herz pochte.

Die Lust, Gefahren zu meistern

Immer mehr Männer und Frauen begeben sich auf die Suche nach solchen extremen Erlebnissen wie das Bungee-Jumping. Doch nicht immer gehen diese Abenteuer glimpflich aus. Beim Canyoning, einer Mischung aus Klettern und Schwimmen, kamen im Juni bei einer Tour in der Schweiz mehr als 20 Touristen ums Leben.

Die Sehnsucht nach dem Risiko - was ist das? Dr. Rolf Speier, Ärztlicher Direktor der LWV-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina, erklärt: "Die scheinbare Gefahrlosigkeit in der westlichen Welt treibt Menschen dazu an, sich bewusst realen Gefahren auszusetzen. Männer und Frauen, die im täglichen Leben sonst recht vernünftig handeln, nehmen dabei lustvoll Strapazen auf sich." Sie spornt der Wille an, zu erfahren, wo die eigenen Grenzen liegen. "Bis ans Äußerste gehen", "sich selbst übertreffen", "beweisen, dass man es schaffen kann" - mit solchen oder ähnlichen Ausdrücken begründen die Akteure die vielfältigen Selbstherausforderungen. Sie suchen die körperliche Bewährung, den Kampf gegen sich selbst und die Natur. Dabei gehen sie bis kurz vor das Ende, um sich selbst zurufen zu können: "Ich habe es gemacht, ich habe es gepackt."

"Glücksdroge" Endorphin

Wer sich bewusst einer riskanten Situation aussetzt, will meist ein Rauschgefühl erleben: Den "Kick", den "Thrill". Diese erregende Empfindung lösen verschiedene Phänomene aus - wie die Geschwindigkeitsmanie, der Sprung ins Nichts, der extreme Nervenkitzel, das Gleiten und Schweben. Verantwortlich für das emotionale Hochgefühl ist die körpereigene "Glücksdroge" Endorphin. Sie wird in einem Teil des Gehirns, dem Hypothalamus, produziert und gelangt über die Hirnanhangdrüse in den Blutkreislauf.

Nach überstandenen Strapazen fühlen sich Extremsportler und Erlebnishungrige meistens seelisch befriedigt und selbst bestätigt. Allerdings hält der Thrill meist nur kurze Zeit an. Manchmal bleibt er gar völlig aus. Henriette Kuse hat bei ihrem Bungee-Sprung keinen Kick erlebt: "Es war zwar ein beeindruckendes Erlebnis", sagt die Reiseverkehrskauffrau. "Aber ich habe kein Hochgefühl gespürt. Ich war nach dem Sprung einfach nur erschöpft." Ein zweites Mal würde sie nicht in die Tiefe springen wollen.

Andere dagegen können von waghalsigen Aktionen und Glückshormonen gar nicht genug bekommen. Viele treibt es deshalb immer wieder dazu, sich erneut ähnlichen Wagnissen auszusetzen. "Es besteht durchaus die Gefahr, dass die Suche nach dem Kick suchtartig betrieben wird", sagt Dr. Speier. Das sei genauso wie bei allen anderen lustbetonten Verhaltensweisen.

Schwimmen zwischen Haien

Beim Flirt mit der Gefahr steht der Extremsport an erster Stelle. Neben dem Canyoning garantieren Wildwasser-Rafting und Freeclimbing den Nervenkitzel in Verbindung mit wahrem Naturerleben. Beim Freeclimbing bezwingen Frauen und Männer ohne jegliche Absicherungen Felswände und hohe Gebäude. Paraglider stürzen sich mit Gleitschirmen steile Hänge hinunter. Apnoe-Taucher suchen den Kick beim Versuch, ohne Sauerstoffgerät in größtmögliche Tiefen zu gelangen. Bei anderen Tauchern kribbelt's, wenn sie in der Karibik zwischen Hai-Schwärmen schwimmen.

Beliebte Orte auf dem Weg zur Selbsterfahrung sind die Wüste, das Gebirge, das Meer. Abenteurer laufen von Stadt zu Stadt, von Land zu Land - über Wochen, Monate, gar Jahre. Sie reisen um die Welt: zu Fuß, mit dem Auto, mit dem Rad, zu Pferde. Oder mit dem Schlitten von Pol zu Pol. Menschen dringen bis ins Innerste des dichtesten Dschungels vor und halten sich dort unter kargen Bedingungen am Leben. Sie wollen sich ausschöpfen, erschöpfen.
Die tatsächlichen Risiken werden in den meisten Fällen verdrängt. Zwar kennen Abenteurer die Gefahren ihres Handelns, glauben aber häufig, dass ein tragisches Ereignis sie nicht treffen könne - selbst wenn ein so verhängnisvoller Unfall wie beim Canyoning in der Schweiz Schlagzeilen macht. "Je mehr eine Extremsportart zu einem Massenphänomen wird, desto sicherer fühlen sich die Akteure", erklärt Dr. Speier. "Beim Canyoning verlässt sich der Kunde meist völlig darauf, dass die touristischen Anbieter Erfahrung haben. Es gibt aber letztlich keine Garantie für deren Seriosität"; sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.
Seinen Angaben nach nehmen nur einige wenige Abenteurer die Gefahr des Todes bewusst in Kauf - so wie Base-Jumper. Sie springen von Klippen, Brücken und Hochhäusern mit einem Fallschirm, der sich innerhalb sehr kurzer Zeit öffnen muss. Oft prallen sie dabei sehr hart am Boden auf. "Verletzte gibt es fast nie, nur Tote", sagte Base-Jumper Frank Garnbalie dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. Im vergangenen Jahr starben beim Base-Jumping fast 40 Springer.

Mutproben für Jugendliche, Vergewisserung für Erwachsene

Das Risiko suchen sowohl Frauen als auch Männer, sowohl Erwachsene als auch junge Menschen. In den Vororten Rio de Janeiros benutzen Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren die Dächer von überfüllten Zügen, um ihre Surfwettbewerbe auszutragen. Bei Geschwindigkeiten von bis zu 70 Kilometern pro Stunde versuchen sie, unter Hochspannungsleitungen und Brücken hindurch zu fahren. Der enorme Fahrtwind macht es schwer, das Gleichgewicht zu halten. "An einen Unfall", sagte einer der Jugendlichen in einem Interview mit der französischen Zeitung Libération, "daran denkt man schon. Aber aufs Dach klettern tun wir, weil im Zug kein Platz ist. Am Anfang legst du dich so flach hin wie möglich, den Bauch gegen das Dach gepresst. Aber bald wird dir das langweilig. Dann setzt du dich, dann versuchst du aufrecht zu stehen. Du kriegst den Wind voll in die Fresse, und dann beginnt das Spiel so richtig. Bald kommst du ohne dieses Gefühl nicht mehr aus, schlimmer als Rauchen ist das. Es gibt sogar welche, die nachts einen Surf hinlegen. Sie können fast nichts mehr sehen, sie gehen dann nach ihrem Instinkt, und das ist noch aufregender."
Die Motive der Jugendlichen unterscheiden sich meistens von denen der Erwachsenen, so Dr. Speier weiter. Wenn sich junge Menschen bewusst Gefahren aussetzten, so stünden oft Mutproben oder Initiationsriten dahinter - also solche Prüfungen, die ein Neuling bestehen muss, um in einer bestimmten Gruppe akzeptiert zu werden. Erwachsene dagegen wollen nach Angaben des Facharztes vor allem sich selbst beweisen, zu welchen Leistungen sie noch fähig sind. Dr. Speier: "Man könnte dabei von Vergewisserungsritualen verunsicherter Erwachsener sprechen." Oft bestehe dabei die Sehnsucht, ein Stück der erfahrenen Selbstbestätigung in den Alltag zu transferieren. "Ganz nach dem Motto: Wer beim Freeclimbing erfolgreich eine senkrechte Felswand bezwungen hat, der wird sich doch im Büro nicht vor dem Abteilungsleiter fürchten", so der Ärztliche Direktor.

Das Extreme boomt

Die Tourismusindustrie hat den Trend genau registriert: Das Extreme boomt. Reisebüros locken mit "abenteuerlichen", "aufregenden", und "auslastenden" Ferien. Hauptzielgruppe: "Besserverdienende" zwischen 20 und 35 Jahren.
Welche Extremsportart gewählt wird, hängt nach Angaben Dr. Speiers häufig vom Budget ab. Wer es sich finanziell leisten kann, betreibt die nicht ganz billigen Extremsportarten - von Reiseveranstaltern in Szene gesetzt und sachkundigen Führern begleitet. Jugendliche mit meist geringeren finanziellen Möglichkeiten suchen dagegen eher den "unorganisierten", sprich kostenlosen Kick wie beim Zug- oder S-Bahn-Surfen.

"Das Messen mit der Natur" - Kein neues Phänomen

Die "Sehnsucht nach dem Risiko" ist zwar ein typisches Kuriosum unserer Zeit, aber keinesfalls ein neues Phänomen, sagt der Extremsport-Kenner. Schon in der Erstbesteigung des Mount Everests, den zahlreichen Polarexpeditionen und selbst Kolumbus' Erdumsegelung sieht Dr. Speier ein "Messen mit den Herausforderungen der Natur". Allerdings seien diese Aktionen keine "Massenphänomene" gewesen.

Die professionell organisierte Jagd nach dem Kick gibt es nach Angaben des Ärztlichen Direktors erst seit den 90er Jahren. Sie hat ihren Ursprung in den USA.
Seither treibt die "Sehnsucht nach dem Risiko" immer mehr begeisterte Anhänger an die Grenzen ihres Leistungsvermögens. Der Heißhunger auf Höchstleistungen wird noch lange nicht zu befriedigen sein, glaubt Dr. Speier. Waghalsige Akteure werden weiter nach Mitteln und Wegen suchen, Gefahren zu steigern - solange diese überhaupt noch zu bewältigen sind. Zu den Nebenwirkungen der Risiken gibt es keine Packungsbeilage. Deshalb wird es letztlich auch von der Einschätzung der Anbieter abhängen, ob sie in der Lage sind, ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten. Auf der Suche nach dem Kick wird es jedoch immer ein Restrisiko für jene geben müssen, die sich danach sehnen. Denn für sie scheint zu gelten: "No risk, no fun."

Beate Philipp