Mit seiner Gründung 1953 wird der LWV im Auftrag der hessischen Kreise und kreisfreien Städte Träger von neun Kinder- und Jugendheimen in Hessen, in denen zu jener Zeit rund 1700 Zöglinge leben. Die Aufsicht liegt beim Hessischen Sozialministerium.
Es sind (in der Reihenfolge ihrer Größe)
das Heilerziehungsheim Kalmenhof in Idstein, in dem auch geistig behinderte Menschen betreut werden
das Jugendheim Wabern
das Mädchenheim Fuldatal in Guxhagen
das Jugendheim Staffelberg
das Jugendheim Homberg
das Jugendheim Idstein
das Jugendheim Steinmühle in Obererlenbach
das Jugendheim Weilmünster und
das Jugendheim Lahneck in Buchenau/Lahn.
Der Kalmenhof und das Jugendheim Idstein sowie die Jugendheime in Wabern und Homberg/Efze arbeiten heute in Trägerschaft der Vitos GmbH, einer Tochter des LWV. In den 70er Jahren wurden das Mädchenheim Fuldatal, das Jugendheim Steinmühle und das Jugendheim Weilmünster geschlossen. Im Januar 2002 hat der St. Elisabeth Verein in Marburg das Jugendheim Staffelberg in Biedenkopf und das Jugendheim Lahneck in Marburg übernommen.
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1968/69 werden mit den Aktionen der APO (außerparlamentarische Opposition) Missstände in den Heimen bekannt. Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Schüler und Studenten prangern die Erziehungspraxis in Flugblättern und Radiobeiträgen an: Man versuche, den Willen der Heimbewohner zu brechen, verprügele sie, zensiere ihre Briefe und sperre sie wegen nichtiger Vergehen im sogenannten Karzer ein, so die Kritik. Im Fokus bald auch wissenschaftlicher Kritiker stehen vor allem der Kalmenhof, das Jugendheim Staffelberg und das Mädchenheim Fuldatal in der ehemaligen Klosteranlage Breitenau. Mitarbeiter aus den Heimen selbst kritisieren Missstände öffentlich.
Im Dezember 1969 wird vom Hessischen Sozialministerium ein Beirat für Heimerziehung ins Leben gerufen, der Empfehlungen für eine Heimreform erarbeitet.
Ab 1970 werden Reformen umgesetzt. Die Belegung der Kinder- und Jugendheime wird stark reduziert. Und es werden verstärkt Pädagogen (Erzieher und Sozialarbeiter) eingestellt. Die waren bis dahin in den Heimen nur vereinzelt anzutreffen. Im Kalmenhof sinkt die Zahl der Bewohner von 1100 im Jahr 1954 bis zum Jahr 1974 auf 200. Im Mädchenheim Fuldatal sind 1953 150 Mädchen untergebracht, 1970 nur noch 35.
1972 wird der Kalmenhof umstrukturiert. Es entstehen drei einzelne Kinder- und Jugendheime mit neuen pädagogischen Konzepten, ein Heim für behinderte Kinder und Jugendliche und ein Heim für behinderte Erwachsene. Heute gibt es dort außerdem eine Werkstatt für behinderte Menschen.
1973 wird das Mädchenheim Fuldatal geschlossen.
1987 beauftragt der LWV zwei Sozialwissenschaftler der Uni Münster anlässlich des 100jährigen Bestehens des Kalmenhofs, die Geschichte der Einrichtung zu erforschen und zu dokumentieren. Christian Schrapper und Dieter Sengling veröffentlichen 1988 im Juventa Verlag das Buch „Idee der Bildbarkeit – 100 Jahre sozialpädagogische Praxis und Heilerziehungsanstalt Kalmenhof“.
1997 öffnet der LWV seine Akten für ein Forschungsprojekt von zwei Melsunger Gesamtschülern. Lucas Schirmer und Christine Wolf bekommen für ihre Dokumentation über das Mädchenerziehungsheim Fuldatal einen Preis beim Schülerwettbewerb „Deutsche Geschichte“.
2004 lädt der LWV ehemalige Heimkinder zu einer ersten Aussprache in den Kalmenhof ein. Bei diesem Treffen wird der Verein ehemaliger Heimkinder gegründet.
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Am 5. April 2006 entschuldigt sich die Verbandsversammlung (das Parlament) des LWV bei den ehemaligen Heimkindern für das erlittene Unrecht. „Der Landeswohlfahrtsverband erkennt an, dass bis in die 70er Jahre auch in seinen Kinder- und Jugendheimen eine Erziehungspraxis stattgefunden hat, die aus heutiger Sicht erschütternd ist. Der LWV bedauert“, heißt es in der Resolution, die an diesem Tag einstimmig verabschiedet wird, „dass Kinder und Jugendliche in seinen Heimen alltäglicher physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt waren“.
Am 9. Juni 2006 veranstaltet der LWV auf Einladung von Landesdirektor Uwe Brückmann gemeinsam mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel und der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen im Kalmenhof eine Tagung, um das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Von Referenten, Tagungsteilnehmern und ehemaligen Heimkindern wird einvernehmlich gefordert, einen Runden Tisch einzurichten.
Im Dezember 2008 wird der LWV Hessen vom Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages nach Berlin eingeladen, um Bericht zu erstatten.
Am 2. April 2009 tagt der Runde Tisch in Berlin bereits zum zweiten Mal. Evelin Schönhut-Keil, die Erste Beigeordnete des Landeswohlfahrtsverbandes berichtet dort über die Aktivitäten des LWV Hessen.
Am 10. November 2009 veranstalten der LWV und die Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen im Kalmenhof ein Expertengespräch zum Thema „40 Jahre Heimkampagne – was haben wir daraus gelernt?“.
Zum Programm
Am 30. November und 1. Dezember 2009 bietet Klaus Lehning, der für das Aufgabengebiet zuständige LWV-Experte, gemeinsam mit dem Experten der schleswig-holsteinischen Landesregierung, Georg Gorissen, während einer Fachtagung des Runden Tisches einen Workshop an. Titel der Tagung: „Wenn ehemalige Heimkinder heute zu uns in die Beratung kommen“.
Am 16. Juni 2010 beschließt der Verwaltungsausschuss des LWV, die Akten der ehemaligen Heimkinder auszuwerten und eine Wanderausstellung zur Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren beim LWV und einen Katalog zu erstellen.