19.06.2008
Neue Wege gehen: Experten berieten auf Fachtagung, wie Hilfen für Menschen mit Behinderung noch wirksamer werden können
Der Weg zu einer „wirkungsorientierten Steuerung in der Behindertenhilfe“ ist eingeschlagen. „Es geht auch besser“ - waren sich die rund 130 Teilnehmer einer Fachtagung einig, die kürzlich in Groß-Gerau stattfand. Veranstalter waren neben dem LWV der Sozialpsychiatrische Verein Kreis Groß-Gerau e. V. (SPV), das Mainzer Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) sowie der Kreis Groß-Gerau, in dessen Räumen die Fachleute aus ganz Hessen zusammenkamen. Input und fundierte Grundlage für die Beratungen lieferten die Ergebnisse einer Untersuchung, die das IKJ in den Psychosozialen Zentren Biebesheim und Groß-Gerau des SPV durchgeführt hatte. Ziel dieser Studie war, wissenschaftlich begründete, systematische Aussagen über Wirkungen der Arbeit des SPV für die dort betreuten Personen, überwiegend Menschen mit seelischer Behinderung und chronischer seelischer Erkrankung, machen zu können. Eine Untersuchung, wie sie bislang in der Behindertenhilfe noch unüblich ist.
Die Arbeit des SPV sei von der Wertschätzung behinderter Menschen und dem Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geprägt, erläuterte Bettina Scholtz, Vorsitzende des SPV. Gleichwohl aber stelle sich die spannende Frage „Fühlen sich die Besucher des Zentrums tatsächlich wohl, geht es ihnen besser? Stimmt das, was wir Profis denken, was gut ist, auch wirklich mit den Bedürfnissen der Nutzer überein?“ Die Wissenschaftler Professor Dr. Michael Macsenaere und Daniela Adams vom Mainzer Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) konnten als ein Ergebnis ihrer Erhebungen bestätigen, dass die Arbeit der Fachkräfte des SPV von den Nutzern als sehr hilfreich erlebt wird. Die Symptome der Krankheit verringerten sich, Kompetenzen der benachteiligten Menschen seien gestärkt worden. Aufgrund einer sehr guten individuellen Hilfeplanung seien die mit dem behinderten Menschen vereinbarten Rehabilitationsziele in hohem Maße erreicht worden. Allerdings sei der Untersuchungszeitraum sehr kurz gewesen. Die beiden Wissenschaftler empfahlen daher, derartige Auswertungen regelmäßig und auch bei anderen vergleichbaren Einrichtungsträgern vorzunehmen. Damit könnten Vergleiche angestellt werden, die Aussagekraft der jeweiligen Daten ließe sich deutlich erhöhen.
Der Kreis Groß-Gerau, so Peter Bäumel von der Kreisverwaltung, sei mit der Untersuchung und deren Ergebnissen zufrieden und hob den engen Zusammenhang mit der Einführung personenzentrierter Hilfen für Menschen mit Behinderungen im Kreis hervor. Die gute Zusammenarbeit in der Hilfeplankonferenz und die enge Kooperation mit den verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beim LWV seien eine wichtige Grundlage für die erfolgreiche, zielgerichtete Arbeit in den Zentren des SPV.
Vor dem Hintergrund steigender Fallzahlen und wachsender Kosten in der Eingliederungshilfe betonte Gerhard Kronenberger die steigende Bedeutung von Untersuchungen zur Wirkungsanalyse für den LWV Hessen. Auch wenn dies schwierig sei, müsse die Behindertenhilfe ihren Blick in Zukunft stärker darauf richten, welchen Nutzen ihre Leistungen tatsächlich für die Betroffenen haben.
Die anschließende Diskussion, moderiert von Ulrike Holler, langjährige Redakteurin des Hessischen Rundfunks, war erwartungsgemäß kontrovers. Es gab viel Zustimmung zum Untersuchungsansatz des IKJ; andere Diskussionsteilnehmer zeigten sich skeptisch: Der Aufwand sei zu hoch und man wisse schon selber am besten, ob man gute Arbeit leiste.
Fazit: Die Baustelle „Wirkungsorientierung“ ist eröffnet – und es wird noch weit und tief zu graben sein.
Weitere Informationen zur Erhebung des IKJ unter
www.ikj-mainz.de