Studie von Peter Sandner arbeitet Rolle des Bezirksverbandes Nassau bei NS-"Euthanasie"-Verbrechen heraus – Buchvorstellung in Wiesbaden
Sperrfrist: 27. Februar 2004, 11 UhrWiesbaden/Kassel (lwv): Die Beteiligung wichtiger Akteure des Bezirksverbandes Nassau an den NS-"Euthanasie"-Verbrechen in den damaligen Heilanstalten in Hadamar, Eltville und Idstein steht im Mittelpunkt einer Studie, die heute im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden vorgestellt wurde. In der Untersuchung mit dem Titel "Verwaltung des Krankenmordes" arbeitet Verfasser Dr. Peter Sandner, langjähriger Mitarbeiter in der vom LWV betriebenen Gedenkstätte Hadamar und im LWV-Archiv in Kassel, erstmals den bedeutenden Anteil einer Verwaltung an den grausamen Verbrechen heraus, die an kranken und behinderten Menschen begangen wurden. Die historische Forschung hatte sich hier bislang vor allem mit der Verantwortung von Ärzten und Pflegekräften befasst. Bei der Buchvorstellung hob LWV-Landesdirektor Lutz Bauer hervor, dass die Arbeit einen bisher weitgehend unerforschten Bereich in den Fokus genommen habe und somit einen wichtigen Beitrag zur historischen Forschung über die Verbrechen an kranken und behinderten Menschen durch die Verwaltung im Nationalsozialismus insgesamt leiste.
Zwar sei die Arbeit Sandners nicht im Rahmen und als Teil seiner dienstlichen Aufgaben entstanden, sie könne aber durchaus in die umfangreichen wissenschaftlichen und gedenkstättenpädagogischen Bemühungen des LWV zur geschichtlichen Aufarbeitung der NS-Verbrechen in seinen Vorgängereinrichtungen eingeordnet werden, sagte Bauer bei der Buchvorstellung. In den ersten Nachkriegsjahren noch eher vorsichtig und zurückhaltend, später aber, als die mit der Übernahme der Einrichtungen verbundene Verantwortung erkannt worden sei, entschiedener, habe der LWV in seinen Einrichtungen, heute überwiegend psychiatrische Kliniken, ein landesweites Netz an Gedenkstätten, Mahnmalen und historischen Ausstellungen geschaffen. Sie sollen dazu beitragen, dass die Verbrechen dieser Zeit nicht in Vergessenheit geraten, sondern im öffentlichen Bewusstsein bleibend Gegenwehr sichern. Immerhin, fügte der LWV-Chef hinzu, sei bereits 1953 mit einem Relief in der damaligen Heilanstalt Hadamar das erste Mahnmal dieser Art überhaupt in Deutschland entstanden. Die Arbeit in der Gedenkstätte Hadamar werde durch umfangreiche publizistische Produkte des Aufgabenbereichs "Archiv, Gedenkstätten und Historische Sammlungen" der LWV-Hauptverwaltung in Kassel ergänzt, mehrere Schriftenreihen lieferten wertvolle Erkenntnisse zur Psychiatrie- und Sozialgeschichte im Nationalsozialismus und vorangehenden geschichtlichen Epochen.
Zum Inhalt des Buches (Kurzfassung des Autors)
Thema der Studie ist die Geschichte des 1867 gegründeten und 1953 aufgelösten Bezirksverbandes Nassau mit dem Fokus auf der NS-Zeit. Der Verband (mit Sitz im Wiesbadener Landeshaus) war der preußische Kommunalverband für den Regierungsbezirk Wiesbaden. Zu seinen wichtigsten Aufgaben zählte die Trägerschaft der Landesheilanstalten im Bezirk (u. a. Hadamar und Eichberg), die 1941–1945 zu zentralen "Euthanasie"-Anstalten wurden.
Herausgehobene Rolle der Verwaltung
Im Kern befasst die Arbeit sich mit der Rolle einer regionalen Verwaltungselite bei den NS-"Euthanasie"-Verbrechen. Die Studie, die im Spektrum der jüngeren Täterforschung zu verorten ist, arbeitet den elementaren Anteil der Verwaltung an der Mordpolitik heraus, nachdem die bisherige historische Forschung zum Komplex der Krankenmorde sich auf die Verantwortung der Ärzte und Pflegekräfte konzentriert hatte. Es wird gezeigt, mit welchen politischen und verwaltungstechnischen Mitteln die Verwaltungsführung in Wiesbaden den hessisch-nassauischen Bezirk Wiesbaden zu einem reichsweiten Zentrum der Krankenmorde machte. Allein in den Anstalten des Bezirks fielen etwa 20.000 kranke und behinderte Menschen den NS-Verbrechen zum Opfer.
Überraschend ist dabei die reibungslose Kooperation von leitenden Beamten ganz unter-schiedlicher Herkunft und Charakteristik: von NS-Ideologen (SS-Karrieristen) einerseits und von Verwaltungsfachleuten (Wahlbeamten aus der Weimarer Zeit) andererseits. Zwischen intentionalen und strukturellen Beweggründen traten weit weniger Konflikte auf, als die frühere NS-Forschung annahm. Vertreter beider Gruppen zogen vielmehr an einem Strang und verwirklichten damit das "rassenhygienische" Ziel der so genannten "Vernichtung lebensun-werten Lebens" ebenso wie das machtpolitische Ziel einer wirtschaftlichen Stärkung des Verbandes. Erstmals wird die Frage beantwortet, wieso einzelne regionale Anstalts- und Fürsorgeträger sich aktiv an der Ermordung ihrer Klientel beteiligten, obwohl dies (wegen ausfallender Pflegegelder) doch unweigerlich zum "Bankrott" der von ihnen getragenen Anstalten führen musste: Durch Absprachen mit den zentralen Berliner Organisatoren der Krankenmorde konnte der Bezirksverband Nassau sicherstellen, dass die jeweils "leer gemordeten" Anstaltsplätze unverzüglich wieder mit Patienten aus anderen Reichsteilen belegt wurden. So machte der Verband sich in den letzten Kriegsjahren, als die zentralen Gasmorde offiziell längst eingestellt waren, zum Mitbetreiber einer Fortsetzung der Kranken- und Behindertenmordaktion.
Handlungsspielraum der Mittelinstanzen
Die Studie bedient sich der Methode einer historischen Institutionenanalyse. Sie zeigt anhand des Bezirksverbandes Nassau die elementare Bedeutung der Mittelinstanzen des "Dritten Reiches" für die Realisierung der Mordpläne. Es wird der bislang unbeachtete Handlungsspielraum dieser Schnittstellen auf der mittleren Verwaltungsebene ausgelotet. Aufgrund seiner Scharnierfunktion zwischen oben (der Zentrale in Berlin) und unten (den örtlichen Anstalten) erwarb der Bezirksverband sich ein Handlungspotenzial, das er zum Schaden der Behinderten und Kranken nutzen konnte. Während andere Provinzial-, Bezirks- oder Landesverwaltungen eher "Sand im Getriebe" waren, trieb der Bezirksverband Nassau die Mordmaschinerie zusätzlich an. Insgesamt kann die Studie zum Bezirksverband so verständlich machen, wieso einige wenige deutsche Regionen (darunter der Regierungsbezirk Wiesbaden) zu Zentren der NS-Krankenmorde wurden.
Peter Sandner: Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus (= Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Hochschulschriften Bd. 2), Gießen: Psychosozial-Verlag 2003. 788 Seiten, 35,00 Euro. ISBN 3-89806-320-8.








