Pressemitteilung vom 10. März 2004

Einsatz für die gemeindenahe Psychiatrie: WALTER-PICARD-PREIS 2004 geht an Edelgard Nolting aus Frankfurt und an die Laienhilfe "Miteinander" im Waldkrankenhaus Friedrichsdorf-Köppern

Sperrfrist, 10. März 2004, 13 Uhr

Kassel/Riedstadt (lwv): Edelgard Nolting aus Frankfurt am Main und die Laienhilfe "Miteinander" im Waldkrankenhaus Friedrichsdorf-Köppern sind die Preisträger des vom LWV Hessen gestifteten Walter-Picard-Preises, der heute zum zweiten Mal vergeben wurde. LWV-Landesdirektor Lutz Bauer überreichte bei einer Festveranstaltung im Riedstädter Philippshospital die Urkunden an die beiden Preisträger, die sich den mit insgesamt 5.000 € dotierten Preis teilen. Der Preis wird im zweijährigen Turnus verliehen. In seiner Laudatio skizzierte Bauer das langjährige Wirken der Preisträger, die sich ganz im Sinne Walter Picards, dem früheren Bundestagsabgeordneten und engagierten Psychiatriereformer aus Offenbach, für die Stärkung der gemeindenahen psychiatrischen Versorgung eingesetzt hätten: "Mit Frau Nolting und der Laienhilfe ‚Miteinander’ möchten wir zwei bemerkenswert engagierte und tüchtige Aktivposten im sozialpsychiatrischen Hilfesystem ehren, die sich vor allem durch ihre Mitmenschlichkeit auszeichnen."

Die Entscheidung sei der Jury, die unter dem Vorsitz des LWV-Chefs zusammen kam, und anschließend dem Verwaltungsausschuss des Verbandes nicht leicht gefallen: Insgesamt 18 qualifizierte Vorschläge seien eingegangen, in denen sich in vielfältiger und qualifizierter Weise beherztes Engagement zur Verbesserung der sozialpsychiatrischen Versorgung in Hessen darstellte. Mit der Vergabe des Walter-Picard-Preises, so Bauer bei der Preisverleihung, verfolge der LWV drei Ziele: Reformideen im Geiste der Psychiatrie-Enquete sollen gestärkt, der ehrenamtliche Einsatz zugunsten psychisch kranker Menschen solle gefördert und die Verdienste Prof. Walter Picards, dem Initiator der Psychiatrie-Enquete und Mitbegründer der Aktion psychisch Kranke e. V. aus Offenbach, sollten so gewürdigt werden. Bei der Gestaltung dezentraler und offener Hilfeangebote in der Psychiatrie habe Picard, der auch Abgeordneter der LWV-Verbandsversammlung war, die Stärkung der gesellschaftlichen Selbsthilfe sehr am Herzen gelegen. Daher kämen für die Preisverleihung - wie die diesjährige Auswahl zeige - besonders herausragende Einzelpersonen wie auch Vereine "außerhalb des institutionalisierten Bereiches" in Frage. "Wir wollen dem ehrenamtlichen Einsatz – auch stellvertretend für die vielen anderen dazu entwickelten Initiativen in Hessen – unsere Anerkennung zeigen und unseren Respekt ausdrücken", sagte Bauer.

Preisträgerin Edelgard Nolting

Das ehrenamtliche Engagement für Menschen mit einer psychischen Erkrankung und ihren Angehörigen ist seit Langem Teil des Lebens der 61-jährigen Frankfurterin. Anfang der achtziger Jahre, als ihr Sohn psychisch erkrankte, stellte Frau Nolting Mängel im psychiatrischen Versorgungsangebot fest: Rehabilitationsmöglichkeiten gab es kaum, Angehörige fanden wenig Unterstützung, um Familienmitglieder bei der Bewältigung ihrer Krankheit helfen zu können. Als sehr befreiend empfand sie die Möglichkeit, bei einer Gesprächsgruppe für Angehörige bei der Frankfurter Werkgemeinschaft teilzunehmen. Die Angehörigengruppe wurde zur Keimzelle der 1988 als eingetragener Verein gegründeten "Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen, Freunde und Förderer psychisch kranker Menschen in Frankfurt", in dem Frau Nolting den Vorsitz übernahm und bis heute inne hat. Zuvor war sie bereits bei der Gründung des Landesverbandes Hessen der Angehörigen psychisch Kranker dabei. Dort wirkt sie noch heute im Vorstand mit.

Der Frankfurter Verein übernahm in den Folgejahren vielfältige Aufgaben in der Informations-, Beratungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Bereits nach kurzer Zeit konnten Vereinsmitglieder eine wöchentliche Telefonsprechstunde und einen monatlichen Angehörigentreff anbieten. Besonders am Herzen lag Frau Nolting der Aufbau eines telefonischen Krisendienstes für Tages- und Wochenzeiten, in denen professionelle Ansprechpartner nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung stehen. 1994 wurde auf ihre Initiative in Frankfurt ein solcher telefonischer Krisendienst eingerichtet. Die Vereinsarbeit erstreckte sich in den folgenden Jahren auch auf Weiterbildungsangebote für Familienangehörige und die Öffentlichkeitsarbeit, die sich auch an nicht von psychischen Erkrankungen betroffene Menschen richtet.

Über mehrere Jahre setzte sich Frau Nolting besonders für den Fortbestand des "Bamberger Hof", der innovativen psychiatrischen "Klinik ohne Betten" ein. Gegenwärtig ist Frau Nolting eine von vier Sprecherinnen der "Fachgruppe Psychiatrie Frankfurt".

Preisträgerin Laienhilfe "Miteinander"

Seit gut 35 Jahren gibt es die Laienhilfe "Miteinander" im Waldkrankenhaus Friedrichsdorf-Köppern, heute als Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie eine Betriebsstätte des ZSP Hochtaunus gGmbH.

Dort unterstützen die rund 30 Frauen und Männer der Gruppe psychisch kranke Mitmenschen bei ihrem Klinikaufenthalt. 1968 im Bewusstsein um die schwierige persönliche Situation von Menschen, die sich in eine stationäre psychiatrische Behandlung begeben müssen, gegründet, war es Ziel der Gründerin Gertrud Vey und ihrer Mitstreiter, ein Stück Normalität in den Krankenhausalltag zu bringen, unterschieden sich doch Behandlungsmethoden und die Ausstattung in den psychiatrischen Kliniken Ende der sechziger Jahre deutlich vom heutigen Standard. Die Laienhilfe richtete Arbeitsgruppen ein, die heute noch aktiv sind: Eine dieser Arbeitsgruppen begleitet bewegungseingeschränkte behinderte Menschen sowie verwirrte und unruhige Patienten zu Gottesdiensten. Die zweite Arbeitsgruppe übernahm die Organisation und die wöchentliche Ausleihe der Patientenbücherei. Ein weiteres Team betreibt das "Lädchen" im Waldkrankenhaus und verkauft dort preiswerte gebrauchte Kleidung und Produkte aus der Beschäftigungs- und Arbeitstherapie. Die vierte Arbeitsgruppe schließlich veranstaltet regelmäßige Kaffeenachmittage im Sozialzentrum des Krankenhauses. Die örtlichen Kirchengemeinden und die Klinikseelsorger beider Konfessionen unterstützen die Arbeit der Laienhilfe seit Langem, auch durch materielle Hilfe. Stellvertretend für die vielen Helferinnen und Helfer, die aus den Friedrichsdorfer Stadtteilen und seit einiger Zeit auch aus der Nachbargemeinde Wehrheim kommen, nahm die Auszeichnung deren Sprecherin, Eva Bablick-Hoffmann, entgegen.

Digitale Fotos der Preisträger bzw. der Veranstaltung übersenden wir Ihnen gern auf Anfrage.