"Ach, könnte man fliegen!"

Rolf-Christian Rau hat das Leben von seiner schlimmsten Seite kennen gelernt, heute genießt er es wieder. Unterstützt hat ihn Reinhard Goldbach vom Integrationsfachdienst (IFD). Er hat für ihn einen perfekt passenden Arbeitsplatz im Polizeipräsidium Westhessen in Wiesbaden gefunden, der Rau wie auf den Leib geschneidert ist - und seiner poetischen Ader wieder Kraft verleiht.

WIESBADEN. "Das Leben ist schön, aber man muss sich auch darum kümmern", sagt Rolf-Christian Rau. Er strahlt, wirkt aufgeräumt und optimistisch. Schlank ist er, gepflegter Bart, braune Augen, dunkelblauer Pullunder über dem Hemd. Er passt gut hierher, ins Polizeipräsidium Westhessen in Wiesbaden, zu den Kollegen in Uniform. Rau führt durch das historische Gebäude, ehemals ein Krankenhaus: breite, lange Gänge, verwirrend viele Treppenhäuser, noch mehr Flure, Büros und noch mehr Büros. Zielsicher strebt er zur Tür am Ende eines Ganges, hier sitzt Marcus Baumann, Schwerbehindertenvertreter des Polizeipräsidiums Westhessen, die beiden duzen sich. Mit von der Partie am heutigen Tag ist Reinhard Goldbach, Diplom-Soziologe vom Integrationsfachdienst Wiesbaden-Rheingau-Taunus. Zu dritt haben sie geschafft, was zu einem Zeitpunkt vor einigen Jahren in Rolf-Christian Raus Alltag in so weiter Ferne schien: die Schönheit des Lebens wieder zu erkennen.

"Als Herr Rau zum ersten Mal zu mir in die Sprechstunde kam, 2014 war das, hat er gesagt: 'Ich kann so nicht mehr weiter machen, es geht nicht mehr'", erinnert sich Goldbach an die erste Begegnung, und Rau ergänzt: "Ich war sehr chaotisch zu diesem Zeitpunkt, habe das zwar wahrgenommen, aber konnte nichts daran ändern. Ich denke, es ging zunächst darum, mir eine innere Struktur zu geben. Herr Goldbach hat das erkannt, er hat mein Anliegen gesehen."

 

AUS DER BAHN GEWORFEN

Was war geschehen, was hat Christian Rau aus der Bahn geworfen, diesen so reflektierten, aufgeschlossenen Menschen? "2001 hatte ich einen Schlaganfall", beginnt er zu erzählen von der Verkettung verschiedener Schicksalsschläge, die über Jahre hinweg immer wieder seine Freude am Leben gedämpft haben. Damals war er 39, die Ehe brach auseinander, ein zweiter Schlaganfall im Vorstadium verunsicherte ihn zusätzlich. Rau holte sich Hilfe, machte Therapien, um sich psychisch zu stabilisieren, nahm Medikamente. Seine Arbeitsstelle als Vertriebsassistent in einer Firma hatte er da schon längst verloren und arbeitete über persönliche Kontakte bei seinem früheren Lehrbetrieb. Doch dann kam eine rheumatische Erkrankung hinzu, ein weiterer Rückschlag. Es folgten erneut Behandlungen, ein Aufenthalt in der Rheumaklinik und schließlich die Anerkennung der Schwerbehinderung aufgrund der Erkrankung. Über die Rheumaklinik bekommt er ein Coaching vermittelt zur Teilhabe am Arbeitsleben, erhält Bewerbungstraining und macht auch ein viermonatiges Praktikum. Eine Anstellung findet er zunächst nicht.

 

JOB IN DER LANDESVERWALTUNG

"Schließlich bin ich über die Arbeitsagentur an ein Sonderprogramm der Landesregierung Hessen gekommen, das Schwerbehinderte unter 50 Jahren Arbeit in der Landesverwaltung ermöglichen sollte", erklärt Rau seinen Werdegang, der ihn schließlich zur westhessischen Polizei geführt hat. Das war im Jahr 2010, neun Jahre nach dem Schlaganfall. Rau tritt eine Stelle in Usingen an, nicht weit entfernt von seinem Wohnort. Doch mit der Zeit fühlt er sich den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Zu seinen Aufgaben zählt die Bearbeitung von Haftbefehlen wegen Diebstahls, Körperverletzung und ähnlichen Delikten. Auch wenn er nicht inhaltlich Entscheidungen treffen muss, sondern vorrangig mit der Ablage beschäftigt ist, fühlt er eine starke Verantwortung, will keine Fehler machen. Rau ist ein gewissenhafter, nahezu perfektionistisch veranlagter Mensch. Die Kollegen erwarten von ihm ein höheres Arbeitstempo, mehr Leistung. Diesem Druck hält Rau immer weniger Stand. "Ich hatte wieder verstärkt mit Depressionen zu kämpfen, einmal hatte ich Panik, zur Arbeit zu gehen", beschreibt er sein Lebensgefühl damals. Es wird so schlimm, dass er krankgeschrieben wird und in eine psychosomatische Klinik geht.

 

ERHÖHTE ANFORDERUNGEN

Reinhard Goldbach weiß aus seiner Praxis beim IFD, dass Rau mit diesen Überforderungsgefühlen keineswegs allein dasteht, im Gegenteil, Goldbach erkennt ein typisches Muster: "Wir erleben es seit einigen Jahren verstärkt, dass die Menschen unter großem psychischem Druck an ihrem Arbeitsplatz stehen und sie deswegen unsere Beratung aufsuchen. Die zunehmende Arbeitsmenge muss meist unter Zeitdruck bewältigt werden und die neuen Medien stellen erhöhte Anforderungen an die individuelle Konzentrationsfähigkeit, Stichwort "multitasking". Wenn dann noch durch die Konkurrenzsituation das Betriebsklima leidet und die Unterstützung von Vorgesetzten fehlt, ist schnell die Belastungsgrenze erreicht, vor allem, wenn private Sorgen hinzukommen."

Für Goldbach war relativ schnell klar, dass an dem Arbeitsplatz in Usingen für Rau auch Gespräche mit den Vorgesetzten wenig Erfolg bringen würden, dafür war das Verhältnis zu den Kollegen und die Gesamtsituation bereits zu sehr festgefahren. "Normalerweise ist das der erste Schritt, auch um den Arbeitsplatz zu sichern. Aber in diesem Fall mussten wir eine andere Lösung finden." Typisch sei in einer solchen Situation, dass Selbstzweifel aufkommen, gefolgt von der Idee, einen kompletten Neuanfang zu wagen. Als kulturell interessierter Mensch dachte Rau daran, in einem ganz anderen Bereich tätig zu werden, fernab von Verbrechen. Doch um den Arbeitsplatz zu sichern, konnte Goldbach Rau davon überzeugen, bei der Polizei noch einmal die Möglichkeiten auszuloten, zumal ohnehin nach sechs Wochen Krankschreibung ein Gespräch zum Betrieblichen Eingliederungs-Management (BEM) anstand. "Hier ist es für uns vom IFD von Vorteil, dass wir viele Kontakte haben zu den Schwerbehindertenbeauftragten in den Unternehmen und auch bei den Behörden", sagt Goldbach, so auch zu Marcus Baumann. Rolf-Christian Rau fühlte sich wiederum gut begleitet von Goldbach bei diesem Gespräch über seine berufliche Zukunft: "Man ist dann nicht alleine, sondern hat jemanden dabei, der unterstützt." Ein wichtiger Punkt, denn oftmals ist es schwer, eine Überforderung einzugestehen und den direkten Weg zum Schwerbehindertenvertreter zu gehen. Die neutrale Beratung eines Außenstehenden vermag es eher, auch dem Betroffenen Klarheit über seine Gesamtsituation zu verschaffen und Perspektiven aufzuzeigen.

 

NEU DURCHGESTARTET

Raus Wunsch, neu durchzustarten, ging in Erfüllung. Ein bisschen half er selbst nach mit einem spontanen Umzug nach Wiesbaden, hier wollte er auch arbeiten und einen Schlussstrich ziehen unter die letzte Arbeitsstelle und damit einen komplizierten Lebensabschnitt. Und eine Prise Glück hatte er auch, endlich, nach einer langen Zeit der Rückschläge: Im Polizeipräsidium Westhessen in Wiesbaden sollte eine neue Stelle geschaffen werden, für die Baumann Rolf-Christian Rau als absolut geeignet erachtete: "Ich kannte ihn schließlich bereits von seinem Bewerbungsgespräch für die Stelle in Usingen, da war er ebenso aufgeräumt und eloquent wie heute", erinnert sich Baumann. Entscheidend für den Erfolg war aber nicht zuletzt eine sehr positiv eingestellte Vorgesetzte, in deren Bereich ein Geschäftszimmer mit Zeitmanagementaufgaben neu etabliert werden sollte - der ideale Arbeitsplatz für Rolf-Christian Rau. "Sie ist mir gleich im ersten Gespräch so empathisch begegnet. Es war für mich sehr hilfreich, von der Leitung der Dienststelle mit offenen Armen empfangen zu werden, mit einem Lächeln und einem guten Gefühl. Das hat mich richtig gepusht und mir einen guten Drive gegeben." In der Praxis erfüllt sich die Hoffnung, die alle Beteiligten in den neuen Job für Rau gesetzt haben. "Ich bin ein sehr kreativer Mensch", sagt er über sich selbst, "und hier konnte ich beispielsweise die gesamte Ablage von Anfang an selbst strukturieren und sehr selbstständig arbeiten." Kommunikativ ist er auch, was ihm bei den vielen Gesprächen und Telefonaten mit der Belegschaft zugute kommt. Dabei ist das Aufgabengebiet klar abgesteckt, ermöglicht aber in diesem Rahmen die nötige Freiheit. Inzwischen hat er einen neuen Vorgesetzten, die frühere Chefin hat den Bereich gewechselt. Auf ihrem Abschiedsfest hat Rolf-Christian Rau ihr ein selbst verfasstes Gedicht vorgetragen, als Dank für ihre Unterstützung, die ihm so wichtig war. "Anders sein dürfen eben, so, wie es einem entspricht und gefällt, und man erhält seinen Platz in dieser Welt" heißt es darin. Heute geht es Rolf-Christian Rau gut. Seit Januar 2017 arbeitet er im Einvernehmen mit der Rentenversicherung in Vollzeit und ist auf eine Teilerwerbsminderungsrente nicht mehr angewiesen. Für Goldbach die schönste Bestätigung: "Wenn Herr Rau mich nicht mehr braucht, haben wir alles richtig gemacht."

Katja Gußmann


Könnte man fliegen

 

Könnte man fliegen, so wie ein Vogel

Wäre kein Weg zu weit

Förmlich über den Dingen stehen

Mit Gelassenheit

Die Flügel ausbreiten

Mit Anmut und Kraft

Sich selbst wieder finden

Vertrauen erwacht

Mutig sein, Gefühle erleben

Anders sein dürfen eben

So, wie es einem entspricht und gefällt

Und man erhält

Seinen Platz in dieser Welt

 

Ach könnte man

 

Rolf-Christian Rau


AUS DER REGION FÜR DIE REGION

Interview mit Heike Barth, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Integrationsfachdienste (IFD) und Leiterin des IFD Wiesbaden-Rheingau-Taunus, sowie Maria Stillger, LWV-Regionalmanagerin, verantwortlich für das IFD-Netzwerk in Hessen

 

Frau Stillger, wie wichtig sind für Sie die Integrationsfachdienste?

Maria Stillger: Sie sind ein ganz wichtiger Partner. Man könnte sagen, die IFD sind der verlängerte Arm des Integrationsamtes. Sie bearbeiten die Region aus der Region. Die IFD haben die Übersicht über Betriebe und Netzwerke vor Ort. Wenn sich jemand an sie wendet, klären sie vorab, wer Leistungsträger ist: das LWV-Integrationsamt, die Arbeitsagentur oder ein Reha-Träger. Bei Fällen, in denen wir Auftraggeber sind, treten wir vor Ort gemeinsam auf und stimmen uns ab. Unser gemeinsames Ziel ist es, den Arbeitsplatz einer oder eines schwerbehinderten Beschäftigten zu erhalten. Heike Barth: Wir bieten ebenso einzelfallunabhängige Beratungen für Schwerbehindertenbeauftragte und Personalverantwortliche an, geben ihnen Handwerkszeug mit auf den Weg. Die Schwerbehindertenvertretungen sind wichtige Partner im Betrieb, um gute Lösungen im Einzelfall zu finden.

 

Auf welchen Wegen kommen die schwerbehinderten Menschen zu Ihnen?

Barth: Auf Anraten von Arbeitgebern und betrieblichen Helfern. Jeder Vierte ergreift selbst die Initiative. Andere werden zum Beispiel von Kliniken, Reha-Trägern, anderen Beratungsstellen oder von der Arbeitsagentur geschickt.

Stillger: Wenn jemand bei uns anruft und sein Problem schildert, dann können wir in vielen Fällen sagen: "Gehen Sie zunächst zum IFD." Dieser übernimmt eine Lotsenfunktion.

 

Wie lange dauert eine Unterstützung durch den IFD?

Barth: Das ist unterschiedlich. Manchmal bedarf es nur weniger Gespräche. Wenn jemand zum Beispiel wissen will, wo er einen Schwerbehindertenausweis bekommt oder einen Antrag auf Gleichstellung mit Schwerbehinderten stellen kann, unterstützen wir bei der Antragstellung beim Versorgungsamt oder der Agentur für Arbeit. In anderen Fällen gibt es den Wunsch nach einer Beratung, wie man mit einer bestimmten betrieblichen Situation umgeht. Hier reichen oftmals ein bis fünf Gespräche, um das Anliegen zu besprechen. Und wenn notwendig, kann dann eine längerfristige Begleitung über ein, zwei Jahre initiiert werden. Dem müssen die Leistungsträger zustimmen. Das ist sehr häufig das Integrationsamt, das können auch deutsche Rentenversicherungen, Unfallkassen, Berufsgenossenschaften oder die Agenturen für Arbeit sein. Übrigens: Wir sind auch Ansprechpartner für Menschen, die einen Arbeitsplatz suchen.

Stillger: Wir würden uns wünschen, dass andere Leistungsträger die Angebote des IFD mehr nutzen würden.

 

Wie sieht die Zusammenarbeit des IFD mit anderen aus?

Barth: Wir sind regional gut vernetzt, arbeiten mit Ärzten zusammen - zum Beispiel wenn unsere Berater bei Klienten mit psychischer Beeinträchtigung den Eindruck haben, dass die medizinische Versorgung nicht ausgereizt ist. Vorausgesetzt der Klient stimmt zu. Wir arbeiten mit Beratungsstellen, etwa Schuldner- und Suchtberatungen zusammen, mit Fachanwälten, Kliniken, JobCoaches. Wir haben den Blick darauf, welche Faktoren neben der Behinderung eine Rolle spielen.

 

Welche Rolle hat das LWV Hessen Integrationsamt? Ist es nur Kostenträger?

Stillger: Nach dem Sozialgesetzbuch IX ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es flächendeckend niedrigschwellige Anlaufstellen gibt. Derzeit gibt es 34 IFD in Hessen, die bei freien Trägern angesiedelt sind. Wir schließen eine Dienstleistungsvereinbarung mit ihnen. Sie sind zuständig für Menschen, die von Behinderung bedroht, behindert, schwerbehindert oder Schwerbehinderten gleichgestellt sind. Es gibt übrigens auch IFD, die besonders auf die Situation hörgeschädigter Menschen eingehen können. Die bieten Kommunikationswege wie Gebärdensprache oder Bildtelefon an, wissen, was man beim Gespräch beachten muss und welche Hilfsmittel oder Unterstützungsmöglichkeiten es gibt.

Wir prüfen auch, ob ein IFD alle Vorgaben erfüllt: Er muss ein Büro in gut erreichbarer Lage haben, damit der Zugang niedrigschwellig ist. Er muss wirtschaftlich eigenständig sein. Er muss über erfahrenes und qualifiziertes Personal verfügen und alle Qualitätsstandards einhalten. Unsere Prüfgruppe beim Integrationsamt kontrolliert das.

 

Welche Veränderungen sehen Sie in der Zukunft?

Stillger: Die Integrationsfachdienste haben es schwer, geeignete Fachkräfte zu finden. Bisher fordern wir die Qualifikation als Sozialpädagoginnen und -pädagogen oder Sozialarbeiter. Personen mit nachgewiesenen Erfahrungen in angrenzenden Berufsfeldern, Psychologen, Heil-, Arbeits- oder Reha-Pädagogen, sowie Quereinsteiger, die sehr viel Erfahrung im Umgang mit Betrieben haben und eine Beratungsausbildung vorweisen können, sind künftig auch denkbar.

Außerdem wird in Zukunft der Übergang Schule - Beruf bei schwerbehinderten Jugendlichen noch mehr im Fokus stehen. Das ist eine wichtige sozialpolitische Aufgabe. Aus dem Handlungsfeld 1 der Initiative Inklusion soll eine regelhafte Förderung werden. Da werden die IFD eine wichtige Rolle einnehmen.

Das Gespräch führte Elke Bockhorst