Raus aus der Bastelecke - rein ins Café

Der Frankfurter Verein für soziale Heimstätten setzt Zeichen in der Stadt: Mitten im Leben arbeiten Klienten der Tagesstätte und Beschäftigte der Reha-Werkstätten in Gastronomiebetrieben. Psychisch krank? Na und!

 

FRANKFURT. Anfangs hatte sie Angst. Vor den vielen Menschen, davor, dass sie etwas falsch machen, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen sein könnte. Heute steht Nicola Richter mit Freude hinter dem Tresen der Kaffeerösterei "Basaglia" mitten im Frankfurter Gallusviertel. Zur Mittagszeit drängen viele Menschen aus den umliegenden Büros auf einen Espresso in das kleine Stehcafé. Die 51-Jährige und ihre Kollegen schenken selbst gerösteten Biokaffee aus. Der schmeckt so gut, dass sich in den Stoßzeiten eine Warteschlange bis hinaus auf den Hof bildet. "Dann werde ich manchmal immer noch nervös, wenn so viele Menschen da stehen und es laut wird", sagt Nicola Richter, "aber ich muss einfach lernen, dass ich nur einen nach dem anderen bedienen kann."

 

LERNEN IST DAS STICHWORT

Lernen ist das Stichwort im Basaglia. Die Kaffeerösterei ist an die Tagesstätte Gallus des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten angeschlossen und bietet seit der Eröffnung 2011 den Klienten die Möglichkeit, mitzuarbeiten. Sie lernen nicht nur Bestellungen entgegenzunehmen, Kaffee zu servieren und Stehtische abzuräumen. Sie lernen auch, eigene Ängste zu überwinden. Die Klienten der Tagesstätte leben mit psychischen Erkrankungen, die ihnen die Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt meist dauerhaft, zumindest aber zeitweise, unmöglich machen. Umso wichtiger ist es, den Anschluss nicht zu verlieren. Nicola Richter war dreißig Jahre lang als Sachbearbeiterin im Finanzwesen beschäftigt. Im Stehcafé Basaglia steht sie vor ganz anderen Herausforderungen als in ihrem früheren Bürojob, den sie aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr ausführen kann. Sie sagt: "Für mich ist es wichtig, dass ich eine Tagesstruktur habe, eine sinnvolle Aufgabe, Anerkennung und auch Wertschätzung. Das bedeutet für mich: mitten in der Gesellschaft zu sein."

So sieht das auch Bernd Schneider. Er ist Anfang 70 und kommt schon seit vielen Jahren in die Tagesstätte. Er genießt die Arbeit an der Röstmaschine. Sie ist das Herzstück des Basaglia und steht gut sichtbar im hinteren Teil des Raums. Gemeinsam mit Peter Blohmann röstet Schneider die Bohnen, bis sie knacken - dann heißt es, Röstzeit ist um! Eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, denn ein Augenblick zu lang und die ganze Charge wandert in den Müll. Blohmann selbst ist studierter Kunstpädagoge und arbeitet seit drei Jahren in der Tagesstätte. Er hat gern das Röstseminar absolviert, um mit den Klienten die Arbeit im Café am Laufen zu halten. Bernd Schneider traut er zu, dass er in absehbarer Zeit das Rösten sogar alleine verantworten kann. "Er ist sehr gewissenhaft und hat das Rösten zu seiner Sache gemacht", sagt Blohmann. Wenn Schneider in den Verkaufsraum geht, zieht er ein schickes schwarzes Hemd an. Alle Mitarbeiter tragen ihre Arbeitskluft. "Für mich ist es wichtig, dass ich die Röstung durchstehe", sagt Schneider. Schließlich dauern sieben Röst-Durchgänge an der Maschine knapp zweieinhalb Stunden. Die Röstmaschine läuft fast täglich. Wenn Schneider nicht röstet, dann verpackt er den Kaffee, klebt Etiketten auf. "Das sind ja fünf, sechs verschiedene Tätigkeiten, bis hin zum Verschweißen", betont er und ist stolz, dass er das alles hinbekommt.

Gisela Faißt, die seit vielen Jahren die Tagesstätte leitet, erklärt das Konzept: "Mit dem Stehcafé versuchen wir, ein Stück Normalität herzustellen, raus aus der Bastelecke, in die Tagesstätten lange Zeit einsortiert wurden. Im Umgang mit den Gästen müssen die Mitarbeiter auch lernen, ihre eigene Befindlichkeit hinten anzustellen." Das bestätigt Nicola Richter: "Wenn ich einmal nervös bin, dann versuche ich, das nicht zu zeigen." Auch das gehört zur Normalität des Arbeitsalltags: private Sorgen und Missstimmungen nicht vor den Kunden auszuleben. Selbstbeherrschung ist da gefragt, die von vielen Klienten erst zu lernen ist. So ist auch nicht jeder der rund 100 Menschen, die in der Tagesstätte angemeldet sind, befähigt, im Café zu arbeiten. "Wir sprechen teils gezielt Klienten an, die wir für geeignet halten, die es sich aber selbst vielleicht gar nicht zutrauen", erklärt Faißt.

 

PROFIS SCHULEN

Rund 400 Kilo Kaffee rösten die Mitarbeiter im Basaglia pro Monat. Ein Teil davon geht in das im Frankfurter Nordend gelegene Café Basaglia, das der Werkstatt Niederrad des Frankfurter Vereins angegliedert ist. Auch das erst in diesem Sommer ganz in der Nähe des Frankfurter Römerbergs eröffnete Lokal "Frankfurter Salon" der Reha-Werkstatt Eschenheimer Tor bezieht seine Kaffeebohnen von der Rösterei. Der Frankfurter Verein setzt gezielt auf Gastronomiebetriebe mitten im prallen Leben der Großstadt. Größer könnte der Unterschied zur üblichen Reha-Werkstattbeschäftigung nicht sein. Dieter Debus, beim Frankfurter Verein zuständig für die Werkstätten, sagt aber auch: "Es sind ganz besondere Herausforderungen, zum Beispiel, wenn ein Gast schwierig ist."

Schulungen erhält das Personal von Profis, nicht nur im Serviettenfalten, sondern auch im Umgang mit dem Gast. Denn hier sind besondere soziale Kompetenzen gefragt. Wer, wie viele psychisch Kranke, ohnehin Schwierigkeiten mit menschlicher Nähe hat, gerät da schnell an seine Grenzen. "Aber wem das gelingt, der hat eine wichtige Hürde auf dem Weg in den ersten Arbeitsmarkt genommen", sagt Debus. Das macht das Gastronomiekonzept so interessant.

Im konkreten Arbeitsalltag des Café Basaglia muss Birgit Eilbacher, die das Café mit zwölf Mitarbeitern leitet, all die Besonderheiten im Blick behalten: "Hier muss man richtig ran, das ist Arbeiten wie in jeder Gastronomie", sagt sie und nennt auch die Einschränkungen: "Zum Beispiel ist der Krankenstand höher, das muss man berücksichtigen." Die Schichten sind deshalb etwas kürzer, die Aufgabenstellungen kleinteiliger. Zudem sind die räumlichen Gegebenheiten nicht optimal: Die Küche ist sehr eng, das kleine Büro eher Aufenthaltsraum mit Computertisch. Umso wichtiger ist es, dass sich alle miteinander gut vertragen und gemäß ihren Neigungen in Küche oder Service eingesetzt werden. Ein FSJ-ler unterstützt das Küchenteam. Kochen, Geschirrspülen, Lebensmittel - fast ausschließlich in Bioqualität - putzen und verarbeiten. Jeder hat hier seinen Platz und packt an. Die Qualität muss stimmen. Schließlich kommen die Gäste nicht für einen guten Zweck, sondern weil sie ein leckeres Mittagessen serviert bekommen wollen.

 

KEINE SCHEU VOR MENSCHEN

Hinter der himbeerroten Theke steht Barista Nico Aloisio. Der junge Mann strahlt, wenn er von seiner Arbeit erzählt. Der Stolz ist berechtigt, denn er bekommt seine Arbeit gut hin: "Hier darf man keine Scheu vor Menschen haben", sagt er und setzt den Siebträger in die Espressomaschine ein. Sein Kollege Jochen Streiff pflichtet ihm bei. Er arbeitet schon seit ein paar Jahren im Basaglia, ist eine Stütze des Betriebs im Service und fühlt sich verantwortlich für das Café, sieht immer nach dem Rechten, hat alles im Blick: "Ich bin heilfroh, dass ich hier arbeiten kann. Das ist eine ganz andere Atmosphäre als in der Werkstatt, wo ich Sachen zusammengeschraubt habe." Und Nico ruft vom Tresen: "Und nette Kollegen gibt es!" Beide lachen.

Das entspannte Arbeitsklima ist auch wichtig für die Gäste. Viele von ihnen kommen regelmäßig, die Zwei im Service kennen schon ihre Wünsche und Vorlieben. Dass sie hier arbeiten, weil sie eine psychische Erkrankung haben, wissen die Gäste nicht unbedingt. Sie könnten es sich erschließen, denn eine Texttafel im Gastraum weist auf den Namenspatron des Cafés hin: Franco Basaglia. Der 1980 verstorbene italienische Psychiater trug zur Reform der Psychiatrie in Italien bei und setzte sich für die Integration psychisch erkrankter Menschen in die Gesellschaft ein. Der Kaffee der Rösterei heißt folgerichtig und mit einem Frankfurter Augenzwinkern: Franco Forte. Und für einen guten Espresso kommen schließlich die Gäste. Genau das ist es, warum alle, die für die Rösterei und das Café arbeiten, so besonders stolz sein können: Das, was sie erarbeiten, hält jedem Vergleich mit der Konkurrenz stand. Das ist die Anerkennung, die in Geld nicht aufzuwiegen ist.

Katja Gußmann


HINTERGRUND

TEILHABE ALS ZIEL

 

Der Frankfurter Verein für soziale Heimstätten hilft Menschen mit psychischen Erkrankungen und Menschen in besonders schwierigen Lebenslagen, tragfähige Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Dazu unterhält der Frankfurter Verein über 40 Einrichtungen in Frankfurt am Main und Umgebung. Darunter sind die gastronomischen Betriebe: Rösterei Basaglia, Café Basaglia, Frankfurter Salon, Café McNair. Das Tochterunternehmen "Kombinat", ein Inklusionsbetrieb, erhielt jüngst den Zuschlag zum Betrieb des Palmengarten-Restaurants. Ein Projekt, das das Integrationsamt mit 97.000 Euro bezuschusst. Yvonne Schmalle arbeitet im Fachbereich für Menschen mit seelischen Behinderungen und Abhängigkeitserkrankungen des LWV und kennt die Arbeit der Tagesstätte und der Reha-Werkstätten des Frankfurter Vereins gut: "Wir begrüßen das Gastronomiekonzept sehr, denn dieses Ziel verfolgt ja der LWV: die Teilhabe der Klienten an der Gesellschaft und die Befähigung für den ersten Arbeitsmarkt."

gus