"Enterhose! Interhose! Onterhose!"

Am Anfang ist es für die Eltern ein Schock: Das Baby hört schlecht. Doch Hörgeräte, Frühberatung und dauerhafte Begleitung der Familien ermöglichen optimale Förderung und ein fröhliches Aufwachsen. Auch für hörende Kinder, deren Eltern gehörlos sind. Unterwegs mit Frühförderin Susanne Paßmann.

 

FLÖRSHEIM/WIESBADEN. Ein Junge, ein Strahlen: Gewonnen! Er reißt die Arme in die Luft, groß und kräftig ist Tobias für seine knapp sechs Jahre. In der Hand hält er einen Stapel Memorykarten, zählt sie immer wieder durch, als könne er selbst kaum glauben, was ihm gerade gelungen ist. Seine beiden Mitspieler Royce und Leni tragen es mit Fassung, dass er seine Kärtchen neben ihre stapelt und die Höhe vergleicht. Sie freuen sich mit ihm, knien auf ihren Kindergartenstühlen, weit nach vorn auf den Spieltisch gelehnt, die Ellbogen aufgestützt, Kinn in den Handmuscheln vergraben, die Augen aufmerksam. Die drei Kinder sind schon lange gute Freunde. Heute gewinnt Tobias, morgen Leni, übermorgen Royce. Die Gewissheit beruhigt.

Der Junge mit der blauen, kantigen Brille und den weichen Gesichtszügen ist heute besonders eifrig bei der Sache. Er weiß, er steht im Mittelpunkt. Seine Frühförderin Susanne Paßmann hat Besuch mitgebracht. Der Fotograf interessiert ihn besonders - anfangs. Doch kaum hat Susanne Paßmann ihre Tasche mit den vielen Spielen darin geöffnet, gehört ihr die ganze Aufmerksamkeit der drei Freunde. Das Jahreszeitenspiel kommt auf den Tisch im Spielraum der katholischen Kita in Flörsheim-Weilbach, in die die Kinder gemeinsam gehen. Und schon geht's los: "A-A-A, der Winter der ist da" singen sie gemeinsam das Winterlied mit Susanne Paßmann. Dann ordnen sie der Reihe nach Kärtchen mit Monatsnamen den Jahreszeiten zu. "E-E-E, nun gibt es Eis und Schnee." Die zweite Strophe intonieren sie und Tobias gebärdet dazu. Einfach so. "I-I-I, vergiss die Mütze nie." Auch Susanne Paßmann zieht sich eine imaginäre Mütze über den Kopf und bewegt den erhobenen Zeigefinger von links nach rechts vor ihrer Brust. Alle machen mit. Und lernen Gebärdensprache.

 

GEBÄRDENSPEZIALIST

"Tobias ist unser Gebärdenspezialist", sagt die Frühförderin in die Runde und bestärkt ihn darin weiter zu machen. Nicht immer ist Tobias stolz auf seine Fähigkeit, mit Gesten zu sprechen. Kein Kind will anders sein als die anderen. Doch heute versteht Tobias, dass das etwas Andere ihn zum Besonderen macht. Das ist schön. Er genießt es und zeigt sich von seiner besten Seite. Eine Stunde Frühförderung im Kindergarten vergeht wie im Flug. Ein Spiel nach dem anderen dürfen sich die Kinder aus dem Koffer fischen, sie lieben diese intensive Beschäftigung. Mit Knetmasse stechen sie Formen aus und benennen sie: Oval, Dreieck, Quadrat oder Rechteck? Gar nicht so einfach. Aber wichtig zu wissen, wenn die Einschulung ansteht. Darum geht es für Tobias, dessen Eltern gehörlos sind. Zuhause sind Gebärden- und Lautsprache die Familiensprache. Mit seinen Geschwistern spricht Tobias, mit den Eltern gebärdet er - sie sprechen mit ihm Lautsprache. Doch Menschen, die nicht hören, übertragen die Grammatik der Gebärdensprache auf ihre gesprochene Sprache. So gibt es in der Gebärdensprache keine Artikel und Subjektive stehen vor den Adjektiven. Tobias festigt in der Frühförderung seine Gebärdensprache und entwickelt die Lautsprache - auch mithilfe von Ergo- und Logopädie - weiter.

Schon zwei Monate nach seiner Geburt kam Tobias in die Frühförderung. Hörende Kinder von gehörlosen Eltern benötigen von Anfang an die Bestätigung, dass Hören wichtig ist. Susanne Paßmann ist heute sehr zufrieden mit Tobias. Sie hat gesehen, wie sehr er sich angestrengt hat und wie viel Spaß er dabei hatte. Gute Voraussetzungen für den Schulbesuch. Susanne Paßmann verabschiedet sich herzlich von ihrem Frühförderkind und zieht ihre XL-Rolltasche hinter sich her zum Auto.

An diesem Freitag hat sie noch zwei Termine vor sich. Die mobile Frühförderung der Frühberatungsstelle Hören und Kommunikation an der Bad Camberger Freiherr-von-Schütz-Schule (beides in Trägerschaft des LWV) hat einen Radius bis nach Wetzlar, Limburg, Wiesbaden, umfasst den Rheingau-Taunus-Kreis, den Hochtaunuskreis und Teile des Main-Taunus-Kreises. Viel zu tun für Susanne Paßmann und ihre Kolleginnen. Eine Arbeit, die die Sonderpädagogin gegen keine andere eintauschen würde: "Die Arbeit mit den Kindern macht mir große Freude, ich bekomme so viel von ihnen zurück", sagt sie.

 

AB DEN ERSTEN LEBENSMONATEN

Sie begleitet die Familien in der Regel ab den ersten Lebensmonaten des Kindes bis zur Einschulung und baut in dieser Zeit ein intensives Verhältnis zu Kind und Eltern auf. Die Kinder freuen sich auf ihre Besuche, genießen es, für eine Stunde im Mittelpunkt zu stehen, zu spielen und zu lernen. Die Eltern schätzen die Beratung.

Am Kofferraum angelangt, packt Susanne Paßmann um: Sie hat drei große Taschen, für jeden Termin eine. Da die Kinder unterschiedliche Förderangebote benötigen, gibt es für jede Förderstunde und jedes Kind einen eigenen Plan. Bei Tobias standen heute die Formen im Mittelpunkt. Für die knapp fünfjährige Yve in Wiesbaden heißt es Zahlen lernen und Richtungshören üben. Yve hat seit der Geburt zwei nicht angelegte Ohrmuscheln und verschlossene Gehörgänge. Hören kann sie nur mithilfe des Knochenleitungsgerätes, das wie ein Haarreif auf ihrem Kopf sitzt. Es überträgt den Schall mittels Vibration über die Schädelknochen direkt ans Innenohr.

Bei Yve Zuhause öffnet ihre Mutter die Tür und sofort springt das zierliche Mädchen ihrer Frühförderin durch den Flur entgegen. Bester Laune schüttelt sie die blonden Locken und freut sich darauf, aus der großen Tasche ein Spiel auszusuchen. Sie fördert einen Schaumstoffwürfel zu Tage und - hups - da rollt er auch schon durchs Wohnzimmer. Yve lacht und hüpft auf dem Sofa auf und ab. Dass sie erst spät "in die Sprache gekommen ist", wie die Fachfrau Paßmann es ausdrückt, ist ihr nicht anzumerken. Nur die Grammatik ist nicht immer korrekt.

Yve in lila Leggings und Pulli lächelt über das ganze Gesicht und freut sich über das Spiel: Sie soll Nüsse nach Anzahl sortieren, dann muss sie kleine Vorhängeschlösser aufschließen und Ringe zählen, die daran befestigt sind. Den richtigen Schlüssel finden, ins Schloss stecken, umdrehen und - Juhuu - da ist das Schloss schon auf. Dass in diesem Spiel viele Fertigkeiten stecken, die sie damit übt, ist ihr herzlich egal. Das darf es auch sein.

 

SPIEL UND TRAINING

Auch ihr Lieblingsspiel "Verstecken" trainiert eine Fähigkeit: das Richtungshören. Yve zieht eine Spieluhr auf und rennt juchzend durch die Wohnung, um sie für Susanne Paßmann zu verstecken. "Nicht in die Schubladen" ruft ihre Frühförderin noch. Dann macht sie sich auf die Suche, während sich Yve in die Fäustchen lacht - in die rosa Tasche hat sie die Spieluhr gesteckt. "Wo ist sie nur?", ruft Susanne Paßmann. Einige Minuten später kommt sie mit der Spieluhr zurück. Jetzt versteckt sie sie für Yve. Es dauert eine ganze Weile, bis Yve in die richtige Richtung läuft. Erst später wird ihre Mutter bemerken, dass das Knochenleitungsgerät gar nicht richtig eingeschaltet war - die Übung also schwerer war als gedacht. Doch schließlich kommt Yve mit triumphierendem Lächeln zurück. Aufgabe gelöst!

Jetzt ist Yve schon etwas erschöpft, die Konzentration lässt nach. Da hilft eine entspannte Vorleseeinheit aus dem Bilderbuch. Yve kommt zur Ruhe. Für heute ist es genug. Nicht für Susanne Paßmann. Schnell geht es zum nächsten Termin, zu David. Er ist fünfeinhalb und ihre kleine "Frühförderrakete", wie sie sagt, denn er hatte schwerste Startbedingungen und sich in kurzer Zeit toll entwickelt. David ist hochgradig hörgeschädigt zur Welt gekommen, trägt rechts ein Hörgerät und links ein Cochlea-Implantat. Bei einem geschädigten Innenohr überträgt das Cochlea-Implantat Audiosignale an die Hörnerven. David wartet schon auf Susanne Paßmann, die er zeit seines Lebens kennt.

Es ist Freitagnachmittag, halb fünf, doch David ist gespannt wie ein Flitzebogen. Er weiß, er bekommt schwierige Aufgaben gestellt. Das ist toll. Wenn seine Figur auf dem Spielbrett ein bestimmtes Feld betritt, muss er eine Aufgabe lösen: zum Beispiel erhören, aus welcher Richtung der Klang eines Glöckchens kommt. Und er muss erkennen, welche der vier unterschiedlich großen Glocken gerade klingelt. Dafür verbindet ihm Susanne Paßmann die Augen.

 

ENGAGEMENT ALLER BETEILIGTEN

"Es ist die kleine Glocke", ruft er und streckt den Arm in Richtung Glöckchen aus. Er macht das richtig gut. Seine Mutter sitzt mit am Sofatisch und ist stolz auf ihren Sohn. Erst recht, als er im nächsten Spiel Anlaute von Wörtern erkennen soll: A wie Ananas, I wie Igel. Das spielt er zum ersten Mal und steigt gleich auf dem Profi-Level ein. Doch was zeigt dieses Bild auf dem Kärtchen? David lacht und ulkt: "Enterhose! Interhose! Onterhose!" Er klatscht sich mit seiner Mutter ab, der Spaß liegt in der Luft und ist auch für den Vater zu greifen, der von der Arbeit nach Hause kommt und auf die fröhliche Runde trifft.

Es ist schön zu sehen, wie diese Familie ihr Schicksal in die Hand genommen hat. Davids Mutter ist aus Kroatien, ihr Sohn wächst zweisprachig auf. "Zuhause in Kroatien weiß niemand, welche Möglichkeiten es gibt. Wir sind sehr dankbar für die Hilfe, die wir bekommen und man kann nicht oft genug davon erzählen, damit allen Kindern geholfen werden kann, denen es geht wie unserem Sohn." Sie sagt es mit allem Ernst und lässt erkennen, dass die Freude heute auch die Frucht vieler Jahre des Engagements aller Beteiligten ist. Eine davon ist Susanne Paßmann. "Sie gehört schon zur Familie", sagt die Mutter. Jetzt strahlt die Frühförderin, als habe sie im Memory gewonnen. Sie greift zur Rolltasche. Feierabend. Für heute.

Katja Gußmann

 


 

HINTERGRUND

HÖREN LERNEN

 

Kein Kind kommt mit einem fertigen Hörvermögen zur Welt, Hören muss kontinuierlich erlernt werden. Dafür sind akustische Anreize notwendig, die die vorhandenen Strukturen im zentralen Nervensystem zur vollen Funktionsfähigkeit reifen lassen. Hört ein Kind schlecht oder gar nicht, erfolgt dieser komplexe Prozess nicht oder unzureichend. Um frühestmöglich ein Baby mit Hörsystemen versorgen zu können, findet seit 2009 in Deutschland bei Neugeborenen ein Hörscreening statt. 2 von 1.000 Neugeborenen kommen mit einer Hörschädigung zur Welt. Werden sie in den ersten Lebensmonaten mit Hörsystemen versorgt und erhalten Frühförderung, haben sie gute Chancen, sich genauso zu entwickeln wie ein Kind ohne Hörbeeinträchtigung. Aufgabe der Frühförderung ist es, dem Kind die Freude am Hören in vielfältigen Alltagssituationen zu vermitteln, die Hör- und Lautsprachentwicklung zu fördern und die Lust an der Kommunikation zu stärken. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit der ganzen Familie.

Hörgeschädigte Kinder in Hessen werden durch die Interdisziplinären Frühberatungsstellen Hören und Kommunikation in Trägerschaft des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen versorgt. Sie sind den LWV-Schulen mit dem Förderschwerpunkt Hören in Bad Camberg, Friedberg, Homberg/Efze und Frankfurt am Main angegliedert. Die Frühförderinnen des LWV betreuen mehr als 600 hörgeschädigte Kinder und deren Familien.

gus