Sascha Gaurun schlüpft in viele Rollen

Einmal auf den Brettern stehen, die die Welt bedeuten oder als Schauspieler vor einer Fernsehkamera agieren - das ist der Traum von vielen Menschen. Für Sascha Gaurun erfüllt sich dieser Traum gerade. Der 24-Jährige nimmt am Schauspielunterricht an der Kasseler Schule für darstellende Künste (sfdk-Kassel) teil. Das ist etwas Besonderes, denn Sascha Gaurun ist in seiner Klasse der einzige behinderte Mann. Ein Pilotprojekt macht das möglich. Die Kasseler Werkstatt hat es gemeinsam mit der Schauspielschule und dem LWV auf die Beine gestellt. 

KASSEL. "Und bitte", ruft Susanne Minke. Sie steht neben einer Tür im Probenraum der Schule für darstellende Künste, wartet. Plötzlich öffnet sich die Tür und Sascha Gaurun kommt herein. Mit federnden Schritten geht der schlanke, durchtrainierte junge Mann zu einem Tisch mit zwei Stühlen. Aus den Augenwinkeln sieht er Susanne Minke an der Wand stehen. Schnell dreht er sich um. "Wer sind sie?", ruft er und kommt auf sie zu.

Nur eine kurze Szene - doch Susanne Minke und Sascha Gaurun proben sie an diesem Morgen immer wieder, leger gekleidet in Sporthose, bequemem Shirt und Wollsocken. "Wir wollen üben, das Nichtwissen darzustellen. Was kannst du machen, um dich zu erschrecken?" fragt die Filmemacherin und systemische Therapeutin, die als Dozentin an der sfdk-kassel tätig ist. Sascha Gaurun überlegt kurz. "Ich kann es gar nicht authentisch machen, weil ich ja weiß, dass du da stehst. Ich könnte versuchen, an etwas anderes zu denken", antwortet er.

Szenen proben, Texte lernen, die Arbeit vor einer Filmkamera - all das gehört zum Arbeitsalltag von Sascha Gaurun. Seit Oktober 2017 nimmt er an der professionellen Schauspielausbildung an der Schule für darstellende Künste teil. Und das ist etwas Besonderes. Denn Sascha Gaurun hat eine Lernschwäche und leidet unter Konzentrationsschwierigkeiten. Deshalb war er zunächst in der Kasseler Werkstatt der Sozialgruppe Kassel beschäftigt.

Dass sich sein Traum von der Schauspielerei jetzt erfüllt, das verdankt er einem deutschlandweit einzigartigen Projekt, das die Kasseler Werkstatt gemeinsam mit der sfdk auf die Beine gestellt hat. "Ich hatte einen Mitarbeiter in der Werkstatt, der gern etwas Kreatives machen wollte", erinnert sich Andreas Schuller, Fachkraft für berufliche Integration. Der Sozialpädagoge telefonierte herum und fragte auch bei Renate Konermann nach, der Leiterin der sfdk-kassel.

IMPROVISATION UND STIMMBILDUNG

Die Schauspielerin und Heilpädagogin war schnell von der Idee einer Kooperation begeistert. Und so startete im Oktober 2016 ein Schauspielprojekt, an dem 15 Mitarbeiter der Kasseler Werkstatt und ein Beschäftigter der Baunataler Diakonie Kassel teilnahmen. An zwei Tagen in der Woche wurden sie in den Fächern Improvisationstheater, Stimmbildung, Musik, Rhythmik, Gesang, Tanz, Bewegung und Grundlagen des schauspielerischen Handwerks unterrichtet. Den Abschluss des Projektes bildete eine Galavorstellung, bei der die Gruppe ein Theaterstück präsentierte. Die gemeinsame Zeit auf der Bühne war damit allerdings nicht beendet. Im Anschluss an das Projekt gründeten die Teilnehmer die Theatergruppe "Quartiertheater 92 Kassel", die sich immer dienstags in den Räumen der Schauspielschule trifft und dort auch weiterhin unterrichtet wird.

Ein Ziel des Theaterprojektes war es zu schauen, wer von den Hobby-Darstellern das Zeug für eine Schauspielausbildung hat. Sascha Gaurun, Claus Cizmar und Jan Bobke bestanden das Auswahlverfahren und begannen die Ausbildung. Die Idee, dass Menschen mit Behinderung gemeinsam mit Menschen ohne Behinderung im Schauspiel unterrichtet werden, ist einzigartig in Deutschland. Ziel ist es, einen maßgeschneiderten neuen Abschluss für die behinderten Nachwuchsschauspieler zu etablieren. Schuller hofft, dass die sfdk hier eine Vorreiterrolle übernehmen könnte. "Unser Wunsch ist es, dass sich Kassel zu einem überregionalen Zentrum entwickelt", erklärt er.

Wie wichtig der gemeinsame Unterricht ist, betont auch Susanne Minke. "Sascha hat zum Beispiel nicht diese Blockaden, die andere haben. Er kann Aufgaben sofort emotional umsetzen und sich sehr schnell einlassen", erklärt die Dozentin. "Die Leute sind sonst oft sehr verkopft." Und wie erlebt Sascha Gaurun die Zusammenarbeit mit seinen Schauspielkollegen? "Das kann ich kurz und knapp sagen: Sehr gut. Wir verstehen uns super."

Jan Bobke und Claus Cizmar haben ihre Ausbildung im Laufe des ersten Jahres aus unterschiedlichen Gründen wieder beendet. So stellte Claus Cizmar fest, dass er eigentlich mehr an der Technik interessiert ist und im Theater lieber das Lichtpult bedient, als zu schauspielern. Er ist zudem ein guter Diabolo-Jongleur und Luftakrobat. Dank Andreas Schuller und Renate Konermann hat er nun einen Arbeitsvertrag beim Kasseler Kinder- und Jugendcircus Rambazotti. Dort wirkt er unter anderem als Trainer bei Workshops für Kinder mit.

Sascha Gaurun ist jedoch dabei geblieben und froh, dass er endlich das machen kann, was ihm Spaß macht. "Ich habe schon als Kind und Jugendlicher Theater gespielt. Das ist einfach mein Ding", erklärt er.

Aufgewachsen ist Sascha Gaurun in Kaufungen bei einer Pflegefamilie, gemeinsam mit sechs Pflegegeschwistern und einem Halbbruder. Seine leiblichen Eltern sind beide gestorben. Doch an elterlicher Zuneigung hat es ihm nicht gefehlt. "Meine Pflegemutter ist eine tolle Frau. Bei ihr lebe ich, seit ich zwei Jahre alt bin. Sie ist meine Mum", sagt er mit warmer Stimme. Der 24-Jährige ist aber nicht nur Sohn, sondern auch selbst Vater einer zweijährigen Tochter und eines sechs Monate alten Sohnes. "In meiner freien Zeit kümmere ich mich um die beiden", erzählt er. Außerdem macht er gern Sport und   Muskeltraining.            

„ICH KANN NICHT RUHIG SITZEN“

Nach wie vor lebt er in Kaufungen, wo er schon zur Grundschule gegangen ist. Danach besuchte er die Offene Schule Waldau, wo er einen Förderschulabschluss machte. Anschließend begann Sascha Gaurun in der Kasseler Werkstatt zu arbeiten. "Aber das war für mich nicht das Richtige, auch wenn ich das Grundprinzip der Werkstatt toll finde. Ich kann nicht ruhig sitzen und jeden Tag das Gleiche machen", sagt er. Und das bestätigt auch Andreas Schuller. "Als Sascha noch im Verpackungsbereich der Werkstatt tätig war, war er oft krank und unmotiviert. Als er hier anfing, konnte man sehen, wie er sich entwickelt hat, plötzlich aufrechter saß. Man merkt, dass er brennt und ein Ziel vor Augen hat."

Und von diesem Ziel lässt er sich nicht abbringen, auch wenn es mal schwieriger wird. "Er muss hier auch Kritik einstecken. Das ist nicht immer einfach", erklärt Andreas Schuller. Zudem braucht Sascha Gaurun in manchen Bereichen mehr Unterstützung und bekommt darum zum Teil Einzelunterricht, etwa bei der Aussprache und dem Textverständnis. Doch er geht seinen Weg unbeirrt. "Ich wollte auch unbedingt die Zwischenprüfung machen und habe das durchgezogen", sagt er stolz.

Stolz ist er auch darauf, dass er bereits zweimal als Schauspieler im Fernsehen zu sehen war. Einmal in der Doku-Soap "Meine Geschichte, mein Leben" auf RTL, wo er einen Bräutigam spielte. Und einmal in der SAT 1 Serie "Auf Streife", wo er einen Kriminellen mimte. "Das war unglaublich. Diese Erfahrungen zu machen und dabei zu sein", schwärmt Sascha Gaurun von seinen Drehtagen. Auch wenn er an seine berufliche Zukunft denkt, sieht er sich eher vor der Kamera als im Theater. "Bei einem Spielfilm mitzuspielen, der im Fernsehen läuft, das wäre es!"

DEN FIGUREN TIEFE VERLEIHEN

Bis es soweit ist, liegt noch einige Arbeit vor dem Nachwuchsschauspieler. Derzeit stehen im Einzelunterricht Themen wie Körperlichkeit und Muskelaufbau, Bewegen am Set, Arbeit mit Licht, Improvisation und das Studium verschiedener Rollen auf dem Programm. "Den sensiblen Schwiegersohn kannst du sehr gut", sagt Susanne Minke lachend. Und auch den coolen Typen, der eher forsch auftritt, hat Sascha Gaurun in seinem Repertoire. Doch das ist nicht genug. Wie er das Spektrum seiner Figuren zum Beispiel um den souveränen Mann erweitern und ihnen insgesamt mehr Tiefe verleihen kann, das ist eine der Aufgaben, an denen er mit Susanne Minke arbeitet.

"Das Besondere an der Schauspielerei ist, mich in Rollen zu versetzen und das für einen kurzen Augenblick auszuleben", sagt Sascha Gaurun. Dabei gibt er, wie er sagt, "immer 1.000 Prozent". Selbst wenn es nur darum geht, durch eine Tür zu kommen und für die Zuschauer glaubwürdig zu erschrecken. Und darum kommt Sascha Gaurun auch dann noch mit vollem Elan in den Probenraum, als es schon zum fünften Mal heißt: "Und bitte".

Meike Schilling

HINTERGRUND

EIN BESONDERES PROJEKT ZUR TEILHABE AM ARBEITSLEBEN

 

Das LWV Hessen Integrationsamt und der Fachbereich für Menschen mit geistiger Behinderung waren von Beginn an in das Projekt Schauspielausbildung involviert und unterstützen dieses einzigartige, von der Kasseler Werkstatt initiierte Projekt auf Grund der inhaltlichen Zielsetzungen in vollem Umfang. Im Rahmen der hessenweit vereinbarten Finanzierungsregelungen für Betriebsintegrierte Beschäftigungsplätze (BiB) werden die notwendigen Unterstützungsleistungen durch die WfbM personenbezogen durch den LWV vergütet. "Sicher kein alltäglicher Betriebsintegrierter Beschäftigungsplatz; aber ein Bildungsprojekt, welches in besonderem Maße eine individuelle berufliche Teilhabe außerhalb der Werkstatt für behinderte Menschen und die persönliche Weiterentwicklung des behinderten Menschen im Blick hat", sagt Jutta Siebert, Regionalmanagerin im Fachbereich für Menschen mit geistiger Behinderung. Das Integrationsamt bezuschusst die intensive Förderung, Betreuung, Anleitung und Beaufsichtigung, die bei dem Schritt von der Werkstatt in ein reguläres Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis notwendig ist, durch eine finanzielle Unterstützung an den Arbeitgeber. "Denn wir wissen, dass das Gelingen oft von den Rahmenbedingungen abhängig ist", so Petra Friedrich, Regionalmanagerin des Integrationsamtes.

Betriebsintegrierte Beschäftigungsplätze sind in der Regel Arbeitsplätze, die von einer Werkstatt für behinderte Menschen in private oder öffentliche Betriebe verlagert werden. Die Tätigkeit auf einem BiB, die von der WfbM unterstützt wird, kann den Übergang aus der Werkstatt in ein reguläres Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis vorbereiten oder eine Möglichkeit zur langfristigen beruflichen Teilhabe außerhalb der Werkstatt sein.

Jutta Siebert/Petra Friedrich/ebo