Budget für Arbeit

Nach schwerer Zeit angekommen im Job

Lam Quang Tran arbeitet in einem Altenpflegeheim - mithilfe des Budgets für Arbeit. Diese Leistung ist neu: Erst seit Januar 2018 profitieren davon behinderte Menschen und ihre Arbeitgeber.

Wenn Lam Quang Tran an der kleinen schwarzen Plastikkurbel dreht, richten sich viele Augenpaare gespannt auf ihn. Er holt die herauskullernden Kugeln aus der Trommelröhre und liest die Zahlen laut und deutlich vor. Er wiederholt, bis alle Teilnehmer verstanden und verglichen haben, macht Scherze, steigert die Spannung. „Bingo!“, ruft bald eine aufgeregte Stimme, die Zahlen passen. Der Bingo-Nachmittag im Altenpflegeheim „Versorgungshaus und Wiesenhüttenstift“ zählt zu den Höhepunkten der Woche.

Qualifizierung zur Betreuungskraft

Der 27-jährige Lam Quang Tran durchläuft in der Einrichtung eine Qualifizierung zur Betreuungskraft. Sein gewinnendes Lächeln täuscht darüber hinweg, wie tragisch seine Vorgeschichte ist: Er war erst sieben Jahre alt, als ein alkoholisierter Autofahrer das Leben seiner Familie zerstört hat. Bei einem schweren Autounfall kamen die Eltern und sein Bruder ums Leben. Nur seine kleine Schwester überlebte, mit der ihn eine innige Beziehung verbindet.

Schweres Schädel-Hirn-Trauma

Er selbst lag mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma dreieinhalb Monate lang im Koma. Sprechen, laufen, Fahrrad fahren, das alles schien plötzlich unmöglich. „Aber ich bin ein Kämpfer!“, sagt der junge Mann.

20 Jahre später geht er durch die Gänge des Altenpflegeheims im Stadtteil Preungesheim, grüßt und spricht die Bewohnerinnen und Bewohner mit Namen an - obwohl es ihm immer noch sehr schwer fällt, sich Namen zu merken. Dass er das rechte Bein hinterherzieht, merkt man erst auf den zweiten Blick. Seinen Alltag managt er trotz der zurückgebliebenen Lähmung der gesamten rechten Körperseite. „Ich wohne in einer eigenen Wohnung und fahre vorsichtig Auto, denn ich weiß, was passieren kann“, erzählt er selbstbewusst.

Steckbrief

Budget für Arbeit

Seit dem 1. Januar 2018 ermöglicht das Bundesteil­habegesetz Männern und Frauen, die einen Anspruch auf Beschäftigung in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) haben, ein Budget für Arbeit zu bean­tragen.
Das Budget ist eine Leistung der Eingliederungshilfe und kombiniert eine finanzielle Unterstützung des Arbeit­gebers in Form eines Lohn­kostenzuschusses mit Betreuung und Unterstützung des Arbeitnehmers am Arbeitsplatz.
Derzeit erhalten 17 Menschen aus Hessen ein Budget für Arbeit.

<a id="c5304" class="anchor"></a><div class="csc-default"><h2>Steckbrief</h2><div class="body"><h3>Budget für Arbeit</h3> <p>Seit dem 1. Januar 2018 ermöglicht das Bundesteil­habegesetz Männern und Frauen, die einen Anspruch auf Beschäftigung in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) haben, ein Budget für Arbeit zu bean­tragen. <br />Das Budget ist eine Leistung der Eingliederungshilfe und kombiniert eine finanzielle Unterstützung des Arbeit­gebers in Form eines Lohn&shy;kostenzuschusses mit Betreuung und Unterstützung des Arbeitnehmers am Arbeitsplatz. <br />Derzeit erhalten 17 Menschen aus Hessen ein Budget für Arbeit.</p></div></div>

Bildergalerie

Lam Quang Tran beim Puzzeln mit Sigrid Corno
Lam Quang Tran hat jetzt einen regulären Job im Altenpflegeheim Wiesenhüttenstift - hier mit Sigrid Corno.Bild vergrößern
Lam Quang Tran beim Puzzeln mit Sigrid Corno
Bild vergrößern
Lam Quang Tran beim Puzzeln mit Sigrid Corno
Bild vergrößern
Lam Quang Tran bei der Ziehung von Zahlen fürs Bingo-Lotto
Als Betreuungskraft im Altenpflegeheim leitet Lam Quang Tran auch das Bingo-Spielen an. (Fotos: Rolf K. Wegst)Bild vergrößern
Lam Quang Tran bei der Ziehung der Bingo-Zahlen
Bild vergrößern
Lam Quang Tran bei der Ziehung der Bingo-Zahlen
Bild vergrößern
Lam Quang Tran im Gespräch mit seiner Vorgesetzten.
Lam Quang Tran im Gespräch mit seiner Vorgesetzten,... Bild vergrößern
Lam Quang Tran zeigt seiner Vorgesetzten seine Heimat Vietnam auf dem Globus
...die sich dafür interessiert, wo Vietnam liegt, aus der die Familie des jungen Mannes stammt. Bild vergrößern
Bild vergrößern
Lam Quang Tran im Gespräch mit seiner Vorgesetzten.
Bild vergrößern
Lam Quang Tran mit Rollstuhlfahrerin Ursula Oberding
Lam Quang Tran dreht eine Runde mit Ursula Oberding, die im Rollstuhl sitzt. Bild vergrößern
Lam Quang Tran mit Rollstuhlfahrerin Ursula Oberding
Bild vergrößern
Lam Quang Tran mit Rollstuhlfahrerin Ursula Oberding
Bild vergrößern
Lam Quang Tran mit Rollstuhlfahrerin Ursula Oberding
Bild vergrößern
Lam Quang Tran mit Rollstuhlfahrerin Ursula Oberding
Zwei, die sich gut verstehen: Lam Quang Tran und Ursula OberdingBild vergrößern
Lam Quang Tran mit Rollstuhlfahrerin Ursula Oberding
Bild vergrößern

Leben, "als wäre ich nicht behindert"

Tran kam im November 2015 im Rahmen einer Unterstützten Beschäftigung im Auftrag der Agentur für Arbeit ins Büro der Schottener Sozialen Dienste. Um ihn intensiver begleiten zu können, folgte der Wechsel in den Berufsbildungsbereich. Dazu gehörten auch Praktika im Bereich der Alltagsbegleitung in zwei Betrieben. „Ich will so leben, als wäre ich nicht behindert.“ So akzeptiert zu werden „wie ein normaler Kerl“, das sei ihm das Wichtigste im Leben.

Doch auf dem normalen Arbeitsmarkt hat es trotz vieler Bewerbungen nicht geklappt. Im August 2017 hat Lam Quang Tran zunächst mit einem Praktikum im Wiesenhüttenstift begonnen. Es begann eine intensive Phase der Qualifizierung, Beratung und Begleitung, bevor er im Januar einen regulären Arbeitsvertrag bekam.
Sein Ziel ist jetzt, die mehrmonatige Qualifizierung als Betreuungskraft in der Altenpflege zu absolvieren. Sie wurde für ihn maßgeschneidert: Drei Tage arbeitet er bei einem freien Bildungsträger in Hanau, an zwei Tagen ist er im Wiesenhüttenstift mit seinen rund 150 zu betreuenden Menschen.

Begleitende Hilfen am Arbeitsplatz

Nach Abschluss seiner Qualifizierung wird Lam Quang Tran, dessen Eltern einst aus Vietnam nach Deutschland gekommen sind, seine Arbeit als Betreuungsfachkraft mit 25 Stunden pro Woche aufnehmen. Neben dem Geld, das der Arbeitgeber aus dem Topf des Budgets für Arbeit erhält, sieht das Gesetz bei Bedarf auch einen Job Coach und die Begleitung durch den Integrationsfachdienst vor. Anne-Sophie Stock vom Integrationsfachdienst der Schottener Sozialen Dienste steht Tran und seiner Vorgesetzten weiterhin zum Austausch und zur Beratung zur Verfügung.

Voraussetzung

Voraussetzung ist ein Vertrag über ein sozialversicherungs­pflichtiges Arbeitsverhältnis mit einem privaten oder öffentlichen Arbeitgeber. Der/die Beschäftigte muss nach Tarif oder ortsüblich bezahlt werden.
Der LWV gewährt einen Lohnkostenzuschuss in Höhe von 75 Prozent des Brutto­gehalts, höchstens 1218 Euro. Ziel ist es, behinderten Menschen eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Weitere Informationen und Ansprechpartner auf der LWV-Internetseite