
Staunen über die Frankiermaschine (v.l.): Sabrina Dudek und Daniel Schäfer, die beide normalerweise bei der Hephata Diakonie im WfbM-Bereich Industriemontage in Schwalmstadt-Treysa arbeiten, schnupperten in die LWV-Poststelle rein, wo ihnen Mitarbeiter Michael Geister die Arbeitsabläufe erklärte. (Foto: Lothar Koch)
26.09.2025
Kassel/Wiesbaden/Darmstadt (lwv): Begegnungen auf Augenhöhe, verbunden mit der Absicht, Inklusion auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft voranzubringen – darum geht es bei der Aktion „Schichtwechsel“, bei der Menschen mit und ohne Behinderungen für einen Tag ihre Arbeitsplätze tauschen. Am bundesweiten Aktionstag gestern nahm auch der Landeswohlfahrtsverband (LWV) Hessen zum wiederholten Mal teil. Zehn Beschäftigte aus Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) kamen zum Job-Tausch: sechs von ihnen in die Hauptverwaltung des LWV in Kassel, je zwei in die Regionalverwaltungen in Darmstadt und Wiesbaden. Dort erhielten sie Einblicke in verschiedene Arbeitsbereiche und Tätigkeiten, die bei einem großen Kommunalverband wie dem LWV – zuständig für die Unterstützungsleistungen für rund 64.200 behinderte Menschen in ganz Hessen – alltäglich anfallen. Im Gegenzug gingen elf LWV-Beschäftigte in die Werkstätten – dorthin, wo ihre Tauschpartner arbeiten: zur Hephata Diakonie im Schwalm-Eder-Kreis, zum Lebenshilfe-Werk Kreis Waldeck-Frankenberg, zum Behinderten-Werk Main-Kinzig und zum Evangelischen Verein für Innere Mission in Nassau (EVIM) in Wiesbaden.
„Der Schichtwechsel hat mich tief beeindruckt. Es ist etwas völlig anderes, nicht nur über etwas zu lesen oder zu sprechen, sondern selbst mitzumachen, anzupacken und so die Vielfalt an Fähigkeiten und Talenten unmittelbar zu erleben“, sagte LWV-Landesdirektorin Susanne Simmler. Im Rahmen des „Schichtwechsels“ war sie in der Bürstenmacherei und der Gärtnerei der Hephata-Werkstätten in Schwalmstadt-Treysa zu Gast. „Ich durfte selbst sehen, mit wie viel Engagement, Sorgfalt und Kreativität Menschen mit Behinderungen arbeiten und welch tolle Produkte und Dienstleistungen hier entstehen.“ Erst schaute Susanne Simmler der Werkstatt-Beschäftigten Kristin Sakarjan und Arbeitsgruppenleiterin Merve Hamel über die Schulter, dann packte sie selbst zu und fertigte einen Backpinsel. „Diese Begegnungen verändern den Blick eines jeden Menschen, weil man erkennt, dass hier nicht die Einschränkung im Vordergrund steht, sondern die Möglichkeiten, die entstehen und die jeder oder jede Einzelne mitbringt“, so Simmlers Erfahrung.

Erst zugeschaut, dann mitgemacht: LWV-Landesdirektorin Susanne Simmler (rechts) beim „Schichtwechsel“ in der Bürstenmacherei der Hephata Diakonie in Schwalmstadt-Treysa, zusammen mit der WfbM-Beschäftigten Kristin Sakarjan (Mitte) und Arbeitsgruppenleiterin Merve Hamel (links). (Foto: Hephata)
Jede Menge neue Eindrücke sammelten im Gegenzug auch die Tauschpartner, die von der Hephata Diakonie und vom Lebenshilfe-Werk Kreis Waldeck-Frankenberg nach Kassel in die LWV-Hauptverwaltung gekommen waren. Daniel Schäfer und Sabrina Dudek, die beide normalerweise bei Hephata im Werkstattbereich Industriemontage und Verpackung in Schwalmstadt arbeiten, staunten über die Frankiermaschine in der LWV-Poststelle. Nach den Erklärungen durch Mitarbeiter Michael Geister war es Schäfers Part, auf dem Touchscreen den Frankiervorgang in Gang zu setzen. „Ich finde es gut, dass ich bei dieser Aktion überhaupt mal die Möglichkeit bekomme, in einen normalen Job reinzuschauen“, sagte er, der sich, da Rollstuhlfahrer, sehr freute, beim LWV barrierefrei am „Schichtwechsel“ teilnehmen zu können.
In noch drei weitere Arbeitsbereiche – die Registratur, die Haustechnik und die Sachbearbeitung von Anträgen in der Eingliederungshilfe – schnupperten Diana Baraniak und Lisa Marie Fritz (beide Hephata) sowie Julia Pagel und Pauline Naumann (beide Lebenshilfe-Werk Waldeck-Frankenberg) hinein. Diana Baraniak, die in der Für Uns-Manufaktur in Fritzlar, einer Werkstatt für Menschen mit psychischen oder seelischen Behinderungen, arbeitet, gefiel es in der Registratur richtig gut. „Ich habe großes Interesse an Archiven, das ist so ähnlich wie eine Registratur. Ich möchte wiederkommen – für ein richtiges Praktikum.“ Julia Pagel, die auf dem Hofgut Rocklinghausen der Lebenshilfe Waldeck-Frankenberg in der Hauswirtschaft beschäftigt ist, lernte beim LWV sogar „meine eigene“ Sachbearbeiterin kenne. Dass ein Bürojob in der Verwaltung gar nicht so trocken ist wie gedacht, sondern ihr „interessant und abwechslungsreich“ vorkam, war auch die Erkenntnis von Lisa Marie Fritz von der Für Uns-Manufaktur in Fritzlar. „Die Sachbearbeitung hat mir am besten gefallen. Ich habe meine eigene Akte gesehen. Nächstes Jahr will ich wieder mitmachen!“

Im Kuhstall: Michael Wehling aus der LWV-Personalabteilung (Mitte), hier mit den WfbM-Beschäftigten Matthias Barth (links) und Marcella Massa (rechts) auf dem Hofgut Rocklinghausen. (Foto: Lebenshilfe-Werk)
Rustikal war der „Schichtwechsel“ für Michael Wehling aus der LWV-Personalabteilung. Sein Job-Tausch begann morgens früh um 7 Uhr mit Kühe melken im Stall des Hofguts Rocklinghausen der Lebenshilfe. Seine Tausch-Partnerin Pauline Naumann, die sonst dort im Melkstand arbeitet, erfuhr stattdessen von LWV-Haustechniker Bernd Kolbig, welche Arbeiten bei den vielen Veranstaltungen im historischen Ständehaus in Kassel anfallen: vor allem schwere Tische und Stühle transportieren. „Das ist ja irre“, so Naumanns erstaunter Kommentar beim Auftauchen des im Fußboden versteckten Lastenaufzugs. Die schweren Möbel werden auf diese Weise aus dem Ständesaal in den Keller und wieder zurück transportiert – Pauline Naumann packte beim Beladen des Lastenaufzugs gleich selbst an, zusammen mit ihrer Hofgut-Kollegin Julia Pagel. Beide waren – genauso wie alle anderen Schichtwechsel-Teilnehmer beim LWV in Kassel – fasziniert von der Licht-Schaltanlage und der Tontechnik für Konzerte und Veranstaltungen auf der Empore des Ständesaals. „Toll“, kommentierten sie, während sie die Lichteffekte einiger Knöpfe ausprobierten.

Fasziniert von der Licht-Schaltanlage im Ständehaus: Julia Pagel (Mitte) und Pauline Naumann, beide sonst auf dem Hofgut Rocklinghausen beschäftigt, probierten die Lichteffekte aus, links LWV-Haustechniker Bernd Kolbig. (Foto: Lothar Koch)
In die LWV-Regionalverwaltung Wiesbaden waren Sara Najar und Luca Bottero, beide aus der Reha-Werkstatt von EVIM Teilhabe, zum „Schichtwechsel“ vor Ort. „Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Menschen mit Beeinträchtigungen beim LWV Hessen arbeiten“, sagte Bottero nach seinem Rundgang mit Hausleiterin Julia Herwarth von Bittenfeld und stellvertretender Personalleiterin Nadine Arlt. Der führte auch in den Keller zum Archiv voller Akten, zur Poststelle und zum Empfang. „Die Arbeit am Scanner fand ich am besten. Außerdem finde ich toll, dass alle so kollegial miteinander umgehen. Ich hätte gern noch mehr Zeit heute hier verbracht“, so die positive Erfahrung, die Bottero vom Job-Tausch mitnimmt.
Einen hautnahen Einblick in die komplexen Tätigkeiten des Empfangsbereichs – wo viele Aufgaben zusammenlaufen wie Telefonanrufe, Besucher, Schlüsselausgaben, Paketdienste, parallele Mitarbeit bei der Digitalisierung der Tagespost – erhielten Cäcilie Kluth und Markus Zittlau beim „Schichtwechsel“ in der LWV-Regionalverwaltung Darmstadt. Üblicherweise haben beide in den Werkstätten des Behinderten-Werks Main-Kinzig ihren Arbeitsplatz. Als Jobtausch-Partner zeigte ihnen Volker Büchner in der LWV-Poststelle das fachgerechte Falten und Kuvertieren der Ausgangspost von Hand. „Interessant“ fanden beide die Kuvertiermaschine, die das automatisch erledigt. Besonders gut gefiel ihnen der persönliche Besuch bei der für sie zuständigen Sachbearbeiterin.
Am Ende des Aktionstages stand fest: Alle Tauschpartnerinnen und -partner – sowohl vom LWV als auch aus den Werkstätten – haben viel für sich mitgenommen. „Für mich ist der Schichtwechsel ein starkes Signal für gelebte Inklusion“, so das Fazit von LWV-Landesdirektorin Susanne Simmler. „Er schafft Verständnis und öffnet Türen, und das auf beiden Seiten. Menschen mit und ohne Behinderung lernen sich neu kennen, bauen Vorurteile ab und entdecken Chancen für gemeinsame Wege. Diese Erfahrung ist ein großer Gewinn, nicht nur für die Teilnehmenden, sondern für unsere gesamte Gesellschaft. Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Schichtwechsel im Jahr 2026.“
Der Aktionstag „Schichtwechsel“ wurde 2017 von den 16 Berliner Werkstätten und der Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen Berlin initiiert. Seit 2019 wird er von der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e.V. (BAG WfbM) koordiniert. In der BAG WfbM haben sich Träger von Eingliederungshilfeeinrichtungen, insbesondere von Werkstätten, Förderstätten und Inklusionsbetrieben, zusammengeschlossen, die Menschen mit Behinderungen die Teilhabe an Arbeit und Gesellschaft ermöglichen.