Nie ohne Wolfgang

Der Wohnverbund Nord der Baunataler Diakonie Kassel präsentiert sich gemeinsam mit dem LWV auf dem Hessentag in Hofgeismar (Stand 107 in Halle 1 der Landesausstellung). Wir stellen Bewohnerin Manuela Griep vor.

 

HOFGEISMAR. Manuela Griep setzt sich an ihren Schreibtisch und holt das Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel hervor. Bedächtig klappt sie das Brett auseinander, legt es auf den Schreibtisch und beginnt, die Spielsteine zu verteilen. Ins Haus der gelben Steine setzt sie drei gelbe und einen blauen Spielstein. „Bei den Gelben fehlt mir einer“, erklärt Manuela Griep. Offenbar kein Problem für sie. Sie beginnt zu spielen, ganz allein.

„Sie spielt häufig gegen sich selbst“, erklärt Betreuerin Sylke Domes und lacht. „Sie versucht dabei auch, sich selbst übers Ohr zu hauen.“

Manuela Griep ist eine selbstbewusste und eigenwillige Person. Wenn sie erzählt, gehen ihre Phantasie und ihr Temperament mit ihr durch. Sie berichtet ausschweifend von Ausflügen spätabends in der Stadt. So richtig klar wird dabei nicht, ob sich das wirklich so ereignet hat. Aber Manuela Griep schildert alles sehr realistisch. „Ich habe mir dann für halb elf ein Taxi bestellt, um zurückzufahren“, sagt sie. „Ich muss ja morgens früh raus.“

Manuela Griep erzählt ein wenig atemlos – und sie springt von einem Thema zum nächsten. Nicht leicht ihr zu folgen. Wenn sie redet, lacht sie viel. Und blickt sich unternehmungslustig in ihrem Zimmer um. Sie lebt in der Wohngruppe Löffelburger Weg in Hofgeismar, die von der Baunataler Diakonie Kassel (bdks) getragen wird. Hier hat sie ihr zweites Zuhause gefunden. „Wir legen sehr viel Wert auf eine familienähnliche Atmosphäre, in der jeder seinen Platz hat“, sagt Sylke Domes.

 

MUSIKGRUPPE SAITENWIND

Manuela Griep ist inzwischen gedanklich bei einer der jüngsten Chorproben von Saitenwind, der Musikgruppe der bdks. Viele Diskussionen habe es da gegeben, was nun überhaupt gesungen werden solle, berichtet sie. „Halleluja habe ich mir gewünscht. Aber der Willi fehlte!“ Ohne ihn war der Chor, dessen Repertoire von Gospel bis Schlager reicht, offensichtlich nicht stimmgewaltig genug. Dann wurde „Wochenend‘ und Sonnenschein“ geschmettert, berichtet sie weiter. „Ich habe mitgesungen, obwohl ich nicht sollte. Die Strophen singt immer nur Klaus…“

Tagsüber geht Manuela Griep – wie ihre 15 Mitbewohnerinnen und Mitbewohner am Löffelburger Weg - in die Werkstatt für behinderte Menschen. Sie muss Zylinderschrauben in kleine Metallplatten drehen, erklärt sie. „Ich habe mal Türmchen daraus gebaut“, erzählt sie. „Hinterher musste ich alles wieder sortieren.“ Manchmal geht es eben mit ihr durch. In der Werkstatt arbeitet auch ihr Freund Miky. Mit ihm ist sie nach Feierabend viel unterwegs, am Wochenende gehen sie manchmal ins Café Wunderbar. Beim letzten Mal, so erzählt sie, kamen zum Glück auch ihre Eltern, denn sie und Miky hatten kein Geld für Kaffee und Kuchen eingesteckt. „Meine Eltern haben ihm einen ausgegeben“, erzählt sie stolz.

 

CAFE WUNDERBAR

Im Café Wunderbar arbeitet Manuela Griep bisweilen auch. Sie hat das Café auf dem Gelände des Wohnverbundes mit ins Leben gerufen. Es wird von den behinderten Bewohnern und ihren Betreuern organisiert. Den Kuchen backen sie selbst. „Jürgen Vogt, der backt“, erklärt Manuela Griep, „aber ich nicht!“ Sie bedient. Doch am liebsten trinkt sie dort ein Tässchen Kaffee und isst von dem selbst gebackenen Kuchen. Das Café ist nur einmal im Monat geöffnet, doch dann kommen die Gäste aus der ganzen Stadt. „Unser Inklusionsprojekt“, sagt Wohnverbundsleiterin Mechthild Scheld-Ast lächelnd. „Das wird so gut angenommen, dass wir bislang noch kein einziges Mal werben mussten.“

Aber auch an anderen Tagen ist Manuela Griep viel unterwegs. Sie liebt Einkaufsbummel, geht zum Rehasport und besucht regelmäßig ihren Freund Miky. Manchmal sucht sie sogar selbstständig ihre Ärzte auf. Früher lebte sie mit ihrer älteren Schwester bei ihren Eltern in Deisel. In Kassel und Hofgeismar ging sie zur Schule. Als Erwachsene kam sie zunächst in Haus 1, dem Haupthaus in Hofgeismar mit einem intensiveren Betreuungsangebot, seit 1990 lebt sie in dem kleineren Haus am Löffelburger Weg, in dem die Bewohnerinnen und Bewohner vieles selbst organisieren und zum Beispiel am Wochenende kochen.

Neben Betreuerin Sylke Domes, mit der Manuela Griep viel lacht und auch singt, ist Wolfgang ihr treuester Begleiter. Die riesengroße Stoff-Maus, einer Micky-Maus sehr ähnlich, hat Manuela Griep auf Mallorca gefunden. „Wolfgang saß da auf dem Regal und ich habe Renate gefragt, ob ich den haben kann“, erinnert sie sich. „Ist der nicht zu groß?“, habe die Betreuerin gefragt. Aber um Manuela Grieps Herz war es geschehen und seitdem sitzt Wolfgang fast immer auf ihrem Schoß. Außer in der Werkstatt.

Wolfgang, der genauso heißt wie ihr Vater, schläft an ihrer Seite und ist sogar schon mal Tandem mit ihr gefahren. Er wurde festgeschnallt und dann ging es los. „Am nächsten Tag wollte er nicht mehr“, berichtet Manuela Griep. „Ja“, sagt Sylke Domes nachdenklich, „Wolfgang hat einen eigenen Kopf.“ „Ja, man sieht es ja!“, ruft Manuela Griep. „Nachts kneift er mich immer…Und der tritt und boxt.“ In ihrer Phantasie ersinnt die 44-Jährige gern auch kleine Streitereien mit Wolfgang.

 

MITEINANDER LACHEN

Bezugsbetreuerin Sylke Domes spielt dieses Spiel gern mit. „Wir müssen mit Wolfgang reden, dass es so nicht weitergeht“, sagt sie streng. Diese kleinen Inszenierungen öffnen ganz offensichtlich der Zugang zu Manuela Grieps Herz. Miteinander lachen, miteinander scherzen, singen und auch fabulieren, das ist wichtig für die Verständigung zwischen Bewohnerin und Betreuerin. Und es macht Spaß, den beiden dabei zuzuhören. „Wir holen die Menschen dort ab, wo sie sich befinden“, sagt Sylke Domes. „Wir stellen sie und ihre Individualität in den Mittelpunkt. Im Grunde so, wie es die Pädagogin Maria Montessori formuliert hat: Den anderen helfen, Dinge selbst zu tun.“

In den Gesprächen mit Manuela Griep geht es dabei oft um Wolfgang. Er ist schon der zweite ständige Begleiter in Manuela Grieps Leben. Der erste war ein Stoff-Affe namens Judy. Doch Judy ging irgendwann kaputt. Die Begegnung mit Wolfgang in einem mallorquinischen Laden war deshalb schicksalshaft. Die große Maus ist Tröster, streitbarer Spielkamerad und Zuhörer in einem. Besonders deutlich wird das, wenn Manuela Griep von ihren Krankenhausaufenthalten erzählt.

 

WOLFGANG AUF DER LAMPE

Mehrfach musste sie operiert werden. Fast in allen zurückliegenden Jahren. Und häufig muss sie in den Computertomographen. Doch Wolfgang darf da manchmal nicht mit, schon gar nicht in den OP. Das war bei Stoff-Affe Judy nicht anders. Ärzte, Pfleger und Schwestern müssen jedes Mal wieder argumentieren, dass das wegen der notwendigen sterilen Bedingungen im OP eben nicht geht. „Auf gar keinen Fall“, zitiert Manuela Griep den Arzt Dr. Schlieper. Und trotzdem hat sie „nur ein bisschen geweint“ im Krankenhaus. Nicht wegen Wolfgang, sondern weil die Schwester ihre Vene zunächst nicht fand. Das tat weh. Aber als Manuela Griep dann die Ärzte und Schwestern mit Mundschutz sah, musste sie schon wieder lachen. Und nach dem Aufwachen aus der Narkose war sie schnell getröstet. Die Schwestern und Pfleger hatten Wolfgang nämlich auf die Lampe am Bett gesetzt.

Zum Schluß singen Manuela Griep und Sylke Domes zusammen. Ein Geburtstagslied: „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten Dich sonst sehr vermisst…“ Einfach, weil das eine schöne Melodie ist. Geburtstag hat heute niemand. Manuela Griep wird Ende Oktober 45.

Elke Bockhorst

 


 

HINTERGRUND
BETREUUNGSANGEBOTE FÜR 215 BEWOHNER

Die Wohngruppe im Löffelburger Weg ist eine von dreizehn für geistig behinderte Menschen im Wohnverbund Nord der bdks. Insgesamt leben dort 140 Bewohner stationär, das heißt in einem Wohnheim. Manuela Griep ist eine der selbstständigeren von ihnen. Daneben werden 75 junge und ältere Erwachsene in ihren eigenen Wohnungen ambulant betreut (Betreutes Wohnen). Sie sind selbst fürs Einkaufen, Kochen und Saubermachen verantwortlich. Zum Wohnverbund Nord zählen Betreuungsangebote in Hofgeismar, Grebenstein und Wolfhagen. ebo