Mit dem E-Rolli ins neue Leben

Ronny Kramer zog mit 18 Jahren in eine Wohneinrichtung für geistig behinderte Menschen. Nach 30 Jahren Rund-um-Betreuung wagt er nun einen neuen Anfang: Das selbstbestimmte Leben in seiner ersten eigenen Wohnung. Der E-Rollstuhl zeigte ihm den Weg dorthin.

 

DARMSTADT. „Herr, Kramer, jetzt kommen Sie doch mal in die Puschen!“ Ein Satz mit weitreichenden Folgen. Ronny Kramer muss noch immer lachen, wenn er von dem denkwürdigen Gespräch mit Bianca Horeis erzählt. Sie leitet seit drei Jahren den Wohnverbund in der Aumühle, einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen, die sich in Trägerschaft der Mission Mensch befindet und in Darmstadt Wixhausen liegt. „Es war ja nicht nur sie, die so mit mir gesprochen hat. Auch meine Freunde haben gesagt: ‚Ronny, jetzt nimm‘ dein Leben endlich selbst in die Hand, anstatt dich immer pampern zu lassen‘.“

Ronny Kramer erzählt gern, macht Witze, formuliert leicht und schafft es, die ganze Aufmerksamkeit im Raum auf sich zu ziehen. Er sitzt am Tisch im Gemeinschaftsraum seines Wohntraktes in der Aumühle, gemeinsam mit den Menschen, die ihn darin unterstützen, ein neues Leben zu beginnen. Offen und direkt spricht er davon, dass er von Geburt an – neben der leichten geistigen Behinderung – unter einer spastischen Lähmung leidet, die den ganzen Körper betrifft, so dass er auf den Rollstuhl angewiesen ist.

 

LEBENSUMSTÄNDE VERÄNDERN

Häufig hat er sich über seine Lebensumstände geärgert. Die ständige Abhängigkeit von anderen Menschen und deren Unterstützungsleistungen. Der vordefinierte Tagesrhythmus in der Wohneinrichtung, die permanente Anwesenheit der Mitbewohner, die das Leben in einer Gemeinschaft nun mal mit sich bringt. Bianca Horeis formuliert es so: „Ich habe Herrn Kramer dann gesagt, dass er, anstatt immerzu die Einrichtung verändern zu wollen, damit es ihm besser geht, die Sache umgekehrt angehen soll: Was kann er selbst tun, um das zu bekommen, was er für sich braucht?“

Und dann kam der Zeitpunkt, als Ronny Kramer bereit war, auf einen elektrisch betriebenen Rollstuhl umzusteigen. Rund zwei Jahre ist das her. Erst wollte er gar nicht so recht vom gewohnten Gefährt lassen. Aber dann, als er die ersten Versuche mit dem E-Rolli hinter sich hatte, nahm er volle Fahrt auf. „Ich konnte ja ohne fremde Hilfe wo hin gehen. Einkaufen oder in eine Ausstellung“, erzählt er und scheint noch immer ein wenig erstaunt darüber, dass ihm diese Erkenntnis erst mit Mitte 40 kam. Aber besser spät als nie. Umso motivierter probierte er die neuen Möglichkeiten des Lebens aus, die sich vor ihm auftaten. Mal unbegleitet nach Darmstadt in die Innenstadt fahren zum Beispiel. Inzwischen kennen ihn schon viele S-Bahnfahrer, die extra für ihn aussteigen müssen, um eine Rampe zum Einstieg auszufahren. Meistens klappt das gut, Ausnahmen bestätigen die Regel. Als er zur Ausstellung „BehindArt“ fuhr, die Kunst behinderter Menschen zeigte, nahm er die Straßenbahn. Auch kein Problem mehr für ihn. Diese neu gewonnene Freiheit hat ihn auf den Geschmack gebracht, auch in anderen Bereichen seines Lebens wollte er nun eine größere Selbstständigkeit gewinnen. Dass er auf Wohnungssuche ging, war nur die logische Konsequenz.

 

NEUE FÄHIGKEITEN

Doch auf dem Weg zum eigenständigen Wohnen liegen noch einige Steine, die es wegzuräumen gilt. Denn es sind häufig die kleinen Dinge des Alltags, die plötzlich zu einer großen Herausforderung werden können. Zum Beispiel die Sache mit den Kompressionsstrümpfen, die Ronny Kramer jeden Morgen anziehen muss. Bislang half ihm ein Mitarbeiter der Aumühle. Jetzt schafft er es alleine. „Ich habe mich im Orthopädiefachgeschäft beraten lassen und mir eine Anziehhilfe gekauft. Mit der schaffe ich es auch ohne fremde Hilfe. Nur manchmal kommt ein Krampf dazwischen. Dann muss ich abwarten. Da hilft nichts mehr.“ Der Stolz auf die neuen Fähigkeiten spricht aus ihm, wenn er davon erzählt, wie er die Kindersicherung seiner Medikamentenbox austrickst. Seine Betreuerin hatte ihm geraten, eine neue zu kaufen, die sich leichter öffnen lässt. Doch wozu Geld ausgeben, wenn eine andere Technik des Öffnens auch zum Ergebnis führt? Mit dem einen Arm die Box gegen den Bauch pressen, dann kann die freie Hand den Verschluss öffnen. Geht doch. Gewusst, wie!

Ein Gefühl der Sicherheit gibt ihm auch das Handy, das er immer bei sich führt, wenn er das Haus verlässt. Zur Not anrufen und Hilfe herbeiholen zu können, das gibt Mut für neue Taten. Und für den Fall, dass das Handy oder andere notwendige Dinge ihm einmal aus der Hand auf den Boden fallen sollten, legt er sich einfach einen Greifarm zu. Den will er immer bei sich führen, für alle Fälle. Es sind kleine Wegbegleiter in die Selbstständigkeit mit großer Wirkung, die Ronny Kramer nicht mehr missen möchte.

 

EINE MUTMACHGESCHICHTE

Dass er einmal eine eigene Wohnung beziehen würde, das hätte er sich vor drei Jahren, als er noch im Rollstuhl geschoben wurde, gar nicht vorstellen können. Ähnlich verwundert über seine erstaunliche Entwicklung zeigt sich auch Elke Kunz, seine zuständige Sachbearbeiterin des LWV Hessen in Darmstadt. „Ich kenne ja die Akten von Herrn Kramer – zwei davon lagern im Archiv, die aktuelle habe ich im Büro, so lange begleiten wir ihn schon“, sagt sie und lacht. „Ich war so erstaunt, als ich las, wie sehr der E-Rolli sein Leben verändert hat, so dass er jetzt in das Betreute Wohnen zieht.“ Eine Mutmachgeschichte sieht sie darin. Dass auch nach 30 Jahren in einem Wohnheim ein Neuanfang möglich ist.

Schließlich ist Ronny Kramer kein Einzelfall. Einige seiner Freunde haben den Schritt schon vor ihm gewagt und es geschafft. Dominik Jäger hat einige von ihnen dabei begleitet. Er leitet den Bereich Ambulant Betreutes Wohnen der Mission Leben. Er kennt die Hürden, die anfangs zu nehmen sind, genau: „Ich helfe natürlich auch beim Ausfüllen von Anträgen und bei der Einrichtung der Wohnung. Später kommen die alltäglichen Dinge hinzu: Einkaufen, Putzen, aber auch die psychosoziale Betreuung.“ Viermal pro Woche wird Ronny Kramer künftig für eine Stunde betreut, die Kosten trägt der LWV. Elke Kunz hat außerdem den Antrag auf Finanzierung der Wohnungs-Erstausstattung vorliegen. Rund 1000 Euro wird sie dafür bewilligen können. „Das ist nicht die Welt“, sagt sie, „aber ein Anfang.“ Und Ronny Kramer pflichtet ihr bei: „Man muss eben auch sparsam sein.“

Gemeinsam mit Dominik Jäger hat er bis hin zur Spülbürste eine Liste der Dinge erstellt, die für den Bezug der Wohnung notwendig sind. Die Wohnungssuche selbst hat er im Internet weitestgehend allein unternommen. Das war häufig genug frustrierend, denn bezahlbare, behindertengerechte Wohnungen sind noch immer Mangelware. Etwas Glück gepaart mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit führten schließlich zum Erfolg. Er wird sofort nach Fertigstellung im März in einen Neubau der Stadt Darmstadt einziehen, der behindertengerecht ist.

„Ich engagiere mich in der Aumühle und es wurde mal Zeit, dass ich eine Veränderung vornehme. Aber ich habe das stationäre Wohnen gebraucht, es war richtig für mich, dass ich dies hatte. Als ich hier her kam, war ich 18 und wusste nicht, was ich wollte. Die Zeit hat mich geprägt.“

 

KONTAKT ZUR AUMÜHLE BLEIBT

Der Aumühle kehrt er jedoch nicht ganz den Rücken. Denn er arbeitet dort in der Werkstatt für behinderte Menschen im Bereich Industriedienstleistung und Aktenvernichtung. „23 Jahre lang habe ich in der Gärtnerei gearbeitet“, erzählt er, „aber ich dachte, ich wechsel lieber früher den Bereich, ehe ich körperlich die Arbeit in der Gärtnerei nicht mehr machen kann.“ Wie er den Weg von seiner neuen Wohnung zur Werkstatt mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigen kann, hat er bereits ausprobiert. „Kein Problem“, sagt er. Er freut sich jetzt schon darauf, in seinem neuen Zuhause auch mal die Tür zu machen zu können und ein eigenes Bad zu haben. Vielleicht wird er die Gesellschaft der Mitbewohner vermissen – aber er trifft sie ja auf der Arbeit. „Ich kann mich ja mit meinen Freunden verabreden. Dann sieht man sich vielleicht nicht mehr so häufig und es ist schon anders, als einfach über den Flur an der Tür anzuklopfen. Ich weiß, dass das neue Leben kein Spaziergang wird. Aber ich weiß jetzt, was ich will. Und dass ich selbst dafür sorgen muss, dass es mir gut geht.“

Katja Gußmann