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Führung im Ständehaus

Die Grimms und das Verfassungsrecht


Gruppenfoto der Referenten

Dr. Dominik Motz, Leiter des LWV-Archivs, Johannes Ickler und Ute Lilly Mohnberg (v. l.), beide vom Museum Grimmwelt Kassel, referierten über die Zusammenhänge von Demokratie und Verfassungsrecht zwischen den Märchenbrüdern Grimm und dem Kasseler Ständehaus; im Hintergrund: das Verfassungsbild von Ludwig Emil Grimm (Foto: LWV-Öffentlichkeitsarbeit)

Was verbindet die Märchenbrüder Jacob und Wilhelm Grimm mit dem Ständehaus in Kassel? Als studierte Juristen, geprägt von der politischen Aufbruchstimmung des Vormärz, vertraten die Grimms, die auch als Verfasser und Herausgeber des Deutschen Wörterbuchs bekannt sind, liberal-demokratische Werte und die Forderung nach Gleichberechtigung des Bürgertums: der gleiche Nährboden, auf dem auch das Kasseler Ständehaus, das älteste Parlamentsgebäude in Hessen, entstanden ist.

Eine spezielle Führung im Rahmen der Sonderausstellung "Akte Rumpelstilzchen", die derzeit im Museum Grimmwelt Kassel zu sehen ist, nahm am authentischen Ort – dem Ständehaus selbst – rund 25 Besucherinnen und Besucher mit auf eine historische, politische und architektonische Zeitreise. Dazu präsentierten Ausstellungsmacherin Ute Lilly Mohnberg und Historiker Johannes Ickler von der Grimmwelt sowie Dr. Dominik Motz, Leiter des LWV-Archivs, Karten, Archivalien und Grafiken auf der großen Leinwand im Ständesaal. Darunter auch das so genannte Verfassungsbild, eine Lithografie, auf der Ludwig Emil Grimm festgehalten hat, wie Oberbürgermeister Karl Schomburg an der Spitze einer Delegation eine von etwa 1.400 Kasseler Bürgern unterzeichnete Petition an den Kurfürsten Wilhelm II. von Hessen-Kassel übergibt. Das Ereignis des Jahres 1830 stellt die Forderung nach einer kurhessischen Verfassung dar, die dem absolutistischen Monarchen zwar ein Dorn im Auge war, im Jahr darauf unter dem Druck der Kasseler Bevölkerung aber tatsächlich erlassen wurde: ein historisches Ereignis, das geradewegs zur Einberufung einer Ständeversammlung und – in Ermangelung eines geeigneten Versammlungsortes – zum Bau des Ständehauses nach den Plänen des Architekten Julius Eugen Ruhl im Stil der Neorenaissance ab dem Jahr 1834 führte.

Dass sich das Ringen um eine fortschrittliche Verfassung wie ein roter Faden auch durch das Leben der Märchenbrüder zog, machten Ausstellungsmacherin Mohnberg und Historiker Ickler an zwei biografischen Ereignissen deutlich: Jacob und Wilhelm Grimm gehörten zu den "Göttinger Sieben", jenen Professoren, die 1837 gegen die Aufhebung der liberalen Verfassung des Königreichs Hannover protestierten und daraufhin entlassen wurden. Wie zwei weitere der Mitunterzeichner wurde Jacob Grimm sogar des Landes verwiesen. 1848 nahm er als gewählter Abgeordneter an den Versammlungen des ersten frei gewählten gesamtdeutschen Parlaments in der Frankfurter Paulskirche teil. Hierzu präsentierte Mohnberg auch eine Leihgabe aus Privatbesitz, die in der Ausstellung in der Grimmwelt zum ersten Mal öffentlich zu sehen ist: der originale Vorschlag für Artikel 1 der Grundrechte des deutschen Volkes, handschriftlich notiert von Jacob Grimm, eingebracht in der Paulskirchenversammlung in 1848.

Ein für die Demokratie gebautes Haus

Die zum historischen Geschehen passendenden Informationen, wie das Kasseler Ständehaus in den zurückliegenden fast 200 Jahren als ein für die Demokratie gebautes Haus verwendet wurde und bis heute diesem Zweck dient, steuerte Dr. Motz bei: vom Sitz des kurhessischen Landtages (Ständeversammlung) ab 1836 über den in 1868 gegründeten Bezirkskommunalverband (Tagungsort der Kommunal- und Provinziallandtage) und ab 1953 mit der Gründung des Landeswohlfahrtsverbandes mit seinen 75 Abgeordneten aus allen Teilen Hessens, die die LWV-Verbandsversammlung bilden, welche auch als das "hessische Sozialparlament" bezeichnet wird.

Zur Sprache brachte der Archivleiter auch die Zerstörungen am Gebäue im Zweiten Weltkrieg, die Sicherung mit einem Notdach und den Wiederaufbau nach Plänen des documenta-Gründers Arnold Bode und seines Bruders Paul Bode. Ein kurzer Rundgang durch das Ständehaus machte die Veranstaltung im Rahmenprogramm der Grimmwelt-Ausstellung komplett, wobei Dr. Motz auf noch weitere geschichtliche und architektonische Details am historischen Ort aufmerksam machte.

Die Sonderausstellung "Akte Rumpelstilzchen. Eine Spurensuche in Märchen und Recht" ist bis zum 14. April 2024 in der Grimmwelt Kassel, Weinbergstraße 21, zu sehen.

Weitere Informationen zum Ständehaus als Ort der Demokratiegeschichte unter www.demokratie-geschichte.de


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