Pressemitteilung vom 10. März 2012

Walter-Picard-Preis verliehen: Gegen Isolation und Ausgrenzung

„Wir werden für etwas ausgezeichnet, was selbstverständlich ist“, sagt Preisträgerin Rosel Linke. Sie spricht stellvertretend für alle Nachbarn eines Wohnheims für psychisch kranke Männer und Frauen in Riedstadt-Erfelden: Erstmals bekommen die Anwohner einer ganzen Straße den Walter-Picard-Preis des LWV Hessen. Zweiter Preisträger ist Adalbert Riebensahm, Vorsitzender des Vereins Partner für Psychisch Kranke im Landkreis Kassel. LWV-Landesdirektor Uwe Brückmann hat die nach dem Sozialreformer Walter Picard benannte Auszeichnung heute im Ständesaal in Kassel überreicht. Das Preisgeld von 5.000 Euro geht zu gleichen Teilen an ihn und die Nachbarschaft aus Riedstadt.


„Sie haben Normalität ins Leben von Menschen mit psychischen Erkrankungen gebracht“, sagt Landesdirektor Brückmann in seiner Laudatio. „Damit haben Sie vollbracht, was kein Arzt und kein Therapeut auf diese Weise hätte leisten können.“

Adalbert Riebensahm gründete unter anderem eine Gesprächsgruppe für Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die er bis heute leitet. Aufgrund seiner Initiative lädt der Verein Partner für Psychisch Kranke außerdem regelmäßig zu Spaziergängen „mit Freunden“ und anschließendem Kaffeetrinken ein. Adalbert Riebensahms Motto lautet: „Psychisch kranke Menschen müssen Rücksicht auf ihre Krankheit nehmen, sie sollten ihr Leben aber keinesfalls der Krankheit unterordnen, sondern die gesunden Anteile, die sie haben, wahrnehmen.“ Dazu seien viele Menschen nötig, die gemeinsam ein Netz knüpfen, sagt Riebensahm. Als Preisträger vorgeschlagen hatte ihn sein Stellvertreter Burkhard Wilhelm.

Der zweite Vorschlag kam von Renate Marquardt-Keil, Leiterin eines Wohnheims in Riedstadt-Erfelden, in dem 17 Menschen mit schweren seelischen Behinderungen leben (Träger ist der Sozialpsychiatrische Verein Groß-Gerau). „Unsere Nachbarn nehmen Anteil an dem Leben unserer Bewohner, hören ihnen zu, kommen zu unseren Festen und sind zum Teil auch mit den Angehörigen bekannt,“ sagt die Leiterin. „Das ist ein alltäglicher Kontakt, nichts Aufgesetztes.“ Vom Gespräch am Gartenzaun bis zu spontanen Fahrdiensten reiche die Kontaktpflege.

„Nachbarschaftshilfe und zwischenmenschliche Begegnungen werden immer wichtiger“, betont Uwe Brückmann. „Denn die Zahl der Menschen, die ihr Leben aufgrund langer psychischer Erkrankungen nur mit Unterstützung bewältigen, wird immer größer. So werden wir im laufenden Jahr voraussichtlich 16.640 dieser Menschen im Rahmen der Eingliederungshilfe unterstützen, 850 mehr als im Vorjahr.“ Neben der professionellen Betreuung seien Kontakte im sozialen Umfeld sehr wichtig, um Isolation und Ausgrenzung zu überwinden.

Die Nachbarn des Wohnheims in Riedstadt-Erfelden werden das Preisgeld für die Bewohner spenden. „Ich habe viele Freunde da“, sagt Christel Weigt. Sie sowie Horst und Rosel Linke haben den Preis stellvertretend für alle Nachbarn entgegengenommen.

Der Walter-Picard-Preis wird in diesem Jahr zum sechsten Mal vergeben. Insgesamt 44 Vorschläge waren diesmal beim LWV eingegangen.

Der von der LWV-Verbandsversammlung 2001 gestiftete Preis wird alle zwei Jahre für besonders nachahmenswertes ehrenamtliches Engagement oder professionelle Projekte in der hessischen Gemeindepsychiatrie verliehen. Namensgeber ist der Sozialpolitiker Walter Picard aus Offenbach: Er war einer der Initiatoren der Psychiatrie-Enquête, die ab 1975 maßgeblich zur Verbesserung der psychiatrischen Versorgung in Deutschland beigetragen hat. Picard gehörte dem Bundestag an und war lange Abgeordneter der Verbandsversammlung des LWV. Ihm lag es besonders am Herzen, offene und wohnortnahe Hilfen für psychisch kranke Menschen zu schaffen. Auch für die Stärkung von Selbsthilfe-Projekten setzte sich Picard ein.