Mehr Freiheit für die Freizeit

Lars Ahlgrimm ist einer von mehr als 700 behinderten Menschen, die ein Persönliches Budget vom LWV erhalten. Er und sein Bruder Andreas Martin haben mehrere Assistenten, die ihnen größere Bewegungsfreiheit in ihrer Freizeit ermöglichen. Der LWV wird im Lauf dieses Jahres eine Variante des Persönlichen Budgets einführen, die mehr Menschen die Chance geben soll, sich Unterstützung selbst einzukaufen.

 

OTZBERG. Lars Ahlgrimm geht am Wochenende gern in die Disco, zusammen mit seinem Kumpel Moritz. Die jungen Männer genießen die Musik, die Leute, die Stimmung. Nur Tanzen, das kann Lars nicht. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen - und auf Betreuung nahezu rund um die Uhr. Seit seiner Geburt ist er geistig und körperlich behindert. Moritz ist sein Freund, aber auch sein Betreuer: Auf Basis eines Min?obs unternimmt er viel mit Lars in dessen Freizeit. „Manche sagen, das ist eine gekaufte Freundschaft“, sagt Gracienne Ahlgrimm, die Mutter von Lars. „Aber das stimmt nicht. Für meine Söhne sind ihre Betreuer ganz wichtige Bezugspersonen.“

Lars Ahlgrimm (29), Mutter Gracienne und Pflegesohn Andreas Martin leben in einem kleinen Ort im Odenwald, in Otzberg im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Der Vater ist vor zehn Jahren ausgezogen. Auch Andreas Martin (27) ist geistig behindert. Er wohnt in der Souterrainwohnung des Hauses. Mit elf Jahren kam er zu den Ahlgrimms, um die großen Ferien mit ihnen zu verbringen – und blieb für immer. „Ich bin in der Schweiz in einer Großfamilie mit einem behinderten Cousin aufgewachsen – eigentlich lebe ich schon mein ganzes Leben lang Inklusion“, erklärt Gracienne Ahlgrimm. „Andi hat mir in meinem Leben schon tausendmal mehr gegeben, als ich jemals geben kann“, sagt sie heute. Er wurde ihr fünftes Kind. Die drei älteren Geschwister leben schon lange nicht mehr zu Hause.

„Lars ist am liebsten ständig unterwegs“, sagt die Mutter. Sie erzählt, wie er eines Tages, als sie mit ihm Schwimmen war, vom Drei-Meter-Brett springen wollte. „Das konnte und wollte ich nicht mehr mitmachen. Die Jungs brauchen einfach jüngere Leute, die mit ihnen die Dinge unternehmen, die ihnen Spaß machen.“ Tagsüber arbeiten sie in der Werkstatt der nahe gelegenen Heydenmühle, einer anthroposophisch geführten Einrichtung, Andreas Martin in der Bäckerei, Lars Ahlgrimm in der Montage. Abends sind sie jetzt oft unterwegs. „Es ist doch klar, dass sie in ihrer Freizeit die gleichen Dinge unternehmen wollen, wie andere Gleichaltrige“, sagt die Mutter.

 

ZIELE VEREINBART

Sie selbst benötigte dringend Zeit für sich, um sich von der eigenen Arbeit als Köchin in der Heydenmühle und der zusätzlichen permanenten Anforderung durch ihre Söhne zu erholen. Georg Hassenzahl vom LWV Hessen machte die Familie vor zwei Jahren auf die Möglichkeiten des Persönlichen Budgets aufmerksam. Das Besondere an dieser Leistung im Rahmen der Eingliederungshilfe nach dem Sozialgesetzbuch XII ist, dass hier monatlich ein bestimmter Geldbetrag direkt an den Empfänger ausgezahlt wird, der ihn in eigener Verantwortung für Maßnahmen verwenden kann, die der Rehabilitation oder Teilhabe am sozialen Leben dienen. Andreas Martin hat rund 20 Stunden im Monat zur Verfügung, Lars Ahlgrimm 50. Mit dem LWV werden Ziele vereinbart, die mittels des Persönlichen Budgets erreicht werden sollen. Für Lars Ahlgrimm und Andreas Martin war klar, dass sie mehr Unabhängigkeit von ihrer Mutter, größere Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein erlangen wollten. Zugleich wollte ihre Mutter erstmals seit vielen Jahren wieder freie Stunden genießen. „Zuerst hatte ich Sorge, dass ich den Papierkram nicht bewältige“, erzählt sie rückblickend. Denn es galt, zunächst den Antrag auf das Persönliche Budget zu stellen, später mit den Beschäftigten Verträge zu schließen und sie bei der Mini-Zentrale zu melden. Die geleisteten Stunden müssen protokolliert, abgerechnet und dem Leistungsträger nachgewiesen werden. Zudem musste Gracienne Ahlgrimm überhaupt erst Menschen finden, die mit ihren Söhnen die Freizeit gestalten würden. Sie wendete sich an das örtliche Arbeitsamt, um junge Männer und Frauen zu finden. Allerdings waren nicht alle Bewerber, die das Amt schickte, wirklich motiviert und geeignet. Mehr Erfolg hatte eine kleine Stellenanzeige, die sie am schwarzen Brett der Fachhochschule Darmstadt aufhängte. „49 Studenten der Sozialarbeit bewarben sich darauf“, sagt sie.

 

SECHS BETREUER

Da sich die Interessen der Söhne nur wenig überschneiden, hat jeder von ihnen seine persönlichen Betreuer. Derzeit beschäftigt Familie Ahlgrimm sechs junge Leute. In der Regel sprechen sie sich untereinander ab, wer wann zum Einsatz kommt, so dass der Koordinationsaufwand für die Familie gering bleibt. Der Job ist attraktiv, denn neben dem Verdienst erlangen die Studenten Praxiswissen, das ihnen im Studium zugute kommt.
Die Palette der Unternehmungen ist vielfältig: Radfahren, Grillen, Schwimmen, Bibliothek oder Disco – selbst Töpfern stand schon auf dem Programm. Stolz zeigt Andreas Martin auf das Kaffeegeschirr: „Die Teller habe ich selbst gemacht.“ Sein Bruder strahlt, wenn er berichtet, wie er neulich „Shoppen“ war.

Für die ganze Familie hat mit dem Persönlichen Budget eine neue Zeitrechnung begonnen. „Nicht nur die Lebensqualität meiner Söhne hat sich entschieden verbessert, auch meine eigene“, resümiert die gebürtige Schweizerin, die mit einem leichten französischen Akzent spricht. Wichtig sei aber, betont sie, dass man ein offenes Haus pflege. „Man muss junge Leute mögen und respektieren“, sagt sie, dann mache es auch Freude, wenn sie das Leben mit neuen Ideen ein wenig umkrempeln. Oftmals nehmen die Betreuer die jungen Männer einfach mit zu eigenen Freizeitaktivitäten oder bringen Freunde mit. Inzwischen hat sich ein richtiges Netzwerk der Betreuer untereinander herausgebildet. Wenn einer von ihnen wegzieht oder wegen Prüfungsphasen nicht arbeiten kann, dann steht schon der nächste parat. Stellenanzeigen muss Gracienne Ahlgrimm nicht mehr schalten.

 

SELBSTBEWUSSTSEIN GEWONNEN

Die Söhne haben inzwischen so viel Selbstbewusstsein hinzugewonnen, dass sie kurz entschlossen an einem Sonntagvormittag zu zweit – ohne Betreuer – mit dem Taxi in eine Musikkneipe im nächsten Ort gefahren sind, um ein Konzert zu hören. Die Fahrtkosten können sie extra abrechnen. Sie wünschen sich, dass ihr Beispiel Schule macht. Auch, wer wenig Geld zur Verfügung habe, könne mit Hilfe des Persönlichen Budgets eine erfüllte Freizeit erleben, sagt Gracienne Ahlgrimm. Manche Kontakte bleiben bestehen, auch wenn das Arbeitsverhältnis schon lange beendet ist. „Eine Betreuerin ist in ihre Heimat nach Ungarn zurückgegangen – da haben wir sie schon zweimal besucht“, erzählt sie. „Gekaufte Freundschaft“ sieht anders aus.

Katja Gußmann

 


 

EIN ZWEITES PERSÖNLICHES BUDGET

Interview mit Dr. Andreas Jürgens, Erster Beigeordneter des LWV

 

Welche Bedeutung hat das Persönliche Budget?
Der Hauptaspekt beim Persönlichen Budget ist, dass behinderte Menschen mehr eigenständige Gestaltungsmöglichkeiten erhalten. Sie treten als Vertragspartner auf, mit allen Rechten und Pflichten. Sie haben eine eigenständige Stellung als Kunde und Nachfragender.

 

Hat das auch einen psychologischen Effekt?
Den kann es haben. Bislang sind die Gestaltungsmöglichkeiten durch die vorgegebenen rechtlichen Rahmenbedingungen allerdings sehr begrenzt. Zum Beispiel berechnen wir bei Unterstützungsleistungen im Bereich Wohnen haargenau, wie viele Stunden psychosozialer Betreuung jemand braucht. Das könnte künftig durch eine Pauschale ersetzt werden.

Und das Trägerübergreifende Persönliche Budget, bei dem wir als LWV mit den Pflegekassen und anderen Leistungsträgern gemeinsam den Betrag ermitteln, den jemand braucht, um sich Unterstützung einzukaufen, wird noch sehr selten genutzt.

 

Welche Gründe hat das?
Das liegt unter anderem daran, dass die Kranken- und Pflegekassen eine Auszahlung von Geldbeträgen als Persönliches Budget im Grunde nicht kennen. Die rechnen anders ab und geben keine feste Geldleistung für eine Gesundheitsleistung. Das spiegelt sich auch darin wider, dass eine Pflegesachleistung immer umfangreicher ist als das Pflegegeld. Unser Ziel: In unserem Zuständigkeitsbereich sollte es mehr Persönliche Budgets geben. Es gibt einige sehr positive Beispiele im Bereich des Integrationsamtes und der Eingliederungshilfe, auch für Trägerübergreifende Budgets, aber das sind noch zu wenige.

 

Wie wollen Sie das erreichen?
Wir wollen eine zweite Variante schaffen, ein Persönliches Budget II, und die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten erweitern. Es ist für Menschen gedacht, die im Betreuten Wohnen leben oder für Menschen, die eine entsprechende psychosoziale Betreuung benötigen. Sie können sich diese Betreuung künftig selbst einkaufen. Vorerst gilt die Variante II nur für Menschen, deren Budget 1.000 Euro nicht übersteigt, unabhängig von der Art der Behinderung. Dann gewähren wir einen pauschalen Stundensatz von 40 Euro. Ihr Budget können sie verwenden, ohne für jede abgerechnete Unterstützungsleistung einen Einzelnachweis zu erbringen. Sie müssen allerdings sicherstellen, dass die Ziele, die zuvor vereinbart wurden, auch verfolgt und erreicht werden. Das muss dann engmaschiger als bisher überprüft werden. Es ist ein Vertrauensvorschuss, den wir den Leistungsberechtigten geben.

 

Wo sehen Sie die Vorteile?
Die Menschen können sich einen Mix aus professioneller und nicht professioneller Unterstützung zusammenstellen. 40 Euro, das ist weniger als die Vergütung für eine Fachleistungsstunde, weil auch Nachbarn, studentische Hilfskräfte oder Freunde einige solcher Leistungen erbringen können, zum Beispiel, wenn es um tagesstrukturierende Maßnahmen geht. Wenn jemand ins Fußballstadion möchte und das nicht ohne Unterstützung kann, weil er beispielsweise Angst vor Menschenansammlungen hat, dann muss es nicht unbedingt ein Sozialarbeiter sein, der ihn begleitet. Wenn jemand lernen möchte, wie er Bus und Bahn nutzen kann, dann kann ihn dabei jeder Mensch unterstützen, der sich mit dem Öffentlichen Personennahverkehr auskennt. Das gleiche gilt fürs Einkaufen oder Wäsche waschen. Anders ist das, wenn es um pädagogische Interventionen geht. Dafür werden Fachleute benötigt. Psychosoziale Betreuung ist ja immer eine Gratwanderung: Es darf nicht zu wenig sein, aber auch nicht so viel, dass man die Entwicklungspotentiale

 

Wann wird das Persönliche Budget II eingeführt?
Im Lauf dieses Jahres wollen wir damit beginnen.

 

Das Interview führte Elke Bockhorst