Gemeinsam auf Torjagd

Sport ist Leidenschaft und Emotion. Er verbindet Menschen. Was daraus entstehen kann, zeigt das Team United aus Friedrichsdorf-Köppern. Denn bunter kann eine Fußballmannschaft kaum sein: Für dieses Team laufen Jungs und Mädchen mit und ohne Handicap im Alter zwischen 10 und 25 Jahren auf. Das gleiche Ziel mit einem ganz anderen Konzept verfolgt der Handballverein HSG Baunatal: Dessen Fan-Projekt „Freude geben“ richtet sich ausschließlich an behinderte Menschen.

 

FRIEDRICHSDORF / BAUNATAL. Letztes Training vor dem ersten Fußballturnier: Der quirlige Blondschopf läuft sich frei, wird von A-Jugendspieler Tim angespielt, dreht sich, stürmt mit dem Ball auf Torhüter Modi zu. Der macht sich groß, lenkt den Schuss gekonnt ab. Aber Pascal Matthäus gibt nicht auf – der 20-Jährige mit Downsyndrom entpuppt sich als ausdauernder Stürmer, der sich Chance um Chance erspielt und am Ende die meisten Treffer verbuchen kann.

Trainer Bruno Pasqualotto und Thorsten Picha waren die treibenden Kräfte, als es um die Gründung des Teams beim SV Teutonia Köppern ging. „Ich hatte in der D-Jugend einen Spieler mit geistiger Beeinträchtigung. Er wurde von der Mannschaft prima aufgenommen, hat sich toll entwickelt und hat großen Spaß an unserem Sport. Uns war klar, dass es noch mehr Kinder und Jugendliche mit Handicap gibt, die nur zu gerne Fußball spielen würden. Aber irgendwann können sie in einer regulären Mannschaft nicht mehr mithalten. So entstand die Idee für Team United“, schildert Bruno Pasqualotto. Das erste Training absolvierten sie mit fünf Spielern. Inzwischen sind es bis zu 32. Einer kommt sogar aus Mainz. Die meisten sind jedoch aus Frankfurt, der Wetterau und dem Hochtaunuskreis.

 

FREUNDSCHAFTSSPIELE MIT ALLEN

Noch sind solche Sportangebote rar. Daher kann das Team aus Jugendlichen mit und ohne Handicap nur bei Freundschaftsspielen in dieser Formation auflaufen. Denn so bunt die Mannschaft auch ist, für Turniere und Punktspiele gelten eigene Regeln in der Hessenliga Fußball für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung des Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes. „Eigentlich dürfen nur Spieler ab 15 Jahren mit einer geistigen Beeinträchtigung spielen“, erklärt der Coach. Immerhin hat Team United erreicht, dass auch körperlich behinderte Jugendliche spielen dürfen. „Wir wollen nicht auch noch unterscheiden zwischen intellektueller und körperlicher Behinderung. Die Kids erleben oft genug, dass sie ausgegrenzt werden. Da möchten wir ganz bewusst gegensteuern“, betont Thorsten Picha.

 

VOM HANDBALL-FAN ZUM SPIELER

Dennoch sind die Fußballer aus dem Taunus den Handballern aus Baunatal einen Schritt voraus: Sie haben Mannschaften, mit denen sie sich messen können. „Ich bin da immer noch auf der Suche“, räumt Peter Norwig ein, der Vorsitzende der HSG Baunatal und Trainer einer kleinen, aber feinen Gruppe von körperlich, geistig und seelisch behinderten Handballern. Entwickelt hat sich dieses Angebot, an dem jede Woche etwa acht erwachsene Bewohner der Baunataler Diakonie Kassel teilnehmen, aus dem Fan-Projekt „Freude geben“. Seit fünf Jahren organisiert die HSG den Fahrdienst zu den Spielen ihrer ersten Herrenmannschaft und kümmert sich in der Halle um die behinderten Gäste. „Heute kommen regelmäßig bis zu zehn Heimbewohner zu den Spielen. Das Miteinander und die Atmosphäre in der Halle haben sich durch die Herzlichkeit dieser Besucher positiv verändert. Und die Mitarbeiter der Diakonie berichten, dass die Handball-Fans offener auf andere zugehen und eigenständiger geworden sind“, berichtet Peter Norwig. Schon bei den ersten Besuchen zeichnete sich ab, dass es allein beim Zuschauen nicht bleiben würde. „Wir merkten schnell, dass einige unbedingt selbst spielen wollten“, schmunzelt der Vereinsvorsitzende. Die Rückmeldungen von Angehörigen der Teilnehmer und von Mitarbeitern der Diakonie sind durchweg positiv. Die motorischen Fähigkeiten verbessern sich enorm. Und wer ins Training kommt, wird auch kommunikativer. „Wenn ein Bewohner, der nie gesprochen hat, plötzlich strahlend vom Handballtraining erzählt, sind auch die Mitarbeiter der Diakonie völlig von den Socken“, lächelt Peter Norwig.

In der Fußballhalle verfolgt Modi gespannt das Treiben auf dem Spielfeld. Er ist seit der D-Jugend in Köppern aktiv, gehört von Beginn an zum Team. „Wir haben tolle Fortschritte gemacht. Jetzt sind wir reif, auch gegen andere Mannschaften zu spielen“, zieht der 17-Jährige Bilanz. Er hat bereits in der regulären Jugendmannschaft Spielpraxis gesammelt und hat als Ersatztorwart bei der B-Jugend mitgewirkt. „Felix lauf – und jetzt zu Pascal!“, schreit er. Wenige Sekunden später ein weiteres Tor für Pascal Matthäus. „Jaaaaaaah!“, tönt es durch die Halle, während der Stürmer strahlend übers Spielfeld flitzt. Nicole Rauber-Jung aus Königstein schaut ihrem 13-jährigen Sohn Felix regelmäßig beim Training zu: „Wir sind so glücklich, dass es überhaupt ein Angebot für behinderte Kinder gibt, die Fußball spielen wollen. Felix bewegt sich viel lieber, seit er regelmäßig trainiert.“

Diese Erfahrung hat auch Ibrahim Korkmaz aus Oberursel gemacht. Wann immer es seine Arbeit zulässt, übernimmt er den Fahrdienst für eine ganze Gruppe. Seit sein Sohn Burkan hier kickt, ist die ganze Familie im Fußballfieber. „Es fasziniert mich immer wieder. Die Jungs haben durch den Fußball ihre Angst überwunden, vom Ball getroffen zu werden, mal geschubst zu werden oder zu stolpern. Es macht Spaß, ihre Freude am Spiel zu erleben und an ihren Fortschritten teilzuhaben“, betont er.

 

DER SPASSFAKTOR IST HOCH

Zu diesen Fortschritten tragen die Spieler aus den übrigen Jugend-Mannschaften des Vereins bei, die zusätzlich beim Team United mitkicken. Diesmal sind von den 18 Trainingsteilnehmern drei Jungs aus der A-Jugend. „Oft sind auch andere Altersgruppen vertreten, und häufig auch mehr als heute“, erzählt Thorsten Picha. Tim beispielsweise. Er und die beiden anderen A-Jugendspieler sind auf verschiedene Trainingsgruppen verteilt, versuchen, ihre Mitspieler gut ins Spiel zu bringen. „Insgesamt sind die Übungen und die Spiele etwas langsamer, dafür ist der Spaßfaktor hier extrem hoch. Die Freude der anderen Spieler überträgt sich“, lacht der 17-Jährige.

„Der Trainer ist cool“, sind sich Jungs und Mädchen einig. „Das Trainerteam leistet tolle Arbeit“, unterstreicht Nicole Rauber-Jung. Bruno Pasqualotto freut sich still über solche Komplimente. Er sagt aber auch: „Die ganze Gruppe ist so begeistert dabei. Da macht es als Trainer unglaublich viel Spaß. Da kommt so viel zurück.“ Diese Erfahrung wollen er und seine Trainerkollegen gerne weitergeben. Noch sind es nur wenige Vereine, die eine ähnliche Richtung einschlagen. „Aber wir hoffen, dass wir andere begeistern und mitziehen können“, betont Thorsten Picha.

Stella Dammbach

 


 

HINTERGRUND

EINE LIGA FÜR SICH

 

Inklusion ist zunehmend auch in Sportvereinen ein wichtiges Thema. Ziel ist es, diese Angebote auszuweiten. Denn noch viel zu selten sind behinderte und nicht behinderte Menschen gemeinsam aktiv. Inzwischen hat das Thema auch den Fußball erreicht. „Wir haben vom Hessischen Fußballverband aus 2.100 Vereine angeschrieben mit Blick auf ihr Interesse an Inklusion. 158 Vereine haben uns geantwortet. Darunter sind zwei, die versuchen, ein solches Team aufzubauen“, berichtet Thorsten Picha, Beauftragter für behinderte Menschen beim Hessischen Fußballverband.

Der Hessische Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband e.V. (HBRS) hat eine eigene Abteilung für Fußball eröffnet und organisiert eine Fußball-Liga für geistig behinderte Menschen. In der zweiten Saison seit Bestehen dieser Liga gehen 2015 sieben Teams auf Punktejagd. Dies bietet behinderten Fußballern die Chance, regelmäßig bei Spielen zum Einsatz zu kommen. Auf lange Sicht strebt der HBRS auch eine Öffnung für nicht-behinderte Spieler an.

dam

Weitere Informationen bei Thorsten Picha, Telefon 0178 1403108, oder bei Michael Trippel von der Fußball-Abteilung des HBRS unter info@hbrs-fussball.de