Ein schneller Querdenker

Christoph Schmolinga ist IT-Consultant mit besonderen Fähigkeiten. Er arbeitet in der Frankfurter Niederlassung der auticon GmbH, einem 2011 in Berlin gegründeten Beratungsunternehmen für IT-Dienstleistungen im Bereich Qualitätssicherung. Das Unternehmen hat Standorte in Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München, Stuttgart und Frankfurt/Main und vermittelt ausschließlich Autisten projektbezogen als IT-Spezialisten an Softwarefirmen und IT-Abteilungen von Unternehmen, darunter zum Beispiel die Telekom und Siemens.

 

FRANKFURT. „Ich bin schon ein ziemlicher Nerd“, sagt Christoph Schmolinga und lächelt. Er ist einer von aktuell vier festangestellten Consultants in Frankfurt, drei weitere stehen auf der Warteliste für zukünftige Projekte. Die auticon GmbH beschäftigt deutschlandweit 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, 45 davon wie Christoph Schmolinga mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Der 34-Jährige aus der Wetterau ist seit einem Jahr dabei. Zuvor sei er in einer integrativen Maßnahme für Autisten gewesen, berichtet er, und seine Betreuerin dort hätte direkten Kontakt zum auticon-Gründer und Geschäftsführer Dirk Müller-Remus gehabt. „Der finale Impuls für die Bewerbung ging von der Betreuerin aus, doch mir war schon bewusst, dass dieser Standort hier in Entwicklung war. Ich hatte es in der FAZ gelesen“, erzählt Christoph Schmolinga. Die Anfangsmonate seien etwas unruhig gewesen, sagt er und weiter: „Im ersten Unternehmen, in dem ich als auticon-Consultant tätig war, ist extern massiv abgebaut worden und schließlich wurde das Projekt aus unternehmensstrategischen Gründen ganz eingestellt.“ Auch intern bei auticon hätte es zu der Zeit Personalwechsel in der Organisation gegeben. „Für Autisten ist das quasi tödlich“, erklärt er, und auch Markus Weber, Leiter der Niederlassung in Frankfurt, betont, wie wichtig konstante Bedingungen für die auticon-Consultants sind. Mittlerweile aber, so Christoph Schmolinga, hätte er es hier sehr schätzen gelernt. „Eigentlich bin ich eher so ein Lone-Wolf-Typ, quasi ein Einzelgänger, aber manchmal komme ich alleine auch nicht mehr weiter. Da ist es gut, wenn man jemanden hat, den man dazu rufen kann.“

 


 

HINTERGRUND

GUT AUSGESTATTET

 

Die auticon GmbH mit Sitz in Berlin ist ein anerkanntes Integrationsunternehmen. Die Gesellschaft wurde 2011 gegründet und war das erste Unternehmen in der Bundesrepublik, das ausschließlich Menschen mit Autismus als Consultants im IT-Bereich beschäftigte. Beim Aufbau der Frankfurter Dependance hat das LWV Hessen Integrationsamt im August 2014 einen 70-prozentigen Zuschuss zu den notwendigen Investitionskosten für die Ausstattung von Arbeitsplätzen sowie Prämien aus dem Hessischen Perspektivprogramm zur Verbesserung der Arbeitsmarktchancen schwerbehinderter Menschen (HePAS) bewilligt. Daneben werden pauschalierte Leistungen zum Ausgleich außergewöhnlicher Belastungen für Arbeitgeber gewährt.

Am Standort Frankfurt sollen nach der dem LWV Hessen vorliegenden Planung zunächst sieben dauerhafte sozialversicherungspflichtige Stellen, davon fünf für schwerbehinderte Menschen, geschaffen werden. In den Folgejahren sollen weitere Arbeitsplätze für nichtbehinderte und behinderte Fachkräfte hinzukommen.

Bei auticon arbeiten häufig Menschen mit dem Asperger- Syndrom, die sich in ihrem Spezialinteresse ein enormes Fachwissen erarbeitet haben, bei ihren sozialen Interaktionen jedoch Unterstützung brauchen. Von ihrer außergewöhnlichen Begabung zum systematisch-kreativen Denken profitieren Wirtschaftsunternehmen verschiedener Branchen. Sie engagieren die genialen Querdenker für besondere Aufgaben in der Entwicklung von IT-Produkten und in der Qualitätssicherung. Fachleute wie Christoph Schmolinga finden Fehlerquellen oft viel schneller als Nicht-Autisten und sie haben die richtigen Lösungen parat. Sie arbeiten sehr detailgenau und hoch konzentriert. So gelingt es ihnen, selbst in komplexesten Datenmengen schnell Muster sicher zu erkennen, die anderen verborgen bleiben.

Auticon wurde in diesem Jahr mit dem Sonderpreis des Deutschen Gründerpreises ausgezeichnet.

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JOB COACHES BEGLEITEN

Franziska Winkler ist in Frankfurt als Job Coach Christoph Schmolingas Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um seine Einsätze bei Kunden. Diese dauern im Schnitt ein halbes bis zu einem Jahr. „Wir bereiten alles sehr gut vor“, sagt Franziska Winkler, die Medienwirtschaft studiert hat und Erfahrung in der Sonderpädagogik mitbringt. „Unsere Consultants brauchen ein bisschen Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass neue Aufgaben anstehen. Wir führen auch ein Gespräch mit dem zukünftigen Team auf Kundenseite, erklären, was Autismus ist, welche besonderen Stärken unser Consultant hat und welche Dinge ihm Schwierigkeiten bereiten.“ Transparenz sei sehr wichtig, sagt Markus Weber, um einen optimalen Projektstart gewährleisten zu können, und weiter: „Oft geht es um Dinge, die für Nicht-Autisten selbstverständlich sind, unseren Consultants aber Probleme machen. Beispielsweise bitten wir den Kunden darum, Herrn Schmolinga nicht einfach mit in ein Meeting zu nehmen, sondern ihm schon einen Tag vorher zu erklären, warum er am Meeting teilnehmen soll, damit er sich darauf einrichten kann. Autisten wie er haben ein hohes Qualitätsbewusstsein und sie wollen sicherstellen, dass sie ihre Aufgaben auch meistern können.“ Absprachen im Vorfeld erleichtern Christoph Schmolinga und seinen Kollegen den Start in ein neues Projekt. „Auch den Kunden, die anfangs oft etwas unsicher sind, helfen die Gespräche“, sagt Franziska Winkler, und Markus Weber: „Wichtig ist, dass alles klar strukturiert ist und der Consultant genau weiß, was auf ihn zukommt.“ So möchten auticon-Consultants z. B. wissen, wer ihre Ansprechpartner beim Kunden sind, wie groß ihr Team dort ist, welche Kleiderordnung gilt. Franziska Winkler: „Sehr wichtig sind auch Fachfragen wie: Um welche Programmiersprache geht es, bis wann wird das erste Ergebnis erwartet?“

Mindestens einmal in der Woche führt sie ein Gespräch mit jedem ihrer Consultants in Frankfurt; einmal im Monat treffen sich alle bei auticon zum Austausch. Jeder auticon-Consultant bringt ein beachtliches Spezialwissen mit. Es sind studierte Fachinformatiker, promovierte Physiker, aber auch Quereinsteiger, die sich vieles autodidaktisch angeeignet haben.

 

„ETWAS HARMONIEBEDÜRFTIGER“

80 Prozent der deutschlandweit bei auticon beschäftigten Cosultants seien aus der Arbeitslosigkeit heraus angestellt worden, sagt Markus Weber. Auch bei Christoph Schmolinga war das so. 2006 hat er sein Diplom im Studiengang Technische Informatik an der TU Mittelhessen gemacht. „Danach war ich die meiste Zeit arbeitslos. Ich hatte zwischendurch bei einer Berufsgenossenschaft zu tun, doch da bin ich in Probleme gelaufen und hatte auch keinen Job Coach, der mich unterstützt hat.“ Aktuell arbeitet er für ein Start-up-Unternehmen aus dem Finanzsektor. „Ich wirke an einer Schnittstelle für den HBCI-Standard (Home Banking Computer Interface) mit. Das ist ein Nachrichtenstandard für das Homebanking, mit dem man unter anderem einen digitalen Kontoauszug erstellen oder eine Überweisung tätigen kann. Der Auszug ist schon in der Testphase, die Überweisung ist kurz vor dem Prototypen. Ich habe den Ablauf der Nachrichtenübertragung programmiert, ein Kollege die Anzeige. In dem Bereich hatte ich schon Erfahrung aus dem Studium, wenngleich ich jetzt mit anderen Programmiersprachen arbeite.“ Sehr bescheiden sagt er das und erzählt von kleinen Sub-Enklaven, Zweckgemeinschaften unter Autisten, die sie hin und wieder bilden, wenn sie zusammenarbeiten. Das Bedürfnis nach Ordnung, Sicherheit und geschützten Räumen klingt heraus.

Was stört einen wie Christoph Schmolinga in der heutigen Arbeitswelt am meisten? „Dieser ganze ‚Survival of the fittest’, den mag ich überhaupt nicht, weil ich da anfällig bin. Machtkämpfe und die ganze Selbstdarstellung sind nicht meine Sache. Ich bin etwas harmoniebedürftiger.“

Christoph Schmolinga hat gelernt, selbstbewusster einzufordern, was für ihn wichtig ist. „Man merkt es unseren Consultants an“, sagt Markus Weber. „Wenn sie erst einmal ein, zwei Jahre bei auticon gearbeitet haben, ist ihr Selbstbewusstsein gestiegen, nicht nur fachlich, auch in der Einstellung, und sie treten auch privat selbstbewusster auf.“

Er könne sich gut vorstellen, bis zur Rente bei auticon zu bleiben, schmunzelt Christoph Schmolinga, der sich auch privat noch mit Computern beschäftigt: „Ich mache jeden Tag einen klaren Cut zwischen Arbeit und Freizeit. Zuhause bin ich eher ein Gamer und hier beschäftige ich mich auch mit PC-Sicherheit. Ich interessiere mich aber auch für Sportberichterstattung im Fernsehen, Golf und Wintersport zum Beispiel, und manchmal mache ich selbst Sport.“ Wandern war er kürzlich, in seinem Urlaub, und auch dort waren seine außergewöhnlichen Fähigkeiten gefragt. „Ich bin derjenige gewesen, der die Wanderkarten am besten im Griff hatte. Da wurde ich gelobt.“

Sigrid Krekel