Auf Achse für die Inklusion

Alle 53 Inklusionsbetriebe in Hessen werden von vier Mitarbeitern des LWV Hessen Integrationsamtes im vierten Jahresquartal besucht. Mit den Geschäftsführern wird Bilanz gezogen - als Teil der betriebswirtschaftlichen Begleitung und Beratung, mit denen das Integrationsamt die Inklusionsbetriebe unterstützt.

 

WIESBADEN. Zwischen Ende September und Anfang Dezember "bin ich auf Tournee", sagt Kathrin Kressel mit spaßhaftem Unterton in der Stimme. Für die Mitarbeiterin des Integrationsamtes bedeutet das: pro Arbeitstag in der Regel drei Inklusionsbetriebe abklappern, mit meist längeren Fahrten dazwischen. Kathrin Kressel besucht den Großteil der 53 Betriebe in allen Teilen Hessens, einige nehmen ihr eine Kollegin und ein Kollege ab. Und manchmal begleitet sie auch ihr Chef Ralf Geßner. So auch an diesem Tag Ende November.

Gerade fährt ihr Dienstwagen in die Zufahrt zum Gelände der Orangerie Aukamm, naturnah, zudem fußläufig zur Wiesbadener Innenstadt gelegen. Kathrin Kressel wirft einen Blick auf die Uhr. Es ist kurz nach halb zwölf, vier Minuten später als vereinbart, aber kaum vermeidbar, wenn man mit dem Auto durch den Stadtverkehr muss. Sie und Ralf Geßner, Funktionsbereichsleiter beim Integrationsamt und für die investive Förderung von Werkstatt-Arbeitsplätzen und Inklusionsbetrieben zuständig, haben schon ihren ersten Betriebsbesuch in Seligenstadt hinter sich.

Jetzt werden die beiden vor dem denkmalgeschützten, liebevoll sanierten Orangerie-Gebäude von der Führungsriege der Gemeinnützigen Schulungs-, Service und Dienstleistungsgesellschaft mbH (DBS gGmbH) erwartet: Geschäftsführer Dr. Simeon Ries, Verwaltungsleiter Peter Blinn und die leitenden Mitarbeiter der Bereiche Garten- und Landschaftsbau und Bürodienstleistungen. 43 Menschen beschäftigt die DBS, 28 davon sind schwerbehindert.

 

VERTRAUENSVOLLES VERHÄLTNIS

An der Art der Begrüßung wird offensichtlich: Die Beteiligten kennen sich schon länger, das Verhältnis ist vertrauensvoll. Im Moment des Händeschüttelns fährt auch Manuela Kisker vor. Die Betriebswirtin ist Mitarbeiterin der Beratungsfirma FAF (Fachberatung für Arbeits- und Firmenprojekte gGmbH). Im Auftrag des LWV begleiten und beraten Manuela Kisker und eine Kollegin die Gründer und Gesellschafter der hessischen Inklusionsbetriebe über das Jahr hinweg. Die Beraterinnen kennen die betriebswirtschaftliche Situation jedes einzelnen Unternehmens genau. Sie erhalten die auszuwertenden Daten über das Integrationsamt, erstellen Lageberichte, nehmen an Projekttreffen teil, führen sogenannte "Meilensteingespräche". Der Betriebsbesuch gegen Jahresende ist für Manuela Kisker - genauso wie für die LWV-Mitarbeiter und die Geschäftsführer - ein wichtiger Termin. Geht es doch um die betrieblichen Jahresabschlüsse, die die Entscheidungsgrundlage für die Zusage weiterer Förderungen durch den LWV sein können.

"Wow" entfährt es allen, die sich beim Betreten der Orangerie zum ersten Mal umschauen. Das Ambiente des großen, hohen Raumes mit sichtbarem Fachwerk und historischem Fußboden ist etwas Besonderes. Eine tolle Örtlichkeit für Veranstaltungen - aber genau an diesem Punkt ging der Businessplan nicht ganz so auf wie gedacht. Ursprünglich, als sich die DBS in 2004 gründete und das Gelände mit Orangerie und Gewächshäusern von der ehemaligen Wiesbadener Stadtgärtnerei übernahm, "da sah das Konzept eine vielseitige kulturelle Nutzung vor", erklärt Geschäftsführer Ries.

 

GEWINN ERWIRTSCHAFTET

Später stellte sich heraus, dass Nutzungsbeschränkungen zu beachten sind. Wegen der beengten Zufahrt, fehlender Parkplätze, zur Vermeidung von zu viel Autoverkehr und Lärm im Aukammtal. Heute, beim Jahresgespräch, zieht Betriebsberaterin Manuela Kisker ein positives Resümee: "Die DBS hat sich nach schwierigen Zeiten berappelt. Sie ist ein sehr profitables Unternehmen. 2016 ist ein sehr erfolgreiches Jahr gewesen." Im Verlauf des zweistündigen Gesprächs mit allen Beteiligten wird klar: Das inklusive Café in der Orangerie, das die DBS in der warmen Jahreszeit mit Beschäftigten der Werkstatt der Behindertenhilfe Wiesbaden-Rheingau-Taunus betreibt, hat im Probejahr einen Gewinn erwirtschaftet. Im abgespeckten Umfang kann der ansprechende Veranstaltungsort für private Feiern wie auch Hochzeiten gastronomisch genutzt werden. Der Bereich der Bürodienstleistungen ist betriebswirtschaftlich gut aufgestellt. Und auch das Garten-Team hat feste Aufträge von der Stadt Wiesbaden für Grünpflegearbeiten auf den Friedhöfen und zusätzliche private Auftraggeber.

Dass "der Laden läuft", freut Dr. Ries, der die Geschäftsführung des Inklusionsbetriebes vor zwei Jahren übernommen hat. Aber er will auch neue Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen schaffen und verrät mit Blick auf 2018: "Wir planen im Bereich Gewächshaus einen kompletten Neustart." Mitarbeiter sollen eingestellt, Bio-Gemüse angebaut werden. Vorher müssen Glasscheiben repariert und die Heizung umgebaut werden. Eine Kostenaufstellung dafür liegt auch schon auf dem Tisch. Und der Geschäftsführer hat bereits bei einem Großabnehmer vorgefühlt, wie er das Gemüse vermarkten kann.

Solche Tatkraft begeistert sowohl Betriebswirtin Kisker als auch Ralf Geßner und Kathrin Kressel, die die Liste der vorgesehenen Investitionen sofort taxieren. Schnell ist klar, noch vor Weihnachten wollen sich alle Beteiligten erneut treffen, um das Projekt anzuschieben. Kathrin Kressel rät: "Stellen Sie den Förderantrag und warten Sie unseren Bescheid zur Zustimmung zum vorzeitigen Maßnahmebeginn ab. Fangen Sie nicht vorher an. Sonst können wir nicht zahlen. Wir prüfen so schnell wie möglich - Sie können dann zügig loslegen."

 

BUDGET FÜR ARBEIT

Noch eine wichtige Information gibt Ralf Geßner kurz vorm Aufbruch: "Ab dem 1. Januar gibt es das Budget für Arbeit. Das ist ein sehr auskömmliches Förderprogramm, auch für Inklusionsbetriebe." Geschäftsführer Dr. Ries horcht auf und fragt nach - aber der nächste Termin drängt und man wird sich bald wiedersehen.

Knapp 20 Minuten später stehen die LWV-Mitarbeiter und die Betriebswirtin vor dem dritten Inklusionsbetrieb an diesem Tag: der Gemeinnützigen JOB GmbH in Wiesbaden mit 34 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen für schwerbehinderte Beschäftigte, bei 65 Angestellten insgesamt. Geschäftsführerin Beatrix Giesecke tritt den Betriebsbesuchern genauso offen entgegen wie die DBS-ler zuvor. Wenig später liegt die Jahresbilanz auf dem Tisch. "3.000 Kinder- und Jugendessen am Tag, damit sind Sie das erfolgreichste Catering-Unternehmen unter allen hessischen Inklusionsbetrieben. Mit leichter Umsatzsteigerung in der Großküche", lobt Manuela Kisker.

Neben dem lachenden hat die Betriebswirtin aber auch ein weinendes Auge: Der Versuch, im Jahr davor ein Restaurant auf die Beine zu stellen, war nicht so erfolgreich wie geplant. Die LWV-Mitarbeiter kündigen eine Verwendungsnachweisprüfung an, "das Schreiben bekommen Sie nächste Woche". Beruhigend wirkt die Feststellung, dass viele der finanzierten Möbel im Sinne der Förderung ja weiter genutzt würden - für ein neues Projekt unter dem Namen "Meeting & More". Ein Konferenz- und Bistro-Service mit Catering soll es werden, dazu kleinere Abendveranstaltungen mit Frontcooking in den gut erreichbaren Räumlichkeiten in Wiesbaden. "Großküche und Essenslieferung, das ist das, was wir können. Auf diese Kernkompetenz greifen wir zurück", resümiert Geschäftsführerin Giesecke. In den nächsten eineinhalb Stunden werden die Betriebsbereiche Gebäudereinigung, Handwerkerdienstleistungen sowie der CAP-Frischemarkt Georgenborn durchgesprochen - laut Kisker "soweit alles im Plan".

Auf der Heimfahrt stecken Geßner und Kressel gleich hinter Frankfurt eine Stunde im Feierabend-Stau. Erst gegen 20 Uhr, nach einem 13-Stunden-Arbeitstag, sind sie zurück in der Hauptverwaltung in Kassel: ein langer Tag auf Achse für die Inklusion.

Petra-Schaumburg-Reis


HINTERGRUND

INKLUSIONSBETRIEB

Als Inklusionsbetriebe werden seit dem 1. Januar die vormaligen Integrationsprojekte bezeichnet. Sie sind selbstständige Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarktes und müssen sich unter Marktbedingungen behaupten. Im Unterschied zu anderen Unternehmen ist das primäre Ziel, Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen mit besonderen Vermittlungshemmnissen zu schaffen. In Inklusionsbetrieben sind sie sozialversicherungspflichtig beschäftigt und können sich für den allgemeinen Arbeitsmarkt qualifizieren. Deshalb fördert der LWV Hessen solche Betriebe.

Im Jahr 2007 beschloss der LWV-Verwaltungsausschuss, die Beratung und Begleitung von Inklusionsbetrieben durch das Integrationsamt neu auszurichten. Seitdem gehen die Mitarbeiter zum Jahresgespräch mit in die Betriebe. Geprüft wird unter anderem, ob die Fördermittel bestimmungsgemäß und wirtschaftlich verwendet und der geplante Beschäftigungsanteil behinderter Menschen eingehalten wurde. Die LWV-Mitarbeiter reden den Geschäftsführern der rechtlich und wirtschaftlich selbstständigen Unternehmen nicht in ihre Betriebsführung hinein. Aber sie bzw. die beauftragte Beratungsfirma bieten Hilfe bei Entscheidungen über neue Investitionen, bei Erweiterungs- oder Verlagerungsplänen, wenn sich eine betriebswirtschaftliche Krisensituation abzeichnet etc. Im Vordergrund steht, Arbeitsplätze für die schwerbehinderte Zielgruppe zu schaffen, zu erhalten oder auszubauen.

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Weitere Informationen unter http://www.integrationsamt-hessen.de/das-integrationsamt/publikationen/aktuelle-uebersicht.html