Normalität hilft heilen

Die Wohngemeinschaft Bergstraße in Bensheim (WGB) ist eine Einrichtung für suchtkranke Männer, die in geschützter Atmosphäre auf ein Leben ohne Alkohol vorbereitet werden. 48 Männer im Alter von 20 bis 64 Jahren werden zurzeit in dem Übergangswohnheim sowie im Betreuten Wohnen begleitet.

 


 

BENSHEIM. Mario Klein ist 42. Mit 20 hat er angefangen zu trinken. Warum, sagt er, wisse er nicht genau. „Vielleicht wegen des Sprachfehlers, den ich als Jugendlicher hatte. Wenn ich trank, verschwand er.“ Drei Entzüge hat er hinter sich. Mario Klein hat Abitur, er hat acht Semester Medizin studiert und dann das Studium abgebrochen. Eine Zeit lang arbeitete er selbstständig, verdiente mal viel, mal gar kein Geld. „Wenn du trinkst“, sagt Mario Klein heute, „belastet das nicht nur dich. Auch die Menschen um dich herum, dein ganzes Umfeld hat damit zu kämpfen.“ Kleins Ehe ist geschieden, seine beiden Kinder leben von ihm getrennt.

 

Seit Mai 2013 lebt er in der Wohngemeinschaft Bergstraße (WGB). Alkohol ist hier verboten. Mario Klein und den anderen Männern helfen die klaren Strukturen und die intensive Betreuung durch ihre Therapeuten. Wohin die Reise geht, das kann für jeden Patienten anders aussehen. Manche nehmen eine Arbeit auf, andere machen eine Berufsausbildung, wieder andere wie der 63-jährige Werner Wolper können nach Jahrzehnten, in denen der Alkohol ihr Leben bestimmte, einem entspannten Ruhestand entgegensehen. „Ich habe mein ganzes Leben, seit meinem vierzehnten Lebensjahr immer gearbeitet, in großen Chemiewerken, und immer getrunken“, sagt der bescheidene schüchtern lächelnde Mann, „weil meine Arbeitskollegen mich immer wieder dazu angestiftet haben. Hier in der Einrichtung haben sie mir dabei geholfen aufzuhören. Seit zwei Jahren bin ich in Rente und trinke nichts mehr. Ich bin gern draußen und liebe die Arbeit im Garten sehr.“ „Unsere Struktur hat sich aus der Bedürftigkeit der Bewohner entwickelt“, sagt Thomas Schreck, Leiter der WGB. „Wir haben immer die Dinge getan, die notwendig wurden und erst dann geschaut, ob es einen Kostenträger dafür gibt.“ Der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut arbeitet seit 1988 für die WGB, seit 2000 ist er ihr Geschäftsführer. Dazu gehören vier Häuser mit 2-Zimmer-Wohnungen und mit größeren Einheiten, in denen je zwei bis fünf Männer leben. Die Einrichtung betreut darüber hinaus Männer, die in für sie angemieteten Wohnungen leben. Thomas Schreck: „Ziel ist immer die Verselbstständigung. Der Weg dorthin ist bei manchen kurz und geht schnell, bei anderen braucht es Jahre. Dank des LWV und seinen sachverständigen Mitarbeitern haben wir die Möglichkeit, unsere Patienten umfassend und so lange zu begleiten, wie es nötig ist.“

 

INNERE EINSAMKEIT

Vielen werde erst in der Einrichtung bewusst, dass nicht die fehlende Wohnung und Arbeit die eigentlichen Themen seien, sondern ihre innere Einsamkeit, und es falle nicht jedem leicht, von dem Ort, an dem er sich aufgehoben fühle, weg- und weiterzugehen. „Um in Eigenverantwortung leben zu können, brauchen sie ein Stück Heimat“, sagt Thomas Schreck. „Es ist ein sehr wichtiges Prinzip bei uns: Der Patient muss innerlich andocken. Nur so kann sich auch ein Therapieerfolg entwickeln. Dann muss er lernen, loszulassen, um seinen eigenen Weg gehen zu können.“ Es geht um Perspektiven in Bensheim, um das Erkennen des Möglichen, um das Begreifen der eigenen Situation und das Ergreifen von Chancen. Erstes Kriterium für die Aufnahme ist der erkennbare Wunsch auf Abstinenz, denn, so Thomas Schreck: „Abstinenz ist die Voraussetzung, dass sich etwas Gutes entwickeln kann.“

 

NEUE WEICHEN

Die Bewohner der WGB kommen aus Fachkliniken, Entgiftungsbehandlungen, manche auch aus der Justizvollzugsanstalt nach Bensheim. In dem Übergangswohnheim wollen sie nachhaltig neue Weichen stellen, für ein besseres Leben ohne Alkohol. „Früher wollte ich immer alles auf einmal“, sagt Mario Klein. „Jetzt gehe ich Schritt für Schritt.“ Ein entscheidender ist bereits getan. Im März hat Mario Klein, der schon seit September bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt ist, eine feste Arbeitsstelle im Vertrieb eines Darmstädter Unternehmens angenommen. Bald wird er auch vom Übergangswohnheim in der Rodensteinstraße in eine betreute Wohngemeinschaft wechseln.

Arbeitstherapie ist ein wichtiger strukturgebender Bestandteil im Konzept der WGB. In der hauseigenen Werkstatt entstehen Holzarbeiten, Spielzeug, Mobiles und vieles mehr, die in einem Schaufenster zur Straße hin präsentiert und auf Märkten verkauft werden. In diesem Jahr sind sie auf dem Hessentag am Stand des LWV vertreten und stellen ihre Arbeit vor. „Die Arbeitstherapie in unserer Einrichtung machen wir, damit die Männer in einer Tagesstruktur gehalten werden, bis sich draußen eine Perspektive abzeichnet. Viele machen dann ein Arbeitspraktikum bei einem Unternehmen in Bensheim oder der Umgebung. Unsere Philosophie ist: Normalität macht gesund. Du musst dich mit der Normalität auseinandersetzen, das geht besser draußen bei einem richtigen Praktikum als bei einer Arbeit in einem beruflichen Beschäftigungsprojekt, das anschließend doch keine Chancen bietet.“

Durch die Arbeitspraktika stiegen die Chancen der WGB-Männer auf eine dauerhafte Anstellung, wenngleich sich, so Thomas Schreck, die gesellschaftlichen Umstände sehr verschlechtert hätten. „Als ich mit meiner Arbeit anfing, konnte noch jeder Arbeit finden, die so bezahlt war, dass er davon leben konnte. Ich kenne Männer, die haben zehn Jahre Platte gemacht und sorgten dann unabhängig als Ernährer für eine Familie. Heute muss man sich fragen: Wie soll ein junger Mann mit noch nicht einmal 1000 Euro für einen Schichtarbeiterjob seine Ziele erreichen, sich eigenständig zu finanzieren und eine befriedigende Beziehung mit einer Frau aufzubauen?“

Trotz manchmal schwieriger Rahmenbedingungen schaffen es viele der Bewohner der Bensheimer Wohngemeinschaft zurück in die Gesellschaft. „Einige von ihnen haben so wenig Geld, dass ich mich manchmal frage, wie man damit leben kann, und es gelingt ihnen sogar, ein bisschen davon zu sparen“, sagt Sozialtherapeutin Christiane Minnig. „Das Gefühl, dazuzugehören ist für diese Männer ein Wert an sich. Es macht mir Freude zu sehen, dass es viele hier schaffen, zurück ins normale Leben zu finden. Es ist schön zu erleben, wie sie gesunden.“ Einen Patienten gibt es, der vor seiner Aufnahme in die Wohngemeinschaft im Rollstuhl saß, weil er körperlich stark abgebaut hatte. Dieser Mann macht heute Nordic Walking.

 

MARATHON UND GUTE ERNÄHRUNG

Überhaupt ist Laufen ein großes Thema in Bensheim. Regelmäßig bestreiten die Männer öffentliche Marathons wie den 3-Länder-Lauf am Bodensee. Von Hauswirtschafterinnen werden sie in den Wohngemeinschaften beraten, wie sie sich gesünder ernähren können. Auch die Arbeit und die Beschäftigung mit den kleinen Gärten der WGB gehört zum beschäftigungstherapeutischen Programm. Gemeinsam mit der Heppenheimer Konrad-Adenauer-Schule hat die Einrichtung sogar ein kooperatives Gartenprojekt ins Leben gerufen. Seit April 2011 pflegen die Männer der WGB gemeinsam mit Grundschülern ein Kartoffelbeet im Schulgarten.

Thomas Schreck: „Im Dialog mit Schülern und Lehrern erfahren unsere Bewohner gesellschaftliche Integration und erleben ein praxisnahes Alltagstraining mit Menschen, die ihnen vorbehaltlos und offen begegnen.“

Marco Klein hat von den vielen Angeboten profitiert. Für ihn hat nun ein neues Leben begonnen. Mit einem festen Job und einer eigenen Wohnung.

Sigrid Krekel

 


 

HINTERGRUND

ABSTINENZ IST VORAUSSETZUNG

 

Das Übergangswohnheim des Vereins Wohngemeinschaft Bergstraße bereitet seit 1978 suchtkranke abstinenzwillige Männer auf gesellschaftliche und berufliche Teilhabe vor. Der Einrichtung in der Rodensteinstraße 62 in Bensheim sind vier Häuser angeschlossen, in denen sich betreute Wohngemeinschaften sowie Wohnungen befinden, in denen die Männer einzeln leben.

Acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen bis zu 51 Menschen.

www.wg-bergstrasse.de, info@wg-bergstrasse.de