Durch gläserne Decken

Mit einem Zukunftsbogen will die Kasseler Werkstatt verborgene Fähigkeiten, Talente und Interessen ihrer Beschäftigten zu Tage fördern. Bei Leo Regenbogen hat das erste Früchte getragen.

 

KASSEL. Leo spricht mit fester Stimme. Sie blitzt ihre Mutter, die auf Leos Wunsch hin am Gespräch teilnimmt, ab und zu herausfordernd an. "Ich will den Realabschluss machen", sagt sie. Und zeigt stolz ihr Hauptschulzeugnis auf dem Smartphone. Keine Top-Noten. Aber dass Leonie, die nur Leo genannt werden möchte, diesen Abschluss geschafft hat, kommt einem kleinen Wunder gleich. Sie ist eine junge Frau, die gläserne Decken durchbricht.

Leo ist sieben, als eine tückische Auto-Immunerkrankung ihre linke Gehirnhälfte angreift. Die Folge sind nicht nur Lähmungserscheinungen auf einer Körperseite, sondern regelmäßige epileptische Anfälle. Sie besucht die Karl-Preising-Schule in Bad Arolsen, eine Förderschule, und verlässt sie ohne Hauptschulabschluss.

 

AUF EIGENEN FÜSSEN STEHEN

Mit 17 unterzieht sie sich einer risikoreichen Operation und ihre Situation bessert sich. Sie hat keine Anfälle mehr. Medikamente beugen zusätzlich vor. Spätestens jetzt ist für Leo klar: Sie will auf eigenen Füßen stehen und dazu braucht sie einen Job. Sie geht nach Bremen zum Berufsbildungswerk (BBW). Mal weg von zu Hause. Sie erprobt sich unter anderem im IT-Bereich, in der Holzverarbeitung und im Büro, doch das läuft nicht so gut. Die Empfehlung am Ende: Leo soll in den Berufsbildungsbereich einer Werkstatt für behinderte Menschen. Sie sei "zu langsam", lautet die Begründung.

"Leo war damals längst noch nicht so fit wie heute", wirft ihre Mutter ein. Nach der Operation hätten sich neue Verknüpfungen im Gehirn gebildet, die Auswirkungen seien aber erst später deutlich spürbar geworden. "Heute ist sie eindeutig leistungsfähiger als damals."

Zunächst kommt Leo zur Kasseler Werkstatt. Sie fügt sich - vorerst. Die Betreuerinnen und Betreuer gehen auf sie ein. Sie durchläuft das Eingangsverfahren und den Berufsbildungsbereich. Sie probiert sich in verschiedenen Tätigkeitsgebieten und ist nach einem Jahr fertig. Die Zeit beim BBW wird ihr angerechnet.

Seit 2015 arbeitet sie ganz normal im Bereich Verpackung. Schrauben und Dichtungsringe eintüten, Etiketten drucken und aufkleben. Doch der Ehrgeiz hat sich in ihr festgesetzt. Der "Zukunftsbogen" bringt es an den Tag: Leos Traum ist ein Hauptschulabschluss.

Den Zukunftsbogen haben Heike Klöckl, Leiterin des Sozialen Dienstes, Norbert Walker, Bereichsleiter Logistik und Verpackung, und drei weitere Kolleginnen und Kollegen schon 2016 entwickelt. "Wie muss die Werkstatt in Zukunft aufgestellt sein?", war ihre Leitfrage. Und: "Wir fragen nicht nach Defiziten, sondern: 'Worin sind Sie richtig gut?'" Das Ziel: Die Beschäftigten sollen die Möglichkeiten, die die Werkstatt bietet, optimal nutzen. Und da Klöckl und Walker spürten, dass es in Leo gärte, legten sie ihr den Bogen als Erster vor. "Leo signalisierte: 'Ich bin unterfordert'", erinnert sich die Leiterin des Sozialen Dienstes.

 

EIN JAHR ABENDSCHULE

Mit Gruppenleiterin Karin Kurnatowski und allen anderen, die beim Zukunftsplanungsgespräch dabei sind, überlegte Leo also, wie sie ihrem Schulabschluss näher rücken könnte. Sie beschloss, ihre Arbeitszeit zu reduzieren und besuchte ein Jahr lang die Abendschule. Statt um halb acht Uhr morgens kam sie um halb zwölf. Um halb vier hatte sie eine halbe Stunde Pause, dann ging es zur Goetheschule, in der die Abendschule angesiedelt ist.

"Trotz der Arbeitszeitreduzierung waren die Tage sehr lang", sagt Gabriela Regenbogen und an die Tochter gewandt: "Ich habe nicht geglaubt, dass Du das schaffst!" Beide lachen. Doch die Durststrecke war hart. Die Abendschule ging an den langen Tagen bis um viertel vor zehn, mindestens aber bis zehn nach acht. Eine dreiviertel Stunde brauchte Leo bis nach Hause. Dann aß sie und fiel ins Bett. Denn sie musste sich erholen, um morgens früh aufzustehen und die Hausaufgaben zu machen.

Der Stress blieb nicht folgenlos. "Ich bin neben dem Hauptbahnhof gestolpert. Einfach so", erzählt Leo. "Ich kam ins Elisabethkrankenhaus." Doppelter Wadenbeinbruch! Sie wurde krankgeschrieben. Doch so eine lange Fehlzeit konnte und wollte sie sich nicht leisten. Für Leo stand fest: "Ich gehe trotzdem in die Schule!"

Da ist er wieder, der Stolz in Stimme und Mimik. Leo hatte viele Unterstützer. In ihrer Familie, in der Werkstatt, in der Schule. Andreas Schuller, Fachkraft für berufliche Integration, ist einmal mit ihr in die Schule gegangen und hat mit den Lehrern gesprochen, um klar zu machen, dass Leo einen starken Willen hat, aber dennoch Unterstützung braucht. Udo Rüppel, Gruppenleiter in der Werkstatt, hat mit ihr gerechnet. Norbert Walker hat zugehört, wenn sie für ein Referat geprobt hat. Alle haben mitgeholfen und die Daumen gedrückt. "Und auch die Lehrer in der Abendschule waren sehr offen", sagt Heike Klöckl. Die Mitschülerinnen und Mitschüler sowieso.

Also wurde der Hauptschulabschluss ein Ziel, bei dessen Verwirklichung alle nach Kräften mitgeholfen haben. Wirklich alle. Leo natürlich auch. Physik, IT und Mathe hat sie gern gemacht, "Deutsch, Englisch und Arbeitslehre nicht so sehr", sagt sie grinsend. Geschafft hat sie den Abschluss trotzdem.

Doch das Hochgefühl, nachdem es geschafft war, hält nur ein paar Wochen an. Denn Leo möchte jetzt eigentlich gern weitermachen mit der Schule. Und das wird für sie zum Hindernislauf. Die Schwierigkeit: "Nochmal Abendschule, das würde ich nicht durchstehen", sagt Leo. Deshalb möchte sie die Schule am liebsten in Vollzeit besuchen und den Job solange ruhen lassen. Der Leiter der Alexander-Schmorell-Schule, einer Förderschule in Kassel, kann sich das vorstellen, doch das Staatliche Schulamt und auch das Kultusministerium wehren ab. Leo habe die Schulpflicht erreicht, da gebe es nur die Abendschule. Oder die Möglichkeit, den Abschluss in Verbindung mit einer Ausbildung an einer beruflichen Schule zu machen. Die Arbeitsagentur sagt das Gleiche. "Ich kenne zwei Familien, die dasselbe Problem haben", sagt Gabriela Regenbogen und schüttelt verständnislos den Kopf.

Leo will unbedingt weiterkommen. "Es ist halt blöd, wenn man nicht machen kann, was man möchte, und nicht will, was man machen könnte." Sie lacht. Deshalb bewirbt sie sich jetzt auf eine Stelle bei Mensch zuerst. Es geht um Projekte für behinderte Männer und Frauen. Und auch bei anderen Berufsbildungswerken hat sie schon angefragt. "Ich will irgendwas lernen außer verpacken", sagt Leo, lächelnd und entschieden zugleich. Den Realschulabschluss aber verliert sie nicht aus dem Blick.

Elke Bockhorst

 

HINTERGRUND

DIE WERKSTATT ALS ENTWICKLUNGSBEGLEITER

Im März 2016 war der erste Zukunftsbogen fertig. Drei Seiten umfasste er. "Es geht uns darum, die Menschen, die hier arbeiten, besser kennenzulernen, auch ihre Interessen außerhalb der Arbeit", erläutert Heike Klöckl, die Leiterin des Sozialen Dienstes bei der Kasseler Werkstatt. "Deshalb fragen wir zum Beispiel: 'Wie sieht Ihr Zimmer aus?' Aber auch: 'Welche Träume für Ihre berufliche Zukunft haben Sie?"' Möglichst viele Bezugspersonen sind dabei: Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter, der Soziale Dienst, Bereichsleiter und Eltern oder gesetzliche Betreuer. Das, so betont Klöckl, sei auch als Signal der Wertschätzung gemeint.

Viele, so zeige sich, wollten kleine Veränderungen innerhalb der Möglichkeiten, die die Werkstatt bietet. Etwa, mit der Freundin zusammenzuarbeiten. Oder einfach lesen. "Es stellte sich heraus, dass ein Mitarbeiter total gern und viel liest in seiner Freizeit. Jetzt liest er seinen Kolleginnen und Kollegen morgens regelmäßig aus der HNA vor", berichtet Klöckl. Und wer besonders kommunikativ sei, könne sich als Mitglied des Werkstattrates oder als Frauenbeauftragte bewerben. Auch Frühsport gehöre zum Angebot.

"Die Werkstatt soll keine Sackgasse sein", ergänzt Norbert Walker, Leiter des Bereichs Verpackung und Logistik. "Wir wollen Entwicklungsbegleiter sein."

Bis Ende 2018 sollen alle 562 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befragt sein. "Natürlich schauen wir zunächst auf die, die das größte Entwicklungspotential haben", sagt die Leiterin des Sozialen Dienstes. "Aber niemand wird ausgenommen. Gerade die Älteren, die in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen, haben auch Wünsche." Der Bogen werde ständig weiterentwickelt.

Die Kasseler Werkstatt bietet Beschäftigungsmöglichkeiten und berufliche Orientierung an drei Standorten in den Bereichen Industriemontage und -verpackung, CNC-Technologie, Hauswirtschaft, Garten- und Landschaftspflege. Auch eine Tagesförderstätte gehört dazu. Die Unterstützung im Werkstattalltag wird vom LWV Hessen finanziert.

ebo