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Der Kalmenhof damals und heute


Ausstellung in der Vitos Kalmenhof gGmbH in Idstein



Hinweise zur Ausstellung
herausgegeben vom Landeswohlfahrtsverband Hessen:
Sozialpädagogisches Zentrum Kalmenhof Idstein (Arbeitsgruppe "Kalmenhof zwischen Gestern und Heute") und
Funktionsbereich 060.2 ("Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen")

Idstein / Kassel, 3. Auflage 2006



Zur Ausstellung
Die hier gezeigte Ausstellung ist Teil einer Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen des Kalmenhofs in Idstein, die die Gesamtgeschichte des Kalmenhofs unter dem Titel "Erziehbar - Bildbar - Brauchbar" darstellt. Die Darstellung der "Euthanasie" im Nationalsozialismus wurde aus dieser Gesamtausstellung übernommen und nach neueren historischen Erkenntnissen entsprechend überarbeitet.

Die Heilerziehungsanstalt Kalmenhof in Idstein war in der Zeit von Oktober 1939 - März 1945 eine Einrichtung, in der nationalsozialistische "Euthanasie"-Verbrechen durchgeführt wurden.

Der Kalmenhof in Idstein fungierte im Rahmen der nationalsozialistischen T4-Aktion als Zwischenanstalt, im Rahmen der Ermordung von neugeborenen Kindern mit Behinderung als sogenannte Kinderfachabteilung und im Rahmen der 2. Phase der "Euthanasie"-Verbrechen "als Mordanstalt für Kinder und jungen Erwachsene". Nicht in jedem Einzelfall kann der Tod durch Spritzen und Medikamente nachgewiesen werden. In vielen Fällen sind die Kinder und jungen Erwachsenen auch durch Vernachlässigung und Unterernährung gestorben.

Die Ausstellung macht deutlich, dass damals das Leben von kranken und behinderten Menschen als "lebensunwert" galt. Heute wollen der Landeswohlfahrtsverband Hessen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kalmenhofs einen Beitrag dazu leisten, dass an diese Geschichte erinnert wird und dass das Leben für Menschen mit Behinderung "lebenswert" gestaltet wird.



Der Kalmenhof damals und heute
Eingangsbereich: mittlere Wandtafel

Diese Tafel führt allgemein in die Vorgeschichte der Ausstellung und in die Geschichte des Kalmenhofs ein. Auf dieser Tafel ist ein Foto der Gedenkstätte auf dem Gelände des Kalmenhofs zu sehen.

Wir regen an, dass Sie nach dem Rundgang durch die Ausstellung auch die Gedenkstätte besuchen. Der Weg zur Gedenkstätte ist ausgeschildert. Auf dem Gräberfeld zwischen der Gedenkstätte und dem Kreuz wurden in Massengräbern Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die im damaligen Krankenhaus ermordet wurden, bestattet.

Wenn Sie sich intensiver für die Geschichte des Kalmenhofs interessieren, so empfehlen wir Ihnen als Hintergrundlektüre folgendes Buch:

Christian Schrapper/ Dieter Sengling (Hg.): Die Idee der Bildbarkeit. 100 Jahre sozialpädagogische Praxis in der Heilerziehungsanstalt Kalmenhof, München 1988.

Die Geschichte des Kalmenhofs und die Geschichte der "Euthanasie"-Verbrechen im Nationalsozialismus werden in dieser Veröffentlichung, die durch eine Forschungsgruppe der Universität Münster erarbeitet wurde, ausführlich dargestellt.



Neue Eindrücke und Perspektiven
Eingangsbereich: rechte Wandtafel

Der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) ist heute in Idstein Träger des Sozialpädagogischen Zentrums Kalmenhof, der Max-Kirmsse-Schule und der Feldbergschule sowie der Außenstelle der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Rheinhöhe.

Der Kalmenhof in Idstein ist heute eine differenzierte Behinderten- und Jugendhilfeeinrichtung. Es werden Menschen mit Behinderung betreut. Die Einrichtung verfügt über eine Werkstatt für Behinderte, einen Wohnheimbereich für geistig behinderte Erwachsene und einen Wohnbereich für behinderte Kinder und Jugendliche.

Weiterhin gibt es unterschiedliche Wohnmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche. In diesem Bereich werden auch teilstationäre und ambulante Erziehungshilfen angeboten.

(Zu diesen beiden Tafeln können Ihnen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kalmenhofs bei Führungen detailliert Auskunft geben.).



Die Anstalt - modern und selbstbewusst
Eingangsbereich: linke Wandtafel

Der Kalmenhof wurde von den Direktoren Jakob Schwenk (Direktor ab 1888) und Emil Spornhauer (Direktor ab 1922) als heilpädagogische Reformeinrichtung geführt und geleitet. Diese Tafel drückt einen Teil dieses pädagogischen Reformkonzepts aus: Jungen und Mädchen mit Behinderung nahmen im Kalmenhof an unterschiedlichen Angeboten zur körperlichen Ertüchtigung teil. Auch in anderen Bereichen, z. B. der Schulpädagogik (im Kalmenhof wurde eine neue Rechenmaschine für Schüler mit Behinderung entwickelt) und der Heilpädagogik, war der Kalmenhof eine pädagogisch orientierte Einrichtung.



Die Anstalt - rationell und erfolgreich
Eingangsbereich: 2. linke Wandtafel

Auf dieser Tafel werden die unterschiedlichen Gebäudeteile bis zum Jahr 1913 dargestellt.

Für diese Tafel wurden Fotos aus unterschiedlichen Zeiten stilisiert zusammengestellt. Der Gebäudeplan stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1914.

Das "Gutshaus Kalmenhof" ist heute ein Teil des Rosenhauses. Das Gutshaus Kalmenhof der Gutsherren derer zu Kalm hat dem Kalmenhof seinen Namen gegeben.

Das zentrale Betriebsgebäude und die Turnhalle befinden sich heute noch auf dem Gelände des Kalmenhofs. Das "Altenheim am Bahnhof" ist nach dem Krieg abgebrannt. Auf dem Gelände des Altenheims wurden dann die Wohnhäuser "In der Ritzbach" errichtet, die gleich als Kinderheim benutzt wurden. Das "Frauenaltenheim" ist heute das alte Gebäude des Buchenhauses. Das "Mädchenhaus" und das "Knabenhaus" sowie das "Pensionat" bestehen heute nicht mehr. Anhand der Tabellen über die Finanzen und der Grafik über die Belegung kann die wirtschaftliche Entwicklung des Kalmenhofs bis 1933 nachvollzogen werden.



Die Gründer
Treppenaufgang: Wandtafel neben dem Relief

Auf der Tafel "Die Gründer" werden der Pfarrer und Sozialreformer Rudolph Ehlers, der Bankier und Sozialmanager Charles Hallgarten und der Stadtrat und Sozialpolitiker Karl Flesch dargestellt. Durch Zitate aus ihren Briefen und Reden wird ihr sozialpolitisches und sozialreformerisches Engagement deutlich.

Der Kalmenhof war eine Gründung von christlichen und jüdischen wohlhabenden Frankfurter Bürgern. Bis in die 30er Jahre hinein waren 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die im Kalmenhof untergebracht waren, jüdischen Glaubens. Der Kalmenhof war eine freigemeinnützige Vereinsgründung: er wurde nicht von staatlicher oder kirchlicher Seite ins Leben gerufen, sondern er war von Anfang an eine überkonfessionelle, reformorientierte Einrichtung. Der Kalmenhof wurde deshalb auch in den 20er Jahren Mitglied im Verband der Krankenanstalten. Auch in diesem Verband wurde der Bankier Charles Hallgarten Schatzmeister. Der Rechtsnachfolger dieses Wohlfahrtsverbandes ist der heutige Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband.

Auf dem Gründungsrelief aus dem Jahre 1952 wird noch der Frankfurter Polizeipräsident Hergenhahn benannt. Der Polizeipräsident spielte in der weiteren Vereinsgeschichte des Kalmenhofs keine größere Rolle mehr.

Das Relief der Gründer wurde vermutlich im Jahr 1952 nach dem endgültigen Übergang des Kalmenhofs an den Bezirksverband Wiesbaden nach dem 2. Weltkrieg angebracht.



Die Zeit des Nationalsozialismus
Wandtafel: I. Stock

Die Nationalsozialisten übernahmen formal und real im Kalmenhof die Macht.

Der Kalmenhof war eine freigemeinnützige Einrichtung. Um die Macht an sich zu reißen, traten vermehrt Anhänger der NSDAP im Jahr 1933 in den Verein ein und wählten einen neuen Vorstand. Der neue Vorstand berief dann den langjährigen Direktor Emil Spornhauer ab. Direktor Müller übernahm die Leitung des Kalmenhofs. Auf der Tafel ist die Ansprache von Roman Galler, der 1933 vorübergehend die stellvertretende Direktion inne hatte, dokumentiert. Diese Ansprache ist ein Dokument des Widerstandes gegen die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Kalmenhof.



Das Programm "Rassismus und Vernichtung"
Wandtafel: I. Stock

Auf der Tafel werden die ab Ende des 19. Jahrhunderts üblichen Begriffe in der Fachliteratur wie "geistig Tote", "Ballastexistenzen", "leere Menschenhüllen", "unnütze Esser", "lebensunwerte Untermenschen", "Volksschädlinge" dokumentiert. Wichtig ist, dass die Propagierung der "Euthanasie" nicht erst 1933 einsetzte, sondern langjährige tiefe Wurzeln im so genannten Sozialdarwinismus hatte. Das auf der Tafel zitierte Buch der Autoren Binding und Hoche: "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" erschien bereits im Jahr 1920. Die Autoren waren ein renommierter Jurist und ein bekannter Psychiater.

Das Zitat steht im Kontrast mit dem Foto aus dem Kalmenhof. Durch diese Kontrastierung soll der Inhalt des Zitats in Frage gestellt werden.

Auf der Tafel ist weiter das Propagandaplakat "Hier trägst Du mit" in verkleinerter Form zu sehen. Auf diesem Plakat, das für die Zwangssterilisierung warb, werden die Kosten für so genannte Erbkranke dargestellt. Im Hintergrund ist ein Schloss zu sehen, in dem - angeblich - die behinderten Menschen wohnten. Der typisch "nordisch" dargestellte deutsche Mann trägt auf seinem Rücken links einen so genannten "Asozialen" und rechts einen affenähnlich dargestellten behinderten Menschen.



Die Opfer
Wandtafel: I. Stock

Die nationalsozialistischen "Euthanasie"-Verbrechen hatten einen Vorläufer in der Zwangssterilisierung. Rechtsgrundlage war das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14.07.1933. Das Gesetz greift einen Gesetzesentwurf aus dem preußischen Landtag in Weimarer Zeit auf. Durch die nationalsozialistische Reichsregierung wurde in dieses Gesetz nur eine Regelung zur Anwendung von unmittelbarem Zwang für die Durchsetzung der Sterilisierung eingeführt.

Im Deutschen Reich wurden in den Jahren 1933-1945 ca. 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Ca. 200 Jugendliche und Erwachsene aus dem Kalmenhof wurden Opfer der Zwangssterilisierung.

Auf der Tafel "Die Opfer" werden auch die Todeszahlen im Kalmenhof dokumentiert. Auf dieser Tafel wird von über 750 nachweisbaren Toten ausgegangen. Die Quellenlage zur genauen Zahl der Toten gestaltet sich schwierig. Folgende Angaben über Todesfälle liegen nach unterschiedlichen Quellen vor:

Nach den Angaben des Standesamtes 719 Tote,
nach den Prozessakten der Kalmenhof-Prozesse 358 Tote,
nach dem Hausbuch 292 Tote,
nach dem katholischen Register 201 Tote,
nach dem evangelischen Register 122 Tote,
nach der evangelischen Chronik ca. 690 Tote,
nach den Angaben des Totengräbers 556 Tote.

Die unterschiedlichen Quellen müssen teilweise ergänzt und addiert werden, weil der Totengräber z. B. nur die Toten auf dem Gräberfeld im Kalmenhof gezählt hat und das katholische und evangelische Sterberegister nur die Toten beinhaltet, die kirchlich in Idstein auf dem Friedhof beerdigt wurden. Deshalb kann generell von einer Zahl von mehr als 750 Toten ausgegangen werden.



Anneliese H.
Wandtafel: I. Stock

An einem Fallbeispiel, Anneliese H., wird anhand des Intelligenzprüfungsbogens und der Erbtafel der Antrag zur Zwangssterilisierung beim Erbgesundheitsgericht deutlich gemacht. Durch so genannte Erbtafeln, die bei allen Gesundheitsämtern geführt wurden, sollte die "Ehetauglichkeit" oder bei Menschen mit Behinderung die Erblichkeit der Behinderung nachgewiesen werden.



Emil W.
Wandtafel: I. Stock

Der Kalmenhof war in die "Euthanasie"-Verbrechen in dreifacher Weise verwickelt:
  • Er war Zwischenanstalt für die Gasmordanstalt Hadamar im Jahr 1941.
  • Er war 1941-1945 durchgehend Kinderfachabteilung und so am Mord von Neugeborenen, Kindern mit Behinderung und Kleinkindern beteiligt.
  • Er war in der 2. Phase der "Euthanasie" ab 1942 eine Einrichtung, in der Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene durch Medikamente und Spritzen im Krankenbett ermordet wurden.

Anhand von Aktenauszügen aus den Jahren 1943-1944 wird der Tod von Emil W. in der so genannten 2. Phase der "Euthanasie" dokumentiert. Die Dokumentation im Einzelfall soll die statistischen Zahlen auf der Tafel "Die Opfer" lebendig erläutern.



Die Täter
Wandtafel: I. Stock

Auf dieser Tafel werden der Lebensweg im Nationalsozialismus und die Strafverfolgung der Täter Dr. Hermann Wesse, Änne Wrona, Dr. Mathilde Weber, Wilhelm Großmann, Landesrat Bernotat, Dr. Bodo Gorgaß, Maria Müller und Frieda Windmüller dargestellt. Im Unterschied zum Hadamar-Prozess aus dem Jahr 1947 und zum Eichberg-Prozess wurden beim Kalmenhof-Prozess über zwei Revisionsinstanzen die Strafen der Haupttäter erheblich reduziert. In den 50er Jahren erfolgte überwiegend Strafaussetzung auf Bewährung.



Die Transporte
Wandtafel: I. Stock

Die Tafel "Transporte" verweist auf die Funktion des Kalmenhofs als so genannte Zwischenanstalt für die Gasmordanstalt Hadamar (Januar bis August 1941). Im Kalmenhof wurden aus hessischen und außerhessischen Anstalten Menschen mit Behinderung aufgenommen, die nur einige Tage dort verblieben und dann in die Gasmordanstalt Hadamar weiterverlegt wurden. Neben den "Transporten" nach Hadamar spielen noch die "Transporte" nach Weilmünster und Scheuern eine größere Rolle. Auch die Anstalt Scheuern war eine Zwischenanstalt für Hadamar. Auch von Scheuern aus wurden Menschen, die vorübergehend in Idstein untergebracht waren, anschließend nach Hadamar verlegt. Die Anstalt Weilmünster war sowohl Zwischenanstalt wie auch eine "Hungeranstalt" während der "Euthanasie"-Morde. Auch wenn es in Weilmünster nie zu einem Prozess gekommen ist, so geht doch die historische Forschung derzeit davon aus, dass auch die Anstalt Weilmünster mit in den Kranken- und Behindertenmord verwickelt war.



Der Alltag - Mord in der Anstalt
Wandtafel: I. Stock

Auf dieser Tafel sind Kinderbriefe und pädagogische Initiativen der Mitarbeiter den Prozess- und Zeugenaussagen über den Behindertenmord gegenübergestellt. Während auf der einen Seite Ärzte und Krankenschwestern mordeten, bemühten sich auf der anderen Seite Mitarbeiter, wenigstens Fragmente der Heilerziehungsarbeit auch im Nationalsozialismus zu erhalten.



Zu den:
Opfersäulen
Freifläche: I. Stock

Auf den Opfersäulen sind die bekannten Namen der Opfer im Kalmenhof in anonymisierter Form dokumentiert.



Ausstellungsort:

Vitos Kalmenhof
Foyer des Verwaltungsgebäudes
Veitenmühlweg 10
65510 Idstein

Besichtigung der Ausstellung durch Gruppen:

nach Vereinbarung

Telefon:

0 61 26 / 2 30