"Ich bin ein Kämpfer!"

Lam Quang Tran arbeitet in einem Altenpflegeheim - mit Hilfe des Budgets für Arbeit. Diese Leistung ist neu: Erst seit Januar profitieren davon behinderte Menschen und ihre Arbeitgeber.

 

FRANKFURT. Wenn Lam Quang Tran an der kleinen schwarzen Plastikkurbel dreht, richten sich viele Augenpaare höchst gespannt auf ihn. Er holt die herauskullernden Kugeln aus der Trommelröhre und liest die Zahlen laut und deutlich vor. Er wiederholt, bis alle verstanden und verglichen haben, macht Scherze, steigert die Spannung. Vor den Teilnehmern liegen Zettel mit verschiedenen Zahlenkombinationen, groß gedruckt. "Bingo!", ruft bald eine aufgeregte Stimme, die Zahlen passen. Die Stimmung ist fast so erwartungsfroh und ausgelassen wie bei der Ziehung der Lottozahlen. Dabei winkt als Gewinn beim wöchentlichen Bingo-Spiel im Altenpflegeheim "Versorgungshaus und Wiesenhüttenstift" nur eine kleine Tüte mit Gummibärchen. Trotzdem gehört der Bingo-Nachmittag zu den Höhepunkten der Woche.

"Ich freue mich riesig, wenn ich den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann", sagt der 27 Jahre junge Mann, der eine Qualifizierung zur Betreuungskraft durchläuft. Er lächelt selbst sehr gewinnend hinter seiner modernen Brille mit schwarzem Rahmen. Kaum zu glauben, wie tragisch seine Vorgeschichte ist: Er war erst sieben Jahre alt, als ein alkoholisierter Autofahrer das Leben seiner Familie zerstört hat. Bei einem schweren Autounfall kamen die Eltern und sein Bruder ums Leben. Nur seine kleine Schwester überlebte, die heute in Darmstadt studiert und mit der ihn eine innige Beziehung verbindet.

Er selbst lag mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma dreieinhalb Monate lang im Koma. "Ich musste mich zurück ins Leben kämpfen, konnte eigentlich gar nichts mehr und habe alle Therapien gemacht, die es gab", erzählt er mit schmerzhaft verzerrten Gesichtszügen. "Wenn man die Fähigkeiten eines Neugeborenen auf einer Skala bei Null einordnen würde, so hatte ich damals minus 20.

Aber ich bin ein Kämpfer!" Das Schädel-Hirn-Trauma hatte ihn all der Fähigkeiten beraubt, die ein Siebenjähriger längst beherrscht: Sprechen, Laufen, Fahrradfahren, das alles schien plötzlich unmöglich.

20 Jahre später geht er durch die Gänge des Altenpflegeheims im Stadtteil Preungesheim und grüßt freundlich jede Bewohnerin, die ihm begegnet, spricht sie mit Namen an, obwohl es ihm immer noch sehr schwer fällt, sich Namen zu merken. Dass er das rechte Bein hinterherzieht, merkt man unter der weiten Hose erst auf den zweiten Blick. Auch die Bingo-Trommel mit den Zahlen dreht er mit links und stützt sie unauffällig rechts ab. Seinen Alltag managt er trotz der zurückgebliebenen Lähmung der gesamten rechten Körperseite im Alleingang. "Ich wohne in einer eigenen Wohnung und fahre vorsichtig Auto, denn ich weiß, was passieren kann", erzählt er selbstbewusst.

Das war nicht immer so. Nach dem Unfall kümmerte sich zunächst seine Tante aus Kalifornien um ihn und die kleine Schwester. Immer wieder mischen sich englischsprachige Ausdrücke in seine Erzählung. Er konnte mit einiger Verspätung und Unterstützung seinen Realschulabschluss an der Edith-Stein-Schule in Hochheim machen. Damals wollte er gern Rap-Sänger werden oder Basketballspieler in der NBA, der amerikanischen Profiliga. "Das hat mit meinen Handicaps natürlich nicht mehr hingehauen", bedauert er. Dennoch liebt er Musik, vor allem Hip-Hop und schwarzen Soul. Basketball spielt er auch einhändig und trainiert in seiner Freizeit als "Kids-Coach" junge Spieler. "Sport und Musik lenken mich ab", sagt er. Und Ablenkung tut gut, auch wenn er sich mit seinem schweren Schicksal abgefunden hat. "Ich muss damit leben und komme damit klar." Gelegentlich entfährt ihm trotzdem ein Schimpfwort, wenn er von dem Unfall spricht.

"Hallo, Frau Corno!" Er setzt sich zu der 81-Jährigen, die an Parkinson erkrankt ist und eine große Leidenschaft für Jazzmusik hat. Lam Quang Tran lobt ihre schicke Bluse und scherzt mit ihr, bevor er weitergeht, um mit Ursula Oberding einen kleinen Spaziergang im Rollstuhl auf dem Platz vor dem Haus unter den Zierkirschen zu machen. Freitags finden sich hier die Händler zu einem großen Wochenmarkt ein, da ist viel los und die Begleitung des jungen Mannes von allen sehr gefragt, die allein nicht mehr so mobil sind. "Er ist wirklich sehr nett", sagt die 78-Jährige.

Nach der erfolgreichen Qualifizierung zur Betreuungskraft in der Altenpflege will er hier gern bleiben und arbeiten. Er musste allerdings einige steinige Umwege in Kauf nehmen, bis er im Wiesenhüttenstift die Arbeit gefunden hat, die ihm gefällt, die ihn ausfüllt und die er ausfüllen kann. Tran kam im November 2015 im Rahmen einer Unterstützten Beschäftigung im Auftrag der Agentur für Arbeit ins Büro der Schottener Sozialen Dienste. Um ihn intensiver begleiten zu können, folgte der Wechsel in den Berufsbildungsbereich. Dazu gehörten auch Praktika im Bereich der Alltagsbegleitung in zwei Betrieben. "Ich will so leben, als wäre ich nicht behindert." So akzeptiert zu werden "wie ein normaler Kerl", das ist ihm das Wichtigste im Leben.

Doch auf dem normalen Arbeitsmarkt hat es trotz vieler Bewerbungen nicht geklappt. Im August 2017 hat Lam Quang Tran zunächst mit einem Praktikum im Wiesenhüttenstift begonnen. Es begann eine intensive Phase der Qualifizierung, Beratung und Begleitung, bevor er im Januar einen regulären Arbeitsvertrag bekam. Sein Ziel ist jetzt, die mehrmonatige Qualifizierung als Betreuungskraft in der Altenpflege zu absolvieren. Sie wurde für ihn maßgeschneidert: Drei Tage bei einem freien Bildungsträger in Hanau, an zwei Tagen ist er der Sonnenschein für die rund 150 Menschen im Wiesenhüttenstift.

 

ALLTAGSBEGLEITUNG UND SPIELE

"Engel" oder "Schatz" nennen sie ihn manchmal. Er besucht sie in den Zimmern, begleitet sie zum Arzt, zu Einkäufen oder auf Spaziergänge, spielt Mensch-ärger-dich-nicht oder Rummikub und hat den Bingo-Nachmittag eingeführt. "Das war seine eigene Idee", lobt Claudia Dettenrieder, die stellvertretende Sozialdienstleiterin der Einrichtung. Ende Juli wird er mit der Qualifizierung voraussichtlich fertig sein und dann als Betreuungsfachkraft seine Arbeit mit 25 Stunden pro Woche aufnehmen. Neben dem Geld, das der Arbeitgeber aus dem "Budget"-Topf erhält, sieht das Gesetz bei Bedarf auch einen Job Coach und die Begleitung durch den Integrationsfachdienst (IFD) vor. Anne-Sophie Stock vom IFD der Schottener Sozialen Dienste steht Tran und seiner Vorgesetzten Claudia Dettenrieder weiterhin zum Austausch und zur Beratung zur Verfügung.

"Ich verstehe mich mit meiner Chefin und dem Pflegepersonal prima und möchte mich gern so selbstständig wie möglich bewegen", sagt Lam Quang Tran, dessen Eltern einst aus Vietnam nach Deutschland gekommen sind. "Es hat sich schnell herausgestellt, dass es mit ihm auf ein festes Arbeitsverhältnis hinauslaufen wird", sagt Claudia Dettenrieder. Denn alle seien mit seiner Arbeit sehr zufrieden.

"Wenn sich das bewährt, steht dem Modell nichts im Wege", sagt die Sozialdienstleiterin nach den ersten Monaten Erfahrung mit dem Budget für Arbeit. Für Tran bedeutet die Arbeit mit den alten Menschen sehr viel. Und er betont, wie wichtig es für sein Selbstbewusstsein ist, einen "ganz normalen" Job zu haben: "Ich fühle mich hier so wohl, das ist mein zweites Zuhause." Wer das über seinen Arbeitsplatz sagen kann, hat es wohl tatsächlich sehr gut getroffen.

 

Martina Propson-Hauck

 

HINTERGRUND

MEHR ARBEITSPLÄTZE FÜR BEHINDERTE MENSCHEN

 

Seit dem 1. Januar 2018 ermöglicht das Bundesteilhabegesetz Männern und Frauen, die einen Anspruch auf Beschäftigung in einer Werkstatt für behinderte Menschen haben, ein Budget für Arbeit zu beantragen. Das Budget ist eine Leistung der Eingliederungshilfe und kombiniert finanzielle Unterstützung von Arbeitgebern (in Form eines Lohnkostenzuschusses) mit Betreuung und Unterstützung am Arbeitsplatz. Derzeit erhalten 17 Menschen aus Hessen ein Budget für Arbeit.

Voraussetzung ist ein Vertrag über ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis mit einem privaten oder öffentlichen Arbeitgeber. Der/die Beschäftigte muss nach Tarif oder ortsüblich bezahlt werden. Der LWV gewährt einen Lohnkostenzuschuss in Höhe von 75 Prozent des Bruttogehalts, höchstens 1.218 Euro. Ziel ist es, behinderten Menschen eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Neben dem Budget für Arbeit können begleitende Hilfen am Arbeitsplatz gewährt werden.

Propson-Hauck/ebo